Nun fand diese Diskussion in einer "normalen" Elterndiskussionsrunde statt und der Aufschrei war gross
Wenn man mal so drüber nachdenkt, dann fällt einem schon auf, WIE sehr schon die Kleinsten in Geschlechterrollen einsortiert werden. Manchmal sind sie noch im Bauch, da werden Mädchen schon "Prinzessin" gerufen und Jungs "Räuber" oder "Fussballer", das Zimmer wird blau oder rosa gestrichen und die Kleidung wird farblich vorsortiert. Jungs bekommen Autos und Spielschwerter geschenkt, Mädchen bekommen Puppen und Haarspängchen. Natürlich nicht ausschliesslich. Klar gibt es auch Jungs die mit Puppen spielen und Mädchen, die auf jeder Baustelle freudig die Bagger benennen. Aber ein gewisses Rollendenken ist eben doch da und lässt sich nicht verleugnen.
Sich dem (beinahe) komplett entziehen kann man wohl wirklich nur, wenn man das Geschlecht verschweigt. Dass das auf Ablehnung stösst, ist nur natürlich - man kann es in keine Schublade einsortieren, es nicht "zuordnen", muss es immer wieder neu definieren und genau anschauen. Aber ist das schlecht? Bekommen Kinder wirklich Identitäts- und Zuordnungsprobleme, wenn auf Geschlechterstereotypen verzichtet wird? Einem Einjährigen zum Beispiel ist es doch ohnehin wurstegal, ob es Junge oder Mädchen ist, es weiss ja nicht, was der Unterschied bedeutet. Und später, in der Schule? Wäre es nicht auch da schöner, sich einfach alles raussuchen zu können was man gern machen möchte, ohne Vorurteile? Ballett tanzen gehen zu können, wenn es einem Spass macht, auch wenn man biologisch als Junge geboren wurde, ohne sich anhören zu müssen das sei "mädchenhaft" oder "tuntig"? Eishockey oder Fussball spielen zu können, wenn einem danach ist, ohne beäugt zu werden? Sich vorurteilsfrei entscheiden können... ist das besser? Oder bekommt man eine Identitätskrise dadurch, sich keiner Geschlechtergruppe zuzuordnen, inklusive allem typischem Verhalten?
Wissen tun diese Kinder doch ganz sicher auch, dass manche Kinder einen Penis haben und später zu Männern heranwachsen und einen Bart bekommen, und andere eine Vulva haben und später Brüste bekommen und zu Frauen werden, die Kinder gebären können. Aufgeklärt werden sie ganz sicher auch. Aber es wird eben einfach keinen Wert auf die Geschlechterrollen gelegt, bzw es WIRD darauf Wert gelegt, dass es eben KEINE festgefahrenen Rollen und Vorurteile gibt, die das Kind unbewusst für sich annimmt, die auf es übertragen werden, noch ehe es richtig sprechen und laufen und für sich selbst denken und entscheiden kann.
Warum kommt es vielen so falsch vor, eben NICHT einordnen können, ob ein Kind männlich oder weiblich ist? Warum ist das immernoch die erste Frage, wenn ein Baby geboren wird, ob es ein Junge oder Mädchen ist? Ist es nicht eigentlich egal? Kann es nicht einfach nur ein Kind sein, ein Mensch sein? Und sich so entwickeln, wie es aus sich selbst heraus eben möchte?
Ich nehm mich da selbst nicht aus, auch ich ordne zu. Auch ich ertappe mich zu oft bei dem Gedanken, etwas sei "eher für Jungs" oder es sei "mädchenhaft" oder "mädchentypisch" - sei es Kleidung, Spielsachen, Verhaltensweisen... aber warum eigentlich? Ich hab es da ja noch verhältnismässig einfach mit meinen zwei Mädels - da ist es gesellschaftlich viel eher akzeptiert, wenn sie Unisexkleidung tragen (versuche ich überwiegend zu kaufen, ist aber extrem schwer zu finden!) oder "jungenhafte" Sachen tun. Wenn ein Junge jedoch einen Rock tragen will oder mit Rosaglitzerbarbies spielen will, da sträuben sich viele... Ist das nicht irgendwie schade? Oder ist das richtig und wichtig so, die Rollen beizubehalten? Im Arbeitsleben wird darauf orientiert, alle möglichst gleich zu behandeln, aber wir selbst geben unseren Kindern die gleichen Stereotypen weiter...
Wie seht ihr das? Gibt es hier jemanden, der seine Kinder vielleicht selbst so aufwachsen lässt oder anderweitig Erfahrungen damit gemacht hat? Wie funktioniert das im Alltag? (Meine Familie z.B. würde mir sprichwörtlich den Hals umdrehen, wenn ich nicht verraten würde, welches Geschlecht das Enkelchen hat und wäre höchst beleidigt.) Wie sind die Reaktionen? Kann sich jemand vorstellen, das selbst durchzuziehen? Ein reizvoller Gedanke ist es ja an sich schon, aber ich glaube, an der Umsetzung würde es scheitern. Vielleicht bin ich auch selbst zu vorurteilsbehaftet?
Was meint ihr dazu?