Familienfrust *Sinnlospost*
Verfasst: 23.08.2011, 13:39
Ich mag mal etwas Frust ablassen, der seit Tagen in mir brodelt. 
Ich glaube, ich muß dazu etwas ausholen. Meine Tochter ist bisher, wenn man sich die gängigen Listen anschaut, mit so gut wie allen der großen Entwicklungsschritte (krabbeln, laufen, sprechen usw...) spät dran. Es ist immer noch im Rahmen, aber immer an der Obergrenze, auch der Kinderarzt ist informiert und meint, daß man da ein Auge drauf haben sollte, er hält es aber nicht für bedenklich. Mein Problem ist nun, daß meine Schwiegerfamilie deshalb herumstresst. Es nervt sehr, meine Schwiegereltern sind eigentlich hochgebildete Leute (auf jeden Fall deutlich gebildeter als ich), und trotzdem halten sie sich sklavisch an diese blöden Entwicklungslisten und "wissen"? nicht, daß diese Zeitspannen und Mittelwerte in diesen Listen keine Obergrenzen für Entwicklungsschritte sind, sondern aus der Statistik gebildet. Und daß es wie bei jeder Statistik Ausreißer nach oben und auch unten gibt, ohne daß diese Ausreißer gleich krankhaft sind, sondern im normalen Rahmen.
Vor ein paar Wochen waren meine Schwiegereltern mal zu Besuch hier. Nach dem Besuch folgte ein ewig langes Telefonat von ihnen, in dem es um die Sprachentwicklung unserer Tochter ging. Zur Erklärung: Sie kann zwar viele "Worte", allerdings spricht sie sie noch sehr undeutlich aus. Wir Eltern verstehen sie natürlich, andere Leute aber nicht. Ich habe nicht gezählt, wieviele "Worte" sie kann, sie kann aber so gut wie alles, was in ihrer Umgebung vorkommt, benennen. Außerdem versteht sie unheimlich viel, sehr viel mehr als sie selbst äußert. Nach diesem Telefonat war ich schon etwas verärgert, weil es wohl darum ging (mein Mann hatte es geführt), wie auffällig doch ihre ganze Entwicklung ist, wir mehr fördern müssen, dies machen sollen, das falsch machen usw.
Mein Mann hat mich dann beschwichtigt, weil seine Eltern es ja nur gut meinen, sich Sorgen machen usw., und in dem Telefonat nochmal deutlich gemacht, daß wir uns selbst ganz gut über die Entwicklung unserer Tochter im Klaren sind und im Kontakt mit dem Kinderarzt stehen. Dann war erstmal gut.
Zwei Wochen später kam dann meine Schwägerin, die Schwester meines Mannes, mit ihrer Familie zu Besuch (Partner, Sohn 1 4,5 Jahre, Sohn 2 so alt wie meiner). Mein Mann hat sie zwischendurch mal gefragt, wie es denn mit ihrem großen Sohn und der Sprache war. Sie hat dann erst etwas aus dem Nähkästchen geplaudert, was ok für uns war (bzw. wie wir es wollten, schließlich hat mein Mann ja selbst gefragt). Dann schwang das Gespräch aber irgendwie um, es war kein allgemeiner Erfahrungsaustausch mehr, sondern fast schon eine Lehrer-Schüler-Situation, wir natürlich als Schüler, die belehrt werden müssen, wie man ein Kind aufzieht (meine Schwägerin hat übrigens Sozialpädagogik studiert...). Dabei kam auch noch heraus, daß sie von meiner Schwiegermutter den Auftrag erhalten hat, unsere Tochter mal ganz genau in ihrer Entwicklung zu beobachten, zu bewerten, ob es noch normal ist, und ihr dann (also Schwiegermutter) darüber zu berichten.
Eigentlich war es da schon für mich gelaufen, ich war richtig verärgert, habe aber trotzdem noch gute Mine gemacht, obwohl ich da schon wenig Lust hatte, den Besuch noch weiterzuführen. Auch, als dann den ganzen Tag immer wieder Kommentare kamen wie: "Oh, ihr habt ja Bücher mit Fingerspielen, gut, die sind gut für die Sprachentwicklung!" (schön, wir haben die Bücher aber einfach, um damit Spaß zu haben, nicht, um irgendwas zu erreichen). "Die Duplosteine kann sie dafür ja schon richtig toll aufeinanderbauen". "Die Schuhe kann sie ja auch schon richtig gut alleine anziehen." (Beides toll, ich habe jedoch nicht um Bewertung meines Kindes gebeten und schon gar nicht darum, daß jetzt jede Tätigkeit von ihr seziert wird um etwas zu finden, was sie dafür besonders schnell/gut/wie auch immer kann, weil ja jedes Kind etwas Besonderes können muß
).
Abends waren wir dann alle zusammen essen. Meine Tochter hat dabei irgendwann mal auf etwas gezeigt und "lao! lao!" gerufen (ihr Wort für "blau"). Ich habe sie dann gefragt, was sie denn blaues sieht, ob sie es mir nochmal zeigen will und so, was man dann halt zu einem Kind sagt, weil ich selbst in dem Moment nichts blaues gesehen habe und es ihr dadurch natürlich nicht näher erklären konnte. Meine Schwägerin fing dann an, daß Kinder in ihrem Alter Farben ja noch gar nicht verläßlich benennen können, daß sie bestimmt was ganz anderes meint, daß ihr Sohn in dem Alter z.B. immer blau und grün verwechselt hat (schön, ihr Sohn ist aber auch nicht Maß aller Dinge!). Ich wußte aber definitiv, daß meine Tochter auch etwas blaues meint, wenn sie "lao" sagt. Auch, wenn sie da die Farben erst seit ein paar Tagen konnte und sie innerhalb von zwei Tagen aus eigenem Antrieb gelernt hat. Ich hab dann geantwortet, daß ich weiß, daß sie die Farben kann und daß sie wirklich etwas Blaues gesehen hat, wenn sie es sagt. "Nein, in dem Alter ist das noch oft Zufall". Komisch nur, daß wir erst einen Tag vorher beim Ikea waren, in dem Restaurant waren verschiedene Blumengebilde an die Wand gemalt. Jede in einer anderen Farbe. Meine Tochter ist da mit mir langgelaufen und hat von sich aus jedes richtig benannt, komischer Zufall. Ich habe es dann wieder einmal gut sein lassen. (ach ja, später, als wir rausgegangen sind, haben wir übrigens einen kleinen, blauen Kerzenständer gesehen, genau in der Richtung, die sie gezeigt hatte, soviel dazu...)
Nach dem Essen als wir auf die Rechnung warten mußten fing meine Schwägerin wieder an, diesmal aber, daß unsere Erziehung ja auch nicht wirklich gut ist. Wir lassen viel zu sehr durchgehen und verwöhnen viel zu sehr. Ich bin dann richtig wütend geworden, ich habe nämlich an dem Tag einige Situationen gesehen, wo ich mir meine Gedanken gemacht habe und etwas, naja, verwundert darüber war, wie sie selbst mit ihrem Sohn umgeht. (Z.B. einmal, als wir draußen vor dem Haus waren und ihr Sohn den Sand, der dort herumliegt, etwas herumgeworfen hat. Er hat es einfach in die Luft geworfen, nicht auf Menschen, Autos oder sonst was. Sie hat dann gedroht, daß er sofort aufhören soll, ansonsten darf er den Restaurantbesuch im Auto verbringen.
Oder kurz danach während der Fahrt zum Restaurant. Ihr Sohn hat im Auto so mit den Beinen herumgehibbelt, klar, aufregender Tag, stört doch keinen. Dachte ich. Sie sagte dann "Hör sofort damit auf, sonst bekommst du keinen Nachtisch"
).Aber gut, als diese Situationen passierten habe ich mir noch nicht viel gedacht, nur, daß es ihre Sache ist, und daß meine Meinung da sowieso nicht viel zählt. Ich habe dann gesagt, daß wir halt keine künstlichen Grenzen setzen, sondern nur persönliche. Was unsere persönlichen Grenzen verletzt, darf sie nicht, alles andere schon. Sie fing dann an mit "aber es kommen ja noch Kindergarten und Schule, da geht sowas dann nicht mehr", und dann kam zum Glück die Rechnung und wir konnten uns verabschieden. Später, als mein Mann und ich nochmal darüber geredet haben, ist uns erst aufgefallen, daß wir gar nicht wissen, wo wir unsere Tochter so schlimm verwöhnt und ihr zuviel durchgehen lassen haben.
Er vermutete, daß es die Situation war, als er mit unserer Tochter zusammen das Restaurant erkundet hat, bevor das Essen kam. Wahrscheinlich hätte sie mit ihren zwei Jahren gesittet auf ihrem Platz warten sollen. 
Uff, viel geworden und durcheinander, ich war mir gar nicht bewußt, wie sehr mich das alles gefrustet hat. Ich habe mich von meiner Schwiegerfamilie sehr von oben herab behandelt gefühlt, so, als ob wir selbst nicht in der Lage sind, vernünftig auf unsere Kinder zu schauen (besonders, als ich von dem Beobachtungsauftrag erfahren habe...). Ich finde das wirklich unangemessen. Wir wohnen sehr weit voneinander entfernt und sehen uns nur selten. Klar, es sind Oma, Opa, Tante...für meine Kinder sind es aber *eigentlich* völlig fremde Personen. Der letzte Besuch davor war über ein Jahr her, meine Tochter ist jetzt zwei, sie kennt ihre Oma und ihre Tante nicht. Und vor allem zählt das auch umgekehrt, auch die Schwiegerfamilie kennt sie überhaupt nicht, ich finde es ganz schön anmaßend, aufgrund der paar Stunden ein "fremdes" Kind, ja eigentlich eine ganze Familie zu bewerten und zu beurteilen. Einblick in unseren Alltag haben sie ja nicht.
Ich erwarte darauf jetzt keine großen Antworten, wollte das nur mal loswerden. Schon das Schreiben hat mir geholfen, wieder selbst etwas klarer zu werden. So, und jetzt suche ich mir nochmal diese wunderschöne Signatur, die eine Frau hier hat: "Mein Kind soll frei sein, nicht bewertet, beurteilt, ..." (ähnlich) und führe mir diese nochmal zu Gemüte, die trifft mein Gefühl nämlich genau.
Ich glaube, ich muß dazu etwas ausholen. Meine Tochter ist bisher, wenn man sich die gängigen Listen anschaut, mit so gut wie allen der großen Entwicklungsschritte (krabbeln, laufen, sprechen usw...) spät dran. Es ist immer noch im Rahmen, aber immer an der Obergrenze, auch der Kinderarzt ist informiert und meint, daß man da ein Auge drauf haben sollte, er hält es aber nicht für bedenklich. Mein Problem ist nun, daß meine Schwiegerfamilie deshalb herumstresst. Es nervt sehr, meine Schwiegereltern sind eigentlich hochgebildete Leute (auf jeden Fall deutlich gebildeter als ich), und trotzdem halten sie sich sklavisch an diese blöden Entwicklungslisten und "wissen"? nicht, daß diese Zeitspannen und Mittelwerte in diesen Listen keine Obergrenzen für Entwicklungsschritte sind, sondern aus der Statistik gebildet. Und daß es wie bei jeder Statistik Ausreißer nach oben und auch unten gibt, ohne daß diese Ausreißer gleich krankhaft sind, sondern im normalen Rahmen.
Vor ein paar Wochen waren meine Schwiegereltern mal zu Besuch hier. Nach dem Besuch folgte ein ewig langes Telefonat von ihnen, in dem es um die Sprachentwicklung unserer Tochter ging. Zur Erklärung: Sie kann zwar viele "Worte", allerdings spricht sie sie noch sehr undeutlich aus. Wir Eltern verstehen sie natürlich, andere Leute aber nicht. Ich habe nicht gezählt, wieviele "Worte" sie kann, sie kann aber so gut wie alles, was in ihrer Umgebung vorkommt, benennen. Außerdem versteht sie unheimlich viel, sehr viel mehr als sie selbst äußert. Nach diesem Telefonat war ich schon etwas verärgert, weil es wohl darum ging (mein Mann hatte es geführt), wie auffällig doch ihre ganze Entwicklung ist, wir mehr fördern müssen, dies machen sollen, das falsch machen usw.
Zwei Wochen später kam dann meine Schwägerin, die Schwester meines Mannes, mit ihrer Familie zu Besuch (Partner, Sohn 1 4,5 Jahre, Sohn 2 so alt wie meiner). Mein Mann hat sie zwischendurch mal gefragt, wie es denn mit ihrem großen Sohn und der Sprache war. Sie hat dann erst etwas aus dem Nähkästchen geplaudert, was ok für uns war (bzw. wie wir es wollten, schließlich hat mein Mann ja selbst gefragt). Dann schwang das Gespräch aber irgendwie um, es war kein allgemeiner Erfahrungsaustausch mehr, sondern fast schon eine Lehrer-Schüler-Situation, wir natürlich als Schüler, die belehrt werden müssen, wie man ein Kind aufzieht (meine Schwägerin hat übrigens Sozialpädagogik studiert...). Dabei kam auch noch heraus, daß sie von meiner Schwiegermutter den Auftrag erhalten hat, unsere Tochter mal ganz genau in ihrer Entwicklung zu beobachten, zu bewerten, ob es noch normal ist, und ihr dann (also Schwiegermutter) darüber zu berichten.
Eigentlich war es da schon für mich gelaufen, ich war richtig verärgert, habe aber trotzdem noch gute Mine gemacht, obwohl ich da schon wenig Lust hatte, den Besuch noch weiterzuführen. Auch, als dann den ganzen Tag immer wieder Kommentare kamen wie: "Oh, ihr habt ja Bücher mit Fingerspielen, gut, die sind gut für die Sprachentwicklung!" (schön, wir haben die Bücher aber einfach, um damit Spaß zu haben, nicht, um irgendwas zu erreichen). "Die Duplosteine kann sie dafür ja schon richtig toll aufeinanderbauen". "Die Schuhe kann sie ja auch schon richtig gut alleine anziehen." (Beides toll, ich habe jedoch nicht um Bewertung meines Kindes gebeten und schon gar nicht darum, daß jetzt jede Tätigkeit von ihr seziert wird um etwas zu finden, was sie dafür besonders schnell/gut/wie auch immer kann, weil ja jedes Kind etwas Besonderes können muß
Abends waren wir dann alle zusammen essen. Meine Tochter hat dabei irgendwann mal auf etwas gezeigt und "lao! lao!" gerufen (ihr Wort für "blau"). Ich habe sie dann gefragt, was sie denn blaues sieht, ob sie es mir nochmal zeigen will und so, was man dann halt zu einem Kind sagt, weil ich selbst in dem Moment nichts blaues gesehen habe und es ihr dadurch natürlich nicht näher erklären konnte. Meine Schwägerin fing dann an, daß Kinder in ihrem Alter Farben ja noch gar nicht verläßlich benennen können, daß sie bestimmt was ganz anderes meint, daß ihr Sohn in dem Alter z.B. immer blau und grün verwechselt hat (schön, ihr Sohn ist aber auch nicht Maß aller Dinge!). Ich wußte aber definitiv, daß meine Tochter auch etwas blaues meint, wenn sie "lao" sagt. Auch, wenn sie da die Farben erst seit ein paar Tagen konnte und sie innerhalb von zwei Tagen aus eigenem Antrieb gelernt hat. Ich hab dann geantwortet, daß ich weiß, daß sie die Farben kann und daß sie wirklich etwas Blaues gesehen hat, wenn sie es sagt. "Nein, in dem Alter ist das noch oft Zufall". Komisch nur, daß wir erst einen Tag vorher beim Ikea waren, in dem Restaurant waren verschiedene Blumengebilde an die Wand gemalt. Jede in einer anderen Farbe. Meine Tochter ist da mit mir langgelaufen und hat von sich aus jedes richtig benannt, komischer Zufall. Ich habe es dann wieder einmal gut sein lassen. (ach ja, später, als wir rausgegangen sind, haben wir übrigens einen kleinen, blauen Kerzenständer gesehen, genau in der Richtung, die sie gezeigt hatte, soviel dazu...)
Nach dem Essen als wir auf die Rechnung warten mußten fing meine Schwägerin wieder an, diesmal aber, daß unsere Erziehung ja auch nicht wirklich gut ist. Wir lassen viel zu sehr durchgehen und verwöhnen viel zu sehr. Ich bin dann richtig wütend geworden, ich habe nämlich an dem Tag einige Situationen gesehen, wo ich mir meine Gedanken gemacht habe und etwas, naja, verwundert darüber war, wie sie selbst mit ihrem Sohn umgeht. (Z.B. einmal, als wir draußen vor dem Haus waren und ihr Sohn den Sand, der dort herumliegt, etwas herumgeworfen hat. Er hat es einfach in die Luft geworfen, nicht auf Menschen, Autos oder sonst was. Sie hat dann gedroht, daß er sofort aufhören soll, ansonsten darf er den Restaurantbesuch im Auto verbringen.
Uff, viel geworden und durcheinander, ich war mir gar nicht bewußt, wie sehr mich das alles gefrustet hat. Ich habe mich von meiner Schwiegerfamilie sehr von oben herab behandelt gefühlt, so, als ob wir selbst nicht in der Lage sind, vernünftig auf unsere Kinder zu schauen (besonders, als ich von dem Beobachtungsauftrag erfahren habe...). Ich finde das wirklich unangemessen. Wir wohnen sehr weit voneinander entfernt und sehen uns nur selten. Klar, es sind Oma, Opa, Tante...für meine Kinder sind es aber *eigentlich* völlig fremde Personen. Der letzte Besuch davor war über ein Jahr her, meine Tochter ist jetzt zwei, sie kennt ihre Oma und ihre Tante nicht. Und vor allem zählt das auch umgekehrt, auch die Schwiegerfamilie kennt sie überhaupt nicht, ich finde es ganz schön anmaßend, aufgrund der paar Stunden ein "fremdes" Kind, ja eigentlich eine ganze Familie zu bewerten und zu beurteilen. Einblick in unseren Alltag haben sie ja nicht.
Ich erwarte darauf jetzt keine großen Antworten, wollte das nur mal loswerden. Schon das Schreiben hat mir geholfen, wieder selbst etwas klarer zu werden. So, und jetzt suche ich mir nochmal diese wunderschöne Signatur, die eine Frau hier hat: "Mein Kind soll frei sein, nicht bewertet, beurteilt, ..." (ähnlich) und führe mir diese nochmal zu Gemüte, die trifft mein Gefühl nämlich genau.