Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Hauptforum: Trageberatung

Moderatoren: Springerle, Cocolin

Benutzeravatar
Flädi
ist nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1916
Registriert: 20.12.2005, 14:10
Wohnort: in der Schweiz
Kontaktdaten:

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von Flädi »

irgendwie finde ich jetzt auch, dass es ja nicht unbedingt jedermanns sache sein muss oft oder viel zu tragen. manche babys sind nun mal einfach auch so zufrieden oder scheinen zumindest zufrieden 8) , da kann man es den eltern auch nicht unbedingt verübeln, wenn sie jetzt nicht unbedingt tragefanatiker werden. klar ist es toll für babys getragen zu werden. ich selber kann es mir auch nicht anders vorstellen, allerdings hatte ich auch ein 24-stundenbaby. heute frage ich mich manchmal, ob ich mit einem "pflegeleichteren" baby soooo tragefreak geworden wäre. in unserer kultur stellt sich halt nicht unbedingt die frage des ausschliesslichen tragens, weil wir halt so viele möglichkeiten haben. es gibt nicht nur schwarz oder weiss........sondern noch soooo vieles dazwischen. ich habe bisher aber eigentlich auch nur positive kommentare auf unser tragen gehört, für bald 5 jahre tragezeit nicht schlecht wie ich finde.
Tochter 2005, Sohn 2007 und Tochter 2010
Benutzeravatar
Stylamamma
möchten wir nicht mehr missen
Beiträge: 272
Registriert: 17.05.2010, 22:45

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von Stylamamma »

Gab schon blöde Kommentare aber es überwiegen die netten.
Heute war ich einkaufen und meine Kleine ist,wie üblich,hinten eingepennt.

Eine leicht (darf ich es so schreiben?)asoziale Frau die sich mit ihrer dreckigen gepolsterten Schubkarre durch die Gänge quetschte meinte zu einer anderen "Ey,sorry aber das ist doch voll krank"
Da war kein Kommentar meinerseits nötig diese Frau war eine Beleidigung für sich selber.

Die meisten, sogar hauptsächlich aus der nachkriegsgeneration, sind total begeistert und reagieren total interessiert und liebevoll darauf. Aber der Norden ist allgemein sehr tolerant finde ich.
Höre meist so etwas wie "ah,ja schön mit Mama kuscheln", "die sieht ja total entspannt/glücklich aus""wie schön"
An der Bushaltestelle fragte mich eine ob das nicht unbequem wäre,ich meinte das sie dann nicht schlafen würde.
Aber allgemein höre ich viele Kommentare aber hauptsächlich nett oder interressiert ;)
Benutzeravatar
fruba
ModTeam-Trageberatung
Beiträge: 7643
Registriert: 08.02.2009, 11:18

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von fruba »

wir haben bis vor ein paar Tagen (meine Frau hat nen buggy gekauft) nur getragen.

Ich glaube der Weg des tragens ist ein toller und gerade bei einem kleinen unruhigem Baby war er toll. Aber es war nicht immer leicht denn binden muss man lernen, man hat mehr Nähe zum Kind was für manche Menschen eben auch schwierig ist.

Wir wollten schon zum Anfang nur tragen. Es kamen viele kritische Kommentare, oft ganz unsachliche Einwände,... man muss leider manchmal etwas darum kämpfen und eben bereit sein selbst immer wieder etwas zu lernen. Ich glaube der kiwa ist daher der vermeintlich leichtere weg.

blöde sprüche gab es nur 1mal kürzlich im park als jemand meinte das sieht ja kreuzgfährlich aus und fragte ob er helfen könne :roll: wollte püppi in den rucksack binden aber sie hat sich beschwert und ich hab sie ins känguru gebunden. das sah wohl zu extrem aus. der typ hat dann seinen zigarillo am spielplatz geraucht,.... aber das ist ein anderes Thema.

aber das Tragen an sich ist hier angekommen leider oft im bb mit blick nach vorne aber auch a und zu mit Tuch und co.
Glücklich mit drei Kindern 2009, 2011 und 2016.

Hoffnung und Zuversicht verstecken sich manchmal wie die Sonne hinter einem Berg - und obwohl man sie nicht sieht, trotzdem ist es hell.
Benutzeravatar
clermontine
ist mit Leidenschaft dabei
Beiträge: 797
Registriert: 14.12.2009, 18:00
Wohnort: Frankreich

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von clermontine »

taschana hat geschrieben:...

Vielleicht denken manche hier auch so, a la :"Können die sich keine KiWa leisten?". Keine Ahnung.
Zu Beginn meiner Tragezeit habe ich viele mitleidige Blicke geerntet und konnte diese Blicke nie so richtig deuten, bis ich eines Tages angesprochen wurden bin, ob ich mir keinen Kinderwagen leisten koenne und deswegen mein Baby "schleppen muss". Eine Nachbarin hatte mir damals auch angeboten ihren Kinderwagen zu leihen.

In meinem Freundes-und Bekanntenkreis in Deutschland gilt Tragen als sehr oeko und keiner will Oeko sein. Dazu kommt, dass es vielen auch zu umstaendlich erscheint.
LG Clermontine mit Sohn (09/09) und Tochter (04/12)
GwAMg

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von GwAMg »

:roll: leidiges Thema...ihr glaubt ja gar nicht wie oft mir nun in den 3,5 Jahren in denen ich nun trage Kinderwägen, Buggies für kein bis wenig Geld angeboten würde :roll:
Aber meine Mama hat uns (und nun auch ihre Enkel) auch getragen...zunächst in einem selbstgenähten Pouch, dann in einem von meiner Oma genähten MeiTai und darauf bin ich sooooo stolz!!! Und auch hier in D gibts ja nun seit ca 40(?) Jahren Tragetücher, müsste sich doch schon rumgesprochen haben, dass dies besser ist?
Und: Was mir hier bei uns in der Stadt gaaanz arg auffällt: Tragen ist immer mehr im Kommen, man sieht aber vor allem Eltern mit eher wenig Einkommen KiWas schieben (und das natürlich in den teuersten....)
Benutzeravatar
fruba
ModTeam-Trageberatung
Beiträge: 7643
Registriert: 08.02.2009, 11:18

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von fruba »

ana85 hat geschrieben::roll: leidiges Thema...ihr glaubt ja gar nicht wie oft mir nun in den 3,5 Jahren in denen ich nun trage Kinderwägen, Buggies für kein bis wenig Geld angeboten würde :roll:
Eigentlich wäre zuschlagen und dann weiterverkaufen die passende Methode!

Toll das deine Mutter auch so begeistert trägt. Ich denke wir alle ebnen eben langsam den weg :D .
Glücklich mit drei Kindern 2009, 2011 und 2016.

Hoffnung und Zuversicht verstecken sich manchmal wie die Sonne hinter einem Berg - und obwohl man sie nicht sieht, trotzdem ist es hell.
Benutzeravatar
kruemelchen
Dipl.-SuT
Beiträge: 4093
Registriert: 13.08.2008, 17:07
Wohnort: Hoch im Norden

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von kruemelchen »

Ja, es ist doch wie beim längeren Stillen! Wenn es keiner draussen macht, sieht es niemand und je mehr man zeigt "was man da praktiziert" umso bekannter wir es zumindest mal!

Ich habe auch schon Kommentare gehört wie "Oh wei das arme Kind" oder "Das it ja tot und es leidet so" :lol: ja was nun?

Aber auch (meist von älteren Generationen) wie schön und kuschelig mein Kind es doch habe! Jetzt fällt mir ein, der Frau beim Metzger schulde ich noch eine Live-Vorführung :D

Wir hatten erst einen Kiwa, den unser Sohn aber nicht mochte. Meine Mutter versuchte ihn reinzuferbern, als ich krank war und nicht laufen konnte! Und genau nach diesem Erlebnis war klar! Der Kiwa kommt sofort weg und Mini wird NUR noch getragen! Bis vor ca. 1,5 Monaten war es auch so. Nun haben wir einen Buggy und ich kann Mini aufgrund der Schwangerschaft nicht mehr so viel tragen :cry: *wein* Aber der Buggy ist heissgeliebt und somit ist es ja in Ordnung!

Mein Mann mag übrigends nun endlich doch tragen lernen :mrgreen:
BildBildBild und kleines Perlchen unvergessen im Herzen
mama2008
SuT-Legende
Beiträge: 9178
Registriert: 12.10.2008, 12:37
Wohnort: südhessen

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von mama2008 »

guten morgen,

kinderwägen, buggies und bb+ähnliches gibt es in vielen läden.
tücher und co weiß ich hier im umfeld nur in zwei läden, dafür fallen mir viel mehr läden ein, in denen es eben erstgenanntes gibt.
ich hatte anfangs auch kein tuch. warum, hm, das hatte vielerlei gründe aber hauptsächlich auch die angst, das nicht gehändelt zu bekommen. bei einem bb steht drauf, was man machen muss, umschnallen, zweimal klick und gut.
bei einem tuch ist die anleitung viel umfassender und es ist ja jede mal neu zu binden. und ein bondolino und co hängt ja nicht im laden.
ich hab letztens mit nem verkäufer gesprochen, der seit kurzem mit seinem geschäft umgezogen ist, der hat früher nur bb verkauft, tücher wollte keiner, zu umständlich. jetzt in seinem laden hat er die manduca und ein paar tücher und verkaut keine bb mehr. er meint, es wäre momentan die nachfrage nach manduca und co da, aber eben immer nch nicht nach tüchern, das wäre den kunden zu aufwändig.
Benutzeravatar
Montanara
ist nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1912
Registriert: 28.01.2007, 20:53
Wohnort: Schweiz, Aargau
Kontaktdaten:

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von Montanara »

Ich kann voll bei Flädi unterschreiben, ich teile ihre Einschätzung, was die Schweiz betrifft. Es tragen viele Eltern, vor allem zu Hause, aber sie schaffen den Sprung zum Rückenbinden nicht. Viele finden, dass es Tragebratung nicht braucht: "Für sowas braucht es doch keine Beraterin!". :roll:

Mir scheint, auch was ich so in der Beratung fühle: Die Leute schämen sich, sich mit dem Baby draussen zu zeigen. Es könnte ja geredet werden. Man will um keinen Preis auffallen!

Auch scheint mir, dass halt viele Dinge unserer Kultur nicht hinterfragt werden, man übernimmt sie einfach. Wie z.B. die unsägliche Autofahrerei, unnachhaltigen Lebensstil, falsche Ernährung, und eben auch die Betreuung der Kleinsten. Man macht es halt, wie "man"es machen soll. Ausbrechen aus diesem Trott ist sehr schwierig und es braucht manchmal ein dickes Fell.

Dann kommt dazu, dass unsere Kultur nicht sinnlich ist, sondern intellektuell, Körperkontak hat nicht den Stellenwert, den er verdienen würde. Das ist schon sehr lange so - man denke an die Kirchen und ihre Haltung dazu. So alte Denkmuster sind nicht einfach zu ändern, da braucht es eben "Pionierinnen".

Liebe Grüsse
Dorothea
hausgeburtserprobte, langzeitstillende und kinderwagenfreie Mutter von Eva Sophia (Mai 2002) und Susanna Martina (Sept. 2004)
Trageberaterin
Annabanana
ist nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1075
Registriert: 29.04.2007, 23:45
Wohnort: Friedberg

Re: Warum Tragen in unserer Kultur so fremd?

Beitrag von Annabanana »

Ich bin sicher, dass die Gewinnspanne bei Kiwa und Co im Vergleich zum ordinären Tuch exorbitant hoch ist. Das ist ein unschlagbares Kriterium für Händler. Und demzufolge hinkt die Verbreitung von Tüchern natürlich stark nach. Da steckt einfach eine viel kleinere Industrie und viel geringerer Werbeetat hinter. Kann man vielleicht mit Autogas vergleichen.

LG, Silke
Antworten

Zurück zu „Trageforum“