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Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 27.05.2012, 23:26
von Steff
Zur Ausgangsfrage: ich finde wir Tragenden machen es uns gar nicht leicht. Im Gegenteil. Ich finde Haushalt erledigen und mich um die Geschwister kümmern viel einfacher, wenn der Kleinste nicht an meinem Körper hängt.
Aber es ist eben für die Allerkleinsten ein artgerechtes Bedürfnis.
Je älter sie werden und umso mobiler sie werden, desto weniger kleben sie doch an einem. Die Zeit ohne Tragling wird kommen :)

Getragen werden schult doch auch den Gleichgewichtssinn. Dein Baby ist überall dabei. Bekommt alle Eindrücke aus der geborgensten Position mit. Hautkontakt zu dir ist mehr Förderung als alles andere. Und du trägst ja nicht 24 Std. ununterbrochen, sondern wirst sicher die Zeit finden dich auch vis-à-vis mit deinem Kleinsten zu beschäftigen. Andere Eltern besingen und bespielen ihre Babys auch nicht pausenlos, auch wenn sie nicht tragen.

Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 27.05.2012, 23:43
von bienenmeister
Ich fühl mich nicht angegriffen. Es interessiert mich nur einfach.

Übrigens singe und gröle ich auch laut mit, wenn Baby auf dem Arm. Kein Problem.
Fliegenpilz hat geschrieben: Warum ich solche Sachen denn nicht aufzählen, wenn es doch genau die sind die noch davon abhalten ständigen Körperkontakt zu halten.
Ich hab kein Problem wenn einer sagt, ich mag nicht permanent tragen, mir ist das zu anstrengend, zuviel Nähe oder was weiß ich. Aber Kino und Sex sind m.M. nach einfach keine Argumente. Naja, und was Liedloff zu Kino und anderen "nutzlosen" Verrichtungen geschrieben hat, weißt du ja. Diese Aktivitäten sind ja durch ihren Charakter schon vom Tragen ausgeschlossen. Es ist einfach nicht logisch zu sagen, weil ich mehrmals die Woche ins Kino gehe, trage ich mein Kind nicht bei der Hausarbeit oder wenn ich laut singen möchte (oder krasser ausgedrückt, wenn ich Spaß haben möchte - du hast ja nur Dinge aufgezählt, die angenehm sind).

Aber das tägliche Einerlei ist zum Tragen bestens geeignet und ich finde Liedloffs Schlüsse, dass die täglichen Verrichtungen genau die Art von Reizen darstellt, die Kinder brauchen, folgerichtig. Mein Kind braucht es, mich zu beobachten, wie ich mich mit anderen unterhalte, er braucht wechselnde Licht, Temperatureinflüsse, Geräusche usw. Und ja, anfangs hat er gemeckert, wenn ich stehen geblieben bin und es nicht mehr geschuckelt hat. Ich hab mir auch fast die Knie geschrottet, weil ich mich nicht getraut habe, mich nach vorne zu bücken. Das war in meinem Fall falsch. Er hat sich da so schnell dran gewöhnt in den letzten Tagen und es ist so sehr abhängig davon, dass ich selbst nicht unruhig werde, "nur" weil er anfängt zu muckeln. Lieber fängt er im Tuch an zu muckeln, als dass ich im diesen Weglegestress antue. Wie gesagt, mittlerweile akzeptiert er es, wenn ich mit ihm im Tuch im Vierfüßlerstand was Verschüttetes vom Boden aufwische.

Ich hab ihn anfangs viel zu sehr in Watte gepackt, weil ich dem Irrtum aufgesessen bin, Kinder müssten essen-kacken-schlafen. Und Mütter bräuchten unbedingt Zeit ohne Kind. Eine Freundin wirft mir sogar vor, dass es ja nicht gut sein KÖNNE, dass ich alles mit Baby zusammen zu machen. Und warum nicht? Keine Antwort gekriegt.

@Steff: So klein wie mein Kind ist, empfinde ich Tragen als viel einfacher, als das Kind wegzulegen. Ich kann sein Weinen einfach nicht ertragen. Und ich mag diese, wie Liedloff es sagt, Kindzentriertheit nicht.

Ich war auch noch nie körperlich so fit wie jetzt. Mein Fitnessstudio hat mich wahrlich von hinten gesehen (und ich sah noch nie so gut aus von hinten wie jetzt :mrgreen: )

Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 00:07
von Steff
Um Himmels Willen nicht weggelegt und weinen gelassen. Weinende Babys, ob mein eigenes oder fremde, treiben meinen Stresspegel in ungemütliche Höhen, wenn ich nicht sofort beruhigen/trösten kann.
Aber wenn ich die Chance hatte meine Babies meiner Mutter in den Arm zu legen, wo sie glücklich und zufrieden waren und die sie auch problemlos in den Schlaf gekuschelt hat (Papa ist keine Option, da wird nur gekräht), dann hab ich sie dankend genutzt.

Mein jüngster Brocken wog vollgestillt mit 6 Monaten schon 10kg. So viel wog meine Drittjüngste mit 2 Jahren noch nicht. Ich hab zudem eine extreme innere Hitze und renne im Winter möglichst wenig bekleidet herum, so dass ein kleiner, schwerer Heizofen an mir, mir das Leben nicht leichter macht. Zudem bin ich totaler Rückentragefan, weil ich es viel bequemer finde. Aber mein Sohn protestiert wenn er nicht vorn oder auf der Hüfte getragen wird. Derzeit am liebsten ohne Tuch oder Tragehilfe einfach auf dem Arm. Auf der Stelle darf nicht gestanden werden, was manche Arbeiten unmöglich macht und auf den Knien vor der Waschmaschine zu arbeiten geht auch gar nicht. Zum Glück ist er inzwischen mobil und kann neben der Maschine sitzen.

Darum finde ich tragen, auch wenn der Kuscheleffekt klasse ist, bei Alltagsarbeiten eher lästig als schön.

Die körperliche Fitness kann ich bestätigen. Muskulatur an Stellen die ich vorher nicht kannte ;) Gerade Freitag beim Abschlußkreis der Waldwoche meiner Zweitältesten hab ich den Jüngsten im Sling zwei Stunden getragen und die Kindergartenleiterin fragte mich mitfühlend ob ich denn keine Rückenschmerzen habe, was ich absolut verneinen konnte. Steht auch in der Hoppediz Trageanleitung. Tragen ist das beste Rückentraining.

der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 10:20
von Fliegenpilz
bienenmeister hat geschrieben:Ich fühl mich nicht angegriffen. Es interessiert mich nur einfach.

Übrigens singe und gröle ich auch laut mit, wenn Baby auf dem Arm. Kein Problem.
Fliegenpilz hat geschrieben: Warum ich solche Sachen denn nicht aufzählen, wenn es doch genau die sind die noch davon abhalten ständigen Körperkontakt zu halten.
Ich hab kein Problem wenn einer sagt, ich mag nicht permanent tragen, mir ist das zu anstrengend, zuviel Nähe oder was weiß ich. Aber Kino und Sex sind m.M. nach einfach keine Argumente. Naja, und was Liedloff zu Kino und anderen "nutzlosen" Verrichtungen geschrieben hat, weißt du ja. Diese Aktivitäten sind ja durch ihren Charakter schon vom Tragen ausgeschlossen. Es ist einfach nicht logisch zu sagen, weil ich mehrmals die Woche ins Kino gehe, trage ich mein Kind nicht bei der Hausarbeit oder wenn ich laut singen möchte (oder krasser ausgedrückt, wenn ich Spaß haben möchte - du hast ja nur Dinge aufgezählt, die angenehm sind).

Aber das tägliche Einerlei ist zum Tragen bestens geeignet und ich finde Liedloffs Schlüsse, dass die täglichen Verrichtungen genau die Art von Reizen darstellt, die Kinder brauchen, folgerichtig. Mein Kind braucht es, mich zu beobachten, wie ich mich mit anderen unterhalte, er braucht wechselnde Licht, Temperatureinflüsse, Geräusche usw. Und ja, anfangs hat er gemeckert, wenn ich stehen geblieben bin und es nicht mehr geschuckelt hat. Ich hab mir auch fast die Knie geschrottet, weil ich mich nicht getraut habe, mich nach vorne zu bücken. Das war in meinem Fall falsch. Er hat sich da so schnell dran gewöhnt in den letzten Tagen und es ist so sehr abhängig davon, dass ich selbst nicht unruhig werde, "nur" weil er anfängt zu muckeln. Lieber fängt er im Tuch an zu muckeln, als dass ich im diesen Weglegestress antue. Wie gesagt, mittlerweile akzeptiert er es, wenn ich mit ihm im Tuch im Vierfüßlerstand was Verschüttetes vom Boden aufwische.

Ich hab ihn anfangs viel zu sehr in Watte gepackt, weil ich dem Irrtum aufgesessen bin, Kinder müssten essen-kacken-schlafen. Und Mütter bräuchten unbedingt Zeit ohne Kind. Eine Freundin wirft mir sogar vor, dass es ja nicht gut sein KÖNNE, dass ich alles mit Baby zusammen zu machen. Und warum nicht? Keine Antwort gekriegt.
Weil laut grölen meiner Tochter Angst macht ;-) Was Lautstärke betrifft ist sie sehr empfindlich.

Und wenn du zur Zeit nicht oft ins Kino gehst, Sex hast oder auch nur allein mit Kind Auto fährst ist das natürlich das Optimum für die Körperkontakthaltung. Das funktioniert aber bei den allerallerwenigsten weil man einfach unterschiedliche Bedürfnisse hat.

Liedloff wünscht ja, dass die Kinder auch beim elterlichen Sex dabei sind - kann ich mir nicht vorstellen. Mein Kind Messern oder ähnlich gefährlichem Zeug auszusetzen - kann ich mir nicht vorstellen. Und mein Haushalt ist irre langweilig, nicht zu vergleichen mit Kochen auf offenem Feuer, Körbe flechten oder Wäsche nach langem Marsch im Fluss waschen.

der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 10:33
von cher123blau
Ich kann nur von mir reden und sagen, das Lea in dem alter nur im tragetuch war. Also wirklich den ganzen Tag. Denn ich brauchte wie du meine Hände für meinen Sohn und den Haushalt.
Sie war glaub ich bis der Tim in den Kindergarten kam DEN GANZEN TAG im Tuch. Tim kam im Januar in den KG und Lea war da 3 Monate alt. Dann war sie nur noch Nachmittag drin.

Jetzt ist sie 7 Monate alt und ich sehe keinerlei Dinge die mir sagen würde das das falsch war. Ganz im Gegenteil sie ist SEHR ausgeglichen und kann sich für ihr alter schon sehr lang allein beschaeftigen. auch ist sie nirgends zurück geblieben sondern kann mehr als viele andere in ihrem alter oder älter.

Sollte ich noch ein Kind bekommen würde ich es genauso machen. Es gibt für den kleinen Menschen bestimmt nichts besseres als bei dem Menschen eng angebunden zu sein, bei dem er ja schon 9 Monate davor sein DURFTE.

Und bespaßen muß man doch so ein kleines Kind noch gar nicht. Das hat schon soviel zu verarbeiten wenn es das aufnimmt was er von tragetuch aus sieht

Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 10:48
von Steff
*einmisch* bei Kino kann man nun wirklich nicht von einem Bedürfnis reden.
Aber ein Baby hat Bedürfnisse.
Auf Kino kann ich auch als Kino-Fan gerne mal längere Zeit verzichten. Das wird weder meiner Psyche, noch meinem Urvertrauen schaden.
Und es macht kreativ was abendliche Freizeitgestaltung mit Kind angeht.
Hier waren es jeweils gut anderthalb bis zwei kinofreie Jahre.
DVD-Abende sind auch nett :)

der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 10:56
von Fliegenpilz
Für mich kommt Flimmerkiste mit Kind nicht in Frage, deshalb auch keine DVD-Abende ;-)
Ich steige hier jetzt auch aus, denn es gibt tatsächlich Mütter die nicht nur Grundbedürfnisse haben und zu denen gehöre ich. Meine Bedürfnisse können auch Rad fahren, ein lauter Streit oder Yoga sein. Das meiste mache ich mit meinem Kind, ja. Aber alles? Das passt nicht zu mir, zu uns.

Zu sehen wie sie mit 5 Monaten robben will, sich schon lange dreht und wie stolz sie dann guckt wenn was geklappt oder wie genüsslich sie sich nach 3h im Tuch streckt - auch das sind Momente, die ich vermissen würde.

Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 11:17
von posy
Fliegenpilz: Ich bin auch so eine Mutter! 8)

Es versteht sich von selbst, dass man die ganze Situation sehen muss, aber mir geht die implizite Forderung, als Mutter müsse man sich ganz aufgeben (die nicht hier erhoben wird!), etwas gegen den Strich. Es gibt solche Zeiten, wo es für das Kind notwendig ist, aber als Dauerzustand finde ich das schwierig.

Mit der Liedloff habe ich auch so meine Schwierigkeiten. Die Beobachtungen sind alle interessant, aber die Folgerungen kann ich nicht immer so nachvollziehen. Da spielt sicher auch ihre Herkunft eine Rolle - die gesellschaftliche Situation in den USA ist ein ganz deutlicher Abstoßpunkt für sie.
Aber man muss das Buch ja auch nicht 1:1 übernehmen. :wink:

Dabei, aber nicht im Mittelpunkt - das ist sicher ein guter Ansatz.

der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 11:34
von cher123blau
Ich muss mir mal nachher zeit nehmen und alles lesen. Hab nur das erste gelesen

Aber die Antworten nach mir, machen mich neugierig.

Kann nur sagen das ICH !!!! BIS JETZT keine Einschränkungen habe, mit Lea vorn im tragetuch.

Nein ich bin sogar der Meinung das vieles einfacher ist.

Kino und Sex Brauch ICH im Moment noch nicht.
Bei allem anderen Sachen die ich nach, ist sie dabei.

So ist es bei UNS.

Und jeder schreibt doch hier wie es bei einem ist oder? Und es ist nirgendwo gleich. Jeder hat andere Bedürfnisse.

Re: der vernachlässigte tragling

Verfasst: 28.05.2012, 11:51
von bienenmeister
Ich gehe später ausführlich darauf ein.

Liedloff IST die Antwort auf die Fragestellung der Themenerstellerin. Es geht darum, ob ich mein Kind im Alltag in den Mittelpunkt stelle (Kindzentriertheit; aktive Beschäftigung mit dem Säugling), oder es dem Kind ermögliche, passiv (getragen), am Alltag seiner Familie teilzunehmen.

Genau darum geht es doch. Und nicht um Yoga-Termine oder ob man beim elterlichen Sex das Kind im Arm hat. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Hier lesen auch ungewiefte Eltern, und ich finde es fatal, ein sorgsam geschriebenes, nützliches und sorgsam recherchiertes Buch hier durch den Kakao zu ziehen (wie zum Beispiel mit der Bemerkung: Bitte WAS?). Ich finde es absolut legitim und in Ordnung, dass es Mütter gibt, die ihre Yogakurse, Friseurtermine und Kinoabende ohne Kind kultivieren. Daran finde ich nichts verkehrtes. Der Umkehrschluss funktioniert aber nicht. Es hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun, wenn eine Mutter genüsslich mit Kind auf dem Körper ihre Freizeit gestaltet.

In den letzten Kapiteln des Buches geht es um die Vereinbarkeit von einem Leben nahe des Kontinuums unserer Kinder in unserer westlichen Gesellschaft. Das scheinst du nicht gelesen zu haben Fliegenpilz. Liedloff sagt in keiner Zeile, dass wir unsere Kinder beim Sex zugucken lassen müssen, damit sie glückliche Kinder werden. Sie selbst führt äußerst genau aus, dass sich eine Lebensweise wie die der Yequana (da du ja die Korbflechterei mit deinem langweiligen Haushalt vergleichst) nicht auf unsere Gesellschaft übertragen lässt und dies auch nicht wünschenswert ist.

Mit diesen deinen absichtlichen Fehlschlüssen zu diesem Buch tust du dieser Frau unrecht.

Zum eigentlichen Thema habe ich noch ein paar Absätze rausgesucht, die ich im Sinne der Themenerstellerin später noch abtippseln werde.