Dieser Absatz mit dem billigen, statt geduldig ertragen war mir in meinen ersten beiden Wochen in der Schule schon echt Gold wert. Z.B. habe ich da im Musikunterricht zwei Kinder, die keine Sekunde ruhig sitzen können. Ich billige jetzt ihren Bewegungsdrang und nutze ihn für mich. Ich habe die beiden zu meinen persönlichen Assistenten ernannt und lasse sie für mich Instrumente tragen, Schilder auf- und abhängen, CD-Player bedienen etc., wenn ich etwas erklären will, wofür mal Ruhe sein muss. Und ich habe das Gefühl, dass die beiden so mehr mitbekommen, als wenn sie solange auf ihrem Stuhl sitzen sollten.
Bei Juliane gibt es im Moment allerdings eine Sache, die ich wirklich nur in Geduld ertragen kann. Sie erzählt gerade leidenschaftlich gerne Witze, dummerweise immer dieselben zehn in Wechsel, das täglich dreimal und ich finde die noch nicht mal gut - überhaupt war ich noch nie ein großer Freund von Witzen, ich mag mehr Situationskomik. Das einzige, was ich daran positiv finden kann, sind ihre ausgeprägten sprachlichen KOmpetenzen, die dadurch zum Ausdruck kommen, aber dennoch: ES GEHT MIR AUF DEN KEKS!!!
Diese Fausregel "Eine Klasse ist nur so laut wie ihre Lehrerin" habe ich im Referendariat auch schon oft gehört und deren Wahrheitsgehalt bei Hospitationen immer wieder bestätigt bekommen. Trotzdem braucht es zunächst sehr viel Selbstdisziplin, am Anfang angesichts einer lauten Klasse leise zu bleiben, aber es geht immer besser
Tobias ist einer von der Dauer-Ermahn-Fraktion, das stört sogar mich oft. Ihm habe ich den Brief zu lesen gegeben und mit ihm drüber gesprochen, das hat schon etwas geholfen. Außerdem stupsen wir uns öfter mal an, wenn der andere so etwas macht, was wir eigentlich vermeiden wollen. Wenn bei euren Männern so eine grundsätzliche Einsicht besteht, könnt ihr ja vielleicht auch so ein Zeichen wie Hand auf Arm legen oder so vereinbaren, wenn er mal wieder zu laut wird.
Ansonsten wenn ihr grundsätzlich ruhig bleiben könnt, vielleicht überträgt es sich ja irgendwann nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Väter?
Diesen Brief fand ich eigentlich ausschließlich nur gut. Die einzige Frage, die vielleicht noch bleibt: Wenn ich wirklich mal schlecht drauf bin, mich über etwas geärgert habe, sauer bin, wohin dann mit meinen Aggressionen? Manchmal kann man sich dann zurückziehen, schnellen Schrittes spazieren gehen oder ähnliches, manchmal aber auch nicht. Dann lieber erzwungen ruhig und freundlich bleiben oder den Kindern auch mal ehrlich zeigen, mir geht´s gerade nicht gut und ich verlier auch mal die Geduld. Meistens versuche ich ersteres und irgendwann passiert mir dann letzteres mit einem unerwarteten und für die Kinder erschreckenden Knall.
Lieben Gruß

