Isa_Belotti hat geschrieben: Was sagt Miss Undercover dazu??
Guten Morgen!
Alex hat mich gerade auf diesen Thread hier aufmerksam gemacht, ich hatte ihn selbst noch gar nicht gesehen. Und all zu viel kann ich zu dem aktuellen Artikel auch gar nicht sagen, weil ich ihn selbst noch nicht kenne. Als ganz normale Autorin lese ich alle Artikel (außer meinen eigenen

) auch erst im fertig gedruckten Heft. Das müsste gerade unterwegs zu mir sein, bis es allerdings hier in England ankommt, vergeht erfahrungsgemäß bestimmt noch eine Woche. Dann äußere ich mich auch gerne noch mal zu einzelnen Aussagen/Zitaten, wenn gewünscht. Bis dahin ein paar allgemeinere Anmerkungen:
1. Zum Vorwurf, dass hinter der Vorstellung/Empfehlung einzelner Tragen Werbekunden stecken
Dieser Vorwurf wird immer wieder vorgebracht, und er ist nicht nur falsch, sondern regelrecht verleumderisch. Denn der journalistischen Ethos, redaktionell unabhängig zu arbeiten, wird bei der "Eltern" sehr hoch gehalten. Das heißt: Es gibt eine Anzeigen-Abteilung, die kümmert sich um die Werbekunden. Und Redakteuere und Autoren, die schreiben die Texte und halten sich dabei an den Grundsatz der journalistischen Neutralität. Das heißt: Wir recherchieren, führen Interviews mit Experten, lesen Fachtexte, sprechen mit Eltern über deren Erfahrungen - und schreiben danach einen Artikel. Die Trennung von Werbekunden und Redaktion ist dabei sehr streng, abgesehen von ausdrücklich so gekennzeichneten Kooperationen (wie etwa dass ein Möbelhersteller unser "Pinkes Sofa" bereit gestellt hat). Mit dem Vorwurf, dass hinter Produktvorstellungen "sicher Werbekunden stecken" wäre ich deshalb ausgesprochen vorsichtig. Gegen solche nachweisbar unwahren rufschädigenden Unterstellungen kann ein Verlag nämlich sogar gerichtlich vorgehen.
2. Zum Vorwurf, in dem Artikel würden "falsche" Tipps gegeben bezüglich der Themen "schmaler Steg" und "nach vorn tragen"
Ihr wisst es ja selbst: Das sind die heißen Eisen beim Thema Tragen. Das kriegen wir natürlich auch in der Redaktion mit. Einmal durch die Tonnen von Leserbriefen, die uns nach jedem (!) Trageartikel ins Haus flattern. Vor allem aber auch durch die Anfragen vieler verwirrter und verunsicherter Leser(innen), die sich nach den vielen widersprüchlichen Informationen, die sie gehört und gelesen haben, gar nicht mehr trauen, ihre Babys zu tragen. Aus Angst, ihnen zu schaden. Wir haben uns deshalb in der Redaktion in Bezug auf dieses Thema auf eine Art Doppelstrategie geeinigt. Auf der einen Seite schreiben wir in jedem Trage-Artikel, was die optimale Trageposition ist (ASH und so weiter) und raten explizit zur Inanspruchnahme einer Trageberatung. Auf der anderen Seite sagen wir ganz klar, dass Tragen Babys und kleinen Kindern immer gut tut und dass es kein falsches Tragen gibt.
Wie einzelne Redakteurinnen und Redakteure diese Leitlinien umsetzen, ist natürlich individuell verschieden. Nach dem, was ich hier gelesen habe, scheint meine Kollegin Juliane in ihrem Artikel auch wert darauf gelegt zu haben, Müttern und Vätern, die in Tragehilfen mit schmalem Steg bzw. ab und zu mit Blick nach vorn tragen, zu sagen, dass sie deshalb kein schlechtes Gewissen haben müssen. Ich hätte das anders geschrieben, und habe das auch schon in vielen meiner Artikel. (Gerade hat Anne einen neuen Trage-Artikel von mir fürs Sonderheft "Mein Baby" 2013 gegengelesen, sie wird das bestätigen können.) Aber ich verstehe den Grundgedanken: Bloß niemandem Angst machen, er könne durch Tragen irgendwie seinem Baby schaden! Denn Ihr müsst Euch einfach darüber klar sein, dass die Zielgruppe der Zeitschrift eine viel breitere ist als etwa die dieses Forums. Da ist für viele nicht die Frage "Wie trage ich möglichst optimal?" sondern "Trage ich überhaupt?". Entsteht dann der Eindruck, dass Tragen eine hochkomplizierte Wissenschaft ist, bei der man mehr falsch als richtig machen kann, lassen viele es lieber ganz: "Beim Kinderwagenschieben kann man schließlich nichts verkehrt machen."
3. Zu dem Vorwurf, der Artikel sei wohl einfach schlecht recherchiert
Sorgfältig zu recherchieren und seine Faktenlage zu kennen ist die erste und oberste Pflicht eines jeden Journalisten. Und ich kann Euch aus Erfahrung sagen: Beim Thema Tragen ist das irre schwer. Denn wie hier ja auch schon oft erwähnt wurde: Es gibt praktisch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema. Dafür viele Internetmythen, die gerne mal als absolute Wahrheiten hingestellt werden - wie etwa die, dass Tragen mit schmalem Steg zu Hodenquetschungen führe. Ich wette, wenn ich das mal in einem Artikel schreiben würde, fänden das viele hier ganz toll. Es wäre aber ein journalistisches Armutszeugnis, denn dann hätte ich eine unbewiesene Behauptung, die im Internet kursiert, einfach kritiklos übernommen und als Wahrheit verbreitet. Als ich mich intensiv auf die Suche nach nur einem einzigen Präzendenzfall für diese These machte und mit zig Kinderärzten, Orthopäden und Urologen auf der ganzen Welt telefonierte, stellte sich heraus, dass an der Sache nichts dran ist. So ist das manchmal mit dem Recherchieren: Man kommt nicht immer zu den Ergebnissen, die einem persönlich am besten in den Kram passen würden.
Im Zuge meiner Recherchen für verschiedene Artikel zum Thema Tragen habe ich von ausgewiesenen Trage-Experten bereits Aussagen gehört, die in dem Artikel stehen, und noch viele mehr. Kleine Beispiele:
"Aus meiner Sicht spricht überhaupt nichts dagegen, Babys in einer Tragehilfe mit schmalem Steg und Blick nach vorne zu tragen. Es geht dabei ja meist nicht um stundenlange Spaziergänge, sondern etwa um einen kleinen Gang durch den Garten. Das Baby sieht etwas, das freut die Mutter, also fühlt sie sich wohl und kompetent im Umgang mit den Bedürfnissen ihres Kindes, und das ist doch die Hauptsache. Dass irgendwelche Ideologinnen unter meinen Kolleginnen Müttern davon abraten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen." (Eine zertifizierte Trageberaterin)
"Trageberatung - für mich ist allein schon der Begriff lächerlich. Für so etwas Alltägliches wie Tragen braucht man doch keine Beratung! Das zeigt für mich wieder, wie Eltern heute systematisch in das Gefühl hineingedrängt werden, nichts allein zu können. Stattdessen bekommen sie suggeriert, für die simpelsten Dinge wie Stillen oder Tragen eine Beraterin zu brauchen. Ja, geht's noch? Soll es etwa bald auch Atemberater geben, damit die Eltern lernen, richtig Luft zu holen?" (Ein Orthopäde, der intensiv zum Thema Tragen geforscht hat)
"Aus wissenschaftlicher Sicht kann ich nur eins sagen: Tragen tut gut. Getragene Babys entwickeln sich besser als nicht getragene Babys. Alle Babys sollten getragen werden. Aber in welcher Tragehilfe, oder mit welcher Blickrichtung, ist dabei völlig egal. Es gibt keinen Beleg dafür, dass da irgendwas besser wäre." (Ein Orthopäde und Kinderarzt)
Ich könnte noch ewig so weiterschreiben. Die Frage ist nun: Was macht man mit solchen Aussagen? Ich persönlich drucke sie nicht ab. Sondern suche weiter, bis ich einen Experten finde, dessen Erklärungen mir besser einleuchten und meinen Überzeugungen eher entsprechen. Also interviewe ich um Beispiel Alex, statt eines Orthopäden. Aber auch das ist ein schmaler Grad. Denn mein Job ist es schließlich nicht, für meine Überzeugungen zu werben. Sondern möglichst objektiv zu recherchieren. Aber ob nun Alex die ausgewiesenere Trage-Expertin ist oder ein Orthopäde - das liegt immer im Ermessen des einzelnen.
Meine Kollegin mag also andere Experten konsuliert und zitiert haben, als ich das getan hätte. Aber das heißt nicht, dass sie nicht sorgfältig recherchiert hat.
4. Zu den Produktempfehlungen
Es ist also anscheinend mal wieder der Baby Björn dabei, nach Ewigkeiten. Ja, was soll ich dazu sagen? Wenn ich Tragestrecken produziere, kommt er nicht vor. Dann telefoniere ich mit Alex oder Anne, und wir sprechen darüber, welche Tragen schick und stylisch genug für Fotoproduktionen sind und gleichzeitig auch aus ihrer Sicht empfehlenswert sind. Das ist meine Vorgehensweise. Viele meiner Kolleginnen fragen aber zum Beispiel auch Eltern direkt: Was ist eure liebste Trage? Womit kommt ihr am besten zurecht? Und da kommen eben nicht nur "SUT-kompatible" Ergebnisse. Ihr glaubt nicht, wie viele Eltern auf den Baby Björn schwören. Da liegt dann für manche Kolleginnen eben nahe, zu sagen: Wenn die den alle so gut finden, empfehlen wir den auch. Sieht ja auch schick aus, und gerade erst kam doch auch diese Pressemitteilung, dass er jetzt einen breiteren Steg hat. Finde ich nicht gut. Kann ich aber leider nicht ändern.
5. Zum Thema Leserbriefe
Leserbriefe sind was Tolles. Schließlich will jeder Journalist gerne wissen, wie seine Artikel bei der Leserschaft so ankommen. Es gibt allerdings auch Leserbriefe, da scheinen die Absender vergessen zu haben, dass am anderen Ende nicht irgendeine anonyme Instanz sitzt. Sondern ein Mensch, dessen Gefühle verletzt werden können. Natürlich müssen Journalisten auch negatives Feedback abkönnen. Etwa jeder zweite Leserbrief, der an mich persönlich geht, ist kritisch: "Sie stellen das Familienbett zu idealisiert dar" - "Ich finde absurd, dass Sie es als normal darstellen, zwei Jahre zu stillen!" - "In Ihren Schilderungen finde ich mich überhaupt nicht wieder - ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich mein Baby immer so nah bei mir gehabt hätte!". Mit so was kann ich gut umgehen. Nicht gut geht es mir mit persönlichen Anfeindungen: "Ihre Tochter tut mir jetzt schon leid, ich hoffe, sie sparen schon auf einen guten Psychiater, der irgendwann wieder ausbügeln kann, was Sie Übermutter an ihr verbrochen haben!" - "Ein sprechendes, laufendes Kind zu stillen und darüber auch noch zu schreiben? Entschuldigung, aber das ist einfach nur krank. Ich hoffe, sie werden dafür gefeuert!" - "Wie gerne würde ich die Eltern lesen, wenn darin nicht immer wieder ihre furchbaren Artikel stünden. So aber ist mir das Lesen verleidet, weshalb ich mein Abo nun kündigen werde."
Leider trudeln beim Thema Tragen oft genau solche Leserbriefe in der Redaktion ein: Besserwisserisch, beleidigend, persönlich verletzend. Ich sage es offen und ehrlich: "Trage-Ideologinnen" sind in der Redaktion für viele deshalb bereits ein richtiges rotes Tuch. Steht wieder irgendwo was von "unverantwortliche Berichterstattung", "Kinderquälerei", "uninformierte Redakteurin" oder "Hodenquetschung", wird es zwar eine freundliche Antwort geben, aber ernst nehmen kann das keiner. Als damals jenes doofe Cover erschien, wurden einige Leserbriefschreiberinnen (darunter zertifizierte Trageberaterinnen!) so ausfallend und verletzend, dass es für diejenigen, die die Briefe lesen und beantworten mussten, eine regelrechte Zumutung war. Niemand sollte sich an seinem Arbeitsplatz (oder sonstwo) diffamieren und beschimpfen lassen müssen, und genau das ist damals passiert. Bitte, tut mir einen Gefallen und macht das nicht. Schreibt gerne Leserbriefe, aber freundlich und sachlich. Lobt auch mal, was die Eltern bisher gut gemacht hat, wo ihr eine Veränderung seht, welche Artikel euch gefallen haben. Formuliert konkrete Wünsche ("Ich hätte folgende Tragen gut gefunden") anstatt nur schlecht zu machen. Und macht Euch klar, dass die Empfänger Eurer Briefe keine Idioten sind, denen man nur mal sagen muss, was
wirklich gutes Tragen ist. Sondern vielleicht auch einfach Menschen, die, weil sie für ein anderes Publikum schreiben, andere Quellen und Experten konsultiert oder andere persönliche Erfahrungen gemacht haben, dazu eine andere Meinung haben, die es zu respektieren gilt.
6. Zum wirklich Wichtigen
Und vergesst über den Trage-Artikel bitte nicht, die anderen schönen Artikel zu lesen. Da wäre zum Beispiel eine Premiere: Zum ersten Mal ein Eltern-Artikel nur über Stoffwindeln, den ich zusammen mit Bess geschrieben habe. (Huhu, hast Du Dein Heft schon bekommen?) Außerdem eine spannende und unideologische Diskussion zum Thema Impfen, und schließlich habe ich auch noch einen Artikel geschrieben über hochsensible Babys, die Mama mehr als andere brauchen, und deren Mütter, die deshalb noch lange keine Glucken sind.
Liebe Grüße
Nora