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Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 10:04
von MaareMum
Ich weiss, hier gibts sicher schon gefühlt 1000 Threads dazu, aber ich muss mir doch mal meinen Ärger von der Seele schreiben.

Eine Freundin von mir, deren Kind jetzt 9 Monate alt ist, ist absolut überzeugt von dem Ferber-Buch.
Das Kind hatte schon mehrfach Phasen, wo es super eingeschlafen ist, und immer auch wieder Phasen, wo es schlechter oder nur bei Mama eingeschlafen ist. Wie vermutlich JEDES Kind.
Die Mutter findet das aber total nervig, wenn das Kind nur mit ihr oder in ihrem Arm einschläft, und jetzt ist wieder mal so eine Phase, wo das Ins-Bett-bringen eine Stunde lang dauert, weil das Kind zwar müde ist, aber im Bett immer wieder am Gitter steht. Jedesmal kommt dann wieder das Thema "schreien lassen" auf den Tisch.
Denn das Kind soll ja schließlich lernen, allein einzuschlafen, da man dem Kind ja schließlich nicht angewöhnen will, dass es NUR mit Mama einschlafen kann. Ausserdem wollen die Eltern abends ihre Ruhe.
Die Mutter sagt zwar selbst, dass sie das Kind nicht wirklich schreien lassen kann, weil sie das grausam findet, aber 2 Minuten wird dann wohl schon immer mal wieder nicht reingegangen. 2 Minuten finde ich persönlich aber auch schon grausam bei so einem kleinen Kind.
Die Eltern sind der Meinung, dass das Kind schon mit seinem Schreien manipulieren möchte, also das Schreien bewusst als Trick einsetzt, damit die Eltern irgendwas machen. Das kann ich aber einfach nicht glauben.
Mein Zwerg ist ja praktisch im gleichen Alter und natürlich schreit er inzwischen in unterschiedlichen Weisen (zum Beispiel Zorn, was eindeutig früher nicht da war), aber es sind doch immer offensichtlich wahre Gefühle, die da ausgedrückt werden, niemals schreit er als Trick. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein doch noch so kleines Kind schon so bewusst "falsches" Schreien einsetzen kann.

Tja, die Mutter hat schon viele Schlaf-Ratgeber gelesen aber der Ferber hat es ihr scheinbar angetan.
Ich finde das einfach so schrecklich, denn ich kenne das Kind, und es ist ein sehr, sehr anhängliches Kind. Aber in der Beziehung kann ich einfach nicht mit ihr darüber reden. Sie ist so fixiert drauf, dass Kinder alleine einschlafen MÜSSEN.
Wir haben eigentlich in vielen Kinderdingen relativ gleiche Ansichten und wenn wir nicht die gleichen Ansichten habe, war das bisher immer eher bereichernd und zwar Stoff für Diskussionen aber durchaus kontruktiv. Aber beim Thema Schlafen ertrage ich diese Verbissenheit einfach nicht, da tut mir einfach das Kind leid und ich verstehe nicht, dass da ein einziges Buch so einen Effekt hat - wo man doch andere Bücher sogar auch kennt.

Ich bin grad einfach sauer, weil ich nicht verstehe, dass man das nicht als Phase sehen kann, in der das Kind offensichtlich mehr Zuneigung beim Einschlafen braucht. Vermutlich werden noch viele solche Phasen kommen.
Ich denk auch oft bei unserem Zwerg, dass wir ihn irgendwann nicht mehr in den Schlaf schaukeln können (das ist unser Mittel, wenn er im Bett einfach nicht zur Ruhe kommt), aber dann denk ich, dass ich dann bei gegebener Zeit einen anderen Weg finden werde. Klar finde ich es auch nervig, wenn er sich abends gegen den Schlaf wehrt und mein babyfreier Abend immer kürzer wird. Aber das ist halt dann so und es ist ja nicht immer so.

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 10:47
von MaareMum
Oh sorry, mir fällt grad ein, dass sie nicht auf das Buch von Ferber schwört, sondern auf "Jedes Kind kann Schlafen lernen".
Ich dachte immer, das wär praktisch der gleiche Ansatz. Klärt mich auf, falls dem nicht so ist.

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 14:47
von hexedoro
Jedes Kind kann schlafen lernen ist von dem Schlafprogramm abgeleitet, das sich der liebe Herr Ferber mal ausgedacht hat. Er hat es sich als Notfallmaßnahme gedacht, z.B. bei Eltern, die so übermüdet und überfordert sind, dass Gefahr für das Kind besteht (z.B. durch Schütteln oder so). Ich glaube sogar, er hat es ab einem Jahr empfohlen. Inzwischen nimmt er in Interviews allerdings Abstand davon, irgendwann hat er wohl mal gesagt, er wünschte, er hätte das nie "erfunden". Das Buch von der Kast-Zahn ist da nicht so zimperlich, da wird das Programm für jedes Kind schon ab 6 Monaten empfohlen, glaube ich :cry:
Unter www.ferbern.de findest du ganz viele Infos dazu.

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 20:34
von lupa
Ich kann Dich gut verstehen, ich halte das auch kaum aus zu hören, dass die Eltern schreien lassen als Methode anwenden, zumal wenn ich das Kind gut kenne. Das mit dem Manipulieren höre ich öfters - selbst wenn man daran glaubt, dass Kinder "manipulieren" wollen, bräuchten sie dafür erstmal die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, wovon ein 9 Monate altes Kind (oder in meinem Umfeld auch die 14 monatigen) meilenweit entfernt sind. Trotzdem sitzt dieser Glaube irgendwie tief, einen Machtkampf mit dem Kind führen zu müssen :-(
Kennst Du schon das Buch Besucherritze? Ich fand da die Folgen des Ferberns sehr eingängig beschrieben. Ist halt die Frage, ob Deine Freundin für eine solche Lektüre noch zugänglich ist, da sie ja so überzeugt zu sein scheint
LG!

Verfasst: 02.07.2012, 22:03
von mupfel
MaareMum hat geschrieben:Die Eltern sind der Meinung, dass das Kind schon mit seinem Schreien manipulieren möchte, also das Schreien bewusst als Trick einsetzt, damit die Eltern irgendwas machen.
Das wird ja denk ich mal sogar stimmen, natürlich will das Baby etwas erreichen, es schreit ja wahrscheinlich nicht einfach so weil das soviel Spass macht. Es will, dass Mama/Papa kommen, es trösten, streicheln, stillen, kuscheln, was auch immer, weil es gerade nicht allein sein will, schlecht geträumt hat, viele Eindrücke verarbeiten muss oder oder oder... eigentlich total verständlich in meinen Augen!
Frage mich bei dieser Argumentation von pro-ferbern-Eltern immer, was die meinen mit "manipulieren"... dass das Baby (!!!) in seinem Bett liegt und sich fies grinsend überlegt "So, jetzt spreng ich die Mama aber noch ein paar Mal hier rein und versaue ihr den gemütlichen Fernsehabend" und dann die Sirene anschmeißt???

Ich frage mich auch, warum man hier so versessen darauf ist, dass schon so kleine Kinder, sogar Babies UNBEDINGT ALLEINE EINSCHLAFEN können müssen... klar ist es manchmal nervig und man hätte gerne seine Ruhe nach einem anstrengenden Tag, aber dann hätte man sich kein Kind anschaffen dürfen... und irgendwann kann in aller Regel jeder alleine einschlafen, 18-jährige werden selten allabendlichen von ihren Eltern in den Schlaf begleitet... aber sogar ich als erwachsene Frau schlafe viel lieber ein, wenn mein Mann da ist und ich nicht allein im Bett liegen muss...

Re:

Verfasst: 02.07.2012, 23:04
von MaareMum
mupfel hat geschrieben:
MaareMum hat geschrieben: Frage mich bei dieser Argumentation von pro-ferbern-Eltern immer, was die meinen mit "manipulieren"... dass das Baby (!!!) in seinem Bett liegt und sich fies grinsend überlegt "So, jetzt spreng ich die Mama aber noch ein paar Mal hier rein und versaue ihr den gemütlichen Fernsehabend" und dann die Sirene anschmeißt???
.
Ja, ungefähr genau so. Das Kind würde das Weinen nur benutzen. Eigentlich sei das Kind gar nicht traurig/wütend/verstört sondern gut drauf, aber dann schreit es und grinst direkt darauf wieder und guckt, was Mama/Papa macht.
Und wenn es dann direkt aus dem Schreien raus so lacht, dann kann das Schreien ja nicht ernst gewesen sein.
Das ist die Argumentation der Eltern.

Mein Kind macht das auch. Aber ich interpretiere das so: das Kind lebt absolut im Moment. Wenn es im einen Augenblick unglücklich ist, und ich dann etwas mache, was es beruhigt, dann ist es im nächsten Moment zufrieden und lacht. Ich glaube einfach nicht, dass ein so kleines Kind schon so denken kann wie die Eltern das denken. Ich glaube auch, dass man sich dafür erstmal in andere hineinversetzen muss.
Ich werd ihr vielleicht mal das Buch "Besucherritze" empfehlen. Da ja grad ein gewisser Leidensdruck da ist, weil das Einschlafen ein Kampf ist, liest sie es ja vielleicht sogar. Wobei ich fast befürchte, dass es ihr allein vom Titel schon viiiieeeel zu alternativ ist.
Der Witz ist ja echt, dass die Mutter selbst auch nicht gut schläft, wenn der Mann mal ausser Haus ist. Aber das Kind muss alleine schlafen können. Vielleicht werd ich sie mal daran erinnern....

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 23:27
von Julia
Hallo,

ja, es ist immer ganz furchtbar, wenn man so etwas hört. Leider kann man sich ja nicht immer völlig von solchen Eltern zurückziehen, denn oft sind es ja wirklich geschätzte Freunde.

Es gibt da eine neue Broschüre zum Thema: Kinder brauchen uns auch nachts. Da stehen diverse Expertenmeinungen drin, warum es absolut schädlich für Kinder ist, so konditioniert zu werden.

Das Schlimmste, was ich da je erlebt habe, war bei Freunden, als ich selber noch kinder- und ahnungslos war. Da wurde ein Stillstreik im Alter von sieben Monaten als Von-Selber-Abstillen interpretiert, und das Kind bekam dann auch keine Flaschenmilch. O-Ton: "Ja, wenn er das ablehnt, braucht er wohl keine Milch mehr." :? Dann wachte das arme Kind nachts bis zu 12 Mal auf und wollte Wasser (klar, das arme Kind hatte Hunger!) bzw. er musste Pipi, weil er drei große Flaschen Wasser intus hatte. Dann wurde (auf Empfehlung des KiA) JKKSL angewendet, was auch, wie im Buch beschrieben nach drei Tagen griff. :evil: Das Kind nahm unerklärlicherweise :roll: drei Kilo!!! ab (glücklicherweise war er vorher ein Buddha, der die Perzentilen sprengte), und anstatt dass der Kinderarzt mal fragte, was er denn für Nahrung bekommt (dann wäre ihm doch die fehlende Milch schon aufgefallen), machte er tausend Blutabnahmen und fand aber nichts. :evil: :evil: :evil: Und der hätte gucken müssen! Die Eltern waren zwar nicht mehr blutjung, aber völlige Anfänger und absolut ungeplant in das Abenteuer Baby reingestolpert.

Ich weiß halt erst in der Rückschau, was da los war. Als kinderlose Freundin habe ich das einfach so hingenommen. Aber Mensch, wäre der Kleine ein Leichtgewicht gewesen, wäre das Ganze lebensgefährlich gewesen! (Und inzwischen haben diese Freunde auch dazugelernt. Das jüngste Kind durfte fast zwei Jahre stillen, war ständig im Tuch mit dabei und schlief im Familienbett...)

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 02.07.2012, 23:30
von Steff
Heftig :(


Besucherritze kenn ich nicht.

Das Buch von Renz-Polster ist genial:

Born to be wild[

"kurzer" Auszug der Beschreibung von Amazon.de
Die Kinder sind nicht genau so, wie wir sie haben möchten. Es gibt daher dringenden Aufklärungsbedarf, den dieses Buch leisten will und auch kann. Ausgangspunkt sind für Herbert Renz-Polster die "Warum"-Fragen. Warum schreien junge Säuglinge? Warum wollen sie nicht alleine schlafen? Warum trotzen sie? Aus seiner evolutionsbiologischen Sicht müssen diese Verhaltensweisen in der Vergangenheit sinnvoll gewesen sein und den Kindern einen Überlebensvorteil gebracht haben. Worin bestand dieser Überlebensvorteil? Und: Besteht er immer noch?
Als Nächstes wendet sich Herbert Renz-Polster den Eltern zu. Er spricht ihre Befürchtungen und Erwartungen an. Viele Eltern sind zutiefst verunsichert. Warum haben sie solche Angst, ihr Kind durch Nähe zu verwöhnen und unselbstständig zu machen? Weshalb löst der Trotzanfall eines Kindes bei manchen Eltern geradezu Panikgefühle aus? Wieso eigentlich sollen Gemüse und Spinat im Besonderen gesund sein?
Schließlich geht es Herbert Renz-Polster um das Auffinden einer Erziehungshaltung, die den Kindern möglichst gerecht wird, aber für die Eltern auch lebbar ist. Wir können nicht mehr zurück in die Steinzeitkultur der Jäger und Sammler. Den Lebens- und Erziehungsstil der letzten Naturvölker können und wollen wir uns auch nicht mehr zu eigen machen. Die Kinder sind andererseits nun einmal so, wie sie die Natur in den vergangenen 100.000 Jahren geschaffen hat. Kompromisse sind daher angesagt. Lösungen zu finden, welche die Bedürfnisse der Kinder und Eltern gleichermaßen berücksichtigen, ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Dieses Buch kann die Eltern unterstützen, indem es ihnen einen erhellenden Blick zurück in vergangene Zeiten eröffnet und ihnen damit zu einem vertieften Verständnis für die Herkunft des Menschen und die Natur des Kindes verhilft.


Befasst sich nicht ausschließlich mit dem Thema schlafen.
Hat sie das schon gelesen?



Dies hier finde ich auch sehr gut:

"Ich will bei euch schlafen"

Kurzbeschreibung
"Wann schläft unser Kind durch - und damit auch wir?" ist eine Frage, die die meisten Eltern umtreibt. Das Schlafverhalten ist ein individueller Entwicklungsprozess, der sich nicht einfach beschleunigen lässt. Falsche Erwartungen an das Durchschlafen von Kindern führen zu Stress auf allen Seiten. Die Grenzen und Gefahren des populären, aber umstrittenen Schlaftrainings werden aufgezeigt. Co-Sleeping (gemeinsames Schlafen der Familie) nimmt dagegen auf das kindliche Bedürfnis nach Nähe Rücksicht, führt bei richtiger Anwendung zu entspannten Nächten für alle und zu geborgenen Kindern, die dann auch im eigenen Bett durchschlafen.

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 03.07.2012, 00:06
von MaareMum
Ich hab grad mal die Rezensionen bei Amazon gelesen. "Besucherritze" scheint ja durchaus sehr unterhaltsam zu sein.
Ich bin ja eigentlich kein Ratgeber-Leser, aber vielleicht kauf ich mir das einfach und schenk es dann dieser Mutter :twisted: :lol:

Re: Der ewige Ferber

Verfasst: 03.07.2012, 00:19
von Leyket
MaareMum hat geschrieben:Ich hab grad mal die Rezensionen bei Amazon gelesen. "Besucherritze" scheint ja durchaus sehr unterhaltsam zu sein.
Ich bin ja eigentlich kein Ratgeber-Leser, aber vielleicht kauf ich mir das einfach und schenk es dann dieser Mutter :twisted: :lol:
Gute Idee!
Es ist schon recht informativ und klingt nicht so esoterisch. Vor allem das Schreien im Selbstversuch sollte selbst Ferber-Befürworter stutzig machen. Kennst du die Leseprobe?
Ich bin eigentlich auch kein Ratgeber-Leser, doch diese Leseprobe hat mich dann neugierig gemacht und ich hab es bestellt und gelesen. Das schönste an diesem Schlaflernbuch ist, dass kein "Ratschlag" drin steht, kein Ergebnis, kein ultimatives Schlaflernprogramm. Am Ende bleibt es dem Leser offen, was er aus den Informationen macht. Die gängigsten Schlaflernprogramme werden da bis aufs Kleinste auseinandergenommen und sehr kritisch beäugt. Klar, ich denke allein der Titel sagt aus, wohin der Weg gehen sollte nach Meinung der Autorin. Aber sie sagt es nirgends ;) Sie zeigt nur immer wieder auf, dass sie für sich den richtigen Weg damit gefunden hat. Und die Vorteile liegen ja auch auf der Hand, mich brauchte sie sowieso nicht überzeugen... ;)