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"Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 19:28
von kruemel09
zu stillen." Das klingt doch schon mal super.
ABER bitte nicht nachts.
Steht so im homöopathischen Handbuch von 1916. (Haben wir bei meiner Schwieger-Omi gefunden.) Dort wird den Müttern direkt verboten nachts zu stillen, weil ein Kind zwischen 1/2 10 (weiß nicht ob das halb 10 oder halb 11 bedeutet) und 5 Uhr gut ohne Nahrung auskommt. Falls das Kind Durst hat, könne frau ja einen Löffel Wasser geben. Da sich der Körper an feste Zeiten für's Essen gewöhnen kann, solle man das gleich nach der Geburt beginnen. Sinn des ganzen ist auch, dass die Wöchnerin und das Neugeborenen so nachts mehr Ruhe haben

(am Kopf kratz??). Desweiteren werden auch für den Tag feste Zeiten festgelegt (die habe ich leider vergessen, aber es war so um die 4 Stunden jeweils). Und frau soll sich bloß nicht von den Ratschlägen von Tanten, Großmüttern und anderen verunsichern lassen (da stand, glaub ich, aber nicht, was die raten) - naja das trifft auch heute noch zu.
Was haben denn die Frauen damals gemacht, wenn ihr Baby nachts geschrien hat? Haben die's rumgetragen oder schreien lassen?
Und weiß jemand wie lange das geraten wurde mit nachts nicht stillen?
Es ist einerseits faszinierend das zu lesen, aber mir tun unsere Omas (die ja zu der Zeit Babys waren), jetzt noch leid. Ich werd mir das bei Gelegenheit noch mal genauer durchlesen. Da standen nämlich auch Sachen drin, die jetzt (wieder) gemacht werden, z.B. dass das Baby zeitnah nach der Geburt gestillt werden soll.
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 19:57
von Iffebim
Eine meiner Omas hat mir Folgendes erzählt (Achtung traurig):
Ihr Kind habe von 10 Uhr bis 6 Uhr nichts zu trinken bekommen. NIE. Seit er auf der Welt war, hat er jede Nacht Stunden vor Hunger gebrüllt. So gegen 2 ging es wohl los und dann bis frühs um 6, als sie ihm endlich wieder was geben durfte. Die 4 Stunden hat sie oder ein Verwandter ihn jede Nacht durch die Wohnung getragen.
Das Ganze war so Anfang der 60er Jahre.
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 20:31
von Inken
Iffebim hat geschrieben:Die 4 Stunden hat sie oder ein Verwandter ihn jede Nacht durch die Wohnung getragen.
Das ist anerkennenswert! Auch wenn es natürlich traurig ist...
Liebe Grüße
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 20:37
von emima
Genau das, was iffebim schreibt, hat mir auch eine bekannte erzählt. Das kind hat nachts stundenlang geweint und sie hat sich jede nacht um die ohren geschlagen damit ihr baby rumzutragen. Aber sie hat sich nicht getraut ihm milch zu geben weil sie der meinung war, das würde dem kind schaden. So wurde es den frauen anscheinend echt erzählt..
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 21:43
von Iris
Ich habe mehrfach von Frauen erzählt bekommen, dass sie ihre Kinder eben nur nach dem Schema 6 Uhr, 12 Uhr, 16 Uhr, 20 Uhr, 23 Uhr stillen "durften" und das Kind dazwischen dann oft erbärmlich brüllte. Eine sagte mir: "Ich bin dann oft spazieren gegangen, weil ich das nicht aushalten konnte." - Spazieren heißt: ohne Kind, denn das "musste" im Bettchen liegen im dunklen Zimmer. Ich rede nicht von der NS-Zeit - ich rede von den 60er Jahren.

Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 22:00
von inmediasres
Hallo!
Mein Thema.
kruemel09 hat geschrieben:Und frau soll sich bloß nicht von den Ratschlägen von Tanten, Großmüttern und anderen verunsichern lassen (da stand, glaub ich, aber nicht, was die raten)
Ich kann mir denken, was die geraten haben. Die haben nämlich selber noch weitgehend nach Bedarf gestillt und vor allem das Kind rund um die Uhr bei sich gehabt/getragen. Das Schreienlassen muss ihnen in der Seele weh getan haben.
Aber der Wind hatte sich eindeutig gedreht.
An eine achtstündige Nachtpause wird das Kind am besten sehr bald gewöhnt.
Es gibt Säuglinge, bei denen auch bei richtiger Pflege ein durchgehender Nachtschlaf nicht zu erreichen ist. Diese Kinder stören durch stundenlanges Schreien die Nachtruhe ihrer Angehörigen oder ihres Pflegepersonals. Wenn wir derartige Schreikinder durch eine Nachtmahlzeit zur Ruhe bringen können, greifen wir im Interesse des Kindes und seiner Umgebung zu diesem Mittel.
Köhler, 1921
Böse, böse Kinder.
219. Wie oft wird das Kind angelegt?
Die ersten Tage 6 mal (5 mal am Tage, 1 mal nachts), dann nur 5 mal am Tage, alle 4 Stunden.
220. Warum wird das gesunde Kind nicht öfter angelegt?
Es sind Pausen zwischen den einzelnen Mahlzeiten erforderlich, da der Magen erst wieder in 2-3 Stunden beim Brustkind geleert ist (beim Flaschenkind in 3-4 Stunden).
221. Warum wird abgesehen von der ersten Zeit nachts nicht angelegt?
Weil Mutter und Kind Ruhe haben müssen, insbesondere der Magen-Darmkanal des Säuglings nicht überlastet werden darf.
222. Wenn nun der Säugling nachts schreit?
So darf ihm höchstens etwas dünner saccharingesüßter Tee gegeben werden. Nach einigen Tagen soll auch dieses aufhören; das Kind merkt sich bald, daß es nichts bekommt und stellt sein Schreien ein.
Krasemann, 1929
Die Erziehung des Kindes beginnt schon in der Wiege, sofern man die Gewöhnung an das Innehalten einer bestimmten Zeitordnung bei den Mahlzeiten als Erziehung bezeichnen will. Die Kinder sollen trinken, wann es Zeit ist, aber nicht, wann es ihnen paßt. Gesunde Brustkinder stellen sich von allein so ein, daß sie etwa alle 4 Stunden Nahrung verlangen. Man halte hieran möglichst fest und scheue sich nicht, die Kinder zu den Mahlzeiten zu wecken, da es in der Tat sehr wichtig ist, daß die Nahrungszufuhr eine geregelte ist.
Neugeborene Kinder melden sich auch in der Nacht. Diese Nachtmahlzeit ist für das Kind überflüssig und für die Mutter störend. Man suche sie deshalb den Kindern allmählich im Laufe des ersten Lebensvierteljahres abzugewöhnen, indem man sie nicht weckt, wenn sie die Mahlzeit mal zufällig verschlafen haben, indem man ferner versucht, sie - wenn sie schreien - nur trocken zu legen, und im übrigen abwartet, ob sie sich danach nicht von allein beruhigen, indem man sie mit einigen Löffeln Tee über die Mahlzeit hinwegzutäuschen versucht, oder indem man ihnen vor der letzten Mahlzeit am Abend (10 Uhr) ein 20 Minuten langes, 35° C warmes Bad verabfolgt, um sie ordentlich müde zu machen. Das heroischste Mittel für eine junge Mutter ist, daß sie das Kind - wie man sagt - durchschreien läßt.
Birk/Mayer 1930
Da kann einem schon fast schlecht werden, wenn man sowas liest.
Diese Strömung gab es auch in anderen westlichen Ländern (z.B. auch in den USA). Dort wurden diese Regeln allerdings bald abgemildert oder revidiert. Bei uns hingegen wurden sie durch die N*zis bekräftigt. Es wurde "uns" so sehr eingeimpft, dass wir noch heute unter den Folgen leiden. Man bedenke, dass die Krankenschwestern, Ärzte, Hebammen etc, die in den 30er und 40er Jahren gelernt hatten, dann in den 50er bis 70er Jahren das Sagen in den Kreißsälen, Wochenstationen und Kinderstationen hatten. Dementsprechend dauerte es lange, bis man wieder von derlei furchtbaren Regeln abkam. Wir sind ja heute noch nicht ganz davon weg.
Noch ein bißchen Werbung in eigener Sache: Voraussichtlich nächsten Monat wird in der DHZ (Deutsche Hebammen Zeitschrift) ein Artikel von mir erscheinen mit dem Titel "Seit wann müssen Kinder schlafen lernen?" Darin widme ich mich der Geschichte der "nächtlichen Säuglingspflege" bis in die 1930er.
Viele Grüße
Karin
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 22:07
von LaLeMi
Ja...
wurde auch meiner SchwieMu beim ersten Kind so empfohlen, 12 Std. nichts zu trinken - das war 1964...
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 22:53
von Iris
Hihi, Karin, es war ja nur eine Frage der Zeit, bis Du hier aufschlägst.

Hey, Du MUSST daraus ein Buch machen, unbedingt. Das ist einfach der Wahnsinn, was Du schon zusammengetragen hast. *daumenhoch* (Diesem Forum fehlt eindeutig ein Respekt-Smiley).
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 22:58
von wunderpflanze
Meine Großtante (Schwester meiner Oma), selbst keine Kinder, Jahrgang irgendwo in den 1930ern ...
... hat mir erzählt, dass sie es so kennt, dass man die Säuglinge ins Bett gelegt hat und möglichst weit weg in ein anderes Zimmer, damit man sie nicht brüllen hören musste.
Re: "Es ist die heilige Pflicht einer Mutter...
Verfasst: 03.06.2010, 23:00
von rula