Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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spacerabbit
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Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von spacerabbit »

Also, in einer Woche ist die Kleine zwei Jahre alt, und ich hätte niiiie gedacht, dass wir mal so lange stillen werden. Aber nun hat es sich eben so ergeben, alles klappt gut, und die Kleine braucht das Stillen noch in vielen Situationen. Eigentlich alles okay, aber irgendwie fühle ich mich doch manchmal komisch, wenn wir in Gegenwart von anderen stillen. Es hat zwar noch niemand etwas Negatives gesagt, aber irgendwie ist das einfach in mir drin, dass es mir manchmal irgendwie unangenehm ist, dass ich noch stille, obwohl ich doch dahinter stehe. Kennt Ihr dieses Gefühl? Und könnt Ihr mir bitte einfach mal Eure Erfahrungen und Gefanken schreiben? Ich glaube, das würde mir helfen, danke schon mal!
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klimaforscherin
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von klimaforscherin »

Ja, das Gefühl kenne ich auch. Wir stillen inzwischen nur noch zuhause. Aber wenn ich gefragt werde, bin ich ehrlich. Kommen halt nicht viele auf die Idee, zu fragen.

Aber ist doch toll, dass niemand etwas sagt: Offenbar machst du einen so überzeugten und selbstbewussten Eindruck, dass es niemand für nötig hält, dir etwas zu sagen. :D
Und was ist in einer Woche denn anders als heute?
Grüße
klimaforscherin
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EhUSb

Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von EhUSb »

Meine Tochter ist erst 16 Monate alt, aber ja, das Gefühl kenne ich.
Da sie jetzt krank ist, stillt Clara gerade auch noch sehr viel und manchmal frage ich mich auch, was die Leute denken, wenn mein Kind erst durch die Gegend wuselt und spricht (das kann sie schon sehr gut) und kurz darauf andockt. Ich versuche immer, mir zu sagen, dass es ja mistegal ist, was andere denken - aber wenn ich mich gerade nicht so wohl fühle und/oder selbst genervt bin vom Stillen, dann ist es mir doch auch manchmal unangenehm.

Was mir sehr geholfen hat, war, dass Clara jetzt eine Woche vollgestillt hat, weil sie sehr krank war. Ich war SOO erleichtert, dass es etwas gab, dass sie zu sich genommen hat! Wir sind dennoch im KKH gelandet (Lungenentzündung+ Virusinfekt) und dort haben ALLE; sowohl Schwestern als auch Ärzte, betont, dass es gut ist, dass sie noch stillt und dass man sich dann keine Sorgen machen müsse und es in dieser Stuation prima und das allerbeste sei. Eine zeitlang habe ich mir das Zimmer mit einer jungen Tunesierin geteilt, die gerade ihr erstes Kind bekam - sie sagte, im Koran sei es vorgesehen, Kinder zwei Jahre zu stillen, sie verstehe gar nicht, warum manche das seltsam fänden.

Insgesamt war es eine sehr sehr wohlwollende Atmosphäre und es hat mir die Vorteile des Stillens nochmal vor Augen geführt - und nun bin ich auch wieder gelassener, was meine Einstellung zum Stillen betrifft. (Naja, das KKH war trotzdem blöd, schöner wäre ja eine entspanntere Haltung OHNE Krankheit gewesen....)
KinderKinder
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von KinderKinder »

klimaforscherin hat geschrieben:Ja, das Gefühl kenne ich auch. Wir stillen inzwischen nur noch zuhause. Aber wenn ich gefragt werde, bin ich ehrlich. Kommen halt nicht viele auf die Idee, zu fragen.
Ich unterschreibe hier ganz faul, ist bei uns auch so
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Campanula
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von Campanula »

Auch ich moechte Dir natuerlich Mut machen :-D

Und ich moechte gleich noch das (partiell geklaute und zugegebenermassen etwas kitschige) Motto in den Raum stellen "Sorge dich nicht - stille!" :lol:
Denn daran halte ich mich inzwischen.

Hier meine Erfahrungen und Gedankengaenge dazu:
Selbst als ueberzeugte und gut informierte Stillende mit stillfreundlichem Umfeld merkte ich, wie sich in meinem Kopf so kleine "Umgebungs-Sensoren" meldeten, als meine Tochter langsam ins Laufalter kam.
Ich habe ein relativ kleines, schmales Kind, das ohnehin eher mal juenger geschaetzt wird, und zudem eher etwas spaeter mit dem Krabbeln, Aufrichten und Laufen begann. Daher hatte ich (wohlgemerkt: was ifh jetzt schildere spielte sich allein in meinem Kopf ab!) recht lange Zeit den Eindruck, stilltechnisch quasi "unter dem Radar" fliegen zu koennen, da meine Tochter fuer die Umwelt noch als Baby wahr genommen wurde.
Als sie dann tatsaechlich ins Laufalter kam und von aussen eher als Kleinkind wahr genommen wurde, hatte ich dann eine Phase, in der ich zwar weiterhin unverdrossen in der Oeffentlichkeit stillte, aber gleichzeitig spuerte, wie ich mich innerlich regelrecht dafuer wappnete, nun wohl bald das erste Mal schief angesehen, angestarrt oder gar dumm angequatscht zu werden. Ein laufendes Kleinkind stillen? Nun werden wohl bald die boesen Umwelt-Reaktionen kommen, von denen immer berichtet wird! Meine innere Auseinandersetzung mit diesem befuerchteten Szenario lief irgendwo zwischen "Oh weh!" und "Ha! Sollen die nur kommen! Denen zeig ich schon, wo der Hammer haengt!" ab.
Und was kam wirklich?! NIX :lol: Ich stille nun ueber zwei Jahre immer und ueberall in der Oeffentlichkeit, wenn es grad fuer uns beide sinnvoll erscheint, zuletzt heute im Zoo im total ueberfuellten Affenhaus, kaempfend mit zig Schichten stoerender Winterkleidung und immer halb im koerperlichen Clinch mit anderen sich vorbeidrueckenden Passanten. Viel uneleganter geht es kaum. Hat es jemanden interessiert? Nicht die Bohne! Die hatten alle genug mit sich selbst, mit quengelnden Kindern und tropischen Innentemperaturen zu tun :-D
Insofern meine erste Erkenntnis: It's all in your (own) head! :lol:
Je weniger man sich eine Kopf ueber die Sache macht, umso besser, denn es ist echt unnoetig verschwendete Energie.

Zweiter Punkt: gerade in der oben geschilderten ersten Laufling-Phase, in der ich also recht sensibel meine Umwelt auf Reaktionen zum oeffentlichen Stillen regelrecht "abscannte", machte ich sehr ueberraschende Erfahrungen, wenn ich denn tatsaechlich mal merkte, dass ein Blick mal laenger als ueblich an uns haften blieb.
Z.B. sowohl auf dem Spielplatz als auch in der Kita kam es dann nach solchen Blicken aber immer zu sehr ueberraschenden Aeusserungen. Hatte ich gerade noch gedacht "oh, oh, jetzt geht es los, gleich kommt der erste negative Kommentar", so war dann die reale Reaktion eine ganz andere, naemlich jedes Mal entweder "also, ich hab ja auch recht/so/ziemlich lange gestillt" oder wahlweise "ach, ich haette ja auch gerne so lange gestillt" (verlaengert durch Klassiker wie "aber mein Kind hat sich selbst mit xy Monaten abgestillt"/"aber dnn musste ich ins Krankenhaus und durfte nicht mehr stillen"/"aber dann sagte mir mein Arzt, ich solle nicht mehr stillen" - alles die typischen Fehl-Info-Gruende, die mich mit diesen Frauen immer sehr mitfuehlen lassen).
Auch an dieser Front also: totale Entwarnung! Niemand will einem ans Leder ujd nicht jeder vermeintlich "schraege" Blick ist auch einer. ;-)

Dritter Aspekt: ja, sicherlich gibt es auch mal negative Erfahrungen (obwohl sowhl Du als auch ich bis heite keine hatten) - das will ich gar nicht in Abrede stellen. Und ich fuehle mit jeder Frau mit, die dies in ihrem naeheren oder weiteren Umfeld erlebt und darunter leiden muss! Aber Hand aufs Herz: Idioten gibt es immer!
Ich hab hier ne Frau in der Strasse, die blafft mich jede zweite Woch total grundlos wegen meines von mir an der Lei e gefuehrten Hundes an - er wuerde ihr zwischen die Beine laufen (sie muss dabei schreien, weil der Hund noch mehrere Meter von ihr weg ist :-D ). Und war die Schwiegermutter/Tante/Krabbelgruppenleiterin die den boesen Anti-Still-Kommentar ablaesst, nicht auch schon vor diesem Kommentar eine ziemliche Ziege, da sie auch bereits ungefragt Kommentare zum Schlafen/Essen/Tragen oder sonstwas abgab?
Soll heissen: bei kaum einem anderen Thema reagieren wir so sensibel und ziehen uns so schnell den Schuh der Verunsicherung an, wie beim Stillen! Andere negative Kommentare zu unserem Alltagsleben oder unserer Kindererziehung nehmen wir meist lange nicht so schnell so schwer wie ausgerechnet die Stillkritik. Hier kommen wir immer direkt ins Zweifeln, statt uns zu sagen "nicht ich bin der Exot, sondern die andere Seite ist schlichtweg schlecht inform
iert und hatte vermutlich zudem grad nen schlechten Tag - abhaken umd vergessen".

Was mich zu Punkt vier bringt, der mir echt am Herzen liegt:
Selbstverstaendlich ist es jeder Frau ueberlassen, ob, wie lange und auch wann und WO sie stillt!
Nur: wie kommen wir je aus diesem falschen Oeffentlichkeitsbild und dem Gefuehl, dass man die einzige laenger bzw oeffentlich Stillende ist, hinaus, wenn aus genau diesem Grund niemand oeffentlich stillen mag und sich versteckt?!
Noch einmal betont: ich respektiere jede Frau, die sagt, sie habe ein Problem mit ihrem Koeper oder Teilen davon und wolle sich nicht oeffentlich durch das Stillen exponieren.
Aber Fakt ist doch, dass wir niemals hin zu einer Normalitaet des Stillens in der Oeffentlichkeit im Allgemeinen und dem Stillen groesserer Kinder im Besonderen kommen werden, wenn nicht wenigstens die wenigen, die dies eigentluch tun koennten auch tatsaechlich tun, statt sich "nur" deswegen zu verstecken, weil sie ja sonst die einzigen(n) waeren.
Wir brauchen stillende Muetter in der Oeffentlichkeit ganz dringend!
Denn jede einzelne ist so eine grosse Ermutigung fuer die naechste Mutter, dies auch zu tun!
Es ist ein Signal "ja, Du darfst das! Du bist nicht allein! Stille Dein Kind, so lange es sich fuer Euch beide richtig anfuehlt! Das ist normal! Viele tun das!"
Und ohne dieses Signal kommen wir nicht einen Schritt weiter.
Wir brauchen eine moeglichst grosse Lobby. Wir brauchen Oeffentlichkeit.
Deutschland hat keine vernuenftige Stillkultur - aber daran koennen nur WIR etwas aendern.
Wir sind diejenigen, die die Basis dafuer schaffen, dass andere Muetter Zutrauen zu sich selbst, zu ihrem Koerper und Selbstbewusstsein gegenueber einer leider ueber Jahrzehnte gezielt fehlinfor
ierten Oeffentlichkeit haben.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass mal eine in Australien lebende SuTlerin die dortige, offensichtlich viel fortschrittlichere Stillkultur schilderte und schrieb, dass in Australien Muetter, die in der Oeffentlichkeit stillen wuerden, von andern Muettern (zufaelligen Passanten) sog. Stillpostkarten ueberreicht bekaemen.
Auf denen steht: "Danke, dass Du in der Oeffentlichkeit stillst und damit anderen Muettern Mut machst!"
Genau das tust Du, wenn Du weiter wie bislang einfach bedenkenlos Dein Kind dann stillst, wenn Ihr beide es fuer angebracht haltet. Du machst anderen Muettern Mut!

In diesem Sinne: Sorge Dich nicht - stille :-D
Wiebke mit dem kleinen bunten Schaf (w, *27.12.2010) - auch weiterhin im Tragetuch ;-)
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von LottesMama »

Wow Wiebke, was für ein schönes Posting!! :D
Ich werde ihn mir ausdrücken und durchlesen, wenn ich hoffentlich in 1,5 Jahren immer noch Stille und auch Bedenken habe in der Öffentlichkeit zu stillen!

Ganz liebe Grüße,
Rike
Große Schwester, 22.07.12

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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von sternknospe »

Habe meinen ersten Sohn drei Jahre gestillt und einige doofe Kommentare geerntet, die mich auch sehr verunsichert haben - aber rückblickend bin ich mir ganz sicher dass es absolut gut für ihn war.
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spacerabbit
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von spacerabbit »

Wiebke, danke, wow, ich bin beeindruckt. Deinen Text muss ich mir noch ein paar Mal ganz genau durchlesen. Toll, danke! Und, ja, es stimmt, es ist ja wirklich in unseren Köpfen drin, und das meiste denken wir uns nur, ohne, dass wirklich etwas passiert. Und auch ich war schon mal auch total froh, dass die Kleine noch gestillt hat, wenn sie krank war und gar nichts mehr zu sich genommen hat.
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Re: Bald sind wir Ü2, könnt Ihr mir Mut machen?

Beitrag von Imix »

hallo Wiebke,

sehr schön geschrieben. Danke.

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