Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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Sibi
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Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von Sibi »

Ich bin gestern auf ein paar Kommentare von Entwicklungspygestoßen im I-Net, die dahin gingen, dass entwicklungspsychologisch das Stillen über einem Jahr das Risiko birgt, dass die Mütter nicht loslassen und die Kinder zu sehr auf die Mutter fixiert werden. Wird die WHO angeführt, so heißt es, dass es für diese Empfehlung finanzielle, soziale und evt. gesundheitliche, aber keine entwicklungspsychologischen Gründe gibt.

Gibt es hier User, die sich damit beschäftigt haben und mehr dazu sagen können? Mir geht es weniger um die Frage, ob das nun für den konkreten Einzelfall Quatsch ist oder nicht - ich denke, mein Kind hat sich im zweiten Jahr trotz Stillen genügend Autonomie "erkämpft" und es ist schön zu sehen, wie sie zunehmend weniger auf mich und mehr auf andere Familienmitglieder orientiert ist.

Mich interessiert aber trotzdem das Argument an sich - gibt es Studien dazu? Wie gut etabliert ist diese Schiene der Entwicklungspsychologie überhaupt, wie ernst kann man solche Erkenntnisse nehmen oder bewegt sich das methodologisch noch eher im Bereich von Thesen, die noch zu beweisen sind?
Sibi
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von Sibi »

Es soll heißen:
Sibi hat geschrieben:Ich bin gestern auf ein paar Kommentare von Entwicklungspsychologen gestoßen im I-Net
jusl
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von jusl »

Ich kenne keine einzige Studie, laut derer sich mehrjährig gestillte Kinder irgendwie entwicklungspsychologisch schlechter entwickeln würden als kurz oder gar nicht gestillte Kinder.
Wie gut etabliert ist diese Schiene der Entwicklungspsychologie überhaupt
Hinsichtlich der Wirkung langen Stillens? Meines Wissens nach gar nicht.

Die These "langes Stillen fixiert Kinder zu sehr auf die Mutter und Mütter können nicht loslassen" ist auch überhaupt nicht schlüssig, finde ich. Nach meiner Erfahrung sind lang stillende Frauen in modernen Gesellschaften häufig gerade solche Mütter, die sich besonders gut über die Bedürfnisse ihres Kindes informieren und sehr reflektiert an die Sache herangehen. Viel Für und Wider abwägen, ihre Wahrnehmung schärfen, sich immer wieder bei Kritik hinterfragen und positionieren müssen usw... diese Eigenschaften dürften meiner Ansicht nach die Chancen auf eine günstige Entwicklung des Kindes ERHÖHEN, nicht verringern.

Mit Sicherheit wird es auch lang stillende Mütter geben, die ihre Kinder ungesund beglucken, nicht loslassen, überbehüten. Aber das würden sie vermutlich auch, wenn das Kind warum auch immer bereits abgestillt wäre. ;-) Ich sehe das Stillen nicht als Ursache dafür, dass Mütter überbehüten, sondern allenfalls als eine mögliche Ausdrucksform des Gluckendaseins, neben zig anderen. Wir alle kennen doch solche Gluckenmütter, die hat es zu allen Zeiten gegeben, auch zu solchen, als gar nicht gestillt wurde: "Junge, hast du dich auch warm genug angezogen?" (und der "Junge" ist bereits Ende 50...)

LG
Julia
jusl
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von jusl »

Wird die WHO angeführt, so heißt es, dass es für diese Empfehlung finanzielle, soziale und evt. gesundheitliche, aber keine entwicklungspsychologischen Gründe gibt.
Ich finde, finanzielle, soziale und gesundheitliche Gründe reichen völlig. ;-) Dazu kommen übrigens auch zweifellos noch ökologische und gesamtwirtschaftliche! Diese fünf sind überzeugend nachgewiesen. Von daher find ich persönlich egal, ob das ganze jetzt auch noch entwicklungspsychlogisch beforscht wird oder nicht, und ob aus den Erhebungen die Empfehlung mehrjährigen Stillens explizit abgeleitet werden kann oder nicht. Hier auch wieder: ist doch nicht gerade plausibel, dass langes Stillen auf praktisch JEDES Körperorgan positive Auswirkungen hat, nachweislich auch auf die Gehirnentwicklung, aber auf die sozio-emotionale Kindsentwicklung (oder was auch immer) ausgerechnet nicht?!?..
Sibi
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von Sibi »

jusl hat geschrieben:Ich kenne keine einzige Studie, laut derer sich mehrjährig gestillte Kinder irgendwie entwicklungspsychologisch schlechter entwickeln würden als kurz oder gar nicht gestillte Kinder.

Die These "langes Stillen fixiert Kinder zu sehr auf die Mutter und Mütter können nicht loslassen" ist auch überhaupt nicht schlüssig, finde ich.
Ich finde die These bisher auch nicht schlüssig, aber ich dachte mir, jemand kann mir erklären, wie manche darauf kommen. :)

Ich habe bisher auch keine Studien gefunden, kenne mich aber auch nicht wirklich aus in dem Bereich.

Hinsichtlich der vielfältigen positiven Effekte des Stillens musst Du mich nicht überzeugen. Mein Kind wird wohl tatsächlich (was ich vor zwei Jahren im Traum nicht gedacht hätte) - sollte nicht irgendetwas dramatisches passieren - ein ü2-Stillkind werden, zumindest des Nachts. :wink:
jusl
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von jusl »

Ich finde die These bisher auch nicht schlüssig, aber ich dachte mir, jemand kann mir erklären, wie manche darauf kommen. :)
Naja, also "wie man drauf kommt" finde ich persönlich eigentlich relativ naheliegend: In unserer Gesellschaft bestimmen momentan rein individualistische Werte wie Selbstverwirklichung, Durchsetzungsvermögen, Eigenständigkeit, Selbstbestimmung usw. das Wertebild. Die Freiheit, tun und lassen zu können was man will ist das höchste Gut eines Jeden, Flexibilität und Spontanität sind höchst positiv besetzt.
Langes Stillen hingegen hat (zumindest in der Wahrnehmung vieler Leute) zu tun mit dem Gegenteil von alldem: Orientierung an den Bedürfnissen Anderer, das sich Binden an andere Menschen, anderen (auch körperlich) zur Verfügung stehen, weniger flexibel sein zu können... solche Dinge lösen heute Stirnrunzeln aus ("Was stimmt nicht bei denen, dass die Mutter das freiwillig auf sich nimmt?")
Daran muss doch also irgendwas faul sein... :lol:
asujakin
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von asujakin »

Ich denke DAS ist im Grunde des Ansatzpunkt, den man nutzen kann um genau damit PRO LZS zu argumentieren.

Denn große Stillkinder stillen nicht nur des Hungers wegen und SIE sagen deutlich wann sie Schutz/Hilfe/Trost/Nähe brauchen und werden darin bestärkt, dh. die Selbstwahrnehmung und Selbstständigkeit wird dadurch doch um ein vieles (!) mehr gestärkt als ein Kind, das ganz früh funktioniert und lern seine Bedürfnisse an die "Aussenwelt" anzupassen anstatt auf den eigenen Körper, das eigene Tempo und die eigenen Bedürfnisse zu hören. Es wird nach Plan gefüttert, abgestillt, bekocht, in Einrichtungen gesteckt usw und hat sich zu fügen. Selbstbestimmung? Fehlanzeige.

Ich persönlich nehme besonders LZS als sehr selbstbewusst war (im Sinne von "sich ihrer selbst bewusst", nicht zwingend selbstsicher!) und auch als eigenständig wenn sie in die Welt treten.

Bei meinem Sohn kann ich gut beobachten was passieren kann, wenn ein Vollblut-LZS-Kind NICHT gestillt wird. Ich bin der festen Überzeugung wir würden noch stillen ginge es, bzw hätten wir nie damit aufgehört. Und ich bin mir auch sicher es wäre so viel leichter in vielerlei Hinsicht. Er hätte erstmal diese EINE Bezugsquelle anstatt sich überlegen zu müssen... "Was ist für mich im Moment greifbar, was brauche ich?" Schnuller, Bezugsperson, Kuscheltier, Nähe, Kuscheln ? usw. Das kann so nen Zwerg schon ganz schön in die Predullie bringen, ich beobachte das nicht nur an meinem Kind diese Unsicherheit - sondern an gaaaanz vielen Kindern im Alltag. Der Urinstinkt meldet: STILLEN aber sie tun dann letztendlich doch etwas anderes, statt einer Quelle haben sie haufenweise "Ersatzobjekte" an die Hand bekommen und sind damit oft überfordert.


Für mich ist es immer paradox wie man auf Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit der Frauen pochen kann und dann genau diese Sachen den Kindern und der nächsten Generation quasi eben dies verwährt... :wink:
jusl
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von jusl »

Hm, also meine Argumentationslinie wäre das wohl eher nicht. :oops: :lol: Ich sehe das nicht als echte Argumente für langes Stillen, denn BELEGT ist davon nunmal nichts (meines Wissens nach). Es sind eher Vermutungen, Thesen, die überprüft werden müssten (hier ging es ja um den Zweig der Entwicklungspychologie).
Die Umweltbelastung durch Herstellung und Transport überflüssiger Babynahrung oder die Gesundheitskosten, die eine Gesellschaft wegen der Behandlung der durch zu kurze Stillzeiten mitverursachten Erkrankungen zu tragen hat, find ich da deutlich handfester.
Ich bezweifle, ob die Welt für diese Psycho-Aspekte wirklich ernsthafte Studien braucht. Reicht nicht "Tut uns gut, mein Kind und ich fühlen uns sehr wohl damit!"?

FÜR die Empfehlung mehrjährigen Stillens gibt es derzeit laut irgendwelcher Internetmenschen keine Empfehlung. OK, aber DAGEGEN mit Sicherheit auch nicht. ;-)
Das sollte man dann als Fachmensch auch so vermitteln, ist ganz einfach: "Keine wiss. Erkenntnisse zu dem Thema vorhanden - tun Sie einfach, was Sie möchten!" Und das ist ganz etwas anderes als "Lassen Sie es lieber, denn es gibt keine Gründe DAFÜR!"
FÜRS bunte Socken Anziehen oder FÜRS abends sein Kissen Herumdrehen gibt's auch keine Empfehlung - machen trotzdem lauter Leute, auch ohne Pro-Argumente. :lol:
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von 4tiere »

Ja, ich denke auch nicht rechtfertigen, sondern du könntest da fragen, wie sie das begründen, eben mit welcher Studie. Wäre doch spannend, was dann gesagt wird.
Bild-liche Grüße

Natalie
mit drei wundervollen Kindern!
Den beiden Großen (19m und 21w Jahre) und die kleine Maus (01.10.2011), die ich immer noch total genieße! Bild
Und das mit der Rechtschreibung lerne ich noch ... ;-)
(Manche andere Fähigkeiten erwerbe ich bestimmt auch noch, über Anregungen bin ich immer dankbar!)
Mondenkind
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Re: Entwicklungspsychologische Kritik am Stillen ü1

Beitrag von Mondenkind »

Denn große Stillkinder stillen nicht nur des Hungers wegen und SIE sagen deutlich wann sie Schutz/Hilfe/Trost/Nähe brauchen und werden darin bestärkt, dh. die Selbstwahrnehmung und Selbstständigkeit wird dadurch doch um ein vieles (!) mehr gestärkt als ein Kind, das ganz früh funktioniert und lern seine Bedürfnisse an die "Aussenwelt" anzupassen anstatt auf den eigenen Körper, das eigene Tempo und die eigenen Bedürfnisse zu hören. Es wird nach Plan gefüttert, abgestillt, bekocht, in Einrichtungen gesteckt usw und hat sich zu fügen. Selbstbestimmung? Fehlanzeige.
Ich finde auch nicht dass Nicht stillen/nicht lange stillen= fremdbestimmt und nicht bedürfnisorientiert. Ich kenne lang gestillte Kinder, deren sonstige Bedürfnisse sind ziemlich unerheblich. Und ich kenne nicht gestillte Kinder, auf die wird top eingegangen.
Langes Stillen ist EIN Weg, auf verschiedene Bedürfnisse einzugehen. Aber es ist keine Garantie für irgendwas und reicht auch alleine nicht aus um eine positive Entwicklung sicherzustellen.

Wenn ich überhaupt argumentieren wollte, dann mit jusls Argumentation. Meist diskutiere ich das aber gar nicht, höchtens mit "es gefällt uns, also ist es gut für uns".
Liebe Grüße, Mondenkind, Modteam Stillberatung

Sei ein Mensch! M. Reif

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