Nö, JEDES Kind sicher nicht, aber ehe die Kinder vermehrt Lebertran bekamen, Anfang des 20. Jahrhunderts, immerhin 50-90% . Das finde ich schon ziemlich viel... Abgesehen davon: Rachitis ist nicht die einzige mögliche Folge von Vitamin D- Mangel. Eine Vielzahl anderer Erkrankungen steht ebenfalls mit Vitamin D- Mangel in Verbindung.ich glaube das ist alles voll die panikmache...es hatte früher ja auch nciht jedes kind rachitis...
Ich zitier mal aus einer Dissertation zum Thema aus dem Jahr 2009 - deswegen, weil man sonst oft nur auf ältere Publikationen stößt:
Die deutschen Empfehlungen zur Rachitisprophylaxe stammen aus dem Jahr 1982 [19].
Demnach sollen alle Kinder mit 400 bis 500 IE Vitamin D3 pro Tag supplementiert werden,
beginnend am Ende der ersten Lebenswoche bis zum Ende des ersten Lebensjahres.
Kinder, die wegen nicht ausreichender Sonnenposition eine entsprechend geringe endogene
Vitamin D3-Synthese haben, sollen weiter supplementiert werden. ¨Uber die Dauer
heißt es:”Diese Aussage gilt sinngem¨aß f¨ur das ganze Wachstumsalter“. Die Supplementation
soll auch erfolgen, wenn mit Vitamin D angereicherte S¨auglingsmilch verwendet
wird. Die Versorgung mit Kalzium und Phosphat wird als
”in der Regel gegeben“ angesehen.
In einer Publikation der World Health Organization [44] wird vom Neugeborenen- bis
zum Erwachsenenalter eine Zufuhr von 200 IE Vitamin D pro Tag empfohlen, falls wegen
bestimmter Umst¨ande (wie L¨angengrad, Jahreszeit, Altern, Pigmentierung der Haut,
Kleidungsgewohnheiten, Sonnenschutz) eine ausreichende eigene Vitamin D-Synthese
nicht gew¨ahrleistet ist. Die empfohlene Kalziumzufuhr steigt von Geburt bis zum 10.
Lebensjahr von 300 auf 700 mg pro Tag, f¨ur Adoleszente zwischen 10 und 18 Jahren
werden t¨aglich 1300 mg bei westlicher, an tierischen Proteinen reiche Ern¨ahrung und
1000 mg bei Ern¨ahrung mit lediglich 20 bis 40 g tierischer Proteine pro Tag angegeben.
Auf das relative Verh¨altnis von Vitamin D- und Kalzium-Zufuhr wird nochmals
hingewiesen.
Nach der Leitlinie der American Academy of Pediatrics [30] liege der Bedarf an Vitamin
D bei 200 IE pro Tag, beginnend in den ersten beiden Lebensmonaten bis zum
Ende der Adoleszenz. Die Empfehlung zur Supplementation gilt f¨ur alle (gestillten und
ungestillten) S¨auglinge, bis diese mehr als 500 ml einer S¨auglingsmilch/-nahrung zu sich
nehmen und f¨ur ¨altere Kinder und Jugendiche, die kaum sonnenexponiert sind, weniger
als 500 ml einer mit Vitamin D angereicherten Milch oder keine Multivitaminsupplemente
(inklusive Vitamin D) zu sich nehmen.
Ein Consensus-Statement aus Australien und Neuseeland [60] empfiehlt die t¨agliche
Gabe von 400 IE Vitamin D f¨ur gestillte S¨auglinge dunkelh¨autiger oder verschleierter
Frauen. ¨Altere Kinder sollten ebenfalls t¨aglich 400 IE Vitamin D erhalten, falls sie
dunkelh¨autig sind, verschleiert, aus verschiedenen Gr¨unden einer reduzierten Sonnenexposition
ausgesetzt sind oder Begleiterkrankungen haben.
und in der Schlussfolgerung heißt es:
Die Krankheitslast der ern¨ahrungsbedingten Rachitis ist anhaltend hoch. Dies wird
dokumentiert durch die H¨aufigkeiten (siehe Abschnitt 1.2.6, Seite 5) und durch aktuelle
Fallberichte zu den kurzfristigen Folgen: pathologische Frakturen [75], Osteochondrosis
dissecans [69], akute Herzinsuffizienz [54] oder hypokalz¨amische Krampfanf¨alle [75, 77].
L¨angerfristige Folgen sind Deformit¨aten der langen R¨ohrenknochen, die meist jedoch keine
Operation erforderlich machen [47, 86]. Eine Fall-Kontroll-Studie untersuchte Kinder
unter f¨unf Jahren in ¨Athiopien, die wegen einer Pneumonie station¨ar behandelt wurden.
Eine Rachitiserkrankung erh¨ohte die Wahrscheinlichkeit f¨ur eine station¨ar behandlungsbed
¨urftige Pneumonie um den Faktor 13 [58].
L¨angerfristige Folgen von Vitamin D-Mangel sind ebenfalls beschrieben: Eine weitere
Fall-Kontroll-Studie assoziierte die Gabe von Vitamin D im Kleinkindalter mit einem
verminderten Auftreten von Diabetes mellitus Typ 1 [41]. Epidemiologische Studien
setzten eine Unterversorgung mit Vitamin D in Zusammenhang mit Multipler Sklerose
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4 Diskussion
[59], rheumatoider Arthritis, chronisch-entz¨undlichen Darmerkrankungen, Infektionserkrankungen
wie Tuberkulose, arterieller Hypertonie, Herzinsuffizienz, und verschiedenen
malignen Erkrankungen (wie Kolon-, Mamma- oder Prostatakarzinome). In einer Meta-
Analyse randomisierter Studien f¨uhrte die Vitamin D-Supplementation zu einer geringen
Gesamtmortalit¨at [3]. Eine ausf¨uhrliche ¨Ubersicht ¨uber die nicht das Knochensystem betreffenden
Wirkungen von Vitamin D findet sich bei Dusso u. a. [25] und Holick [39].
Unter Einbeziehung dieser Informationen ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:
Ber¨ucksichtigt man die heterogene Pathogenese der ern¨ahrungsbedingten Rachitis in
den unterschiedlichen Regionen und den verschiedenen Altersklassen, so wird deutlich,
dass die Wirksamkeit von pr¨aventiven Maßnahmen oft nur f¨ur die jeweilige Population
nachgewiesen werden kann. Eine ¨Ubertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Populationen
ist nicht regelhaft m¨oglich. Gerade diese Tatsache zeigt nochmals die Notwendigkeit
f¨ur eine Vielzahl von Studien auf, wobei die Wahl der Kontrollgruppe in Regionen, in denen
eine Rachitisprophylaxe bereits etabliert ist, abgewogen werden muss. Ein weiterer
Aspekt stellen die neueren Erkenntnisse ¨uber die nicht das Knochensystem betreffenden
Wirkungen von Vitamin D dar. Auch hier sind noch weitere Studien notwendig.
Bis deren Ergebnisse vorliegen, scheint es zweckm¨aßig, bis zum Kleinkindalter Vitamin
D, Kalzium oder beides zu supplementieren; ¨altere Kinder sollten Vitamin D, Kalzium
oder beides erhalten, wenn sie in bestimmten Regionen (Afrika, Asien, Mittlerer Osten)
leben oder dorther stammen.
Ich denke, sich zu bemühen, vernünftige Infos zum Thema zu bekommen und gemeinsam mit dem Arzt ideologiefrei zu überlegen, welche Vorgehensweise für das eigene Kind am besten ist, kann nicht wirklich als "voll die Panikmache" bezeichnet werden.
LG;
Julia
