Kulturelle Unterschiede beim Stillen

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Berlinmuddi
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Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von Berlinmuddi »

Huhu,
ähnlich wie der Thread "Eine historische Sicht aufs Stillen" soll dieser hier kulturelle Unterschiede aufzeigen.

Wir sind gerade von einem zweimonatigen Baliaufenthalt zurückgekommen und ich habe dort mit vielen jungen Müttern gesprochen - und war sehr überrascht! Ich hatte erwartet, dass Stillen etwas selbstverständliches ist, und alle lange lange ohne Zufüttern auskommen. Die gute Nachricht: Fast alle Mütter stillen. Doch alle haben schon nach drei, vier Monaten zugefüttert (Baby im Liegen, Zungenstoßreflex noch vorhanden :cry: ). Das hat mehrere Gründe: Zum einen arbeiten viele Mütter kurz nach der Geburt wieder. Die Babies werden also familiär fremdbetreut und deshalb wird künstliche Säuglingsnahrung verfüttert. Zweitens hat mir eine sehr reflektierte Balinesin erklärt, die Einheimischen denken, dass in der westlichen Welt nicht gestillt wird. Das Bild der weißen Flaschenmutti hat sich in den Köpfen festgesetzt, stillen gilt daher als rückständig und man möchte doch so gern modern und westlich sein. Das ganze wird unterstützt durch haufenweise Werbung für Folgemilch (auch für größere Kinder, die Fernsehwerbung war voll davon, ich war wirklich geschockt!) und durch regaleweise Milchpulver im Supermarkt. So hatte ich mir das dann doch nicht vorgestellt... Ich habe also überall freimütig erklärt, dass mein Sohn (7-9 Monate) noch so gut wie vollgestillt wird und hoffe, damit wenigstens einige Mütter erreicht zu haben.

Also, was habt ihr für Erfahrungen gemacht? Ich bin gespannt!
Liebe Grüße aus Berlin von Julia und ihrem Maikäferlein (05/2012)
Glucke85
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von Glucke85 »

Hallo!
Leider ist es in vielen Schwellenländern so, dass das westliche Vorbild des kurzgestillten Säuglings als Vorbild genommen wird. Während hier teilweise eine Rückbesinnung auf die Natur stattfindet, "eifern" diese Länder unseren Fehlern hinterher. So erschließen sich die Konzerne neue Absatzmärkte. Unsere romantische Vorstellung von der naturbezogenen Frau in Lateinamerika oder Asien wird dadurch natürlich erschüttert.
Alles Liebe von C. mit dem kleinen Bären (02/11), der kleinen Möhre (06/13), dem wilden Chaoszwerg (5/21) und der Winterüberraschung (02/24)
vetmedmama
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von vetmedmama »

das ist so traurig :(
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LottesMama
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von LottesMama »

Ich habe letztens einen Bericht gelesen, dass es in Afrika eine Art Statussymbol ist, wenn es sich Mütter leisten können, Milchnahrung zu kaufen. Leider steht dann häufig kein sauberes Wasser zu Verfügung, was dazu führt, dass die Babys reihenweise Durchfälle und Erbrechen haben, dadurch austrocknen und sterben. :(

Und alles nur, weil der "reiche Westen" als Vorbild dient und Flaschenmilch als Fortschrittlich gilt. :|

Liebe Grüße,
Rike
Große Schwester, 22.07.12

Kleiner Bruder, 12.10.14
Lösche Benutzer 8492

Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 8492 »

Wir waren mit unserem 9 monatigen Flaschenbaby in der Tuerkei. In einem riesigen Supermarkt (europaeische Kette, dort haben sie mindestens 45 Kassen) gab es 3 verschiedene Pulver zur Auswahl, 2 europaeische, ein tuerkisches, unseres nicht - wir waren aber vorgewarnt und haben welches mitgenommen. Die Glaeschenauswahl war auch wesentlich geringer. In den kleinen Laeden in unserer Naehe gab es wenn ueberhaupt nur eine Sorte.
Mein Mann musste sich immer wieder ewig lang dafuer entschuldigen, dass der Kleine nicht gestillt wurde - ich bin fast verblutet bei der Geburt, das hat uns den Stillstart versaut :( :( . Sogar mein Schwiegervater hat da nachgefragt.
Eine Stillmama hatte ich im Bus sitzen :mrgreen: , die hatte zwar ein Tuch ueber Baby und sich, hat aber einfach so gestillt.
Ziemlich stillfreundlich also :mrgreen: , mal gucken wie es wird wenn wir in ein paar Wochen mit unserem Stillbaby hinfliegen...

Die Familie hier raet uebrigens oefter mal zur Flasche, meine Schwaegerin hat wohl 8 Monate gestillt und wollte dann nicht mehr, die anderen nicht so lange. Meine beiden hatten zu den U-Untersuchungen ziemlich aehnliche Werte was Gewicht und Groesse angeht - beim Grossen hiess es immer dass er duenn ist und so, die Kleine ist natuerlich schon moppelig, da sie gestillt wird :mrgreen: .
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mayra
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von mayra »

Das geht viel schlimmer. Hatte mal einen Artikel gelesen über Indonesien, aber ich denke, das kann man leider fast schon "pauschalisieren". Dort wurde erläutert, dass zb. Hebammen von Babynahrungsherstellern Prämien bekommen pro verkaufter Packung Ersatzmilch, bis hin zu Auslandsreisen. Eben, auch, dass viel Werbung läuft, und vieles mehr... hab den Artikel noch irgendwo. Der war echt interessant. Von einer "konvertierten" Hebamme, die jetzt Stillpropaganda macht und einer Mutter, die unbedingt stillen wollte und es auch "geschafft" hat. Musste ihr Kind auf dem Kinderzimmer im KH "bewachen", damit es keinen Schnuller oder Flasche bekam.

Wenn jemand Interesse hat und mir sagt, wo ich den hochladen kann, könnte ich den ja mal verlinken... ;-)

Ach, wegen dem Wasser: ja, das mit dem verunreinigten Wasser stimmt. Und teilweise wird ja sogar weniger Pulver als empfohlen reingetan, weil sie einfach das Geld nicht haben, um die richtige Dosierung einzuhalten. :cry:
mayra mit Schlawiner 07/08 und Lockenkopf 07/10
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Suleikha
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von Suleikha »

Aaalso, hier bei uns ist Stillen (noch) selbstverständlich, da traditionell verankert. Eine Frau, die was auf sich hält, stillt ihr Kind bis zu zwei Jahre. Gesetzlich geschützt ist das auch, bis zu einem Kindesalter von zwei Jahren stehen arbeitenden Frauen Stillpausen zu. Hinzu kommt, dass die meisten Familien sich auch gar kein Milchpulver leisten könnten. Nur in den großen Städten gibt's das überhaupt zu kaufen, da wird es dann von den reicheren Familien, nach "westlich fortschrittlichem Vorbild" genutzt :(
Eigentlich schön, allerdings wird hier auch eher nach der Uhr als nach Bedarf gestillt (Erbe der Sowjetzeit, Säuglinge müssen Disziplin lernen, werden auch gern mal in der Wiege festgebunden usw...) Zufüttern mit Kuh- oder Ziegenmilch gibt es sicherlich auch (weiß ich aber nicht so genau).
Und, etwas seltsam: um den zweiten Geburtstag wird dann auch Knall auf Fall abgestillt, von einem Tag auf den anderen. Ein verstörtes Kind und fette Milchstaus/Brustentzündungen "gehören eben dazu, da muss man durch".
LG, Suleikha
LG, Suleikha

mit dem zerstreuten Professor (09/12), der Erbsenzählerin (02/15) und dem Frechdachs (10/19).
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Berlinmuddi
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Re: Kulturelle Unterschiede beim Stillen

Beitrag von Berlinmuddi »

Es ist so traurig, wie das stillen in vielen teilen der welt verdrängt wird. Aber an gesundheitlicher aufklärung verdient niemand. In bali sah man es deutlich an den zähnen: die erwachsenen hattenblütenweiße zähne, bei vielen kids waren schon die milchzähne schwarz und verfault. Hallo limonaden, süßigkeiten, kekse, und keiner erklärt ihnen, dass das die die zähne kaputt macht!
(Wir waren tauchen und unser sohn wurde von einheimischen fremdbetreut. Als wir wiederkamen, war sein body ganz verschmiert. Erklärung: chocolate cookies. Ich bin fast umgefallen!!)


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Liebe Grüße aus Berlin von Julia und ihrem Maikäferlein (05/2012)
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