Liebe Daria,
ich habe deine Frage oben gelesen und kann es nachvollziehen warum du nun so verzweifelt bist. Erst klappt alles so schön und dann kommt was dazwischen und alle gute Arbeit ist hin. Dennoch kann ich Theo auch verstehen. Für ihn ist das eine Riesenumstellung. Plötzlich ist da jmd. da, mit dem er die Mama teilen muss. Er wurde ja vorher auch nicht gefragt.
Ich höre auch oft von Müttern, die diese Probleme haben (nicht gerade was das windelfrei betrifft, aber die sogenannte Trotzphase). Du bist also nicht alleine. Trotzdem wunder ich mich warum so viele Mütter auf die Idee kommen mehr Zeit mit dem zweiten Kind zu verbringen als mit dem Ersten. Ich meine, zweite Kinder im Babyalter brauchen nicht Mamas Aufmerksamkeit, nur ihre Nähe. Und die Nähe kann man sehr wohl schaffen, in dem man das Kind trägt, in dem man beim Kind ist. Und während man es trägt, kann man sich sehr gut um das andere Kind kümmern. Außerdem hilft das auch, die Zeichen beim Kind besser zu sehen, wenn es nah bei einem ist. Mütter brauchen ihre zweiten Kinder nicht zu bespassen, und wenn das wegfällt, haben die ersten Kinder keinen wirklichen Grund zu bocken. Außer natürlich, dass in dem Alter, die meisten Mütter mit der Erziehung anfangen.
Also wenn das nicht am tragen liegt oder bespassen, dann kann das vielleicht sogar die Erziehung sein. Vorher wurde auf das Kind eingegangen, seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllt und dann plötzlich nicht mehr, da wird mehr erwartet, mehr verboten was auch immer. Und wenn ein Kind damit konfrontiert wird, dann kann es schon dagegen ankämpfen. Und er hat seine Möglichkeit gefunden, in dem er wieder in die Hose macht. Das seine Art zu kommunizieren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Was genau das ist, liegt an dir, das rauszufinden, ich kann dir nur Anhaltspunkte geben. Es ist immer wichtiger die Ursachen zu bekämpfen statt die Symptome. Ich würde an deiner Stelle überhaupt nicht auf seine „Unfälle“ eingehen, nur saubermachen, vielleicht möchtest du ihn einbeziehen, wenn er will. Aber bitte nicht sagen, dass du traurig bist, damit kann man ein Kind nur unnötig unter Druck versetzen. Es ist nun mal eine normale Situation. Nichts außergewöhnliches, auch wenn er dass vorher anders gemacht hat. Solche Dinge passieren eben. Und so sollte es rüberkommen.
Zu seinem Trotz. Wenn Kinder trotzen, dann liegt das daran, dass es Menschen gibt, die über sie entscheiden wollen. Menschen, die nicht verstehen, dass auch Kinder Menschen sind und dass auch diese Menschen das Recht haben über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Und wenn man es vergisst, dann wird man bockig, weil man selber nicht weiter weiß. Warst du mit deinem Mann nie in so einer Situation? Hat er nie bestimmt ohne dich einzubeziehen? Wenn nicht, dann stell dir mal vor wie du dich fühlen würdest. Du kannst deinem Sohn allerdings bestimmte Dinge zeigen, vorleben aber nichts von ihm erwarten. Genauso werden Kinder auch oft Nein sagen (oder Kopfschütteln), weil die Mama das Wort vielleicht zu oft benutzt. Es gibt immer Möglichkeiten ja zu sagen und dem Kind die Welt zu zeigen, weil es nun mal wissbegierig ist. Aber das ist n anderes Thema. Allerdings denke ich, wenn sich das legt, dann wird er wieder „normal“ werden.
Du schriebst, dein Kind grinst, wenn er weiß, dass er verbotene Dinge macht. OK, er weiß es, er ist nicht dumm, aber das Grinsen ist kein Zeichen von Hohn oder Böswilligkeit sondern ein Friedensangebot. Er möchte, dass du lieb zu ihm bist und nicht schimpfst, wenn er gerade „lernt“, wenn er was untersucht, nämlich Deine Welt!!!! Er möchte ein Teil deiner Welt sein. Immerhin gehst du daran, warum also nicht er? Warum zeigst du ihm nicht, was er mit den Pflanzen machen kann?
Du schriebst:
Vielleicht sollte ich es nicht "Absprachen" nennen sondern "Regeln des täglichen Lebens". Natürlich kann ein 2jähriges Kind wissen, was erlaubt und was verboten ist. Wir haben hier eine weitestgehende Ja-Umgebung. Dennoch gibt es ein paar Sachen, die einfach verboten sind. Dazu gehört z.B. nicht in die Steckdose fassen, nach dem Reinkommen Schuhe ausziehen, beim Stillen halbwegs ruhig sitzen weil es mir sonst wehtut, der Katze nicht am Schwanz ziehen und nicht ihr essen wegnehmen, nicht an den Herd gehen wenn ich vorher sage, dass heiße Töpfe draufstehen - und auch den Blumen keine Blätter abrupfen. Viel mehr Verbote gibt es hier nicht.
Steckdosen können gesichert werden, dann braucht man sich darum auch nicht zu kümmern. Das Schuhe ausziehen ist etwas, dass er von alleine machen wird, wenn du ihm das vormachst. Du warst diejenige, die diese Regel eingeführt hat, hatte er was dazu zu sagen? Oder sage ihm einfach, dass du das gerne hättest, damit der Dreck draußen bleibt und zieh ihm die Schuhe aus. Das mit dem Stillen ist DEINE Grenze, es ist nicht verkehrt diese zu zeigen. Damit zeigst du ihm, dass auch du ein vollwertiger Mensch bist mit Gefühlen und du ein Recht darauf hast diese auszusprechen. Für die Katze haben wir einen Hochsitz gebaut, wo mein Sohn nicht rankommt. Du kannst ihm allerdings auch einmal sagen, dass es wegtut, aber nicht ständig, weil er das ja weiß. Aber mit diesem Hochsitz (ein Regal oder was auch immer)umgehst du den Stress für euch beide bis er alt genug ist und weiß, wie man mit Katzen umgeht. Er beobachtet dich ja auch beim Umgang mit der Katze. Aber nur nicht meckern. Genauso kannst du ihr essen auch hochstellen. Ich habe meinem Sohn anhand einer Heizung gezeigt, was kalt, warm und heiß ist. Er hat schnell gelernt und wenn ich meine, der Ofen ist heiß, geht er gar nicht ran. Er sieht auch schon, wenn es dampft, dass es heiß ist. Manchmal geht er aber auch ran, um zu prüfen, ob er tatsächlich heiß ist. Es gibt nämlich Eltern, die in der Hinsicht lügen und die Dinge als heiß bezeichnen, damit das Kind nicht daran geht, wenn es dann tatsächlich mal heiß ist. Aber damit handelt man sich nur Misstrauen ein und ein Kind lernt, dass man lügen darf. Es sind halt nur Erfahrungswerte was das Kind sammelt und überhaupt nicht bös gemeint. Man lernt auch viel besser durch Erfahrungen als einfach verbieten. Und je früher desto besser und wenn du ihm deine Erfahrung vorab mitgeteilt hast und die sich als korrekt erwies, dann wird er dir früher oder später Glauben schenken, bevor es zu spät ist (wie bei Drogen im Teenageralter). Aber das Ganze funktioniert aber nur, wenn du offen zu allen bist und nicht voreingenommen. Wenn du deinem Kind dein Vertrauen zeigst.
Du schriebst:
Pflanzen sind hier so gut es geht außer seiner Reichweite, aber ich bin nicht bereit, meine Wohnung entweder leer zu räumen oder eine Gummizelle draus zu machen. Denn das was hier so alles passiert und auch zu Bruch geht, kann man gar nicht alles wegräumen Ist ja auch okay so, es gibt nicht übermäßig wertvolle Sachen hier in seiner Reichweite und er soll ja auch lernen, wie belastbar die Sachen sind.
Ja, Teller zerdeppern kommt oft vor, war bei uns auch so. Aber es ist wichtig dem Kind dennoch zu zeigen, dass ein Teller eben nur ein Teller ist, man sich dennoch wünscht er bleibt ganz. Mein Sohn (2.5) weiß was Glas ist und wirft nur Plastikgläser runter (sofern sie farbig sind) und kein Glas.
Du schriebst:
Und *natürlich* haben wir hier seit Lottes Geburt vermehrt ein Auge drauf, dass er nicht zu kurz kommt - weder von der ihm gewidmeten Zeit noch von der Liebe und Zuwendung, die er bekommt. Wir haben Mama-Theo Zeiten, wir haben Papa-Theo Zeiten ohne das Baby, wir haben Bücherlesen ewig lang, spielen und sonstwas. Ist ja nicht so, dass ich nicht auch wüsste, dass es für ihn schwierig ist und lange braucht, sich umzustellen.
Ich halte nichts von den vorgefertigten Zeiten. Manchmal braucht ein Mensch Nähe und Zuneigung gerade dann, wenn er sie nicht hat. Und das ist eine Kunst, dass unter einem Hut zu bringen. Ich lasse dann meistens andere Arbeiten im Stich. Nichts ist wichtiger als mein Kind. Nur wenn ich mich wirklich so fühle, dass ich nicht kann, dann sage ich es ihnen auch. Oder ich beziehe sie in die Arbeit mit ein. Manchmal gehört halt mehr dazu als mit dem Kind zu spielen oder vorzulesen. Einfach zuhören, richtig zuhören, mit ihm reden. Egal wie albern das für dich erscheint. Spielen ist nebensächlich. Leider sieht unsere heutige Gesellschaft spielen als sehr wichtig für die Entwicklung an. Aber spielen ist Distanz zu den Eltern und sie brauchen gerade diese und deren Welt zum lernen. Spielzeug kann Eltern nicht ersetzen.
Zurück zu der Pflanzensache. Indem du ihn zeigst oder sagst, dass du traurig bist, dass er die Blätter abreißt, zeigst du ihm auch, dass sein Verhalten Einfluss auf dich und deine Gefühle hat. Er wird wahrscheinlich denken, dass du ihn nur dann liebst, wenn es in deinen Augen richtig handelt. Denn mit dieser Maßnahme willst du was bezwecken und zwar, dass er nicht mehr die Pflanze anfässt. Und wenn er sie nicht mehr anfässt, bist du glücklich???? Machst du dir dein Glück vom Verhalten deines Sohnes abhängig? Damit setzt du ihn (wie schon gesagt) ganz schön unter Druck. Gefühle sind wichtig und sie zu kommunizieren noch mehr, aber NUR wenn sie die eigene Persönlichkeit betrifft.
Du schriebst:
Ich denke jedenfalls auch, dass es keine Lösung ist, dass ich nun unter anderem besonders nachsichtig bin und sozusagen "alles durchgehen lasse" - dabei käme ich mir inkonsequent vor, diese vermeintliche Freiheit ließe ihn noch mehr allein - und ich will es auch nicht, jedenfalls nicht, wenn es über meine Grenzen rausgeht wie z.B. beim Stillen. Mir tut das Gehampel in der Brustwarze weh - also muss er ruhig werden dabei. Macht er das nicht, muss er eben aufhören. Klingt hart? Ja, aber ich will mir auch nicht wehtun lassen.
„Alles durchgehen lassen“ sollst du ja nicht. Ich denke nur ne Umstellung ist wichtig, ne Umstellung von deiner Einstellung. Es leben nun mal ein paar mehr Menschen in deinem Haushalt, die ebenfalls Anrecht darauf haben, in der Wohnung frei zu leben wie du. Auch wenn du dich an Regeln hälst, sind das deine eigenen Regeln. Mit Konsequenz kann man auch sagen, dass du unehrlich bist oder eben etwas vorspielst. Denn du bist nicht du selber. Denk mal drüber nach, fühlst du dich vollständig dazu bereit konsequent ihm gegenüber zu sein? Würdest du das auch bei anderen Menschen machen, deinem Mann zum Beispiel? Ich denke nicht, warum als bei Kindern? Ich fühle mich nicht ehrlich, wenn ich jmd. meine Meinung aufdrücken will und dazu noch irgendwelche Taktiken anwende.
Und du zeigst schon genug Konsequenzen, wenn du ihn von der Brust nimmst, weils dich stört. Deshalb braucht man nicht noch erzwungene indirekte Konsequenzen. Natürliche Konsequenzen gibt’s überall, da braucht man als Eltern nicht noch welche kreieren. Ein Kind soll ja bei den Eltern einen Ruhepunkt und Zufluchtsort von allen unangehmen Dingen in der Welt und Gesellschaft finden. Und gerade diese geben genug vor um ein Kind aus Konsequenzen lernen zu lassen.
Das schriebst Du:
Das ist ein schöner Satz. Was heißt er in der Praxis? Ich liebe meinen Sohn natürlich so wie er ist - als Chaot, als Rabauke, als Hau-drauf - und als fantastischen süßen Theo, der sehr weit ist für sein Alter. Aber muss ich deshalb alles annehmen, was er liefert ohne es zu formen? Nein, denn dann würde ich mich selbst aufgeben und auch ihm keinen Halt geben können.
Klar, jede Mutter liebt ihr Kind so wie es ist. Ich auch, du auch. Daran Zweifel ich auch nicht. Nur sehen wir es anders als die Kinder. Denken Männer und Frauen gleich? Denken sogar wir Frauen alle gleich? Du liest meine Ansätze wahrscheinlich als Vorwurf, dabei will ich dir nur helfen, auch wenn ich manchmal direkt bin, sarkastisch oder was auch immer. Ich schreibe es anders als du es auffasst, oder? Trotzdem verurteile ich dich nicht, auch wenns so rüberkommt. Im Gegenteil! Und genauso sehen es Kinder. Du kannst ihnen oft genug sagen, dass du sie bedingungslos und uneingeschränkt liebst, aber deine Reaktionen und dein Verhalten stimmen nicht mit dem überein. Kinder lernen viel mehr aus deinem Verhalten als aus deinen Worten. Und nehmen Verhalten mehr wahr als Worte. Wenn du deinem Sohn Verbote gibst, zeigst du ihm, dass diese Pflanze (als Beispiel) wichtiger ist, als er. Wenn du zu ihm sagst (ebenfalls als Beispiel): Räum dein Zimmer auf, sonst gehen wir nicht ins Kino. Dann bekommt er die Nachricht von Dir, dass du ohne diese Konsequenz kein Vertrauen zu ihm hast. Oder das du ihm nur Gutes tun willst, wenn… wenn er DEINE Bedingung erfüllt hat? Mal abgesehen davon, dass du dann einen selbstsüchtigen Jungen erziehst, der Dinge nur macht, weil was für ihn dabei rausspringt oder (bei Fernsehverbot) weil er Unannehmlichkeiten vermeiden will. Es geht ihm da ja nicht um andere. Oder du belohnst oder lobst ihn für gute Taten. Wenn du schlechte Taten ignorierst. Ein Kind lernt daraus, dass es nur wenn es lieb ist (halt unter Bedingungen und eingeschränkt) geliebt wird.
Es gibt aber sooooooooo viele Wege, wenn man offen dazu ist, seinem Kind die gute Welt zu „lehren“ und ihm gleichzeitig das Gefühl von vollständiger Liebe vermittelt. Sei du selber, höre auf dein Gefühl, lerne dich selber kennen, damit du deine Gefühle kommunizieren kannst. Lerne verstehen, dass Kinder eigenständige Menschen sind, die eingeschränkt leben (aber uneingeschränkt lieben ) schon alleine, weil sie uns um Hilfe bitten müssen. Aber sie tun es gerne (wenn man sie lässt) und sie wollen von keinem anderen was gelernt bekommen als von uns, den liebenden Eltern.
Ich hoffe inständig, dass du mich verstehst, dass du nicht denkst, ich mache dir Vorwürfe oder schreibe dir vor wie es zu sein hat. Ich möchte nur, dass du das ganze aus den Augen deines Kindes betrachtest. Das du es weißt, ist mir klar, dass du was ändern möchtest auch. Und ich kann dir von meiner Erfahrung sagen, dass ich zwei Kinder (6 am Montag) und 2 (seit August) habe, die so selbstständig sind, weil sie es wollen und dennoch sehr verständlich sind. Ich habe meine Tochter nämlich auch zu Anfangs erzogen, bis ich mit der Nase draufgestossen worden bin. Und ich muss ehrlich sagen, es geht uns allen besser. Ich muss auch sagen, dass das eigentlich Wohlbefinden des Menschen auch viel wichtiger ist als alle Regeln der Welt. Das kommt von alleine, wenn sie wissen DU vertraust ihnen, wenn sie dir vertrauen und wenn sie merken, dass wenn man ihn Gutes tut, dass es ein schönes Gefühl ist, so schön, dass sie andere Menschen auch was Gutes tun wollen. Sie teilen nämlich gerne.
Ich denke auch, dass sich dein Verhältnis zu Theo dann sehr verändern wird.
