Ich denke, hier werden grad zwei völlig unterschiedliche Problemfelder parallel und aneinander vorbei beackert. Das eine: wirkliche Stillprobleme, die es selbstverständlich gibt aus den verschiedensten Gründen (Hormonprobleme bei der Mutter, Brustdrüsengewebsmangel, SD-Probleme, Stress, Schmerzen, ... ), und bei denen hoffentlich NIEMAND hier der Mutter einen Vorwurf machen würde, weil sie nicht, oder nicht ausschließlich stillen konnte!
Das andere - und das ist m.E. im Ausgangsposting gemeint - sind die wirklich vielen, vielen Fälle, in denen Stillprobleme durch Fehlinformationen, falsche Beratung und vor allem: völlig falsche Erwartungen an das normale Verhalten eines Säuglings erst konstruiert werden! Und daran hat eben vor allem das in der Gesellschaft immernoch mehrheitlich kursierende Halb- und Falschwissen einerseits und die oft völlig mangelnde Kompetenz und Ausbildung in Bezug auf Stillen seitens des FAchpersonals (Schwestern auf Wochenbettstationen, viele Hebammen - egal ob Klinik oder ambulant, Kinderärzte (!), und Frauenärzte, ...) Schuld. Und ja, ich finde, darüber lohnt es sich zu jammern, sich zu beschweren und zu klagen - und in vielen kleinen Schritten vorzugehen.
Es gibt da ein schönes Zitat von Kathy Dettwyler (das ich leider grad nicht wiederfinde), in dem sie sinngemäß schreibt, es sei ihr letzlich völlig egal, ob eine Frau nach wenigen Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren abstille - sie solle es nur eben nicht aus Fehlinformationen heraus tun, sondern aufgrund eines umfassenden Wissens zum Stillen und einer darauf basierenden, wohlabgewogenen persönlichen Entscheidung.
Einer jungen Mutter einzureden, das Kolostrum sei einfach zu wenig, davon werde das Kind nicht satt und es brauche jetzt dringend XY (Tee, Glukoselösung, Pulvermilch, ...) bis der Milcheinschuss (und damit angeblich erstmals "Milch") kommt, ist einfach Quatsch. Wird dann auch noch mit Flasche zugefüttert statt stillfreundlich, ist der Weg zum Abstillen in den nächsten Wochen oft schon eingeschlagen.
Oder Bekannte, Hebamme, ... reden der Mutter ein, das Kind müsse mit einer Stillmahlzeit aber mindestens X Stunden (drei, vier, ...) satt sein, sonst habe sie nicht genug Milch/die Milch sei nicht sättigend genug ... .
Oder es wird unter stressigen Bedingungen eine Stillprobe gemacht (z.B. in der KiA-Praxis, ungewohnter Stuhl, ungewohnte Umgebung, vielleicht noch Beobachtung, ... allein zu sagen, es müsse mal geschaut werden "was da überhaupt im Kind landet" kann Stress genug machen, dass es eben eine kleine Mahlzeit wird - auch zuhause), die Menge dann als "soviel trinkt das Kind also bei jeder Mahlzeit" gesetzt, mit unrealistischer Mahlzeitenhäufigkeit multipliziert (z.B. eben "nur aller 4 Stunden") - und schon ist das Kind angeblich mangelernährt

.
Oder einer Mutter wird gleich zu Anfang gesagt, das Kind müsse nachts aber X Stunden durchschlafen (4, 6, 8, ...), um sich ausreichend zu erholen - und für die Mutter und deren Erholung sei das auch ganz wichtig! (Noch besser: "wenn die Mutter nicth genug SChlaf nachts bekommt, hat sie auch nicht genug Milch!" - dazu vielleicht ein Familienbettverbot und schon hab ich ein ernsthaftes Milchmengenproblem.
Oder die Zeit, die das Kind an der Brust trinken darf, wird nach der Uhr bestimmt (soundsoviele Minuten pro Seite, dann wechseln, ...). Beliebter Tipp, um angeblich wunde BW zu vermeiden. Kombiniert mit Tipps wie "nur aller vier Stunden" und "nachts 6 Stunden Nachtpause" "zwischendurch lieber nen Schnuller/Teefläschchen" etc, bin ich da schnell bei ner Gedeihstörung mit Zufütterindikation. Dann wieder mit Flasche und... (s.o.).
Oder ich lasse eine Mutter (z.B. auf der Wochenbettstation oder beim KiA) "mal abpumpen um zu sehen, wieviel Milch da ist". Dann wird kein MSR ausgelöst, es kommen nur die wässrigen paar Milliliter, die sich seit der letzten Mahlzeit angesammelt haben - und schon heißt es, dass "von diesem Wasser ja auch kein Kind satt werden könnte" und es mal "was ordentliches" bekommen sollte.
Das ließe sich endlos fortsetzen (inkl. des auf Wochenbettstationen oft immernoch üblichen Schnuller-Standard-Gebrauchs, der vielen vielen Stillhütchen, die als "Problemlöser" für alles verteilt werden, ...)
Ich denke, es sind DIESE Dinge, die wirklich traurig sind, und die tatsächlich in ihrer Summe ja dazu geführt haben, dass noch vor wenigen Jahrzehnten weit über die Hälfte (!) aller Frauen schon nach wenigen Tagen bis Wochen (spätestens im zweiten Schub) nicht genug Milch haben KONNTEN, wenn sie sich an alle Fachtipps gehalten haben!

(Schon allein, was da z.T. an Wiegestress gemacht wurde, ml-weise nachgefüttert, wenn nicht genau die geforderte Zahl ml im Kind gelandet war vormittags Punkt 11. Davor das Kind aber bitte nicht aus dem Bettchen nehmen, auch wenn es schreit. Und allein schon das mangelnde Bonding im Frühwochenbett, wo Mama und Kind sich oft nur bekleidet für festgesetze Zeitintervalle am Tag sahen, ...

)
Da Stillen zwar seitens des BAbys angeborenes Verhalten ist, seitens der Mutter aber zur
durch Vorbild erlernten Brutpflege gehört (auch schon bei anderen Primaten - die wissen ohne Vorbild auch nicht, wie das geht!), tja, da ist es nicht so leicht als heutige Mutter, hinter all den Fehlinformationen seitens Fachpersonal und vor allem auch Umfeld (die vorige Generation ist ja gespickt mit "Anti-Stillwissen" und "Bei mir hat das auch nicht geklappt"-Erfahrungen) die richtigen Infos herauszugraben und die richtigen Ansprechpartner zu finden - zumal gerade letztere rar gesät sind und in Krisensituationen (problematische, zu frühe, ... Geburt; Kind in der Kinderklinik, ...) oft schlecht spontan zu noch aufzutreiben sind.
Es ist noch ein langer Weg. Was uns nicht hindern sollte, beharrlich einen Schritt nach dem nächsten zu gehen
