Der Thread
Abstillen mit neun Monaten bringt mich darauf, ein paar Zitate zu diesem Thema hinzuzufügen. Die Hinweise, 9 Monate zu stillen und nicht während des Zahnens oder im Sommer abzustillen, finden sich immer wieder. Scheinen eine sehr lange Tradition zu haben.
Das Abstillen
1905:
"Am längsten haben damit die alten Juden, nach einer Stelle in den Makkabäern II, 7, V.28 (45) gewartet, nämlich 3 Jahre, wenn man nicht fabelhaft klingenden Berichten über 4-5-10-14jähriges Säugen bei Chinesen, Indianern und Eskimos (Ploss 181 b, S.279/80) glauben will; auch die griechischen Schriftsteller und nach ihnen die arabischen und mittelalterlichen rieten noch, die völlige Entwöhnung nicht vor 1 1/2-2 Jahren vorzunehmen (6 und 7). Unverständiges Volk hingegen fängt jetzt die teilweise Entwöhnung schon sehr früh nach der Geburt an und scheint es auch damals getan zu haben; denn Soranos tadelt: 'Unrecht haben die Eiligen, die schon nach dem 40. Tage Mehlspeisen zu geben wagen, weil sie fürchten, ihre Milch gehe zu Ende.'"
Die Kinderernährung im Säuglingsalter und die Pflege von Mutter und Kind, Philipp Biedert, Enke Verlag, Stuttgart, 1905
1883:
"Was nun das Entwöhnen im Allgemeinen betrifft, so gilt es als alte Regel, daß keine Frau länger als 9 Monate stillen soll. Meist verbietet sich dies, wenigstens in den Städten, von selbst, da die wenigsten unserer Frauen für so lange Zeit ausreichenden Milchvorrath haben."
Das Buch von der gesunden und kranken Frau in den ersten Stadien des ehelichen Lebens nebst Anleitung zur Pflege des Neugeborenen und des Säuglings und zur Erziehung des Kindes bis zum Ende seines ersten Lebensjahres und einem Anhange über Säuglingskrankheiten, Sanitätsrath Dr. med. Ernst Kormann, Spezialarzt für Geburtshilfe, Frauen- und Kinderkrankheiten zu Coburg, Mitglied der Gesellschaft für Heilkunde zu Berlin, zweite Auflage, Erlangen, Verlag von Eduard Besold, 1883
1921:
"Die Muttermilch ist arm an Eisen und Kalk. Ihr Gehalt an diesen Stoffen genügt für das Gedeihen des Kindes spätestens vom 7. bis 8. Monat an nicht mehr, weil der Eisenvorrat, den das Kind von der Geburt her in seiner Leber vorrätig hatte, in dieser Zeit aufgebraucht ist. Erfahrungsgemäß gedeiht also ein Kind von 7. bis 8. Monat an - wenn es lediglich mit Muttermilch ernährt wird - nicht mehr in vollem Maße. Es wird allmählich blaß, schlapp und verliert seine natürliche Lebhaftigkeit. Um dies zu vermeiden, beginnt man ungefähr im 7. Monat mit der Zufütterung. Die Entwöhnung des Kindes von der Mutterbrust wird auf diese Weise langsam in die Wege geleitet. Man füttert nach Beendigung des ersten Lebenshalbjahres dem Kinde mittags Brühgrieß (Herstellung s. S. 46) mit dem Löffel. Da die Gewöhnung an die neue Kost meist zunächst Schwierigkeiten bereitet, beginnt man mit kleinen Mengen, die vor der Brustmahlzeit gegeben werden. Sobald sich das Kind an die Breikost gewöhnt hat, fällt die Brustmahlzeit mittags ganz fort und wird durch 200 g Brühgrieß ersetzt. Als zweiten Gang bei der Mittagsmahlzeit gibt man jetzt bereits einige Teelöffel Gemüse (Zubereitung s. S. 46). Als weitere künstliche Mahlzeit bekommt das Kind nach einigen Wochen nachmittags 200 g Gemüse mit etwas Salz und zerlassener Butter. Reifes frisches oder gekochtes Obst, das an Stelle des Gemüses gegeben werden kann, erhält das Kind erst, wenn es sich an das Gemüse gewöhnt hat. Über das Aussehen der Entleerungen nach Darreichung von Gemüse s. S. 53. Ist der neunte Monat erreicht, so kann man mit Pausen von je einer Woche, um nicht bei plötzlichem Vorgehen eine stärkere Milchstauung zu verursachen, die weiteren drei Brustmahlzeiten durch künstliche Ernährung ersetzen. Zuletzt wird jedenfalls immer die Morgenmahlzeit abgesetzt, denn nach der Nachtruhe ist die Brust der Mutter noch am längsten verhältnismäßig ausreichend mit Milch gefüllt. Ihre Entleerung bringt der Mutter Erleichterung. Die dem Säugling an Stelle der letzten drei Brustmahlzeiten gereichte Nahrung kann aus je 200 g unverdünnter und ungesüßter Kuhmilch bestehen, die teils mit aufgeweichtem Zwieback oder als Milchgrieß, teils als Getränk aus dem Becher verfüttert wird. Ein regelrecht abgestilltes Brustkind an die Flasche zu gewöhnen, ist durchaus nicht nötig und wird deshalb von vornherein am besten vermieden.
Das Abstillen in der beschriebenen Art bringt Vorteile sowohl für den Säugling, als auch für die Mutter. Das Kind wird schonend an die künstliche Ernährung gewöhnt, für die Mutter wird eine allzustarke Milchstauung, die ihr erhebliche Schmerzen bringen kann, vermieden, und die gute Form der sich zurückbildenden Brust wird besser gewahrt als bei plötzlichem Abstillen. Geringe Beschwerden muß allerdings manche Frau auch bei dieser allmählichen Entwöhnung mit in Kauf nehmen. Bei stärkerem Spannungsgefühl darf gegelegentlich das Kind einmal wieder angelegt werden. Abführmittel, wie Karlsbader Salz, leiten die Flüssigkeit auf den Darm ab und tragen so zur Verringerung der Stauung in der Brust bei.
Das Abstillen soll nicht in den heißen Sommermonaten stattfinden. In diesen Monaten ist durch die schwerer zu verhütende Zersetzung der künstlichen Nährgemische, deren Hauptbestandteil Tiermilch ist, das zu entwöhnende Kind in stärkerer Weise gefährdet, als in kühlerer Jahreszeit. Falls also der 9. Monat gerade in die heiße Jahreszeit fällt, würde man mit dem völligen Entwöhnen noch bis zum Herbst warten und einstweilen nur eine Grießsuppe und eine Gemüsemahlzeit neben 3 Brustmahlzeiten verabreichen. Die Ernährung eines entwöhnten Kindes soll abwechslungsreich sein. Verschiedene Gemüse, wie Mohrrüben, Spinat, Blumenkohl, gelegentlich Kartoffelbrei, gekochtes Obst, reifes, frisches Obst, Gebäck wie Zwieback, Keks, Weißbrot, ferner Brühgrieß, Milchgrieß, verschiedene Puddinge und Vollmilch stellen den Speisezettel dar. Soll ein Kind plötzlich abgesetzt werden, so ist ein Arzt zu Rate zu ziehen. "
Der Säugling - Seine Entwicklung, Pflege und Ernährung, Dr. Otto Köhler, Zweite unveränderte Auflage, Leipzig, Verlag von S. Hirzel, 1921
1832:
"Die Natur hat wohl im Allgemeinen den Zeitpunkt angedeutet, wo das Kind zu entwöhnen ist. Das Erscheinen der ersten Zähne beweist nämlich, daß von diesem Zeitraum an, dem Kinde eine festere Nahrung ein Bedürfniß sey.
Nach diesem Winke der Natur würde es also am besten seyn, die Kinder zwischen der zwanzigsten und sechs und dreißigsten Woche zu entwöhnen; allein Abweichungen von dieser allgemeinen Regel werden sowohl durch den Gesundheitszustand und Befinden der Mutter, als auch vorzügloch durch die Stärke und Körperbeschaffenheit, das Wachsthum, die mehr oder minder fort schreitende Entwicklung des Kindes, und dessen Gesundheit, nöthig gemacht.
Die Bestimmung des Zeitpunktes wo das Kind entwöhnt werden soll, ist aber gar nicht gleichgültig, und es ist unrecht, wenn viele Mütter ganz eigenwillig, oder nach alter Gewohnheit, den Termin dazu auswählen und festsetzen.
Ist das Kind gesund, stark, von kräftiger Körperbeschaffenheit und entwickelt sich schnell, so tritt das Bedürfniß einer gehaltreichern und festern Nahrung früher ein. Die Mutter ist dann genöthigt, auch wenn sie reichlich Milch hat, nach den ersten acht bis zehn Wochen, ausser der Brust, noch eine passende Nahrung zu geben, und es wird dann rathsam seyn, das Kind, wie oben angegeben wurde, zwischen der zwanzigsten und sechs und dreißigsten Woche, ganz von der Brust zu entwöhnen.
Kinder von zarter schwächlicher Constitution, die sich langsam entwickeln, häufig kränkeln, dürfen, ohne Noth, weder so früh eine andere Nahrung ausser der Muttermilch bekommen, noch in der Regel so früh entwöhnt werden. Hat die Mutter oder Amme keinen Mangel an Milch, und treten die in den frühern Abschnitten genannten Veränderungen nicht ein, welche das Entwöhnen von Seiten der Säugenden rathsam machen, so mag ein schwächliches Kind immerhin neun Monate hindurch, oder bis gegen das Ende des ersten Jahres gestillt werden.
Gut ist es, während der Periode des Zahndurchbruches, das Kind nicht zu entwöhnen, da in diesem Zustande der erhöhten Reizbarkeit, in welchen alle Kinder sich während des Zahnens befinden und mehr oder minder kränkeln, die Entziehung der gewohnten Nahrung von nachtheiligen Folgen seyn könnte. Diese Regel ist um so mehr zu beachten, wenn das Kind, was in jedem Falle unrathsam bleibt, auf einmal, und ohne allmälig schon an andere Nahrung gewöhnt zu seyn, von der Brust entwöhnt werden soll; oder wenn, wie so häufig geschieht, das Kind während des Zahndurchbruches an gestörter Verdauung, Blähungen, Leibweh und Durchfall leidet. Bei gesunden, kräftigen Kindern darf nur der Ausbruch der ersten Schneidezähne abgewartet werden, und das Entwöhnen kann während des Zwischenraumes bis zum zweiten Zahndurchbruch geschehen. Ist das Kind überhaupt schwächlich, so ist es besser, etwas länger zu warten.
Der in einigen Gegenden von Deutschland herrschende Glaube, ein Kind dürfe nicht während der Blüthenzeit der Bäume entwöhnt werden, ist ohne allen Grund.
Die wichtichste Regel, damit das Entwöhnen von der Brust ohne nachtheilige Folgen, sowohl für das Kind als für die Mutter vorübergehe, ist die:
das Kind nur nach und nach, und nicht plötzlich zu entwöhnen.
Wichtig für das Kind ist es, daß es auf die schon früher angegebene Weise allmälig andere Nahrungsmittel neben der Mutterbrust erhalte. In dem Verhältniß, wie es von diesen öfter und mehr erhält, muß ihm die Brust seltener gereicht werden, so daß es in den letzten Tagen vor der völligen Entziehung der Brust, schon an seine künftige Kost größtentheils gewöhnt sey. Auf solche Weise geht die Veränderung, die plötzlich unternommen, Unruhe und Kränklichkeit des Kindes veranlaßt, ohne unangenehme Empfindung, und ohne allen Nachtheil für die Verdauungswerkzeuge des Kindes, vorüber.
Auch die Mutter erspart sich durch dieses allmälige Entwöhnen mancherlei unangenehme Zufälle, Verhärtungen und Knoten der Brüste, welche die plötzliche Beendigung des Stillens, besonders bei milchreichen Frauen, gar häufig und leicht veranlaßt. Die Milchabsonderung nimmt nämlich nach und nach ab, so wie der Reiz dazu durch das Saugen des Kindes seltner gegeben wird, und eine sparsame wenig nährende Diät und gelinde Abführungsmittel, verbunden mit der passenden äusserlichen Behandlung der Brüste, sind alsdann in den meisten Fällen hinreichend, den Zufluß der Milch zu hemmen, und das Entstehen krankhafter Zufälle an den Brüsten zu verhindern.
Die gewöhnliche Bedeckung der Brüste nach dem Entwöhnen mit Baumwolle, und das Heraufbinden derselben mit Tüchern ist allerdings von Nutzen, indem dabei die Wärme, der Reiz von dem Reiben der Baumwolle, und der mechanische Druck zur Verhütung von Anschwellungen, und zur Zertheilung von Stockungen der Milch zusammenwirkt.
Wo aber diese Mittel, nebst der Ausleerung der zuströmenden Milch durch Milchpumpen, Milchgläser, oder das Aussaugen, die Entstehung von beseutenden Anschwellungen und Verhärtungen dennoch nicht verhüten sollten, da ist der Rath und die Hülfe des Arztes nöthig. Viele Mütter ziehen sich langwierige und schmerzhafte Brustschäden dadurch zu, daß sie den Arzte nicht bei Zeiten zu Hülfe rufen, und die Zeit mit Hausmitteln und Quacksalbereien verlieren."
Taschenbuch für Mütter über die physische Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren und über die Verhütung, Erkenntniß und Behandlung der gewöhnlichen Kinderkrankheiten, Adolph Menke, K. Bayer. Hofrath u. Professor der Medicin in Erlangen, 2. Auflage, Friedrich Wilmans Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1832
Zu guter letzt noch ein Erfahrungsbericht. Nicht unbedingt eine Lektüre für Zartbesaitete. Um 1900.
"Entwöhnung. Die Natur hat dir selbst die Zeit bestimmt, während der dein Kind an der Mutterbrust Nahrung finden soll. Neun Monate lang hast du es mit deinem Herzblut ernährt, und die gleiche Zeit sollst du es an deiner Brust nähren.
Der Zeitpunkt der Entwöhnung tritt früher ein, wenn ein Mangel an Nahrung vorliegt. Nimmt das Gedeihen des Kindes ab und hat der Arzt Grund, dies auf die bisherige Art der Ernährung zu schieben, so ist man gezwungen, vor der normalen Zeit zu entwöhnen. Krankheit der Stillenden oder Eintritt neuer Schwangerschaft ist ebenfalls ein Grund vorzeitiger Entwöhnung.
Keinesfalls darf die normale Entwöhnung plötzlich vor sich gehen. Alle schroffen Uebergänge sind gefährlich. Sie muß lange vorbereitet und allmählich vorgenommen werden. Nur so wird sie ohne Störung verlaufen. Das Kind ist nach und nach an breiige Uebergangsmahlzeiten, an Griessüppchen, Milchsuppe mit Zwieback, Fleischbrühe mit Ei gewöhnt worden. Die Brust wird ihm spärlicher gereicht, etwa nur zwei oder drei Mal am Tage. Man giebt ihm Kuhmilch in der Flasche oder im Schnabeltäßchen. Wird diese neue Nahrung willig genommen und gut vertragen, so höre man mit dem Darreichen der Brust auf. Das Kind macht der Stillenden diese Entsagung doppelt schwer, da es lächelnd und bittend die Händchen nach ihr ausstreckt, aber sie muß fest bleiben. Am besten zeigt sie sich während der nächsten Tage möglichst wenig. Der Wechsel ist so weniger aufregend für beide Teile. Die Stillende schützt die Brust durch warmes Bedecken und Heraufbinden. Auch für sie ist die geschilderte langsame Entwöhnung das Beste, der Nahrungsquell versiegt allmählich und ohne Beschwerden.
Aber nicht alle Kinder sind willig zu anderer Nahrung. Mein ältester Junge wollte nicht das geringste anrühren; die Milchflasche wehrte er mit Händen und Füßen ab. Als ihn schließlich der Papa in höchst eigener Person zwischen die Kniee nahm und ihm gewaltsam den Saugpfropfen in den Mund steckte, zerbiß er den Gummi, so daß die Milch in weitem Strahl über die Familiengruppe spritzte. Da half kein Zureden, keine Gewalt. Er schrie, strampelte und sah dazwischen immer nach der Thür der Kinderstube, ob seine Lena nicht käme. Da es ein sehr kräftiges Kind war, sagte uns der Arzt, wir sollten ihn ruhig schreien lassen, er werde schon aus Hunger kapitulieren. Natürlich war es mir schrecklich schwer, den lieben Kerl so jammern zu lassen, und mein Mann mußte mir mehr wie einmal sagen, es sei des Kindes eigenes Beste, wenn man ihm nicht wieder die Brust gäbe. Sechsunddreißig Stunden dauerte der Kampf. Der tapfere kleine Bursche gab während dieser Zeit nicht nach, was ihm ein stilles Lob für Konsequenz des Charakters von seiten der Eltern eintrug. Schließlich bezwang ihn der Hunger, und als wir ihm, auf schlimmste Abwehr gefaßt, die Flasche reichten, sog er zufrieden und gierig an dem verhaßten Pfropfen.
Natürlich kann man mit zarten Kindern dies Experiment nicht nachmachen. Da muß man diejenige Nahrung geben, die es bereits gewohnt ist, also z.B. Nestlé's Kindermehl. Man verdünnt es allmählich immer mehr mit Milch, bis das Kind fast reine Milch aus der Flasche oder aus der Tasse trinkt.
Verweigert das Kind die neue Kost, stellt sich Erbrechen ein, so muß man unbedingt wieder die Brust reichen, da sonst leicht Kräfteverfall eintritt. Hat man allmählich entwöhnt, so läßt sich die Milchabsonderung auch wieder durch entsprechende Kost anregen.
Die ungewohnte Nahrung ruft oft leichte Verstopfung hervor, und es werden Klystiere nach und während der Entwöhnung nicht selten notwendig."
Mutter und Kind - Ein Lexikon der Kinderstube - Ratschläge zur Behandlung des Kindes in körperlicher und geistiger Beziehung, J. von Wedell, Stuttgart, Verlag von Levy & Müller, um 1900