Probieren einfordern ja oder nein

für die schwangere und/oder stillende Mutter (und ihre Familie)

Moderator: britje

Antworten
Lösche Benutzer 5914

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 5914 »

Ich habe das Gefühl, dass es bei allen Threads, die sich mit "Wie macht man es nun in der Erziehung" beschäftigen irgendwann einfach nur um Rechthaberei geht. Es schwingt beim Leben immer soooo viel Mütter-Wettkampf mit!
Wir begegnen unseren Kindern doch alle mit Respekt. Und ich glaube, dass zwischen "Ich möchte, dass mein Kind das probiert" und "Ich lege es hin, aber mein Kind muss es nicht probieren" faktisch kaum ein Unterschied besteht. Ich kann mir niemanden hier aus dem Thread vorstellen, der sein Kind regelrecht zwingt oder nötigt, die Dinge zu probieren. Denn wie sollte das gehen? Mund aufsperren und reinschieben? Das macht doch niemand! Also wird hier faktisch NIEMAND sein Kind ZWINGEN, etwas zu probieren, auch wenn es Ekel davor hat. - Ich glaube, dass das früher rigoroser gehandhabt wurde und ich glaube auch, dass diejenigen, die da eine sehr strenge Erziehung in Sachen Essen erlebt haben, da (zu Recht!) sehr empfindlich reagieren und bei diesem Thema angetriggert sind.
Bei uns zuhause "musste" auch probiert werden, aber ich habe das nie als Nötigung oder gar übergriffig empfungen. Es war halt eine Regel und ich habe auch so manches Mal von dieser Regel profitiert. Ich erinnere mich daran, dass ich mich geweigert habe, Teewurst zu probieren, weil die für mich in eine Kategorie fiel mit Leberwurst, die ich überhaupt nicht mochte. Meine Mama hat dann mit Nachdruck darauf bestanden, dass ich Teewurst probiere, weil sie wusste, dass die trotz ähnlichen Aussehens anders schmeckt und weil sie sich sehr sicher war, dass ich sie mögen würde. Ich mochte sie. Mir wäre sicher manch ein guter Geschmack entgangen, wenn ich als Kind alles das nicht probiert hätte, was mir aus irgendeinem Grund suspekt war. Thunfisch sah für mich ekelhaft aus und entpuppte sich nach der Überwindung, ihn zu probieren, als echter kulinarischer Gewinn. Klar kann Abneigung auch bedeuten, dass ein Schutzmechanismus dahinter steckt, aber in meinem Fall war es einfach manchmal kindliche Dummheit, glaube ich. Ich musste also oft probieren (bei nicht Gefallen dufte ich auch ausspucken und dann nicht wieder probieren) und es hat mir überhaupt nicht geschadet. Ich bin nicht essgestört, esse heute bis auf ganz wenige Ausnahmen, die ich schon als Kind nicht mochte, echt alles und finde, dass man manchmal auch die Kirche im Dorf lassen muss.
Lösche Benutzer 5914

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 5914 »

Und zum Thema Süßigkeiten ist das ganz kindabhängig, da gibt es sicher kein objektives richtig und falsch. Meine Tochter konnte immer schon gut mit großer Freiheit umgehen. Sie teilt gerne, isst nie maßlos und ich kann ihr ohne Probleme alle Süßigkeiten in ihr Zimmer stellen - sie würde sich das einteilen. Mein Sohn stopft alles in sich hinein, was er finden kann. Wenn ich ihm ihn jede Hand drei Gummibärchen gebe und sage, dass er die aus der einen Hand seiner Schwester geben soll, würde er sie alle wegessen auf dem Weg, zurückkommen und behaupten "Tali (seine Schwester) will noch mehr!" :lol: Er kann das nicht, wenn ich ihm den Umgang freistellen würde, dann isst er maßlos und zu den Mahlzeiten nicht. Natürlich möchte ich aber trotzdem Süßigkeiten erlauben und irgendwie einen nicht zu strengen Umgang damit pflegen. In der Regel bedeutet das, dass wir nie/selten Süßigkeiten zuhause haben, sondern gezielt einkaufen. Und dann sage ich eigentlich auch immer "ja", wenn die Kinder im Supermarkt etwas Süßes wollen.
Aber was würdet ihr machen, wenn man mit Süßigkeiten, die sich die Kinder aussuchen durften, vom Einkaufen kommt und das gemeinsame Essen direkt bevorsteht? Meine Große weiß, dass ich nicht möchte, dass direkt vor´m Essen genascht wird. Sie schlägt selbst vor "Als Nachtisch?" und das kann ich gut bejahen, weil ich weiß, dass sie normal isst bis sie satt ist und danach isst sie halt noch was Süßes. Wenn ich meinem Sohn dasselbe sagen würde, würde der (sonst guter Esser) sein Essen verweigern und nur auf "Nachtisch" lauern. Ich wüsste gar nicht, wie ich das anders regeln sollte als zu sagen, dass ich möchte, dass er normal zu Mittag isst, weil man sich nicht nur von Nachtisch ernähren kann.
Lösche Benutzer 14500

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 14500 »

talismama hat geschrieben: Aber was würdet ihr machen, wenn man mit Süßigkeiten, die sich die Kinder aussuchen durften, vom Einkaufen kommt und das gemeinsame Essen direkt bevorsteht? Meine Große weiß, dass ich nicht möchte, dass direkt vor´m Essen genascht wird. Sie schlägt selbst vor "Als Nachtisch?" und das kann ich gut bejahen, weil ich weiß, dass sie normal isst bis sie satt ist und danach isst sie halt noch was Süßes. Wenn ich meinem Sohn dasselbe sagen würde, würde der (sonst guter Esser) sein Essen verweigern und nur auf "Nachtisch" lauern. Ich wüsste gar nicht, wie ich das anders regeln sollte als zu sagen, dass ich möchte, dass er normal zu Mittag isst, weil man sich nicht nur von Nachtisch ernähren kann.
Süßigkeiten und Mahlzeiten entkoppeln? Also: An die Regel erinnern, dass vor dem Essen nicht genascht werden sollte, weil Süßigkeiten ein Genussmittel snd und nicht dazu da, den Hunger zu stillen und dass es nachmittags (=losgelöst vom Essen, d.h. eben nicht als Nachtisch) eine Süßigkeit gibt?

Ansonsten habe ich mal ein Zitat. Mit Juul! :-))
In der Kinderpsychologie gilt, dass Kinder von sich aus gerne kooperieren. Sie verhalten sich zunächst authentisch, das heißt, dass sie nach echter Überzeugung oder Empfindung handeln. Dazu müssen sie sich aber ernst genommen und wertgeschätzt fühlen (Juul 2005). Zwang führt dagegen zu Gegenwehr, auch beim Essen (Galloway et al. 2005; Orrell-Valente et al. 2007). Nebenbei verdirbt Zwang auch den Genuss, die Freude am Essen. Dabei handelt es sich um entscheidende Faktoren für ein gesundes Essverhalten, die in der bisherigen Gesundheitsdiskussion unterschätzt werden (Rützler 2007).

Weit verbreitet ist die Regel, „von jeder Speise wenigstens ein bisschen zu probieren“. Es handelt sich dabei um eine kontrollierende, verpflichtende Strategie. Zwar lernen Kinder einerseits gemäß dem „mere exposure effect“ Speisen zu mögen, die sie probieren und nicht nur anschauen (Birch et al. 1987). Andererseits haben Kinder ebenso wie Erwachsene schon beim Ansehen und Riechen einer Speise und nicht erst nach dem Probieren eine genaue Vorstellung davon, ob sie diese essen möchten. Sie sind aber misstrauischer („neophobischer“), weil sie beim Essen weniger von der Ratio als von Gefühlen gesteuert sind. Das Probieren findet daher am besten in einer „nicht-zwanghaften“ Atmosphäre statt (Savage et al. 2007), um nicht auf Kosten der Esslust zu gehen und den Weg für unnötige Machtkämpfe bei Tisch zu ebnen (Juul 2005). Überdies funktioniert der „mere exposure effect“ bei energiedichteren, beliebteren Speisen besser als bei energieärmeren, neutralen (Johnson et al. 1991; Jansen/Tenney 2001). Das heißt, gerade beim ungeliebten Gemüse könnte diese Strategie versagen. Der „mere exposure effect“ kann also als Anreiz dienen, sich um das Kennenlernen vieler neuer Speisen in der Kleinkindzeit zu bemühen, nicht aber als Begründung dafür, alle Speisen probieren zu müssen."


(Quelle: http://link.springer.com/chapter/10.100 ... -92886-9_5)
Lösche Benutzer 1828

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 1828 »

Kindliche Dummheit - das stört mich sehr. Auch ein Kind kann sich selber ernähren.
Und wenn es eben mal eine nackte-Nudel-Phase hat.
Ich empfinde das als Zwang. Auch ohne Mund aufreissen.
Lösche Benutzer 14500

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 14500 »

Ach so: Mere Exposure bedeute soviel, wie "je mehr Kontakt ich zu etwas habe/je vertrauter ich mit etwas bin, desto mehr mag ich es". Funktioniert auch bei Menschen bzw. dem Mögen von Menschen! (Außer beim Miffimann, wenn er schlafen möchte, dann gilt eher das Prinzip des minimal exposure, wie das auf dem Mann herumturnende Kletterkind gerade lernen musste.)
Lösche Benutzer 14500

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 14500 »

Ach, und for the record: Hier ein probierfreier Haushalt aufgrund frühkindlichen Hirseprobiertraumas bei der Kletterkindmutter. (Buäh!! Hirse!! *würg*)
Lösche Benutzer 5914

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 5914 »

Sandküste hat geschrieben:Kindliche Dummheit - das stört mich sehr. Auch ein Kind kann sich selber ernähren.
Ich spreche ja von mir. Von daher finde ich das legitim. :lol: Ich würde schon im Nachhinein sagen, dass es dumm war, der leckeren Teewurst nicht von mir aus eine Chance zu geben, nur weil sie ihrer nicht-schmeckenden Artverwandten der Leberwurst so ähnlich sieht. :mrgreen:
Benutzeravatar
Giraeffchen
Moderatoren-Team
Beiträge: 5639
Registriert: 10.01.2011, 15:31

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Giraeffchen »

Das Problem ist doch: Formuliere ich ans Kind, dass ich erwarte, dass es probiert, dann entsteht Druck. Und zwar auf beide Seiten. Ans Kind, probieren zu müssen, an mich, mich 'durchsetzen' zu müssen.
Da ist Machtkampf vorprogrammiert und dabei kann jeder nur verlieren.

Es ist ein Unterschied, ob ich ganz locker sagen kann: 'Wenn du möchtest, dann probiere es!' und das auch wertfrei so meine. Denn der Umkehrschluss ist halt: 'Lass es sein, wenn du nicht möchtest.'
Sage ich aber: 'Einmal wird probiert!' Dann muss ich das zur Not auch gegen den Willen und den Ekel des Kindes durchsetzen.

Ich glaube, ich habe hier irgendwann schon mal die Geschichte erzählt, die ich vor einigen Jahren im Kindergarten erlebt habe. Alle Kinder mussten den Gemüseeintopf probieren. Eines wollte nicht. Konnte nicht. Ekelte sich.
Es saß vor seiner kalt werdenden Suppe und wurde erst freundlich, dann immer nachdrücklicher aufgefordert. 'Nur ein Löffel. Das ist nicht schwer. Mach! Dann darfst du aufstehen. DU entscheidest, ob du da sitzen bleiben musst.'
Die Tränen tropften in die Suppe, die anderen Kinder gingen auf den Spielplatz. Eine Erzieherin blieb sitzen und redete dem Kind immer wieder zu. Mittlerweile selber aufgebracht, sie konnte nicht mehr zurück und dem Kind den Ausweg 'Lass es stehen' anbieten. Es war eine furchtbar verfahrene Situation.
Irgendwann schob das Kind, heftig schluchzend, einen Löffel Suppe in seinen Mund, schluckte- und erbrach sich über den ganzen Tisch.
Den er dann säubern musste. So ein Trotzkopf, auch noch mit Absicht die ganze Bude vollgekotzt.

Natürlich wollte die Erzieherin dem Kind _eigentlich_ nur das Beste. Sie sagte mir auch im Gespräch, dass das Kind ja 'lernen müsse', dass das lecker schmeckt.
Aber was hat es effektiv gelernt? Über Macht, Hilflosigkeit, Freude am Essen, Vertrauen in das eigene Gefühl? :?

Kinder spüren, ob Druck hinter einem Satz steht oder nicht.
Selbst dann, wenn es nicht so eskaliert wie in meinem Beispiel wissen sie genau, ob sie wirklich frei entscheiden dürfen oder ob mehr dahinter steht. Viele probieren, um dem Erwachsenen eine Freude zu machen, auch gegen den eigenen Willen. Ob das gut ist, im Hinblick darauf, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren?

Wir haben den unfassbaren Luxus, dass Essen tatsächlich Spaß machen darf. Unsere Kinder müssen nicht den ganzen Winter Steckrüben oder Milchreis essen, damit sie nicht verhungern und weil es nichts anderes gibt, ob es sie ekelt oder nicht. Meine Eltern haben da noch ganz andere Erfahrungen machen müssen, in der Nachkriegszeit.

Und dann glaube ich, sind Kinder einfach sehr unterschiedlich.
Dem einen macht das probieren nach Ansage wenig nbis gar nichts aus (wie talismama schreibt), die anderen ekeln sich so sehr, dass sie sich übergeben müssen. Irgendwo im thread gab es das beispiel schon mal.
Es ist wichtig, dass der Erwachsene da sensibel genug ist, das zu erspüren. Und dem Kind Wege bietet, ohne dass es dabei gezwungen werden muss.

Oft spielt aber auch sowas rein wie: 'Ich habe für dich gekocht, du lehnst mein Essen ab'- das fühlt sich wie eine (unbewusste) Zurückweisung an. Es ist so wichtig, selber reflektiert zu schauen, immer und immer wieder, warum verhalte ich mich wie, was macht das Verhalten des Kindes mit mir. Und wie kann ich daran drehen, dass es für alle gut ist?

Edit: Jetzt sind soviele Beiträge dazwischen gekommen, ich schicke erst mal ab und lese dann nach. :D
Liebe Grüße, GiraeffchenBild mit dem großen Knopf und dem Herbstwichtel


Bild Bild


"Es ist gefährlich,
zu lange zu schweigen.
Die Zunge verwelkt,
wenn man sie nicht gebraucht."

(Astrid Lindgren)
Lösche Benutzer 14500

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 14500 »

Ich mag mal bei Giraeffchen vollumfänglich unterschreiben.Schöner Beitrag, danke!!
Lösche Benutzer 5914

Re: Probieren einfordern ja oder nein

Beitrag von Lösche Benutzer 5914 »

Miffi hat geschrieben:
talismama hat geschrieben: Aber was würdet ihr machen, wenn man mit Süßigkeiten, die sich die Kinder aussuchen durften, vom Einkaufen kommt und das gemeinsame Essen direkt bevorsteht? Meine Große weiß, dass ich nicht möchte, dass direkt vor´m Essen genascht wird. Sie schlägt selbst vor "Als Nachtisch?" und das kann ich gut bejahen, weil ich weiß, dass sie normal isst bis sie satt ist und danach isst sie halt noch was Süßes. Wenn ich meinem Sohn dasselbe sagen würde, würde der (sonst guter Esser) sein Essen verweigern und nur auf "Nachtisch" lauern. Ich wüsste gar nicht, wie ich das anders regeln sollte als zu sagen, dass ich möchte, dass er normal zu Mittag isst, weil man sich nicht nur von Nachtisch ernähren kann.
Süßigkeiten und Mahlzeiten entkoppeln? Also: An die Regel erinnern, dass vor dem Essen nicht genascht werden sollte, weil Süßigkeiten ein Genussmittel snd und nicht dazu da, den Hunger zu stillen und dass es nachmittags (=losgelöst vom Essen, d.h. eben nicht als Nachtisch) eine Süßigkeit gibt?
Es gibt hier aber nunmal manchmal Nachtisch. Meine Tochter isst trotzdem gut, mein Sohn isst dann lieber sparsam bis gar nicht, wenn er weiß, dass es Nachtisch gibt. Generell keinen Nachtisch mehr anbieten, obwohl das recht unfair gegenüber der Großen ist? Ich finde das echt schwierig, so unterschiedlichen Kindern gerecht zu werden.
Antworten

Zurück zu „Gesunde Ernährung“