Bei uns wird getragen und geschoben.
Beim ersten Kind vor mittlerweile 16 Jahren hatte ich von der Existenz von Tragetüchern noch nie was gehört. Zumindest nicht hier "in der Zivilisation". Klar hat man im Fernsehen Afrikanische, Asiatische und Südamerikanische Frauen gesehen, die ihren Nachwuchs auf den Rücken gebunden durch die Gegend "schleppten". Sogar Kinder, die augenscheinlich ihre kleinen Geschwister schleppten - am besten dazu noch einen Tonkrug auf den Kopf balancierten oder gebückt mit Kind im Tuch auf dem Feld arbeiteten. Aber dass man hier in unseren Regionen auch Kinder in Tüchern tragen kann? Neeee... keinen Gedanken dran verschwendet, ob das Sinn machen könnte oder praktisch wäre. Und auch nie jemandem mit Tragetuch begegnet. Wir haben uns ein Auto gekauft, das den passenden Kofferaum hatte, um den Kinderwagen immer dabei haben zu können und in das trotz allem noch die Einkäufe passten - und unser Sohn wurde chauffiert.
Was wir nie gemacht haben, war, die Baby-Schale als Kindertrage zu missbrauchen. Die war immer nur fürs Autofahren und angekommen wurde das Kind in den Kinderwagen "umgeladen". Zuhause hatte ich meinen Sohn zuerst in der Liegeschale/Kinderwagenaufsatz immer bei mir im Raum. Später im Reisebettchen. Beim Wocheneinkauf waren mein Mann und ich zu zweit am Werk. Einer schob den Kinderwagen, der andere den Einkaufswagen. Funktionierte. Große Kaufhäuser auch - schließlich kann man auch mit Kinderwagen auf die Rolltreppe (in manchen Kaufhäusern wird das allerdings nicht gern gesehen).
Unser zweiter Sohn (inzwischen 8 Jahre) bestand aber auf getragen werden. Kinderwagen wurde zwar streckenweise toleriert, war aber tendenziell eher doof. Bei Spaziergängen mit Kinderwagen hielt er mit seiner Meinung auch nicht hinterm Berg; er brüllte einfach das ganze Dorf zusammen - bis ich ihn herausnahm und trug. Bild war wie folgt: Die Muddi schob mit einer Hand den leeren Kinderwagen vor sich her und hielt mit der anderen Hand den über die Schulter gelegten, erst wenige Tage alten, aber dennoch schon sehr eigensinnigen Junior fest. Nachdem fast alle Spaziergänge nach relativ kurzer Strecke so aussahen, kamen wir auf die gute Idee, dann doch vielleicht eine Trage zu kaufen.
Gesagt, getan - der Babyfachmarkt unseres Vertrauens empfahl uns wärmstens den mitwachsenden "Glückskäfer", der sich aber als Fehlkauf herausstellte. Unser Käferchen war absolut nicht glücklich im Glückskäfer. Fortan sahen die Spaziergänge zunächst so aus, dass ich mit Baby im Glückskäfer los zog, bis um die erste Straßenecke kam und mir den Sohnemann dann wieder über die Schulter legte. Vorher leerer Kinderwagen. Jetzt leere Tragehilfe. Suuuper.
Besser wurde es, als er ins Sitzalter kam und ich den Sportwagenaufsatz nutzen konnte. Da trohnte er zufrieden in seinem Quinny 4XL (der auch im Auto immer dabei war; wir hatten inzwischen einen großen Kombi, in den der Wagen komplett aufgebaut hineinpasste) und alles war soweit okay. Zuhause trug ich ihn auf dem Arm oder er saß/lag auf meinem Schoß.
Als unsere Maus dann unterwegs war, lag ich während einem meiner schwangerschaftsbedingten Klinikaufenthalte mit einer jungen werdenden Mutti zusammen, deren Schwiegermutter ihr eines Tages ein Tragetuch mitbrachte, welches zuvor der Schwägerin gehört hatte und wärmstens angepriesen wurde. Ich konnte mir das Grinsen angesichts der höflichen Bemühungen meiner Bettnachbarin, erfreut auszusehen, nur schwer verkneifen. Und kaum war die Schwiegermama weg, ignorierten wir beide unsere strikte Bettruhe und spannten erstmal das Tuch quer durchs Zimmer, um zu gucken, wie lang das Monstrum war. Uns fielen zig Verwendungsmöglichkeiten ein - von neckischen Spielchen, sobald der Bauch das wieder zuließe über "man könnte auch hübsche Tischläufer oder Schlaufenschals daraus nähen" bis hin zu "im Zweifel könnte man sich damit sicher aus dem Fenster abseilen, wenn's mal brennt" - aber unsere Kinder damit tragen?

Neeeee...
Wir (also mein Mann und ich) hatten unseren Kinderwagenfuhrpark um einen Drei-Rad-Jogger und einen Gesslein-Buggy erweitert und waren eigentlich der Ansicht, gut ausgerüstet zu sein. Aber - auch dieses Kind wollte getragen werden. Für Spaziergänge war der Wagen anfangs okay - aber zuhause musste eine rücken-, arm- und vor allem auch hausarbeitsverträgliche Lösung gefunden werden. Und nachdem das Käfersäckchen beim Sohnemann ein Flop gewesen war, fiel mir das monströse Tragetuch wieder ein und nachdem ich ansonsten einigermaßen ratlos war, kauften wir eines. Ein 5,20 Meter langes grünes Streifentuch (das Grün war meinem Mann geschuldet), das ich zwar gelegentlich verwendete, das mir aber eigentlich doch zu umständlich war. Bis ich das Ding gebunden hatte, war ich nass geschwitzt. Zudem war es einfach zu viel Tuch, um damit noch etwas im Haushalt zu tun. Für Spaziergänge toll - aber für das, wozu es eigentlich sein sollte, ganz klar am Thema vorbei - und außerdem hatten wir ja für Spaziergänge unseren Fuhrpark mit Buggy für unterwegs im Auto, Jogger für Ausflüge mit mehr Laufstrecken und den 4XL für den Wald und unebenes Gelände.
Das Thema Tragetuch wäre damit eigentlich auch wieder vom Tisch gewesen, wenn mir nicht irgendwann ein Ring-Sling über den Weg gelaufen wäre.
Hach, war das Ding praktisch! Zum einkaufen, für zuhause, nachher sogar für Spaziergänge. Kein Gewurschtel mehr mit Kinderwagen rein und raus. Platz im Kofferaum. Kein Gequengel mehr durch Menschenmengen oder Platzprobleme durch zu schmale Gänge in Geschäften. Kein angewiesen sein mehr auf Rolltreppen oder Fahrstühle - außerdem mein Kind immer dicht bei mir (und vor allem auch ein zufriedenes Kind!). Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, warum ich mir den Krampf mit der Schieberei vorher angetan habe.
Nach und nach bekamen der Ring-Sling Gesellschaft. Von weiteren Ring-Slings und kürzeren Tüchern.
Inzwischen wohnen hier 4 Ring-Slings und 5 Tücher und es werden sicher noch einige dazu kommen.
Die Kinderwagen nebst Buggy stehen inzwischen weitestgehend ungenutzt in der Ecke. Ich für mich selbst bräuchte sie nicht mehr. Aber mein Mann schiebt lieber, als zu tragen. Und die Omas ebenfalls.