Film Elternschule im Kino

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Giraeffchen
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Giraeffchen »

2007 habe ich zum ersten Mal über Gelsenkirchen gelesen, mein Sohn hatte schlimme Neurodermitis und wir waren auf der Suche nach Hilfe. Damals war Stemmann noch Chef und er hat vollkommen unverhohlen kundgetan, was er glaubt und wie er arbeitet.
Der Spiegelartikel, den ich damals gelesen habe und der mich nachhaltig beeindruckt und betroffen gemacht hat, ist immer noch online. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39613469.html

Wie bei vielen Kindern ist die Neurordermitis bei meinem Sohn irgendwann im Kindergartenalter weniger geworden und verschwunden und ich habe, bis ich über diesen Film gelesen habe, nichts mehr über Gelsenkirchen gehört.
Und jetzt scheint es so, als ob Stemmanns Nachfolger nicht nur die Kinder erreichen will, die er auf seiner Station in der Klinik vorfindet, sondern alle, denn:
'Die liebevoll- konsequente Erziehung beeinflusst nicht nur das Leben der Familien positiv, die ein chronisch erkranktes Kind haben- sie wirkt auch präventiv bei gesunden Kindern.'
Quelle

Mich erinnert die Aufmachung des Trailers an RTLs Supernannyzeiten. Da war man auch ganz groß darin, erst mal 'Stimmung' zu machen, indem Szenen gezeigt wurden wie hier der Stinkefinger oder das sich erbrechende Kind. Stimmung gegen die Kinder. Stimmung, die das was folgt, rechtfertigen soll.
Aus gutem Grund hat man die Sendung irgendwann abgesetzt und es wurde viel geredet und geschrieben über die Rechte der gezeigten Kinder, die, ohne ihr Einverständnis, dem Zuschauer als unerzogen und grässlich vorgeführt wurden. Die Elternschule fährt jetzt die gleiche Schiene. Nur dieses Mal stehen die öffentlich- rechtlichen Sender dahinter, ebenso viele als seriös eingeschätzte Medien wie die SZ und pushen den Film als 'Muss für jeden, der selber Kinder hat', als 'das Geheimnis guter Erziehung'. Und legen damit Grundsteine dafür, dass eine breite Masse, denn das hier ist ja eben nicht RTL und Sensationsgier, sondern die guten, seriösen Medien, mit den Informationen, die der Film vermitteln will, ganz anders umgeht, als sie es unter anderen Umständen tun würden.

Mich hat der Trailer genau deshalb so betroffen gemacht. Weil die Kinder hergenommen werden, um rechtfertigende Stimmung zu machen. Weil sie vorgeführt werden und ihrer Privatsphäre beraubt. Weil nicht hinterfragt warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Weil es nur darum geht, dieses Verhalten abzustellen. Und das gelingt ja auch. Das Konzept funktioniert.
Wenn die drei Wochen um sind, haben die Kinder gelernt, zu kooperieren und das um jeden Preis. Sie wissen, wer 'am längeren Hebel' sitzt, wer die Macht hat.
Und das macht mich am Traurigsten. Die Eltern können ihre Kinder nach den drei Wochen wieder lieben. Weil sie sich dann so verhalten, wie sie sich das vorgestellt haben. Weil sie jetzt das Kind haben, das sich so führen lässt, wie sie es erwarten.
Was dabei so völlig, völlig verloren geht, sind die Kinder. Die Gründe haben für ihr Verhalten. Man muss es gar nicht so sehr mit Juul halten, wie ich es gerne tue, denn ich glaube tatsächlich, dass Kinder Kooperationsmeister sind und immer das gerade bestmögliche Verhalten zeigen. Zwischen diesem Punkt und dem des Films liegen ja ein paar Welten, in denen das Kind in jedem Fall besser wegkommen wird als in der Welt Langers und seiner Angestellten.

Und damit erkläre ich mir auch die Härte des Personals. Sie nehmen das Kind als unerzogen und 'schrecklich' wahr und sie kennen nur diesen einen Weg, das Verhalten abzustellen. Dass es funktioniert, beweisen die Beobachtungen. Das unerwünschte Verhalten hört auf, die Kinder verhalten sich angepasst. Das Personal sind die 'Guten', die den hilflosen Eltern und ihren Kindern den Weg leuchten in ein besseres Leben. Sie sehen und spüren nicht, was vielleicht andere Menschen sehen und spüren, wenn sie die gleiche Situation sehen. Nicht die Hilflosigkeit, nicht die Angst oder die Panik, nicht die existenzielle Not. Ich kann für mich sagen, dass ich weiß, wie es sich anfühlt, nachts im Dunklen eingesperrt zu sein und zu schreien, hoffend, dass jemand kommt und den Alptraum beendet. Und ich weiß, wie lange solche Erfahrungen nachwirken, wie tief sie verletzen, wie nachhaltig sie sich auf das ganze Leben auswirken. Glücklicherweise weiß ich nicht, wie es sich anfühlt, im Schraubstockgriff gefüttert zu werden bis zum Erbrechen, vor einem sensationslustigen Publikum, das mir dabei zuschauen darf.

Nach einer solchen Erfahrung können sich Eltern und Kinder nicht mehr auf Augenhöhe begegnen. Die Machtverhältnisse wurden ein für allemal geklärt.
Und damit ist den hilfesuchenden, verzweifelten Eltern kein Vorwurf zu machen, sie werden ja aktiv, sie möchten ja Hilfe suchen und annehmen, sie vertrauen darauf, dass Fachleute wissen, was sie tun. Und darauf, dass ihr Kind keinen Schaden daran nimmt.
Wenn gar nichts, gar nichts anderes mehr geht in dem Moment, dann ist Gelsenkirchen natürlich besser als ein Schütteltrauma mit lebenslangen Folgen oder gar Tod. Aber dass ein Behandlungssystem, das in den 90ern schon kritisch beurteilt wurde, immer noch als Heilsbringer verkündet werden darf UND z.B. Renz- Polster mit rechtlichen Konsequenzen gedroht wird, weil er es wagt, eine andere Meinung zu haben und zu veröffentlichen, das schockiert mich wirklich.
Liebe Grüße, GiraeffchenBild mit dem großen Knopf und dem Herbstwichtel


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Die Zunge verwelkt,
wenn man sie nicht gebraucht."

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Tutti
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Tutti »

Danke Giräffchen für deinen, wieder mal, differenzierten und klugen Beitrag!


Ich schmeiße mal wieder einen Link. Diesen Artikel finde ich tatsächlich sehr, sehr gut.
https://mobil.nwzonline.de/oldenburg/bi ... 06510.html
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Pelufer
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Pelufer »

Ich habe jetzt nicht alles gelesen, mich beschäftigt zu dem Film immer nur die Frage ob sich die Filmemacher und die Eltern nicht der Beihilfe zur Kindesmisshandlung schuldig gemacht haben. Der Kinderschutzbund ist in seiner Wortwahl ja sehr vorsichtig und zurückhaltend. Ich persönlich kann es kaum ertragen, dass Kinder gequält werden und das im Kino als Dokumentation gezeigt werden darf.
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Cocolin
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Cocolin »

RP schreibt nochmal zum Thema:

https://www.kinder-verstehen.de/mein-we ... Q_11nUipkA

Giräffchen, das hast du gut formuliert, finde mich da in vielem wieder.
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von klecksauge »

Renz-Polster hat einen neuen klugen Artikel veröffentlicht, der sehr gut zu deinem Beitrag passt, Giräffchen.
https://www.kinder-verstehen.de/mein-we ... 0a3r7mkqeU
Liebe Grüße aus den Norden von
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Giraeffchen
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Giraeffchen »

Ich hab's auch gerade bei Facebook entdeckt und wollte es hier teilen.
Gedanklich hing ich auch noch daran, wann aus der allergologischen Abteilung wohl die Psychosomatik wurde, in der Allergien nur noch ein Beschwerdebild von vielen waren.
Liebe Grüße, GiraeffchenBild mit dem großen Knopf und dem Herbstwichtel


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blauelagune
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von blauelagune »

Was sagen eigentlich die Kollegen aus der Dermatologie zu der Herangehensweise von Stemmann und Langer?

Ich habe selbst ND, inzwischen geht es gut. Aber ich hatte durchaus auch Phasen, in denen meine Haut so aussah wie beim Sohn von netteanne. Ich weiß, was die ND auslöst, Stress spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Nicht zu kratzen ist Folter, ja, aber man sollte doch auch wissen wie, damit nicht auch noch alles vereitert oder alles so großflächig offen ist, dass die Klamotten dran festkleben und man alles anfeuchten muss, wenn man sich ausziehen will.

Den Trailer hab ich gesehen, der reicht mir auch. Mir ist die Art des Arzt - Ist das Langer? - so dermaßen unsympathisch, dass es mich regelrecht aggressiv macht.

Mir ist vollkommen schleierhaft, wie die SZ zu dem Urteil "Ein Muss für alle Eltern" kommt. Bei der Supernanny war klar, da werden aus unfähigen fähige Eltern gemacht in 45 Minuten mit krassem vorher nachher. Und hinterher kam Raus aus den Schulden , wo aus überschuldeten Verschwendern, Sparfüchse gemacht wurden, auch in 45 Minuten. Das war die Welt in schwarz und weiß und was dazwischen gab es nicht.

Was will der Film eigentlich zeigen?. Dass Eltern beigebracht wird, wie sie ihre Kinder "auf Kurs bringen"?
mit den drei Jungs (08/09) und (06/12) und (06/16)
kiezkind
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von kiezkind »

netteanne,
danke dass du hier so ausführlich schreibst. Ich denke die Tage immer wieder an dich. Ja da muss sicher eine Menge in dir lebendig sein!
Ich danke dir wirklich für deine Offenheit! Diese Offenheit ist etwas so lebendiges.

Zu arg viel mehr zu schreiben fehlt mir die Zeit.
So fürchterlich ich den Film finde, vorallem mit dem Titel, so oft begegnet mir doch im Beruf noch diese Haltung.
Auch als Eltern sind wir mal in unserer verzeweiflung an das KIT, Körperintaratkionstherapie nach Streit und Jansen geraten. Fürchterlich....hat uns nachhaltig verletzt. Auch so perfide wie bei Langer.... Worte, Sätze die Sinn ergeben, die Sehnsucht erwecken, doch die Handlungen dazu, völlig quer und gewaltsam.

Doch ich finde es wunderbar, dass es jetzt offen liegt und wünsche mir sehr sehr dass etwas daraus entsteht!
mit Weihnachtswichtel 2010 und April Junge 2013 und September 2017 Mädchen im Arm/Tuch
Lösche Benutzer 7240

Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Lösche Benutzer 7240 »

Ich kann noch nicht mal die Artikel von Renz-Polster lesen, das geht mir schon zu nahe ... :cry:
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Mutterhenne
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Re: Film Elternschule im Kino

Beitrag von Mutterhenne »

Hmmmm... ER arbeitet anders, aber das sei alles lege artis: http://www.lvz.de/Nachrichten/Wissen/Fi ... rstaendnis
Aber einen Teil der Kritik am Film teilt er trotzdem.
"Die meisten Zitate im Internet sind falsch." (Aristoteles)

Grüße von der Henne
mit Superheldin (09/2013), Piepselchen (11/2018) und den Schutzengel-* (März 2012, November 2017, April 2021)
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