"Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

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Cecily
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"Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Cecily »

Ich hab mal wieder eine Frage...

Schön vor einigen Jahren hat sich bei uns aus einem Witz heraus die Vorstellung eingebürgert, dass, wenn die Kinder einen Wutanfall haben, aus dem sie auch mit Hilfe keinen Ausweg finden, von uns kommt: oh je, wir sehen schon, dass Ixam (Olf) zu Besuch ist. Der arme Maxi (Flo) sitzt jetzt auf dem Speicher und friert"

Das wird dann je nachdem weiter ausgeschmückt und entweder das Kind muss irgendwann lachen oder - wie heute-geht kurz hoch und kommt gutgelaunt wieder um zu verkünden, dass es endlich wieder aus dem Kamin konnte und Humger/Durst hat, kuscheln will etc.

In ernsten Situationen, zB, wenn der eine dem anderen wehtut oder einer richtig Scheisse gebaut hat, wird das von niemandem benutzt als "Ausrede".

Typische Fälle sind wie heute der riesige Wutanfall, weil jemand nach einem kleineren Kommunionsgeschenk gefragt hat und ich darauf hingewiesen habe, dass damit nicht das 100 Euro Legoset gemeint war.

Eine riesige Reinsteigerei endend mit dann isst er kein Abendbrot, das Essen wäre uns ja bestimmt auch zu teuer usw :roll:

Wir haben es beide mit Erklärung versucht, beschwichtigen, ich bin dann weggegangen, weil ich die Krise gekriegt habe.

Dann kam die Ixam Idee, Maxi ging kurz raus und kam dann beruhigt wieder.

Mir kommt es so vor als könnten sie so ihr Gesicht wahren.

Ist das eine gute oder schlechte Idee?
Pirouge
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Pirouge »

Spannend! Ich fände es auf jeden Fall wichtig, den Doppelgänger nicht als "böse" zu bezeichnen, weil Wut ja nicht "böse" ist.
Als ich anfing zu lesen, kamen die Bedenken, dass die Kinder Wut dann wie abspalten (Das bin nicht ich) und das dann sowas von "Ich darf so nicht sein" bekommt. Also ein Schattenthema wird.
Das hängt aber bestimmt davon ab, wie ihr das kommuniziert, vielleicht passiert das ja gerade bei so einem offenen, augenzwinkernden Kommunizieren nicht.

Du hast von Erklären und Beschwichrigen geschrieben. Hast du es mal mit aktivem Zuhören (Gordon, wird auch im Wunschkindblog beschrieben) versucht? ("Du wünschst dir das Legoset SO sehr! Fühlst dich machtlos, weil du es gerade nicht bekommen kannst?)
Ich habe oft die Geduld nicht dafür, willl abkürzen, aber eigentlich tut es richtig gut, da einmal ordentlich durchzutauchen durch die Wut.

(Hier konnte der noch-7-jährige übrigens letztes Jahr einen Tag nicht zur Schule gehen, weil er so aufgebracht und verzweifelt war, dass der Weihnachtsmann vielleicht einen anderen Legozug als den Gewünschten bringen könnte. In dem Zustand konnte ich ihn nicht abgeben...)
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Cecily
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Cecily »

Gelesen hab ich das Buch nicht, ich kenn das aber aus den Threads hier.

Mit Maxi hat das nie geklappt, der hat sich dadurch verarscht gefühlt. Mit Flo geht das besser, da brauchen wir Olf auch deutlich weniger, eher aus Solidarität zu Ixam.

Flo legt großen Wert darauf, seinem Bruder den Rücken zu stärken und hat eben fast mitgewint und immer "ich liebe dich Maxi" gerufen.

Meine Bedenken sind halt auch so eine Art Abspaltung.

Wobei ich das Wort "böse" nur hier verwende.

Es fühlt sich für ihn eher als Ausweg an für seine Wut. Er ist klug genug und auch reflektiert genug Argumente zu verstehen und ärgert sich, dass er das emotional nicht umgesetzt bekommt. Aus dieser Zwickmühle ist es schwierig für ihn auszukommen.

Und für uns eine Möglichkeit zu einem Ende zu kommen.
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GemeineEsche
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von GemeineEsche »

Ich würde mal sagen es gibt auch viele andere Umgangsformen mit "schwierigen Themen" oder "unerwünschtem Verhalten" die auch nicht "besser" sind und theoretisch nach hinten losgehen könnten.
Meiner Meinung nach, allein die Tatsache, dass du dir so genaue Gedanken machst und die Kinder genau beobachtest, würde sicher verhindern, dass das ernsthafte negative Konsequenzen nach sich trägt.

Könnte nicht fast jeder so etwas in der Art von früher erzählen wo die Eltern irgendwelche komischen Geschichten oder Erklärungen zu den Dingen hatten?
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Sabina
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Sabina »

Ich finde das hängt etwas vom Alter deiner Kinder ab. Zu meiner Jüngsten sage ich durchaus mal ‚oh, wo ist denn jetzt meine kleine L. hin und hat wieso sitzt da plötzlich ein Wutzwerg?‘ Das lockert die Stimmung und natürlich setze ich das nicht ständig ein. Die Befürchtung, dass da dann eine Abspaltung passiert habe ich bei uns überhaupt nicht (meine gelegentlichen Ausbrüche von wegen ‚SO mag ich Kinder nicht!‘ sind da vermutlich schlimmer…🙈). Aber würde mich meinem Grosse so kommen würde er sich wohl sehr verarscht vorkommen…

Deshalb: wie alt sind Maxi und Flo denn?
Signaturen sind halt doch praktisch für die Mitleser:innen…

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Larala
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Larala »

Wenn ich dich richtig verstehe, macht ihr das schon länger so, und sowohl für euch Eltern als auch für Maxi funktioniert das gut. Woher kommen denn deine Zweifel, dass es eine schlechte Idee sein könnte?
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Cecily
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Cecily »

Die Kinder sind 5 und 9,wobei natürlich beiden klar ist, dass das nicht geht.

Insbesondere für den größeren ist das eine Lösung, bei dem Kleinen gehen die gängigen Erziehungstipps.

Was zB auch geht in einer ätzenden Situation (heute mal wieder weil ich zocken erst abends erlaubt habe - positiv formuliert ala "natürlich dürft ihr spielen, ich sag euch heute abend bescheid", beim Zwerg super geklappt, beim Großen nicht) geht ist "die Zeit zurückdrehen", wir gehen also zurück auf vor dem Streit.

"abspalten" ist sehr dramatisch formuliert. Natürlich erwarte ich keine Persönlichkeitsspaltung oder auch nur minimalst annähernd.

Eher: die Situation wird in meinen Augen beendet, aber nicht geklärt. Auf der anderen Seite : was gibt es in solchen Situationen schon zu klären?
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Larala
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Larala »

Ich glaube, dass man in einer akuten Konfliktsituation den Konflikt sowieso nicht lösen kann. Wenn es tatsächlich was zu klären gibt, kann man besser in einem ruhigen Moment nochmal darauf zurückkommen. Ich finde das mit dem Doppelgänger oder Zeit zurückdrehen coole Ideen, und wenn es klappt, würde ich es beibehalten.
mit der Ritterin vom "Ni" 5/17
Cecily
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von Cecily »

Danke eu8!

Ich glaube, ihr konntet auslesen, dass ich gern eine Zerstreuung meiner Bedenken hätte...

Manchmal weiß ich nicht wie abgedreht noch okay ist (wobei ich u so ja 100 pro normal finde, wird allerdings von anderen anders beurteilt, tlw wohlwollend tlw befremdet...)
cicelyalaska
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Re: "Böser Doppelgänger" - gute oder schlechte Idee?

Beitrag von cicelyalaska »

Wir haben hier etwas ganz ähnliches, ist bei uns auch mal aus einem Spaß heraus entstanden und hat sich gehalten: hier ist es der "Schweinehund", der rauskommt und herumwütet oder jemanden im Affekt beißt oder so. Das funktioniert genau wie bei euch ziemlich gut, um den Wutanfall zu durchbrechen, wir überlegen dann, wie wir den Schweinehund in den Griff kriegen und werfen ihn z.B. theatralisch in den Müll und knallen den Deckel zu (also einen imaginären Schweinehund natürlich), oder wir hüpfen ihn raus aus dem Kind o.ä. (das wäre dann wildes Hüpfen auf dem Sofa aka körperlich abreagieren).

Ich wollte auch schonmal hier nachfragen, ob sich das nicht irgendwie in eine ungute Richtung entwickelt, nämlich genau so wie Pirouge schreibt: "so" darf ich nicht sein, das ist dann der Schweinehund und der gehört "bekämpft". Alles immer mit einem Augenzwinkern, aber unser Kind ist noch ziemlich klein (3,5) und ich hab schon manchmal ein bisschen die Sorge, dass sich bei ihm die Überzeugung bildet, dass jedes Verhalten, das bei uns Eltern unerwünscht ist, einem externen "Bösewicht" (das Wort "böse" fällt nicht gegenüber dem Kind!) zuzuschreiben ist. :?
Wir reden aber häufig darüber, dass jeder Mensch mit einem Schweinehund lebt und dass es nicht schlimm ist, wenn der manchmal rumtobt, und ich verwende es auch als Sinnbild, um mich ihm zu erklären, wenn ich selbst einen Schweinehund-Moment hatte ("Mist, da ist gerade mein Schweinehund rausgekommen und hat dich so doof angeschrien, es tut mir leid mein Schatz, das hätte nicht passieren dürfen!")

Zeit zurückdrehen find ich eine richtig gute Idee, das könnte gut funktionieren für uns, das probier ich mal :)
Liebe Grüße!
cicely mit dem kleinen Nüffelo 08/2019 und Baby-Schwester 06/2022
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