Seite 1 von 7

Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 20:02
von Campanula
Liebe MamaNicky,

ich finde Deine Informationen und Erfahrungen zum Stillen in Australien so spannend und ermutigend, dass ich mich jetzt einfach mal erdreiste, einen entsprechenden Thread zu eröffnen, um den anderen nicht über die Gebühr zu schreddern :oops:

Ich habe so viele Fragen dazu und habe das Gefühl, anderen hier geht es ähnlich.
(Ich werd gleich mal bei den Mods anfragen, ob man evtl. einen Teil des bereits vorhandenen Austauschs auch irgendwie hier herüber kopieren kann, damit alles an einem Platz ist ;-) .)

Über die Infos hinaus, die Du bereits geschrieben hast, interessiert mich persönlich z.B. brenndend, wodurch Ihr diese tolle Infrastruktur an Stillgruppen habt und so eine vorbildliche Herangehensweise und nachgeburtliche Unterstützung in den Krankenhäusern.
War das schon immer so? Was war ggf. der Auslöser für ein Umdenken?
So etwas ist ja nur mit institutioneller und ggf. auch gesetzgeberischer Initiative (um nicht zu sagen "Druck") möglich.
Woher kommt die offensichtlich sehr gute Lobby, die das Stillen in Australien zu haben scheint?
Wieso wird es - anders als bei uns - als so wichtig angesehen, dass man es in größerem Rahmen zu fördern scheint?
Lief das über die gesundheitlichen Erkenntnisse/Einsicht in die Ersparnisse im Gesundheitswesen, oder über eine ganz andere Schiene?

... und last, but not least: was bedeutet das für den Alltag von Stillmüttern in Australien?
Wie sieht es z.B. mit dem Thema "Erwerbstätigkeit und Stillen" aus? Wenn, wie Du schriebst, in Australien gewöhnlich bis zum zweiten Lebensjahr gestillt wird, dann wird dies ja dort noch häufiger ein Thema sein als hier, oder?
Und wie ist es mit dem Stillen in der Öffentlichkeit?

Bitte entschuldige meine vielen Fragen - Du musst das auch sicher nicht alles auf einmal beantworten :D (und andere werden ja vielleicht auch noch Fragen haben...), aber ich finde das wirklich gerade so, so interessant.
Ich habe mich schon so häufig gefragt, wo man hier in Deutschland eigentlich wie den Hebel ansetzen muss, um beim Thema Stillen endlich einmal zurück zur Normalität zu finden - und da ist es so aufregend zu hören, dass dies bei Euch offensichtlich in weiten Teilen gelungen zu sein scheint!

Netzwerk ... Stillkarten ... was für Zauberworte :-D

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 20:03
von Campanula
Oh Gott - ich bin im falschen Forum gelandet! :shock: :shock: :shock:

Ich lass das gleich verschieben! Entschuldigung, wie ist denn das passiert?!

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 20:46
von Mondenkind
ist verschoben :wink:

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 21:58
von Campanula
Oh, DANKE! *schweißvonderstirnwisch* Ich sollte mich weniger im Kaffeeklatsch herumtreiben :-D

Nun aber!
Hier zusammenkopiert, was MamaNicky uns bislang erzaehlt hat:
Hallo nochmal zusammen, und danke fuer das herzliche Willkommen! Also, ein wenig ein Einblick, wie ich es hier erlebe: Ich denke, man waere schon in der Minderheig hier ein ca 6 Jahre altes Kind zu stillen, ich kenne allerdings eine Muttis die so ca die 4 Jahre ins Auge fassen. Generell sind die 6 Monate (wie es offenbar einige meiner Freundinnen in Deutschland sehen) hier als "frueh" angesehen, im Sinne von langsam abzustillen. Muttermilch ist die Hauptnahrung fuer das erste Jahr. Hier ist auch das Finger food fuer Babies zur Einfuehrung der festen Nahrung sehr verbreitet u da nehmen die Babies natuerlich nicht soviel feste Nahrung zu sich fuer eine ganze Weile. Hier ist ca 2 das Alter des Abstillens. ABER eines muss ich sagen, wenn jemand laenger stillt, dann interessiert das kein Schwein Was ich hier so sehr liebe, ist die kinderfreundlichkeit. Wenn ich mit meinen 3 Kindern und vielleicht noch kleinen Kumpels etc und unserem Bus aehnlichen Kinderwagen unterwegs sind, bekommen wir von jedem ein Laecheln, ein Winken und fremde Menschen gratulieren mir zum Muttertag! Hier MUESSEN die krankenhaeuser stillfreundlich sein (ich weiss nicht, ob das inzwischen in Deutschland auch so ist?). D.h. Hier gibt es kein Kinderzimmer oder wie das hiess, die Babies schlafen bei Mutti im Bett, oder, wenn gewuenscht, im eigenen Bettchen neben Mutti. Die Stillberaterin besucht direkt nach der Geburt, ich habe nach Kaiserschnitt im Ueberwachungsraum direkt angelegt. Babynahrung darf nur beworben werden fuer Kinder ueber einem Jahr, das gleiche gilt fuer Proben. Hier wird wirklich ALLES in Bewegung gesetzt, dass Mutti erfolgreich stillt und stillende Muetter erfahren wirklich viel "Zuneigung" (wenn ich beim Arzt alleine bin, werde ich durch geschleusg, damit ich schnell nach Hause kann). Idioten gibt es sicherlich ueberall u natuerlich ist nicht immer alles hier rosa rot!! Aber das wird wohl immer so sein. Woran hier zb gearbeitet wird, ist ENDLICH die bloeden Babyflaschen aus Kinderbuechern zu verbannen etc, das Kinder nicht direkt Babynahrung mit Flaschen assoziieren, also das ist hier gerade aktuell.

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 22:04
von Campanula
Und dann noch:
wie verbreitet sind denn die Stillgruppen? Wir haben ein netzwerk, dank der australian breastfeeding association, dass dafuer sorgt, dass in jedem ort eine stillgruppe ist. Ich sag mal, innerhalb von 10 minuten erreiche ich 3 verschiedene Das mit den Krankenhaeusern liegt mir besonders am Herzen. Da war meine erste Geburt, in Deutschland, sooo traumatisch. Das Kind wurde mir quasi direkt weg genommen, dann nochmal kurz hallo u ab zu den schwestern. Erstes mal stillen nach ettlichen stunden. Ich habe wahnsinnig gelitten, nur wusste ich damals nicht, dass das mein natuerlicher mutterinstinkt war, der so rebellierte!! Da koennte ich heute noch heulen! U dann der rat, abzupumpen 'damit die milch schneller kommt'... Da kriege ich jetzt noch gaensehaut Damals haette ich nicht im Leben gedacht, dass ich jemals schwanger stille, u dabei so eine laessige Routine haben wuerde U letztens hat mir eine fremde mama eine 'stillkarte' gegeben, als wir im einkaufszentrum waren. Darauf stand 'Danke, dass du hier stillst! Du machst anderen muttis mut!' Dazu gibt es natuerlich verschiedene meinungen, aber ich persoenlich habe mich da einfach nur gut gefuehlt. :-)
Hach, ich finde das ja so toll!
Wer initiiert sowas?! Wo kommtndie "Manpower" dafuer her? Wo die Logistik?

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 22:13
von Vreni
Eine Freundin aus Neuseeland berichtet ähnliches. Sollte in der Klinik nicht gestillt werden, darf das Personal nicht mal mitteilen, welche Marke Formula verwendet wird (keinerlei Werbung für Formula in Kliniken).

Außerdem gab es vor einiger Zeit fast einen kleinen "Skandal", als ein Photo von einem Sport-Star gezeigt wurde, der seinem Baby die Flasche gab.

Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 22:15
von blauviolett
Danke für den Thread, sehr interessant! *Abo*

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 16.06.2012, 22:21
von Cocorella
Wow, das liest sich wirklich toll!
Australien - das Schlaraffenland der Stillmütter und Babys. :D

Genau so sollte es doch sein, dass Stillen einfach als natürlich angesehen wird und man von Beginn an die richtige Unterstützung erhält. Bei uns wird Stillen, bis zu einem gewissen Alter, meiner Meinung nach inzwischen auch wieder als natürlich angesehen. Aber dann wird wiederum so viel Halbwissen und Unfug verbreitet, dass es Müttern, die Startschwierigkeiten haben, sehr schwer gemacht wird.

Ich bin gespannt auf die weiteren Erzählungen, die hoffentlich folgen werden.

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 17.06.2012, 02:27
von MamaNicky
Hallo zusammen :) Jetzt ist bei uns auch Morgen :D
Erstmal danke fuer den Thread, ich werde versuchen, alle Fragen so gut wie ich kann zu beantworten und dabei neutraler als der WDR zu sein hahaha.
Alsooo... ein bisschen zu der GEschichte des Stillens hier. Die Australian Breastfeeding Association (ABA) sind hier das Powerhouse! Sie sind das australische Equivalent zu der La Leche Group / Bewegung. Und ihnen haben wir alles zu verdanken. Gegruendet von Muettern, fuer Muetter. ALLE Mitglieder, Vorstand, Stillberaterinnen etc etc sind oder waren stillende Muetter. Die Idee war in den 70ern sowie heute, dass Muetter sich wohler fuehlen, Stillberatung und Unterstuetzung von anderen Muettern zu erhalten. Und gleichzeitig sollte das Stillen nicht weiter medizinisch, also von Aerzten, gehandelt werden, sondern als ganz natuerlich. Inzwischen ist die Organisation so gross, dass es, wie gesagt, wirklich in jedem Ort eine Stillgruppe gibt, bei der immer eine Stillberaterin (die die aba selbst ausbildet) anwesend sein muss! Aerzte arbeiten jetzt mit der aba, insofern, dass Frauen dorthin verwiesen werden bei Stillproblemen und im Krankenhaus, sowie jeder Arztpraxis die Magazine, Flyer etc ausliegen. Das funktioniert so gut, da die aba zentralisiert ist in jedem Staat und von da aus ihren Stillberaterinnen vor Ort hilft. Und diese nehmen alles selbst in Angriff, die Krankenhaeuser, und alle oeffentlichen Orte wie Cafes etc. Die haben nun zu 80% einen Sticker in der Tuer der GROSS sagt "Stillen ist hier willkommen"! Und ich muss unterstreichen, ALLE Mitarbeiter dieser Organisation arbeiten ehrenamtlich! Und dazu gehoert das Kernstueck, die 24 Std/7 Tage die Woche Stillberatung am Telefon. Die Nummer bekommt jeder schon waerend der Schwangerschaft eingebrannt. Und die Stillberaterinnen der aba sind fantastisch ausgebildet und haben selbst ein derart gutes Netzwerk, dass sie meistens sogar noch jemanden kennen, der das selbe Problem hatte und die melden sich direkt, um einfach mal hallo zu sagen und Unterstuetzung anzubieten! Ich denke vieles ist natuerlich die Mentalitaet, die Freundlichkeit. Aber dadurch, dass es auf der einen Seite die aba gibt, die die Bindung zwischen Mutter und Kind unterstuetzt und die Aerzte, die gesundheitlich fuer Muttermilch 'propagieren', ist es keine einseitige Beratung. Denn Australien hat ein sehr grosses Problem mit Uebergewicht, Diabetes und hohe Brustkrebsraten. Und bei allem hilft das Stillen :) Daher waechst die Unterstuetzung allgemein noch mehr an.
Leider gibt es Mobber ueberall. Und ich habe tatsaechlich letztens mit einer Mutti gesprochen, die eine haessliche Erfahrung hatte, als sie oeffentlich ihrem Baby die Flasche gegeben hat und eine Mutter ihr einen fiesen Kommentar gab :( Was die Mobberin nicht wusste (nicht, dass man das rechtfertigen muss): In der Flasche war abgepumpte Muttermilch :/ Aber Idioten gibt es ueberall und generell ist die Annaeherung sehr freundlich und verstaendnissvoll.
Zum Stillen in der Oeffentlichkeit: Auch hier wuerden sich bestimmt Muetter finden, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, allerdings ist das wirklich die Ausnahme. Eine Mutter wurde aus einem Moebelhaus verwiesen, als sie gestillt hat, da war Aufruhr im ganzen Land! Stillen ist sehr in den Medien verbreitet. Ich habe letztens mit meiner Schwester gesprochen, da die lokale Zeitung Fotos von mir und meinem Baby gemacht hat fuer einen Artikel zu den neuen Erkentnissen bezueglich Stillen und ploetzlichem Kindstod. Sie hatte nichts davon gehoert (in Deutschland). Hier war es unmoeglich nicht davon zu hoeren, es war in Zeitungen, Fernsehen, Radio. Allerdings hat man hier die Wahl, wie man in der Oeffentlichkeit stillen moechte. Ich denke daran zurueck, wie ich in Deutschland meine Freundin in einen GRAUSAMEN Stillraum im Kaufhaus begleitet habe. Das gibt es hier nicht. Elternzimmer gibt es ueberall und die haben abgegrenzte (Zaun) Spielecken fuer aeltere Kinder - ich LIEBE es, endlich mal in Ruhe stillen :D Oder halt einfach ueberall anders, mit oder ohne Tuch.
Zu den Stillkarten: Alle Stillmuttis helfen sich gegenseitig. Und hier gibt es def weniger Beruehrungsaengste. Daher kam diese Karte von einer Mutti, die mir einfach nur mitteilen wollte, dass sie es toll findet, dass ich in der Oeffentlichkeit stille :) Eine meiner Freundinnen meinte, es wuerde das Stillen stigmatisieren, aber ich fand, man muss auch nicht alles uebermaessig ernst nehmen und fand es einfach nur nett!

Haha, ich musste besonders ueber die giftigen Tiere schmunzeln. DAS IST KEIN SCHERZ LOL: Als ich hierher kam hatte ich den Schock meines Lebens! Ploetzlich war mein Garten voller toedlicher Tiere!! Und staendig sagte mein Mann "Nee, hol die Kinder da lieber weg, wenn ... beisst sind die direkt tot". Und er meinte das ernst!! Die erste Zeit konnte ich absolut nicht nachvollziehen, warum nicht jeder ein Gegengift o.ae. Zuhause hat??! ABer inzwischen habe ich mich daran gewoehnt. Das ist eine ganz komische Mentalitaet hier! Da ist man halt der Meinung, die Kinder muessen lernen, die Tiere in Ruhe zu lassen!! Auf unserem lokalen neuen Spielplatz sind Warnschilder, dort gibt es giftige Schlangen! Ich denke immernoch, dann sollte man halt da hin und die alle umbringen lol. Mein Mann dagegen sagt "ist doch nicht deren Schuld, dass wir dort einen Spielplatz bauen, muessen die Kinder halt aufpassen" hahaha. Inzwischen habe ich mich daran gewoehnt. Mehr oder weniger :/ Ich bin ECHT nicht der Typ fuer widerliche Krabbeltiere :shock:

Mein Mann und ich muessen jetzt los zu einer weiteren australischen Tradition: taettowieren :D Das war auch cool - in ein Land zu kommen, in dem die Omas und Opas taettowiert sind :D
Ich hoffe, ich habe nichts vergessen, ich werde auch versuchen irgendwie unseren Zeitungsausschnitt hier hochzuladen. Und lasst auch die Infos aus Deutschland kommen! Ich bin sehr interessiert daran, wie sich alles so entwickelt hat!

Re: Über den Tellerrand geblickt - Stillen in Australien

Verfasst: 17.06.2012, 02:35
von MamaNicky
Es ist jetzt offizielll: Stillen ist eine der Empfehlungen, dem ploetzlichen Kindstod vorzubeugen!