Gut, ich rede aber auch nicht vom 17./18. Jahrhundert sondern von den heutigen Möglichkeiten - und heute hätten wir die Möglichkeit ein gut organisiertes Netz an Muttermilchsammelstellen mit den selben medizinischen Standards wie unser Blutspendenetz aufzubauen (Testung der Spender auf Erkrankungen, Hygienestandards, Pasteurisieren, ...), und Formula-Nahrung nur für den Fall zu verwenden, dass in Engpasszeiten mal keine menschliche Milch verfügbar ist (so wie ein Mensch bei Mangel von Blutkonserven eben notfalls auch mal nur Kochsalzlösung zum Flüssigkeitsausgleich bekommt - suboptimal aber überlebensförderlich).08u11 hat geschrieben:Schön, wenn's so wäre. Leider wissen wir das - denn so was wie wirklich verträgliche künstliche Säuglingsnahrung gibt's noch gar nicht so lang. Für meine Diss habe ich viele Kirchenbücher aus dem 17. und 18. Jh. in der Hand gehabt - nur etwa 50% der Kinder haben das Erwachsenenalter erreicht. Natürlich gibt's dafür auch jede Menge andere Gründe (keine Möglichkeit für Kaiserschnitt, kein Brutkasten, kein Antibiotikum, ...). Aber verdammt oft findet sich als Todesursache auch der Satz: 'Schrie gichter' oder 'Schrie gächter' oder auch einfach nur 'gächter'. Auf meine Frage, was das bedeutet, meinte die Archivarin: vermutlich zu frühes Füttern mit Kuhmilch, das die Babys (nicht alle aber viele) nicht vertragen haben. Leider weiß ich hier keine genaueren Quellen, da es nicht das Thema meiner Arbeit war, sondern nur mein persönliches Entsetzen über den Tod so vieler Säuglinge.Ob es wirklich ein unumwundener Segen ist, dass wir heute einigermaßen verträgliche Muttermilchersatznahrung an jeder Ecke frei zu kaufen haben, sei dahingestellt, oder ob wir - wenn es diese industriellen Möglichkeiten nicht gäbe - nicht ein ebenso wie das Blutspendesystem gut ausgebautes, kontrolliertes Netz an Muttermilchspende-Banken hätten, wo man gespendete, pasteurisierte Frauenmilch für sein Baby kaufen könnte, tja, das werden wir wohl nie wissen...
Die Situation und Sterblichkeit von Säuglingen vor zwei, dreihundert Jahren ist doch ein ganz anderes Paar Schuhe. Und ja, das was vielerorts mit Babys und Müttern passierte, vor allem in Süddeutschland in dieser Zeit, wo die Frauen oft schon am Tag der Geburt wieder auf dem Feld mitarbeiteten und Oma und Opa das Baby mit sonstwas päppelten, war wirklich grausig und erschreckend. Eine schlechte Stillkultur bzw. lebenswidrige Umstände für Säuglinge gab es in manchen Landstrichen traurigerweise eben schon im 17/18. Jh.
Auch, dass teils die Überarbeitung und der wirklich schlechte (Unter-)Ernährungszustand der Mutter, genauso wie die allgemeinen hygienischen Verhältnisse nicht gerade die Überlebenschancen von Kindern erhöhten... all das liegt aber nicht am Nichtvorhandensein von Formula-Nahrung (die sich Frauen, die sich nichtmal ein Wochenbett, geschweige denn eine Amme leisten konnten, sicherlich nicht hätten kaufen können.)
Es gibt aber durchaus auch andere Beispiele - dass Babys die durch die Geburt Halbwaisen waren, eben in der Nachbarschaft mitgestillt wurden (auch meine Oma und meine Mutter haben Kinder in ihrem Umfeld durch Spendermilch durchs erste Halbjahr gebracht), oder Milch-Ammen gesucht wurden, oder - so gelesen in einem Nationalparkmuseum im Wattenmeer - dass es im von Dir beschriebenen Zeitraum in vielen Landstrichen Norddeutschlands durchaus üblich war, Kinder 1-3 Jahre zu stillen. (Dass dann andere Sachen blöd liefen, wie dass man den Kindern im ersten Jahr den Kopf nie wusch, weil man vor bestimmten Krankheiten Angst hatte, mag wieder zur Sterblichkeitsrate beigetragen haben...). Ist halt alles multifaktoriell.
Zu sagen, wenn es heute keine industriell gefertigte Flaschenmilch gäbe, würden soundsoviele Babys jedes Jahr in Deutschland im 21.Jh. sterben, halte ich aber nach wie vor für schlichtweg falsch.
Und die Wertigkeit gespendeter Frauenmilch ist auch laut WHO eben vor Formulamilch angesiedelt - da beißt die Maus keinen Faden ab.

