Ich hatte diese Woche zwei Gespräche mit einer Physiotherapeutin, die mich ein wenig verunsichert hat, und würde gern eure Meinungen, Erfahrungen und Kentnisse lesen. Es geht um folgendes: Die PT meint, das Tragen sei nur im ersten Lebenshalbjahr des Kindes wichtig und nützlich, danach könne die AHS und die Enge bzw. die gleich bleibende Position kontraproduktiv für die kindliche Entwicklung sein. Angesprochen wurde das Thema, weil meine Tochter (morgen 11 Mo. alt) wohl zu niedrigen Muskeltonus hat und weder in den 4-Füßler-Stand kommt noch krabbelt (dafür steht sie schon auf und robbt, indem sie sich wie ein Frosch auf gespreizte Knie stützt, wie beim Brustschwimmen). Die PT sagte mir, ich solle meine Maus auch mal in einen Buggy setzen, damit sie mehr Beinfreiheit hat und die Beine nicht so gespreizt sind, doch ich frage mich, wie die Menschheit ohne Buggy auskam, als es noch keine gab (oder wie sich die Kinder in anderen, buggylosen
Langzeit-Tragen für die Gesundheit
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- Aljona
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Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Hallo!
Ich hatte diese Woche zwei Gespräche mit einer Physiotherapeutin, die mich ein wenig verunsichert hat, und würde gern eure Meinungen, Erfahrungen und Kentnisse lesen. Es geht um folgendes: Die PT meint, das Tragen sei nur im ersten Lebenshalbjahr des Kindes wichtig und nützlich, danach könne die AHS und die Enge bzw. die gleich bleibende Position kontraproduktiv für die kindliche Entwicklung sein. Angesprochen wurde das Thema, weil meine Tochter (morgen 11 Mo. alt) wohl zu niedrigen Muskeltonus hat und weder in den 4-Füßler-Stand kommt noch krabbelt (dafür steht sie schon auf und robbt, indem sie sich wie ein Frosch auf gespreizte Knie stützt, wie beim Brustschwimmen). Die PT sagte mir, ich solle meine Maus auch mal in einen Buggy setzen, damit sie mehr Beinfreiheit hat und die Beine nicht so gespreizt sind, doch ich frage mich, wie die Menschheit ohne Buggy auskam, als es noch keine gab (oder wie sich die Kinder in anderen, buggylosen
Kulturen entwickeln können)
. Oder schade ich meinem Kind tatsächlich mit der Tragerei? Gibt es evtl. Studien, die belegen, dass das Tragen auch über das erste Lebenshalbjahr hinaus immer noch gesund ist? Könnt ihr aus eurer Erfahrung sagen, dass Traglinge (vor allem LZ-Traglinge) in ihrer motorischen Entwicklung irgendwie "anders" sind? Ich danke euch für eure Hilfe!
Ich hatte diese Woche zwei Gespräche mit einer Physiotherapeutin, die mich ein wenig verunsichert hat, und würde gern eure Meinungen, Erfahrungen und Kentnisse lesen. Es geht um folgendes: Die PT meint, das Tragen sei nur im ersten Lebenshalbjahr des Kindes wichtig und nützlich, danach könne die AHS und die Enge bzw. die gleich bleibende Position kontraproduktiv für die kindliche Entwicklung sein. Angesprochen wurde das Thema, weil meine Tochter (morgen 11 Mo. alt) wohl zu niedrigen Muskeltonus hat und weder in den 4-Füßler-Stand kommt noch krabbelt (dafür steht sie schon auf und robbt, indem sie sich wie ein Frosch auf gespreizte Knie stützt, wie beim Brustschwimmen). Die PT sagte mir, ich solle meine Maus auch mal in einen Buggy setzen, damit sie mehr Beinfreiheit hat und die Beine nicht so gespreizt sind, doch ich frage mich, wie die Menschheit ohne Buggy auskam, als es noch keine gab (oder wie sich die Kinder in anderen, buggylosen
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Aljona + M. 08/09 + M. 02/13
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Luema
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Luema hat geschrieben:Lieder sind mir die Quellen grad entschwunden, ich habe aber im Sinn, die mal noch zu suchen... Ich fasse zusammen, was meine Ausbildung und Erfahrung bzw. Weiterbildung mir mitgegeben hat.
Es ist so, dass das ständige Bewegtwerden kombiniert mit der Enge im Tuch sich ideal auf die motorische Entwicklung auswirkt. Sie ergeben nämlich ein ganz ausgeprägtes Körpergefühl, ein gefühl für "da beginnt mein Körper und da hört er auf". Und das ist genau etwas, was viele im Stubenwagen oder Laufstall liegende Babys so sehr aus der FAssung bringt: Sie fühlen ihren Körper nicht richtig!
Legt Euch mal 10min ruhig aufs Bett. Ganz still, bewegt keine Faser. Und dann - fühlt mal nach! Wo sind Eure Füsse? Wo die Hände? Wie die STellung der Arme? Das fühlt man plötlich ganz schlecht!
Das Einbinden, bzw. Enge geben kombiniert mit Bewegtwerden nutzt man bei älteren oder behinderten Menschen gern,um ihnen die Motorik zu erleichtern bzw. zu fördern. Indem man jemanden eng in ein Leinentuch bindet, kann man ihm helfen, 10min später wieder aufzustehen, was vorher - aufgrund fehlender Körperwahrnehmung - kaum möglich war. Auch mit Menschen mit Wahrnehmungsstörungen kann man - je nach Krankheitsbild - ähnlich arbeiten. Ein Freund von mir, der eine Pflegestation in einem Pflegeheim leitet, erzählte mir da viel davon, wie er genau dies, nämlich Enge kombiniert mit Bewegung, bei seinen Pflegeklienten anwende, damit sie überhaupt aufstehen können. Anders blieben sie wohl viel mehr im Rollstuhl oder Bett.
Körpergefühl, Empfinden, wo die Körpergrenzen sind, ist notwendig, um sich überhaupt richtig bewegen zu können. Kinder mit Wahrnehmungsstörungen haben da noch viel mehr Probleme, und jedes Kind, das stundenlang allein irgendwo liegt, hat verglichen mit einem getragenen Kind einfach Wahrnehmungsdefizite.
Zur Muskelentwicklung: Da der Mensch ein aktiver TRagling ist, hängt er nciht einfach irgendwo drin. Man spürt ja beim Tragen gut, wie lebendig und immer kräftiger der kleine Mensch ist. Enge und Bewegtwerden hilft mit, Muskelaufbau zu fördern.
Ganz wichtig: Gleichgewichtsentwicklung. Auch da ist Tragen fast schon Therapie, warum sonst würde man Pferde so gern einsetzen für Kinder mit Störungen diesbezüglich (und übrigens auch bezüglich Körperwahrnehmung!)
Fazit: Das Tragen fördert die Körperwahrnehmung und die wiederum ist Grundlage für die motorische Entwicklung.
Liebe Grüsse von Maria
mit kleiner Lady
(Jan.06), Sonnenschein
(Juni 08) und Herzkäferchen (August 2012)
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Annealt
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Liebe Aljona,
von einer entsprechenden Studie weiss ich nichts, aber du kannst dir ja mal diesen Artikel durchlesen, dort geht's um das Tragetuch aus Sicht von Physiotherapeuten.
Aus meiner eigenen Erfahrung mit zwei Kindern, eins davon nahezu nur getragen, eins davon ausschliesslich getragen, kann ich dir sagen: es hat ihrer motorischen Entwicklung in keinster Weise geschadet. Beide sind mit ca. 8 Monaten gekrabbelt, ein Kind lief mit 12 Monaten, eins mit 16 (und auch nur so "spät", weil sie keine Lust hatte, hinzufallen
). Heute sind sie die wildesten Springer und Turner und sind motorisch überaus fit.
Ich würde mir an deiner Stelle keine Sorgen machen, dass das Tragen deiner Tochter schadet oder sie in ihrer Entwicklung hemmt.
Viel Spaß beim Tragen!
von einer entsprechenden Studie weiss ich nichts, aber du kannst dir ja mal diesen Artikel durchlesen, dort geht's um das Tragetuch aus Sicht von Physiotherapeuten.
Aus meiner eigenen Erfahrung mit zwei Kindern, eins davon nahezu nur getragen, eins davon ausschliesslich getragen, kann ich dir sagen: es hat ihrer motorischen Entwicklung in keinster Weise geschadet. Beide sind mit ca. 8 Monaten gekrabbelt, ein Kind lief mit 12 Monaten, eins mit 16 (und auch nur so "spät", weil sie keine Lust hatte, hinzufallen
Ich würde mir an deiner Stelle keine Sorgen machen, dass das Tragen deiner Tochter schadet oder sie in ihrer Entwicklung hemmt.
Viel Spaß beim Tragen!
- Aljona
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Danke, Luema, das habe ich auch in Kirkilionis' Buch gelesen, es ist klar, dass es für Babys besser ist, getragen zu werden als regungslos im KiWa zu liegen. Ich frage mich nur, was für das ältere Kind förderlicher ist: das Festklammern an der Mutter oder das "freie" Strampeln im Buggy (ich habe Null Erfahrung mit KiWa-Kindern und weiß nicht mal, ob sie dort wirklich aktiver sind als meine Tochter, die im TT ihre Beine baumeln lässt).
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Aljona + M. 08/09 + M. 02/13
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Luema
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Nicht nur, als regungslos im KiWa zu liegen. Sondern auch als überhaupt irgendwo zu liegen, das kann auch strampelnd und im Buggy sein. Gerade Kinder, die motorisch etwas langsam sind, können durchs Tragen so gut gefördert werden wie sonst durch nichts.Aljona hat geschrieben:Danke, Luema, das habe ich auch in Kirkilionis' Buch gelesen, es ist klar, dass es für Babys besser ist, getragen zu werden als regungslos im KiWa zu liegen.
Was mich einmal sehr beeindruckte, war ein kleiner 1jähriger Junge, der bei mir für 2 Wochen war. Er wurde nie von seinen Eltern getragen, hatte aber starke Entwicklungsdefizite. In den zwei Wochen bei mir wurde er öfters getragen (er war fast gleich alt wie meine Tochter damals, ich musste oft eins der Kinder tragen, wenn ich überhaupt zu irgendwas kommen wollte
In dieser Zeit machte er motorisch und bezüglich Gleichgewicht erstaunliche Fortschritte. Zufall? Ich glaube es nicht...
Leider hat dies seine Mutter nicht geglaubt, sie glaubte an Zufall - und heute hat der 4jährige Junge echte motorische Probleme.
Liebe Grüsse von Maria
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- Alexandra
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Liebe Aljona,
deine Physiotherapeutin geht von falschen Voraussetzungen aus. natürlich würde ein Fixieren einem Kind erhebliche motorische Defizite bereiten, wie die nicht selten auftretenden Entwicklungsprobleme von Kindern, die längere Zeit fixiert wurden (Hüftschienen z.B. oder gar Eingipsen) zeigen.
Aber an Deinem Körper ist Deine Kleine ja gar nicht fixiert. Sie ist am lebendigen Körper, wird passiv von Dir bewegt (selbst im Schlaf) und kann sich auch aktiv bewegen. Meine Kinder sind im TT immer gehüpft und gestrampelt, die sind nie fixiert gewesen
Ansonsten haben Luema und Anne ja bereits alles gesagt. Lass dich nicht beirren! Wer weiß, wie hoch ihr motorisches Defizit wäre, wenn Du nicht tragen würdest...?
Liebe Grüße Alex
deine Physiotherapeutin geht von falschen Voraussetzungen aus. natürlich würde ein Fixieren einem Kind erhebliche motorische Defizite bereiten, wie die nicht selten auftretenden Entwicklungsprobleme von Kindern, die längere Zeit fixiert wurden (Hüftschienen z.B. oder gar Eingipsen) zeigen.
Aber an Deinem Körper ist Deine Kleine ja gar nicht fixiert. Sie ist am lebendigen Körper, wird passiv von Dir bewegt (selbst im Schlaf) und kann sich auch aktiv bewegen. Meine Kinder sind im TT immer gehüpft und gestrampelt, die sind nie fixiert gewesen
Ansonsten haben Luema und Anne ja bereits alles gesagt. Lass dich nicht beirren! Wer weiß, wie hoch ihr motorisches Defizit wäre, wenn Du nicht tragen würdest...?
Liebe Grüße Alex
Liebe Grüße von Alex mit dem ganz Großen 05/00, dem Großen 06/04, dem ziemlich Großen 01/08, der Pferdenärrin 11/13 an der Hand und Mondmädchen Luna Nicole (*+ 9/11) für immer im Herzen
Tragekinder - "Mein" Kindersachbuch zum Tragen
"Ich ehre das Leben... In tiefer Dankbarkeit..." alequito
Ließe der Mensch sich genügen, so hätte er Ruhe. Jakob Böhme
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- Aljona
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Re: Langzeit-Tragen für die Gesundheit
Danke, ihr Lieben! Ihr habt meine Gefühle und Gedanken nochmal bestätigt. Meinerseits war es nämlich die Unsicherheit, ob ich als Erstlingsmutter meinem Kind nicht schade, indem ich mich mehr auf mein Gefühl als auf Worte einer Fachfrau verlasse, doch ihrerseits war es anscheinend die Unwissenheit. Mir ist das schon in meiner Kindheit aufgefallen: Kennt man sich in irgendeinem Bereich nicht wirklich aus, schiebt man bei jeder Gelegenheit die Schuld darauf (damals haben viele Kinderärzte gesagt, mir fehlt dies und jenes, weil ich kaum Fleisch esse
, und ich werde nie ganz gesund sein - komisch, dass ich immer noch da bin und diese Zeilen tippe, obwohl ich mich nun seit neun Jahren komplett fleischlos ernähre). Nun ist das Tragen als Quelle des Bösen dran.
(Ich habe der PT übrigens das "Baby will getragen werden" für ihre Schwiegertochter geliehen, die im Oktober ein Kind bekommt.
Mal sehen, was die beiden da herauslesen...)
(Ich habe der PT übrigens das "Baby will getragen werden" für ihre Schwiegertochter geliehen, die im Oktober ein Kind bekommt.
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LG
Aljona + M. 08/09 + M. 02/13
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