Sandküste, es tut mir total leid, dass du an so uneinfühlsame Erzieherinnen geraten bist
Bitte bedenkt hier nur bei den kompletten Rundumschlägen, die hier teilweise passieren, dass Waldorf nicht gleich Waldorf ist! Leider gibt es (soweit ich weiß) keine zentrale Stelle, die die Qualität, die Pädagogik und den Inhalt von Waldorf-KiGas und -Schulen steuert und kontrolliert. Jeder KiGa und jede Schule ist ein kleines in sich geschlossenes Universum. Und': Alles steht und fällt mit dem Personal. Wie an jeder anderen Einrichtung auch! Ein Waldorf-"Frontal"-Unterricht kann eine tolle, beschwingende Sache sein und das Lernmaterial eines guten Lehrers etwas sehr anregendes und qualitativ hochwertiges (wir waren im Gymnasium auf der Jagd nach Fehlern im Mathebuch, "normale" Schule, wer einen gefunden hat, bekam die HAs erlassen.... In der Woche kam das mitunter mehrmals vor

so viel zur Qualität) sein, wohingegen didatisch ausgeklügelte (oder mitunter didaktisch überladene) Konzepte pädagogisch wohlwollender Lehrer an öffentlichen total nach hinten losgehen können. Es kommt schlicht auf den Lehrer an! Oder die Erzieherin, ob sie ein Gespür für die Bedürfnisse der Kinder hat.
Und: Die meisten Einrichtungen tragen sich über einen Förderverein. Redet mit den Elternvertretungen, dem Förderverein. Die Eltern haben hier die Macht, sie sind Arbeitgeber der Lehrer und Erzieherinnen!
Schimpft über die Einrichtung, schimpft über die Pädagogen - aber das heißt noch lange nicht, dass auch das Konzept schlimm ist. Denn das beste Konzept ist mit miesem Personal nichts wert.
Aber: Diese Pädagogik passt nicht zu jedem. Für das eine Kind ist sie Gold wert, das andere kommt nicht mit klar. Und Unerzogen und Waldorf treffen sich NULL. Wer nur die hübschen pflanzengefärbten Tücher, Kastanien, Wachsmalblöcke und Knotenpuppen sieht, sollte sich nochmal eingehender damit beschäftigen. Das ist EIN Aspekt der Waldorfpädagogik, aber eben nicht alles
Ich selbst habe leider nicht die Möglichkeit, meine Kinder in einen Waldorf-KiGa zu geben. Mir hat es als Kind sooooooooooooo gut getan - aber ich hatte auch die weltbeste Erzieherin! Natürlich ist die "Individualität" nicht das, was man jetzt in einer Montessori-Einrichtung erwarten würde. Aber das schreibt sich Waldorf auch einfach nicht auf die Fahne! Waldorf betrachtet die Seele des Kindes - ganz individuell - aber trotzdem gibts nur Tücher und Wolle zum Spielen

Da hat aber damit nichts zu tun, wie man dem Kind begegnet, wie man auf es eingeht, seine Seele pflegt.
Ich erzähl mal von uns. Wir hatten auch viele Dinge, die hier als negativ aufgefasst wurden, die ich aber als entweder "nicht schlimm" oder auch als "gut" in Erinnerung habe.
Wenn wir morgens gebracht wurden, saßen alle Kinder am Tisch und haben gemalt. Es war eine ruhige, entspannte aber dennoch konzentrierte Atmosphäre. ALLE Kinder haben gemalt oder nur dabei gesessen und zugesehen, wenn sie keine Lust hatten. Das Ankommen war für mich immer sehr schön, heimelig, wie immer. Es wurde mit Wachsmalblöcken gemalt und es entstanden wunderschöne und phantasievolle Bilder - weil man sich vollends aufs Malen KONZENTRIEREN konnte. Ich vermisse das für meine Tochter so. Sie geht in ein halboffenes Konzept und da gibt es keine einheitlichen Mal-Zeiten. Ihre Bilder sehen aus, als hätte sie eine Idee gehabt, aber als wäre sie zu sehr abgelenkt worden, diese umzusetzen. Dann gibt es gezielte Mal-Baste-Aktionen, bei denen ALLE Kinder das gleiche machen. Sowas beknacktes. Ehrlich. Die Idee wird von den Erzieherinnen vorgegeben und dann müssen die Kinder nur noch umsetzen

Die KiGa-Bilder meiner Tochter zeugen von Hektik und Unkonzentriertheit

Dabei malt sie wirklich leidenschaftlich. Auch das morgendliche Ankommen in einer immer gleichen Situation wäre für sie wesentlich besser. So muss sie sich erst einmal jeden Morgen neu orientieren, wenn sie im KiGa ankommt. Das ist schade - und die Lösung wäre weißgott so einfach
Nach dem Malen wird ein Übergang zum Freispiel geschaffen (wie der aussah, weiß ich leider nimmer). Ach, das war wirklich wirklich schön. Mir bekamen die ganzen Waldorf-Materialien sehr gut und meiner Tochter nun daheim auch

Während wir spielten, bereitete eine Erzieherin das Frühstück vor, eine andere ging rund und schaute sich die Spielwerke an, gab Hilfen beim Knoten der Schneckenbänder etc. Zurückhaltend, rege, präsent. Nach der Spielzeit wurde gemeinsam aufgeräumt (und ja, wir haben auch Schneckenbänder gerollt), die Tische zum Essen zusammen gerückt und gemeinsam gefrühstückt. Jeweils für einen Wochentag ein bestimmtes Gericht. Jede Woche dasselbe. Ich habe es geliebt, mein Bruder hat es gehasst. Er mochte Hirse und Gerstengrütze nicht so

Aber ich erinnere mich, dass immer auch Obst auf dem Tisch stand. An Schikane beim Essen erinnere ich mich nicht, wohl aber an ein gemeinsames Tischgebet. Meiner Tochter bekäme Kontinuität und "Gruppenzwang" beim Essen wohl auch besser. Das Frühstück aktuell im KiGa wird von den Kindern frei eingenommen. Es ist morgens immer ein Frühstückstisch da und aufgrund der großen Zeitspanne der Ankunft der Kinder wird des nicht gemeinsam eingenommen

So gern sie ihren Doseninhalt (es wird mitgebracht) auch mag - im KiGa wird nur von den anderen Kindern Essen geklaut. Sofern sie überhaupt etwas isst, was sie im ersten Jahr so gut wie garnicht tat. Sie kennt es halt von daheim, dass gemeinsam das gleiche Gegessen wird, dass man es sich zum Essen schön macht, eine Kerze anzündet, betet. Sie konnte sich im KiGa lange lange nicht auf die Essens-Situation einstellen
Nach dem Essen machte man sich gemeinsam fertig und ging raus. An Klo- und Handwaschzeiten erinnere ich mich dunkel, aber auch daran, auch allein im Waschraum gewesen zu sein. Der roch immer so toll nach Lavendel

Im Kiga meiner Tochter machen sie sich auch gemeinsam fertig (wie denn auch sonst???), feste Pipi-Zeiten gibts nicht, die mussten wir für unsere große vehement einfordern, da sie jemand ist, der Bange hat, was zu verpassen. Wenn sie in 5er-Gruppen geschickt würden, hätte ich sicher WESTENLICH weniger Waschzeug nach dem KiGa gehabt

In der U3-Gruppe meines kleinen gibt es eine Waschraum-Zeit vorm gemeinsamen Frühstück (gleicher KiGa! wenigstens haben sie für die kleinen die Notwendigkeit von Beständigkeit erkannt

). Das ist einfach ne praktikable Sache. So hat jedes Kind ganz sicher ne frische Windel an oder nen Topf angeboten bekommen. Eine Erzieherin ist im Waschraum, eine in der Gruppe und eine bringt die Kinder hin und her.
Draußen war es immer toll! Es gab ein grandioses Außengelände und wir konnten (fast) tun und lassen, was wir wollten. Soweit ich mich erinnere, "mussten" auch alle Kinder raus. Ich persönlich sehe da nichts schlimmes drin. a) wird das auch im städt. KiGa meiner Tochter so gehandhabt, da die Kinder ja nicht unbeaufsichtigt drinnen gelassen werden können, weil man niemanden für drinnen abstellen kann, weil der Betreuungsschlüssel draußen dann nimmer stimmt und b) tuts auch jedem Kind mal ganz gut, raus zu kommen. Nur an krassen Regentagen konnten wir entscheiden, wo wir lieber waren, da wars dann ungefähr 50/50.
An "Schikane" erinnere ich mich kaum. Laute Kinder mussten auf die Kochkiste in die Küche. Ich auch 2mal. Ich hab das nie als Gewalt erlebt (oder ich identifiziere mich mit dem Aggressor

). Zeitgemäß und der Weisheit letzter Schluss ist das defintiv NICHT, aber ich habe es nie als schlimm erlebt. Es hatte so einen "Bullerbü-Charme" und manchmal hat man es als Kind einfach aus Spaß provoziert, weil man gucken wollte, was in der Küche passiert. Manchmal durfte man dann nämlich helfen, den Frühstücksbrei mit umzurühren etc.

Dass man sich eine gewisse Ruhe in der Gruppe verschafft und gewissen Regeln hat, finde ich nicht verkehrt - die Frage ist schlicht, wie man sie durchsetzt. Das zweite "schlimme" war, dass wir unser Spielzeug von daheim nicht mitbringen durften. Das ist aber auch in normalen Kigas nicht gern gesehen und wurde bei uns damals SEHR liebevoll gelöst. Meine (selten) mitgebrachten Puppen bekamen dann in einem Körbchen ein Bett gerichtet und durften auf der Fensterbank stehen und rausgucken, bis ich abgeholt wurde. Das war ok. Wenn ich Herzschmerz gehabt hätte, wäre sicher auch ein anderer Kompromis zu meinen Gunsten gefunden worden. Ach ja, und dass bestimmte Aktivitäten nur für Vorschulkinder waren, hab ich auch erlebt. Aber: Das gibts auch im normalen KiGa meiner großen. Das erscheint mir also relativ normal. Damals bei uns gingen die Vorschulkinder aber in den Eurythmie-Raum und haben dort die gesonderten Aktivitäten gemacht. Der Webrahmen für die Abschlussarbeit durfte allerdings auch mit raus in den Garten genommen werden. Aber da denk ich mir: Wenn ich merke, dass mein Kind gerne webt und es im KiGa nur für die Vorschulkinder ist, dann investier ich die 5€ einfach und kauf für daheim nen Webrahmen

Wir haben uns damals gefreut, irgendwann zu den großen zu gehören. Aber das erlebt sicher auch jedes Kind anders und es kommt drauf an, wie es von den Erzieherinnen vermittelt würd. Für uns war es keine Zurückstufung, dass wir es noch nicht durften, sondern ein freudige Erwartung, DASS wir es irgendwann GANZ SICHER dürfen.
Aber es tut mir für all die, die schlechte Erfahrungen in diesem Bereich machen mussten, unendlich Leid, denn die Waldorfpädagogik hat (bei einfühlsamer und zeitgemäßer Anwendung) so viele Schätze zu bieten, die in die Seelen unserer Kinder gelegt werden können, dass ich es eigentlich jedem nur wünschen kann, eine gute, für sich passende Einrichtung zu finden. Ich bedauere es unendlich, dass ich es meinen Kindern nicht bieten kann
