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Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 18.01.2013, 22:41
von fritzchen69
Ich war heute wegen einer voraussichtlichen Neurodermitis mit meiner knapp zweijährigen Tochter bei einer Hautärztin. Diese Ärztin hatte ich bisher als ganzheitlich arbeitend und auch offen für naturmedizinische Methoden erlebt.

Ich stille meine Tochter noch ca. 5x, v.a. zum und beim Schlafen, und wir beide möchten das auch nicht missen. Außerdem hat sie einen IgA-Mangel, bei dem das Stillen meiner Meinung nach sehr gut ist.

Nun ist die Ärztin der Meinung, dass das Stillen meiner Tochter schadet und ihre Haut deswegen so schlecht ist. Angeblich gibt es Studien, die ungern veröffentlicht werden und die besagen, dass durch das Stillen, die ganzen Giftstoffe, die der Körper produziert, über die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden. Das geschieht vor allem bei älteren Stillkindern, weil diese seltener trinken und stärker saugen. Wenn die Mutter viel Fleisch isst und/oder wenig trinkt, dann wird das Ganze noch vertärkt.
Ehrlich gesagt, glaube ich das alles nicht, hätte aber trotzdem gern ein fundiertes feedback Vielen Dank bereits im voraus!

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 10:11
von jusl
Hallo fritzchen69,

es gibt keine offizielle Empfehlung zur Dauer oder Höchstdauer der Stillzeit. Die Schadstoffbelastung der Muttermilch ist hierzulande seit vielen Jahren rückläufig (aufgrund von allgemeinen Umweltschutzmaßnahmen). Es gibt keine Hinweise darauf, dass mehrjähriges Stillen in irgendeiner Weise schädlich fürs Stillkind oder die Mutter wären.

In ALLEM sind Schadstoffe drin. Man bekommt Schadstoffe ab, wenn man eine Stunde in der Innenstadt herumläuft (übrigens: ganz besonders an nebelig-kalten Wintertagen...). Ein Wohnzimmer voll mit schwedischen günstigen Möbeln trägt ebenfalls zur Schadstoffbelastung bei, genau wie Kleidung, die für die gängigen großen Ketten hergestellt wurde.
Davor kann man sich nicht komplett schützen.

Bekannt sind folgende Zusammenhänge:
* Die Schadstoffkonzentration der Milch nimmt im Laufe der Stillzeit immer AB. Ebenso von Kind zu Kind. Die meisten Schadstoffe kriegt damit das erste Baby in den ersten Lebenswochen ab (also wenn das Stillen noch völligst akzeptiert und allerseits - selbstverständlich auch völlig zu Recht - empfohlen wird. :lol:)
* Fleischesser nehmen statistisch gesehen mehr Schadstoffe auf als Vegetarier, weil das Fleisch selbst relativ schadstoffhaltig ist, und je fetter (Wurst, Krustenbraten usw) desto mehr.
* Je älter die Mutter, desto höher die Schadstoffkonzentration in ihrem Körper.

Die Schadstoffexposition im Job spielt auf jeden Fall auch eine Rolle, genauso Wohnumgebung, Rauchen, sonstiges Essen, Kosmetika, und sicher noch 100 andere Sachen.

Muttermilch ist ein sehr guter Schadstoffindikator, d.h. anhand von Muttermilchreihenuntersuchungen kann man gut beurteilen, wie die allgemeine Schadstoffbelastung bei uns aussieht. Als vor Jahren bestimmte Flammschutz- und Pflanzenschutzmittel verboten wurden, waren die postiven Auswirkungen direkt sichtbar: sie erschienen in deutlich geringerem Maße in der Muttermilch. (wohlgemerkt: hier geht's um Forschung, die allgemeinen Umweltschutz zum Thema hat und dafür regelmäßig Tausende Milchproben untersucht, nicht um die Beurteilung EINZELNER Milchproben für bestimmte Mütter)

Fazit: Der (sehr geringe) Schadstoffgehalt der Muttermich ist kein Grund, einschränkende Maßnahmen fürs Stillen zu empfehlen. Auch die neugeborenen Babys 42-jähriger Chemielaborantinnen, welche sich von Cheeseburgern ernähren und gelegentlich eine rauchen, sind mit Stillen BESSER versorgt als mit künstlicher Säuglingsmilch. Beim mehrjährigen Stillen sind keinerlei Gesundheitsrisiken fürs Kind zu erwarten.
Nun ist die Ärztin der Meinung, dass das Stillen meiner Tochter schadet und ihre Haut deswegen so schlecht ist.
Dann meint die Ärztin auf gut deutsch, dass der Hautausschlag eine Art Vergiftungserscheinung ist?!? Klingt sehr unsinnig.
Angeblich gibt es Studien, die ungern veröffentlicht werden und die besagen, dass durch das Stillen, die ganzen Giftstoffe, die der Körper produziert, über die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden.
Das klingt ebenfalls völlig unsinnig. "Ungern veröffentlicht" gibt's nicht - entweder eine Studie ist veröffentlicht, oder eben nicht. Davon abgesehen: Ein Körper produziert keine Giftstoffe, er baut sie ab (über die Leber beispielsweise). Diese werden dann über die Verdauungsorgane ausgeschieden. Die Brustdrüsen sind kein Verdauungsorgan, genauso wenig wie Schweißdrüsen oder Speicheldrüsen.
Studien, die irgendwelche "Nachteile" des Stillens darstellen, werden übrigens ausgesprochen GERNE zitiert (vielleicht meinte die Ärztin "zitiert" anstatt "veröffentlicht"). Die Babynahrungsindustrie hat daran logischerweise ein milliardenschweres Interesse. ;-)
Das geschieht vor allem bei älteren Stillkindern, weil diese seltener trinken und stärker saugen.
Das Gegenteil ist der Fall, siehe oben: Die Schadstoffkonzentration der Muttermilch nimmt im Laufe der Stillzeit ab - ist in jedem Stillfachbuch nachzulesen. ;-)

LG
Julia

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 10:25
von Latascha
Hab das hier gerade gelesen und über die Ärztin auch nur den Kopf schütteln können.

Jusl, für diesen äußerst informativen Beitrag von außen einfach mal vielen Dank. Konnte wieder was neues lernen :)

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 10:33
von matah
Das gleiche von mir, sehr informativ und ueberzeugend!!!
Nur eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen. Pr,oduziert unser Koerper im Stoffwechselprozess nicht doch erst Gifte die dann ausgeschieden werdoen muessen?

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 11:49
von jusl
Pr,oduziert unser Koerper im Stoffwechselprozess nicht doch erst Gifte die dann ausgeschieden werdoen muessen?
Welche denn? Und WIE sollten diese ausgeschieden werden? Doch sicher nach deren Verstoffwechselung über die Ausscheidungsorgane. ;-) Es ist denkbar, dass beim Abbau von Giften andere, weiterhin giftige Abbauprodukte entstehen - diese hätte der Körper dann "produziert", OK. Aber ja nun nicht "von sich aus", sondern im Rahmen der Verstoffwechselung von außen zugeführter Giftstoffe. Ein konkretes Beispiel dafür kenne ich jetzt allerdings nichts; nicht mein Fachgebiet. ;-) Für Details dazu könnte man mal einen Physiologen fragen, aber was da für ein Zusammenhang mit Stillen bzw. mit der Dauer der Stillzeit bestehen soll, ist mir schleierhaft. In Stillfachbüchern steht dazu nichts.

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 12:20
von spacerabbit
Danke, Jusi, für Deine informativen Ausführungen. Dann soll die Hautärztin doch wirklich einmal die Studien angeben, auf die sie sich bezieht. Und Jusi hat recht: Entweder wird eine Studie durchgeführt und dann auch publik (schreibt man das mit k?) gemacht, oder eine Studie wird abgebrochen oder nicht ausgeführt, weil sie wissenschaftlich zu wenig fundiert wird. Es gibt Medikamente, die vom Körper in andere Stoffe umgebaut werden und dann evtl. schädlicher sind, zum Beispiel gibt es einige Menschen, die Codein - haltige Präparate übermäßig in ein bestimmtes Morphin umbauen, wenn bestimmte Leberenzyme sehr schnell arbeiten und in großen Mengen da sind. Das ist aber eher selten und nur bei bestimmten Menschen der Fall. Aber mir würde sonst jetzt auch kein Beispiel einfallen, in dem ein Stoff von außen in einen schädlicheren Stoff umgewandelt wird, der dann auch noch durch die Muttermilch weitergegeben wird.
Meint die Hautärztin vielleicht die Antibiotika - Belastung von Fleisch?
Frag Sie doch beim nächsten Mal einfach, was sie genau für "Giftstoffe" meint und auf welchen wissenschaftlichen Empfehlungen und Befunden sie sich dabei beruft.

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 16:18
von 4tiere
Ich finde es immer wieder spannend, wie oft wir uns durch so pauschalisierte Aussagen ins Bockshorn jagen lassen. Ich kenne das von mir auch, da bekommt frau so was an den Kopf geworfen und ist baff. Ich gehe nach Hause und denke "oh, Mist, was jetzt ...?".
Mittlerweile habe ich gelernt (nicht immer, aber immer öfter ;-), dass ich nachfrage bis zum Abwinken. Und auch sage, dass ich über manche Antworten nachdenken muss und dann ggf. was dazu sage oder noch fragen werde.

Also in deinem Fall:
Wie kommen Sie darauf, dass Sie das behaupten, die Haut sei wegen dem Stillen so schlecht? Welche Beweise haben Sie dafür? (Diese Antworten würde ich notieren und darüber nachdenken und eben ggf. weiter nachhaken.)
Wo kann ich die Studien nachlesen? Was steht dort genau? erklären Sie mir bitte die genauen physiologischen Zusammenhänge!
Wieso saugen ältere Kinder stärker? Können Sie mir die Physiologie des Stillens genau erläutern? Wie funktioniert das? Wie kommen Sie darauf, dass der Körper über die MuMi Giftstoffe ausscheidet? Können sie das belegen?
Tja und all diese Fragen wird sie nicht beantworten können und dann weiss ich, dass ich alle Aussagen kritisch hinterfragen muss, genau wie du es ja getan hast!

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 16:34
von manie
welche milch wäre dann besser für dein kind? Kuhmilch? Und die ist schadstofffrei, oder?
Schade, dass es immer wieder ärzte gibt, die echt falsch informiert sind.

Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 17:58
von lunchen78
Schade, dass manche Ärzte einen so verunsichern.

Ich sehe das so: möglicherweise sind Schadstoffe in der Muttermilch. Aber in Gemüse, Obst und Getreide sicherlich auch, das wird auch nicht in schadstofffreiem Vakuum angebaut. Welche absolut von Schadstoffen freie Nahrung sollst du deinem Kind geben?

Und eine Studie, die nicht gerne veröffentlicht wird?? Klingt sehr merkwürdig....



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Re: Langzeitstillen und der "Giftmüll" aus Mamas Körper

Verfasst: 19.01.2013, 18:12
von suri
ich habe eine Freundin, deren Kind ganz schlimme Neurodermitis hatte, die schlagartig besser wurde, als die Mama aufhörte zu Stillen. Ihr wurde damals gesagt, dass das was mit Hormonen zu tun habe. Keine Ahnung... das Kind war aber deutlich jünger. Noch kein Jahr.
Das war wirklich eklatant.
Jusl, kannst du dazu was sagen?