Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

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anne-gretel
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von anne-gretel »

Ich hatte selbst eine Essstörung und stille meinen kleinen trotzdem ohne Angst- und nicht nur nach Bedarf, sondern auch zum Einschlafen.
Der Unterschied zu einer Essstörung liegt darin, dass beim Stillen wirklich Bedürfnisse gestillt werden, was bei einer Essstörung nicht der Fall ist. Wenn mein Kleiner an der Brust eingeschläft, ist er nicht nur angenehm gesättigt ( Überessen kommt nicht vor, da steigen Babys vorher auf Nuckeln um) und er ist entspannt, zufrieden und fühlt sich sicher. Stillen ist viel mehr als Essen einem jemals geben kann. Und ein Kind was auch weiter mit so viel Zuwendung aufwächst, wird eine sehr viel geringere Gefahr haben, eine Essstörung zu bekommen. Ich denke, diese Entscheidungsfreiheit, wann ein Kind wieviel trinkt oder an der Brust liegt, ist der erste Grundstein zu einem gesunden Selbstvertauen.
Anne mit Winterzwerg 01/2011 und Herbstmäuschen 10/13
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Die Arme einer Mutter sind aus Zärtlichkeit gemacht und Kinder schlafen sicher in ihnen.
Haselnuss
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von Haselnuss »

Sehr schöner Beitrag anne-gretel :D
Liebe Grüße Melanie mit kleiner Maus 08/2010, kleinem Frosch 06/2012, kleinem Bär 08/2014 und kleiner Schnecke 08/2016
jusl
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von jusl »

Am plausibelsten ist nach heutigem Wissensstand das folgende Szenario:

Beim jungen Baby sind Trost, Berührung, Wärme, Bewegung, Stillen von Hunger, Stillen von Durst und menschlicher Kontakt untrennbar miteinander verbunden, denn ALL DIES ZUSAMMEN liefert das Stillen auf vollkommen natürliche Art und Weise. In dieser ersten Lebensphase differenziert ein Baby nicht bewusst, sondern es kennt nur die Zustände "ich fühle mich unwohl" und "ich fühle mich wohl". Für die Beseitigung des Unwohl-Zustands sind ohne Einschränkung seine Bezugspersonen zuständig. Stillen liefert dabei das "Rundum-Paket".
Je älter das Kind wird, desto differenzierter lernt es wahrzunehmen, ganz von allein. Es kennt nicht mehr nur "ich fühle mich unwohl", sondern es nimmt wahr "meine Hose ist nass, das mag ich nicht", "mein Bauch tut weh, weil ich Hunger habe", "ich habe alleine Angst im Dunkeln". Diese Wahrnehmung ist im nächsten Schritt Voraussetzung für eine entsprechend gezielte Kommunikation. Hat ein Kleinkind Hunger (und wirklich "nur" Hunger), dann wird es ebenso mit einem angebotenen Butterbrot zufrieden sein und braucht das Stillen DAFÜR in diesem Moment nicht mehr unbedingt.

All dies läuft in aller Regel ganz von allein ab, insbesondere der Reifungsprozess weg vom Stillen hin zu neuen Verhaltensweisen. Kinder lernen bekanntlich durch Nachahmung: "Mama macht sich abends ein Butterbrot, das will ich auch haben". "Mamas Hose wird nie nass, weil sie ständig aufs Klo geht. Das will ich auch können.", "Wenn Mama weint, nimmt Papa sie in den Arm, danach geht es ihr wieder besser." Diese Reifeentwicklung liegt in der Natur des Menschen. Sie ist also nichts, worüber man sich spezielle Gedanken oder gar Sorgen machen müsste, denn sie läuft von allein ab.
Nichts anderes meint die Aussage "Gestillte Bedürfnisse verschwinden von selbst."; diese Erfahrung hat jeder von uns schon unzählige Male gemacht. Haben wir das Bedürfnis, mit einer Freundin zu sprechen weil wir traurig/aufgeregt/einsam sind, dann hilft es definitiv, mit einer Freundin zu sprechen! Hinterher fühlen wir uns besser. Stattdessen alleine eine Tafel Schokolade zu essen, ist nur ein sehr spärlicher Ersatz.

Was passiert jedoch, wenn man ein Kind dazu bringen will, VORZEITIG seine Babyverhaltensweisen abzulegen und zu den "reiferen Verhaltensweisen" zu wechseln? Es liegt auf der Hand, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, und die Folgen des Scheiterns treten manchmal höchst klar zu Tage, manchmal muss man genauer hinschauen um sie zu entdecken. Beispiel: Wenn man einem kleinen Kind, welches noch ein Saugbedürfnis hat, Brust, Flasche, Schnuller wegnimmt, was wird passieren? Es wird sich ganz ganz sicher ERSATZ suchen. Den Daumen, die Finger, andere Gegenstände, irgendetwas um sein orales Bedürfnis zu befriedigen. Was passiert, wenn man ein Kind wiederum auch daran hindert oder es stark darin einschränkt? Das Kind kann dann sein Bedürfnis nicht befriedigen - also verschwindet das Bedürfnis auch nicht! Zusammenhänge mit späteren oralen Ersatzbefriedigungen sind da durchaus naheliegend.

Es lassen sich sehr leicht weitere Beispiele finden, etwa "Was passiert später, wenn ein Baby nicht nach seinem eigenen Hunger- und Sattgefühl essen darf?" oder "Was passiert später, wenn ein Baby keinen ausreichenden Körperkontakt bekommt?". Berücksichtigt man die natürliche Reifeentwicklung des Menschen, dann lassen sich überzeugende Antworten recht leicht finden. Fakt ist: Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass das Stillen nach Bedarf in den ersten Lebensjahren - und dies umfasst ganz klar MEHR als nur die Abhilfe bei Hunger und Durst - Essstörungen begünstigt oder sonst in irgendeiner Art und Weise für die Entwicklung schädlich wäre. Gänzlich plausibel hingegen ist die Annahme, dass Stillen nach Bedarf für kleine Kinder GENAU RICHTIG ist und eine gesunde Entwicklung sowohl physisch wie auch psychisch ausdrücklich fördert.

LG
Julia
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positron
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von positron »

Ausführlich und wirklich interessant, Julia!

Meine Meinung wurde sehr von meiner Hebamme geprägt. Und es schien mir auch logisch. Meine Tochter wendet sich inzwischen ab, wenn ich ihr die Brust anbiete obwohl sie ein anderes Bedürfnis hat. Ich bin froh drum. Am Anfang habe ich sie zwischen dem Stillen (alle zwei Std., abends und bei Hitze öfter) immer an der Brust beruhigt und war ständig nur am ein- und auspacken ;-)

Abends kommt sie ohne Stillen nicht zur Ruhe. Und abends trinkt sie auch sehr viel. Sie hat keinen Schnulli und nimmt auch keinen Daumen. Daher hab ich mir schon so meine Gedanken gemacht, ob ich ihr überhaupt abgewöhnen kann bzw sollte...
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von jusl »

Ja, Du schriebst ja, Dir gefalle "die Assoziation "etwas zu Essen im Mund = Beruhigung" auch nicht." Diese Ansicht ist recht weit verbreitet - rührt aber meiner Ansicht nach vollständig aus unserer Meinung über Erwachsene (oder Jugendliche und Schulkinder) her, die "ständig was im Mund haben müssen". Also nervös nach ihren Zigaretten suchen, ständig Bonbons lutschen, auf Zahnstochern oder Fingernägeln rumkauen, oder halt klassisch essgestört-übergewichtig sind und deswegen scheinbar immer "was im Mund haben".
Wo auch immer im Einzelnen die Ursachen für diese Verhaltensweisen liegen mögen, mit nach Bedarf gestillten Babys haben diese überhaupt nichts gemein. Denn wie schon mehrfach in diesem Thread formuliert wurde: Alles oben genannte sind ERSATZhandlungen bei Leuten, die ihre orale Phase längst hinter sich hätten lassen sollen. Nach Bedarf Stillen jedoch ist das ORIGINAL. ;-)
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positron
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von positron »

Ja, den Unterschied SÄUGling und älteres Kind oder Erwachsene hab ich so nicht gesehen. Oft heißt es auch, was als Baby angewöhnt wurde bekommt man so leicht nicht mehr raus.

Insgesamt finde ich es relativ schwer, zwischen abgewöhntem Verhalten und wirklichen Bedürfnissen zu unterscheiden. Schläft sie jetzt an der Brust ein, weil sie es so gewohnt ist, oder brauch sie das Nuckeln wirklich... Da gibt es so viel Meinungen...
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von jusl »

Naja, selbstverständlich gewöhnen sich Babys an gute Behandlung. :mrgreen: Das wollen wir Mütter doch auch so, oder? ;-)

Fakt ist: Irgendwann zwischen jetzt und ihrer Einschulung werden sie nicht mehr zum Einschlafen gestillt werden wollen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. ;-) Und klar ist auch: in den meisten Fällen ist es ja durchaus möglich, Babys irgendwelche liebgewonnenen Routinen wieder abzugewöhnen. Die Frage ist dann eher: klappt das OHNE Ersatz?
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Campanula
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Re: Stillen nach Bedarf = später Essstörung???

Beitrag von Campanula »

Ehrlich gesagt, bin ich entsetzt, dass es immer wieder neue Bereiche gibt, in denen der natuerlichen, biologisch-veranlagten und dementsprechen sinnvollen Babypflege die Existenzberechtigung abgesprochen wird bzw dies sogar als schaedlich dargestellt wird. Der Dreh mit Essstoerungen war mir jetzt allerdings neu :roll:
Danke fuer Eure tollen, bei Vielem wurden mir quasi schon die Worte aus dem Mund genommen.

Insofern eher noch ergaenzend aus meiner eigenen Gedankenwelt:

1. wer die Ursache von Essstoerungen so "zusammenschrumpft", dass dabei nur noch der Anteil "Essen als Ersatzbefriedigung" uebrigbleibt, der hat davon wenig Ahnung.
Insofern ist ein Vergleich mit Bedarfsstillen ohnehin schon mal haltlos.

2. Bedarfsstillen ist eben Stillen nach Bedarf und damit nach BEDUERFNIS!
Es wird in dem Moment ein elementares Beduerfnis dem Kindes BEFRIEDIGT, das ist genau das Gegenteil von dem, was zu Essstoerungen nun gerade beitraegt, naemlich seelischer Mangel.
Stillen dabei mit Essen gleichzusetzen, halte ich fuer genauso "schief", wir alle wissen ja, dass Stillen viel mehr Beduerfnisse befriedigt.

3. Immer wieder hilfreich finde ich die Frage: wie hat die Natur es eingerichtet - jenseits unserer zivilisatorischen Gegebenheiten? Jede Mutter der Welt nimmt INSTINKTIV ihr weinendes Kind an sich, wiegt es, waermt es - und stillt es (so sie es denn kann und darf).
Sie gibt ihm Naehe, Sicherheit und Geborgenheit. Unverkopft und unbelesen ;-)
Ich glaube nicht, dass die Natur hier einen jahrtausende alten Fehler im System hat...

Gestillte Kinder sind in ihren Beduerfnissen gestillt!
Esstoerungen erwachsen aus einem komplexen Gebilde ungestillter Beduerfnisse!
... und Essen spielt bei dieser Stoerung nur eine sehr untergeordnete Rolle.
Wiebke mit dem kleinen bunten Schaf (w, *27.12.2010) - auch weiterhin im Tragetuch ;-)
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