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antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 01:31
von miachan
Vor allem angeregt durch dieses Forum, mache ich mir schon des öfteren Gedanken, wie so ein Zusammenleben in einer antiautoritären Familie wohl so aussieht.

Vor den Kindern dachte ich, dass das Kind dann einfach machen kann was es will. Aber ich merke jetzt, vor allem wo R. jetzt ja auch schon etwas älter ist, dass dem ja nicht so sein kann, oder irre ich mich?

Ich will mal ein paar Beispiele aufzeigen:

R. ist im Moment des öfteren furchtbar überdreht und hat sich manchmal gar nicht mehr richtig unter Kontrolle. Das heißt, er hüpft um einem herum und dann kann es auch passieren, das er anfängt zu treten und zu schlagen. Ich nehme ja mal stark an, das ihr euch nicht von euren Kindern schlagen lasst. Aber wie löst ihr das? Ich sage R. dann immer, dass ich nicht getreten werden möchte, dass es mir weh tut. Aber nach dem 3. Mal sage ich auch einfach nur im sehr ernsten Tonfall "NEIN" Manchmal stehe ich dann einfach auf und verlasse den Raum.
Wenn er so aufgedreht ist, fasse ich das Geschlagen werden aber nicht als Angriff auf meine Person auf. Also, ich nehme nicht an, das er mir weh tun will.
Aber, es ist auch schon passiert, das ich gerade mit ihm kuschel, Küßchen gebe und es gerade eine ganz innige, schöne Situation ist und ganz unvermittelt schlägt er plötzlich zu. Und zwar richtig, so dass es richtig weh tut, ins Gesicht. In den Situationen bin ich dann sehr verletzt und kann dann auch nicht ruhig bleiben. Bin dann richtig wütend. Gerade laufen auch die Tränen... :cry:
Oder wenn er seine kleine Schwester als abschlecken möchte (was ihr nicht so gut gefällt) Letzt hat er ihr in die Nase gebissen :roll: oder er zieht sie am Arm hoch, will ihr den Finger in den Mund stecken usw... Ich muß sie ja auch vor ihm schützen. Er meint es ja nicht böse, im Gegenteil. Er liebt sie ja und möchte sich mit ihr beschäftigen. Ich versuche ihn dann auf andere Ideen zu bringen, z.B. Gib ihr lieber ein Küßchen oder streichel sie.

Heute zum Beispiel, wir haben letzte Woche zusammen Blumen ausgesät und R. ist auch ganz stoz darauf, wie groß sie schon geworden sind. Dann beim Blumen gießen zieht er eine heraus. Ich mußte ihn dann schlußendlich "wegscheuchen" weil er einfach nicht die Finger davon lassen konnte. Hab ihm aber natürlich schon erklärt, dass die Blumen so kaputt gehen. Wahrscheinlich kann er dass in dem Alter einfach noch nicht nachvollziehen, aber ich möchte ja auch nicht, dass er mir alle Blumen rausrupft...

Dann war heute die Tür von der Werkstatt offen, R. wollte hinein um mit der Axt zu spielen. Ähm ja, wie gestaltet sich das dann bei euch? Mit Sachen, an denen sie sich richtig verletzen können?

Oder ich singe der Kleinen etwas vor und R. will mir verbieten zu singen. Ich hab dann weitergesungen... Aber er war sauer. er schreit auch öfters die Waschmaschine an, sie solle ruhig sein. :lol: Manchmal wird er dann aber richtig wütend, wenn sie ihm nicht gehorcht.


Es heißt ja auch immer, Kinder brauchen Grenzen. Bis vor einiger Zeit dachte ich, antiautoritär aufwachsende Kinder würden grenzenlos aufwachsen. Aber das kann ich mir nun gar nicht vorstellen, da doch schon das miteinander Leben Grenzen hervorbringt. Schließlich leben wir alle zusammen und müssen gegenseitig auf uns Rücksicht nehmen.
Daher meine Frage, wie ihr in so Situationen reagiert. Wie gestaltet sich denn so das Familienleben?

Ganz liebe Grüße

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 01:38
von miachan
Ach so, der letzte Abschnitt bezieht sich darauf, dass es ja immer heißt, antiautoritäre Erziehung ist nichts, da Kinder Grenzen brauchen. Aber die ergeben sich doch im Zusammenleben automatisch, oder? Kann mir nicht vorstellen, dass zu allem ja und amen gesagt wird.

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 16:50
von glockenblümchen
Ich könnte es mir nicht vorstellen, dass meine Kinder antiautoritär aufwachsen - und meine Vorstellung davon ist, dass sie eben dann einfach tun und lassen können, was sie wollen.

Ich bin der Meinung das Kinder Grenzen wollen und brauchen. Es gibt ihnen Sicherheit und Orientierung. Wer keine Grenzen setzt macht es sich meiner Meinung nach zu einfach. Es ist für mich die Frage, wie genau ich die Grenzen setze und warum. Das muss ich mit Bedacht überlegen. Und da steht für mich der Respekt vor dem Kind und seiner Individualität an erster Stelle.

Dein Kind ist doch genau in dem Alter, in dem es diese Grenzen herausfinden möchte. Und Du schreibst es ja auch, es will mit Sicherheit nie Dich als Person angreifen sondern eben gucken: wie reagierst Du und hast Du Dein Kind noch lieb, auch wenn es sich so "böse" verhält. Das Kind lernt also an Deiner Reaktion: beißen ist blöd, aber Mama liebt mich trotzdem. Ich kann das gerade nicht besser ausdrücken und hoffe es ist trotzdem verständlich.

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 16:59
von Sibi
Aus Interesse: Lebt hier jemand bewusst antiautoritär? Ich tue mich mit diesen Begriffen ja auch immer schwer und die Grenzen sind sicher fließend, aber antiautoritär ist für mich z. B. etwas völlig anderes als "unerzogen".

AW: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 19:22
von Drachenblut
Ich glaube, antiautoritär "erzieht" hier keine, dafür hängen viele "Unerzogen" an.

Der Unterschied besteht mMn darin, dass antiautoritäre Kinder tatsächlich grenzenlos aufwachsen, bei Unerzogen gibt es sehr wohl Grenzen, nämlich die eigenen und die der anderen.

Konkret: ich lasse mich nicht hauen, treten, beißen, kneifen, etc. Ich sage das ganz deutlich, dass ich das nicht will. Ich gehe außer Reichweite, wenn er es doch tut. Würde er mir hinterherlaufen, würde ich ihn auch festhalten.

Tja, wenn er der Kleinen weh tut, würde ich das verhindern.

Blumen rausziehen finde *ich* nicht so schlimm, würde das zum Anlass nehmen, ihm die Wurzel zu zeigen, etc..

Die Tür zum Schuppen mit der Axt wäre hier zu.

Grundsätzlich versuche ich, Wege zu finden, mit denen alle gut leben können. Immer wieder rreflektieren, ob ein verbot nötig ist (auf die straßStraße rennen), oder ob man gerade einfach eher sinnloses an-die-Regeln-halten einfordert, weil *man* das halt so macht.

Handysurferin, daher nur kurz, knapp (nicht schroff! ;) ) und bitte, ich weiß, wie man die meisten Sachen schreibt, aber mein Handy manchmal nicht, also verzeiht mir evtl. RS-Fehler!

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 19:26
von Lösche Benutzer 2152
Ich glaube, du meinst "Laissez-faire", das ist was anderes als antiautoritär.

Anti-autoritär = partnerschaftlich-demokratischer Erziehungsstil (zumindest kenn ich diese Definition noch aus der Schule).

Ein kleiner Artikel dazu...

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 08.06.2012, 19:54
von asujakin
Also ich würde uns auch eher als unerzogen sehen und ich persönlich mag den Ausdruck "antiauthoritär" ja schon, aber nicht das wofür es allgemein steht. Sondern für mich persönlich klingt das eben mehr nach "gleichberechtigt". Aber wie es schon erklärt wurde gibt es da defensive Grenzen (Persönliche Freiheit endet da wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird).

So komplett das Kind wirklich alles machen lassen was es will - das käme für mich nicht in Frage, ich empfinde es einfach schlichtweg als gefährlich. Kind will auf er Straße laufen, will über die rote Ampel rennen, will andere schlagen (mein Sohn sagt das nämlich durchaus auch so "Ich WILL dich aber hauen", schlaues Kerlchen :lol: ) usw. Das ist für mich nicht nur gefährlich sondern im Miteinander mit anderen Menschen schlichtweg respektlos, während bei unerzogen der Respekt für alle (!) eigentlich an erster Stelle steht.

Aber ich bin gespannt ob hier jemand wirklich nach "laissez-faire" lebt

AW: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 09.06.2012, 15:33
von honigtopf2010
Wie kommst du darauf, dass in die Familien in diesem Forum antiautoritäre Erziehung praktizieren? Den Eindruck hatte ich noch nie. Partnerschaftlicher Umgang wie Jesper Juul ihn vorschlägt oder Attachement Parenting also zugewandte Erziehung oder unerzogen haben damit gar nix zu tun. Alle Stile beschreiben Regeln des Zusammenlebens nur oft andere als in der Gesellschaft häufig üblich. Dein Kind würde demnach durch die eigene Grenze ICH WILL NICHT GEHAUEN WERDEN, lernen, dass es nicht hauen darf.

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 10.06.2012, 01:09
von miachan
honigtopf2010 hat geschrieben:Wie kommst du darauf, dass in die Familien in diesem Forum antiautoritäre Erziehung praktizieren? Den Eindruck hatte ich noch nie.
Nun, weil hier viele "unerzogen" in ihrer Sig stehen haben. Hab das wohl in einen Topf geworfen. Wobei ich ja annehme, dass unerzogen ein neuer Ausdruck von Antiautoritär ist. Denn ursprünglich stand antiautoritär ja wohl für:
, Kinder als gleichberechtigte Partner mit einem gewissen Mitspracherecht anzusehen
(Danke übrigens an Jessica für den Artikel, war sehr informativ.)
Schade, dass der Begriff so negativ belastet ist.
Also ich würde uns auch eher als unerzogen sehen und ich persönlich mag den Ausdruck "antiauthoritär" ja schon, aber nicht das wofür es allgemein steht. Sondern für mich persönlich klingt das eben mehr nach "gleichberechtigt". Aber wie es schon erklärt wurde gibt es da defensive Grenzen (Persönliche Freiheit endet da wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird).
Also ist unerzogen der neue Ausdruck für antiautoritär, da antiautoritär zu negativ behaftet ist? Oder sehe ich das falsch?
So komplett das Kind wirklich alles machen lassen was es will - das käme für mich nicht in Frage, ich empfinde es einfach schlichtweg als gefährlich. Kind will auf er Straße laufen, will über die rote Ampel rennen, will andere schlagen (mein Sohn sagt das nämlich durchaus auch so "Ich WILL dich aber hauen", schlaues Kerlchen :lol: ) usw. Das ist für mich nicht nur gefährlich sondern im Miteinander mit anderen Menschen schlichtweg respektlos, während bei unerzogen der Respekt für alle (!) eigentlich an erster Stelle steht.
Ja, das denke ich auch. Ich könnte mir absolut nicht vorstellen, dass man nach diesem laissez-faire leben kann, da ich es auch einfach für total gefährlich und auch respektlos halte.

Mein Sohn sagt übrigens ähnliches, nämlich:"die mama will aber gehauen werden" aha, was ich nicht alles will :roll: :lol:
Drachenblut hat geschrieben:Ich glaube, antiautoritär "erzieht" hier keine, dafür hängen viele "Unerzogen" an.


Der Unterschied besteht mMn darin, dass antiautoritäre Kinder tatsächlich grenzenlos aufwachsen, bei Unerzogen gibt es sehr wohl Grenzen, nämlich die eigenen und die der anderen.



Konkret: ich lasse mich nicht hauen, treten, beißen, kneifen, etc. Ich sage das ganz deutlich, dass ich das nicht will. Ich gehe außer Reichweite, wenn er es doch tut. Würde er mir hinterherlaufen, würde ich ihn auch festhalten.

Tja, wenn er der Kleinen weh tut, würde ich das verhindern.

Blumen rausziehen finde *ich* nicht so schlimm, würde das zum Anlass nehmen, ihm die Wurzel zu zeigen, etc..

Die Tür zum Schuppen mit der Axt wäre hier zu.

Grundsätzlich versuche ich, Wege zu finden, mit denen alle gut leben können. Immer wieder rreflektieren, ob ein verbot nötig ist (auf die straßStraße rennen), oder ob man gerade einfach eher sinnloses an-die-Regeln-halten einfordert, weil *man* das halt so macht.
Danke für deine Antwort. Ja, ich dachte dieser Erziehungsstiel wie du ihn beschreibst wäre antiautoritär, da ich mir absolut nicht vorstellen konnte, dass jemand seine Kindern wissentlich nicht vor Gefahren bewahren würde.

Und die Tür zum Schuppen ist normalerweise zu, mein Mann hatte nur darin gearbeitet. Sohnemann sagte aber, er will rein und mit der Axt spielen. Deswegen nahm ich das als Beispiel :wink:
glockenblümchen hat geschrieben:Ich könnte es mir nicht vorstellen, dass meine Kinder antiautoritär aufwachsen - und meine Vorstellung davon ist, dass sie eben dann einfach tun und lassen können, was sie wollen.

Ich bin der Meinung das Kinder Grenzen wollen und brauchen. Es gibt ihnen Sicherheit und Orientierung. Wer keine Grenzen setzt macht es sich meiner Meinung nach zu einfach. Es ist für mich die Frage, wie genau ich die Grenzen setze und warum. Das muss ich mit Bedacht überlegen. Und da steht für mich der Respekt vor dem Kind und seiner Individualität an erster Stelle.

Dein Kind ist doch genau in dem Alter, in dem es diese Grenzen herausfinden möchte. Und Du schreibst es ja auch, es will mit Sicherheit nie Dich als Person angreifen sondern eben gucken: wie reagierst Du und hast Du Dein Kind noch lieb, auch wenn es sich so "böse" verhält. Das Kind lernt also an Deiner Reaktion: beißen ist blöd, aber Mama liebt mich trotzdem. Ich kann das gerade nicht besser ausdrücken und hoffe es ist trotzdem verständlich.
Ja, du hast Recht, mein Kind ist genau in diesem Alter, wo er diese Grenzen herausfinden möchte. Deshalb mache ich mir diese Gedanken, über verschieden Erziehungsformen. Grenzenlos zu erziehen käme für mich auch nicht in Frage. Nur so im zusammenleben kam für mich die Frage auf, ob antiautritär wirklich grenzenlos bedeudet oder ob ich da ein Vorurteil im Kopf habe. Das antiautoritär heutzutage wirklich für "mach was du willst" steht, hätte ich irgendwie nicht gedacht :?

antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Verfasst: 10.06.2012, 07:24
von kaehde
Hallo,
Grundsätzlich ist das eine ziemlich theoretische Diskussion, denn es gibt nicht DAS antiautoritäre Erziehungskonzept. Antiautoritär heißt ja erst einmal nur gegen autoritär und ist als gegenbewegung zu sehen.
AS Neill, der häufig als "Vater " der antiautoritaeren Erziehung zumindest deren umsetzung im schulischen bereich betrachtet wird, fand den Begriff übrigens unpassend.
Ich empfehle immer gerne den Artikel in Wikipedia zu den Erziehungsstilen
http://de.m.wikipedia.org/wiki/Erziehungsstil
, stelle aber immer fest das es so einfach nicht ist mit der Einteilung.

Auch hier im Forum wirst Du sehr unterschiedliche Ansätze finden, wenn Du eine spezielle Erziehungsfragen stellst ;).

Falls Du etwas lesen magst zu dem Thema würde ich dir Jesper Juul empfehlen. Vielleicht "nein aus liebe", er hat aber auch viele andere Bücher geschrieben.
Zum Thema hauen: ich lasse mich nicht schlagen. Aber natürlich haben auch meine Kinder das ausprobiert. Ich habe dann immer geschaut, welcher Grund dahintersteckt (mMn wird dieses: das Kind will nur die Grenze testen überbewertet). Das kann zb sein,dass es die Reaktion interessant findet. Es kann auch sein , dass es um die Bewegung beim hauen geht oder um Kontaktaufnahme.
Evtl ist es auch ein ventil um ärger rauszulassen.
Hier schaue ich immer genau hin und Lenke dann entsprechend um.
Sage also klar: "NEIN!"
Und biete dann die alternative an, die ich für passend halte. Das kann gegen die Wand oder den Boden hauen sein, das kann eine gemeinsame bewegungsaktivitaet sein oder die Erklärung wie man sozial kompatibel Kontakt aufnimmt.

Viele Grüße,
Katja




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