Carraluma hat geschrieben:Zur Ich-Entwicklung kann ich ansonsten gerade nichts weiter sagen, weil es da ganz unterschiedliche Theorien gibt. Ich mag dir aber mal Mut machen, dich von den psychoanalytischen Ansätzen zu lösen, wenn du überlegst, was das längere Stillen mit dir und deinem Sohn macht. Die Psychoanalyse war und ist eine wichtige Grundlage der Psychologie und hat ganz sicher ihren Wert. Vieles ist aber inzwischen überholt worden, anderes hat eher theoretischen Charakter – insgesamt hilft es vielleicht, diese Ansätze als eher philosophische Ansätze zu betrachten? Sie sind sicher wertvoll und spannend, aber sie taugen nur bedingt als Grundlage für konkretes Verhalten, zumindest in eurem Fall, denn sie liefern keine konkreten Handlungs“anweisungen“ und sie sind – was z.B. die Sache mit dem Suchtverhalten betrifft – zu einem großen Teil THEORIEN, keine EVIDENZEN.
Wenn man sich nach wissenschaftlichen Studien umguckt, die empirisch untersuchen, ob längeres Stillen negative Auswirkungen auf die psychosoziale Entwicklung hat, dann findet man übrigens nur Studien, die zeigen, dass LZS positive oder schlicht gar keine Effekte auf die Entwicklung hat – aber keine negativen (z.B. hier und hier und hierund hier; die letzte Studie hat auch Sucht als abhängige Variable). Diese Befunde würden mich persönlich beruhigen, sie sind für mich aussagekräftiger als Theorien.
Das ist sehr gut geschrieben. Ich wollte auch vorschlagen die die psychoanalytischen Theorien eher als philosophische Ansätze su sehen - und sie sind hochangreifbar. Auch in der Philosophie gibt es eine breite Debatte über das Ich bzw. den Begriff des Ichs, um Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Subjektivität (es wurde auch das Konzept des Selbstmodell vorgeschlagen), was notwendige und hinreichende Bedingungen für das Auftreten von Selbstbewusstsein ist usw. (es gibt auch interdisziplinäre Ansätze mit Einbeziehung neurologischer und psychologischer Studienergebnisse).
Deshalb sehe ich es auch kritisch, diese Theorien als handlungsleitend für die Beziehungsgestaltung zum eigenen Kind zu sehen.
In dem Text wird die Mutter als Verwandlungsobjekt bezeichnet, deren Anwesenheit "die sich entfaltende Ich-Leistung" ermöglicht. "Bei nicht ausreichend guter oder traumatisierender Erfahrung mit der Umweltmutter, aber auch bei unzureichender Desillusionierung in der weiteren Entwicklung erhält das Verwandlungsobjekt im weiteren Leben eine psychopathologische Bedeutung." Hier wird nicht näher darauf eingegangen, was als nicht ausreichend gute Erfahrung zu gelten hat. Für das Langzeitstillen ist vermutlich laut diesen Hypothesen der zweite Abschnitt relevant, aber auch hier wird nicht geklärt, was genau mit Desillusionierung gemeint ist, und ich vermute mal stark, dass der Begriff "Desillusionierung" rein interpretativ und spekulativ ist. Und welche psychopathologische Bedeutung der Mutter wann und in welchem Kontext zugesprochen wird, ist auch fraglich. Es liest sich zwar schön, wenn es heißt, dass "der Schmerz des Hungers, der Augenblick der Leere durch die Milch der Mutter in einer Erfahrung der Fülle verwandelt" wird. Das ist m.E. literarisch formuliert und nicht wissenschaftlich.
Man könnte den Text weiter zerpflücken (und vor allem Begriffe und Annahmen wie Fütterungssituation, Illusion der eigenen Allmacht, die Illusion de Säuglings er hätte seine Nahrungsquelle selbst erschaffen, bei einem 10jährigen Mädchen, dass eine Diddl-Maus süß findet, den Geschmack der Muttermilch zu spüren usw. kritsich hinterfragen).
Von der Objekttheorie kommt der Autor dann zur Intersubjektivitätstheorie. Ich glaube sein Anliegen ist die Objekttheorie und die Intersubjektivitätstheorie zu verbinden, aber so genau habe ich sein Anliegen nicht verstanden. Die Annahmen, die jetzt gemacht werden kommen mir schon menschlicher vor. Es geht um Beziehung und Beziehungsgestaltung zwischen Baby/Kind und Mutter und dem Baby wird von Anfang an Kompetenz zugeschrieben.
Am Ende kommt noch ein Bsp. aus einer Analyse. Und das finde ich wirklich erschütternd, denn es wird von einer Patientinnen-Therapeutinnen-Situation erzählt, in der die Therapeutin spontan und empathisch auf die Patientin reagiert hat. Nach der psychoanalytischen Theorie sei das ein Behandlungsfehler, aber, man müsse laut Autor diese Wertung überdenken.
Ich bin keine Psychologin, also muss ich mich auch nicht so vorsichtig ausdrücken, aber wenn eine Theorie über eine spontane-empathische Interaktion mit einem Menschen gestellt wird, dann ist das für mich ideologisch und da würde ich mich als Patient nicht angenommen fühlen.
Ich lese aus dem Text keinen Grund heraus, warum "langes" Stillen (was immer auch mit lang gemeint ist, bei einigen fängt das ja erst ab 2 an

) schädlich sein soll. Es steht ja auch nicht geschriben, dass ein Übergangsobjekt (was, wie schon geschriebn, m.E. die Brust nicht sein kann, da die Brust teil der Mutter ist und beim Stillen ja durchaus Interaktion mit der Mutter stattfindet) für die "Ich-Entwicklung" zwingend notwendig ist bzw. ob einem Übergangsobjekt ein positiver oder negativer Wert zugeschrieben wird. Wenn man an die Objekttheorie nicht glaubt, finde ich auch den Begriff des Übergangsobjekt schwer zu fassen. Ist es ein Ersatzobjekt? Also Flasche, Schnuller, Schnuffeltuch statt Brust. Und was ist, wenn das Kind einen dermaßen starkes Saugbedürfnis hat und deshalb ein Schnuller eigesetzt wird z.B. im Tragetuch, also bei unmittelbarer Nähe zur Mutter? Was ist mit einem Lieblingsspielzeug oder z.B. der Bagger, der mit ins Familenbett genommen wird? Man könnte doch auch von Beruhigungsobjekt, Emotionsregulationsobjekt oder vielleicht Talismann reden.
Und meine persönliche Erfahrung: Meine Schweigermutter arbeitet schon ewig als Familienhelferin und deren Ratschläge bzgl. Babys sind teilweise haarsträubend und ihr Umgang mit der Wühlmaus ist eher distanziert und stets bewertet sie aus einer Beobachtungsperspektive - das ist gut, das ist schlecht, das wird nach hinten losgehen
Und von keinem Süchtigen, den ich bisher kennengelernt habe, habe ich gehört, dass langes Stillen oder zu viel Zuwendung der Eltern "schuld" an der Sucht sei.
Langes Stillen heißt nicht, dass man Autonomiebestrebungen des Kindes mit dem Stillen unterbindet. Wenn mein Baby nicht stillen will, kann ich es nicht zwingen, es beißt beherzt zu
Es ist Eure Stillbeziehung, die Du in Deinem und in dem Sinne Deines Kindes gestaltest. Und so eine Panikmache Deiner Anleiterin finde ich vollkommen unangebracht.
Oh, das ist lang geworden

Ich schicks trotzdem mal ab.