miss_undercover hat geschrieben:
"Trageberatung - für mich ist allein schon der Begriff lächerlich. Für so etwas Alltägliches wie Tragen braucht man doch keine Beratung! Das zeigt für mich wieder, wie Eltern heute systematisch in das Gefühl hineingedrängt werden, nichts allein zu können. Stattdessen bekommen sie suggeriert, für die simpelsten Dinge wie Stillen oder Tragen eine Beraterin zu brauchen. Ja, geht's noch? Soll es etwa bald auch Atemberater geben, damit die Eltern lernen, richtig Luft zu holen?" (Ein Orthopäde, der intensiv zum Thema Tragen geforscht hat)

Das finde ich mal ein gutes Statement. Ich finde es zwar ganz toll und wichtig, dass es Trageberaterinnen und Stillberaterinnen gibt, beides habe ich schon in Anspruch genommen. Aber es ist auch ein Zeichen dafür, wie sehr Eltern heute ans Händchen genommen werden wollen, um einfach nur ihren Nachwuchs aufzuziehen, was jede Amsel hinkriegt.
Ich bin gerne hier im Forum, ich habe einen Stapel Tragetücher und Tragehilfen zuhause und stille nun schon das zweite Kind lange. Aber manchmal geht hier auch der Blick dafür verloren, was wichtig ist für Kinder. Da kann man stundenlang diskutieren darüber, ab wann ein Kind nun in der DH getragen werden kann - und ich denke, dass den Diskutiererinnen eine Runde Jogging an der frischen Luft oder ein Tag im Wald mit ihren Kindern mehr gebracht hätte. Ich glaube, die Tragewissenschaft kann durchaus als Ersatzbefriedigung für intellektuell unterforderte Mütter in Elternzeit dienen... und das meine ich durchaus selbstkritisch, ich bin bzw. war ja auch in der Situation.
Nochmal: Ich finde es toll, dass es Trageberaterinnen gibt und möchte ihre Arbeit auch nicht miesmachen, im Gegenteil. Aber eine gute Beraterin ist für mich, wer einfühlsam auf die Bedürfnisse der jeweiligen Familie eingeht, nicht, wer mit Zähnen und Klauen die reine Lehre als das einzig Wahre verteidigt.
Ich habe eine Mutter im Freundeskreis, die ihre Kinder ab und zu im BB und meist gar nicht getragen hat, mit 7 Monaten abgestillt und auch geferbert hat. Ich fand das immer schrecklich (zumindest das Ferbern). Nun beobachte ich aber, dass sie eine sehr lebensbejahende Mutter, die mit viel Kraft und Schwung für ihre Kinder da ist und ihre Familie mit Lebensfreude und Optimismus managed und ihren Kindern gegenüber ganz, ganz positiv eingestellt ist. Ich glaube, sie gibt ihren Kindern ganz viel Wertvolles mit und ich erlebe sie gerade als richtig "gute" Mutter. Dagegen beobachte ich im Freundeskreis eher bedürfnisorientiert handelnde Eltern, die tragen und stillen und einschlafbegleiten und die so richtig, richtig mies drauf sind. An ihren Kindern rummaulen, die Augen über sie verdrehen, in Gegenwart der Kinder darüber reden, wie maulig ihre Kinder sind, wie schlecht sie schlafen, wie schwer das Leben überhaupt so ist. Da bin ich ganz schön ins Grübeln gekommen - es gibt eben vieles, was gute Eltern ausmacht, und das "richtige" Tragen ist nur ein winziger Faktor.
Ich habe mich trotzdem gefreut, dass die BB-Mutter sich meinen Milamei übers Wochenende für eine Wandertour ausgeliehen hat und werde ihr nächste Woche meinen Ergo als Dauerleihgabe geben. 