Potsdame hat geschrieben:Ich kenne das nur von Erzählungen meiner Mutter, dass man bis 6 Monate gestillt hat, ... (allerdings in der DDR)
mehr noch. eine frau, die stillte, bekam geld vom staat dafür. nicht übermäßig viel, aber immerhin. ich glaube, 20 mark pro monat (das gehalt eines arbeiters war ca. 500 mark.)
habe mal ein bissl auf der (tollen) seite "geschichte der säuglingspflege " quer gelesen. das ist ja alles furchtbar. ich bin immer ganz naiv davon ausgeagangen, dass früher 99% aller frauen gestillt haben, dass kinder nachts nicht schreien gelassen wurden... ok. ich bin naiv.
Sakura mit zwei tollen Mädels 04/11 und 05/13
Ich werde sie lehren, den eigenen Weg zu gehen,
vor keinem Popanz, keinem Weltgericht,
vor keinem als sich selber gerade zu stehen. (Reinhard Mey)
Kinder wurden aber früher nachts nicht schreien gelassen, weil die ganze Familie in einem Raum wohnte und schlief und das einfach tierisch genervt hätte, da ein Kind in irgendeiner Ecke zu ferbern Schlafprogramme und Schreienlassen nachts gibt's erst, seit es getrennte Kinderzimmer gibt.
(Schreienlassen tags hingegen... da war man ja eh aufm Feld, da hat das nicht gestört, ...)
Maja, ich glaube nicht, dass das so stimmt. Meine Großmutter erzählte mir, dass sie von ihrer Mutter gelernt hat, dass man nachts schreiende Babys einfach in die Küche legt, damit man selbst weiterschlafen kann - in einem Raum mit allen anderen, die still sind. Dann würden nach ein paar Nächten die Babys so ruhig sein, dass man sie wieder reinholen könnte in die gemeinsame Schlafstube.
Ansonsten: Mich hat gerade die Lektüre von H. Renz-Polsters "Kinder verstehen" von dieser Naivität befreit, dass "früher" und in anderen, ursprünglicheren Kulturen alle total bedürfnisorientiert mit ihren Babys umgegangen sind. Dass das, was Jean Liedloff in ihrem Buch "Die Suche nach dem verlorenen Glück" entwirft, ein moderner Mythos ist, der zwar sicherlich einen wahren Kern hat, aber auch nicht viel mehr. Die Art und Weise, wie ich und viele Mütter hier versuchen, unseren Kindern gute Eltern zu sein - lange nach Bedarf stillen, viel tragen, beieinander schlafen und so weiter - hat es immer gegeben, aber es gab immer auch schon Abweichungen davon. Von meinen Großeltern ist beispielsweise niemand länger als ein paar Wochen gestillt worden, da gab es Mehlpapp und Kuhmilch und Grießbrei mit zwei Monaten.
Und das Bedürfnis, die eigene Beziehung zu pflegen, halte ich für extrem wichtig und hier im Forum manchmal für zu gering bewertet. Ich bin überzeugt: Indem wir unsere KInder stillen, tragen und mit in unser Bett nehmen machen wir ihnen ein riesiges Geschenk. Aber das größte Geschenk machen wir ihnen, wenn wir als Eltern glücklich sind - und zwar auch noch, wenn sie ausziehen. Ich kenne genug Eltern, die vor lauter liebevollster bedürfnisorientierter Erziehung ihre Liebe zueinander verloren haben - weil sie sich schlicht keine Zeit eingeräumt haben, die nur ihnen gehört. Klar, das brauchen nicht alle in gleichem Maße. Aber ich glaube auch nicht, dass sich ein solches Bedürfnis über Jahre wegschieben lässt, ohne dass das Spuren hinterlässt.
Mir ist in einem anderen Post mal aufgefallen, dass sehr viele Frauen geschrieben haben, sie liebten ihr Baby mehr als ihren Partner. Das finde ich, ehrlich gesagt, problematisch - und zwar gerade auch fürs Kind. Denn zu seinem Entwicklungsplan gehört es, groß zu werden und sich irgendwann von uns zu lösen und andere Menschen mehr zu lieben als seine Mutter oder seinen Vater - seinen Mann, seine Frau, sein eigenes Kind. Unsere Partner aber, die bleiben. Sie sind diejenigen, die wir so geliebt haben, dass wir zusammen ein Kind bekommen wollten. Diese Liebe zu pflegen und ihr keine geringere Qualität beizumessen als der Liebe zu unseren Kindern finde ich deshalb wichtig für alle: Damit wir Eltern noch auf unsere Liebe bauen können, wenn unsere Kinder flügge werden. Und damit unsere Kinder nicht in dem schrecklichen Gefühl heranwachsen, ihre Eltern glücklich machen zu müssen. Weil sie wissen: Das kriegen die schon ganz gut alleine hin.
miss_undercover hat geschrieben:Maja, ich glaube nicht, dass das so stimmt. Meine Großmutter erzählte mir, dass sie von ihrer Mutter gelernt hat, dass man nachts schreiende Babys einfach in die Küche legt, damit man selbst weiterschlafen kann - in einem Raum mit allen anderen, die still sind. Dann würden nach ein paar Nächten die Babys so ruhig sein, dass man sie wieder reinholen könnte in die gemeinsame Schlafstube.
Ich meine nicht die Generation unserer Großeltern (die waren tendenziell eh auf der Schrei-Schiene), sondern noch länger davor, als es noch keine getrennten Küchen gab, sondern nur eine große Wohn-Schlaf-etc.-Stube und daneben direkt der Stall. So wie es in anderen Kulturen ja bis heute so ist. Die Zimmertrennung nach Funktionsbereichen ist ja nicht naturgegeben, sondern hat sich erst im Laufe der Zeit so entwickelt, und das auch nicht überall.
Ah, ok, "früher" ist natürlich immer ein dehnbarer Begriff.
Bei Renz-Polster steht daber z.B. auch, dass es verschiedene afrikanische Stämme gibt, in denen die Kinder gezielt auch nachts schreien gelassen werden - aus verschiedenen Gründen: Mal glaubt man, dass sie so Geister vertreiben, mal (ganz ähnlich wie hier), dass es sie stark macht und abhärtet.
Das einzige, was ich sagen will, ist: Die Aussage "Früher wurden Kinder nachts nicht schreien gelassen" ist so zu unpräzise. Krude Vorstellungen zum Thema Schlafen und Schreien gab es so weit ich das verstanden habe (und auch nach den Informationen auf der website von inmediasres) zu allen Zeiten.
Maja hat geschrieben:Kinder wurden aber früher nachts nicht schreien gelassen, weil die ganze Familie in einem Raum wohnte und schlief und das einfach tierisch genervt hätte, da ein Kind in irgendeiner Ecke zu ferbern Schlafprogramme und Schreienlassen nachts gibt's erst, seit es getrennte Kinderzimmer gibt.
(Schreienlassen tags hingegen... da war man ja eh aufm Feld, da hat das nicht gestört, ...)
naja, und noch viel weiter zurück gegriffen - es wäre evolutionär katastrophal gewesen, würden Babys die ganze Nacht schreien, überhaupt viel schreien....das lockt Räuber an, raubt den Schlaf
Wenn ein Kind weint, ist das Warnsignal.
Sandküste hat geschrieben:
naja, und noch viel weiter zurück gegriffen - es wäre evolutionär katastrophal gewesen, würden Babys die ganze Nacht schreien, überhaupt viel schreien....das lockt Räuber an, raubt den Schlaf
Wenn ein Kind weint, ist das Warnsignal.
Natürlich! Ich hoffe, dass ich da nicht anders verstanden wurde. Das Problem ist nur, dass es zu allen Zeiten Eltern gab, die aus verschiedensten Gründen auch mal NICHT auf Warnsignale eingegangen sind.
Ja, da gebe ich Dir recht.
Mir ging's auch eher um den zweiten Teil meiner Aussage: Es ging auch "früher" (was es ja so gar nicht gibt) nicht unbedingt darum, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen, sondern dafür zu sorgen, dass in dem einzig vorhandenen Raum wenigstens einigermaßen Ruhe herrscht
Ich möchte mich mal ganz herzlich bedanken bei feuerdrache, inmediasres und miss_undercover für die tollen Informationen.
Hier und da kannte ich ein Schnipselchen, die Liedloff wurde hier auch kritisch durchgearbeitet und diese Art geschichtlicher Aufarbeitung finde ich immer spannend.
Und ja: Auf die Beziehung und den Partner achten, finde ich elementar. (War übrigens ein Rat unserer KiÄ nach der Geburt der Großen!)
Liebe Grüße von Nina mit dem großen (05/07), dem mittleren (10/09) und dem kleinen Tragling (2/2013)
miss_undercover hat geschrieben:Und das Bedürfnis, die eigene Beziehung zu pflegen, halte ich für extrem wichtig und hier im Forum manchmal für zu gering bewertet. Ich bin überzeugt: Indem wir unsere KInder stillen, tragen und mit in unser Bett nehmen machen wir ihnen ein riesiges Geschenk. Aber das größte Geschenk machen wir ihnen, wenn wir als Eltern glücklich sind - und zwar auch noch, wenn sie ausziehen.
jep. ich liebe mein kind, und würde alles für sie tun. aber ich liebe auch meinen mann. und eben. das größte geschenk mache ich meinem kind, wenn wir ihm ein stabiles zuhause bieten. eines, wo wir nicht nur wegen des kindes zusammen bleiben, sondern wo die eltern zusammen bleiben, weil sie sich lieben. und meiner erfahrung nach ist eine ehe kein selbstläufer. ich kenne ehen, wo sich alles nur ums kind dreht. und das ist so belastend - für das kind!!!! einer, ein mittlerweile erwachsener, ist mittlerweile sogar ziemlich genervt von der liebe seiner eltern.
Sakura mit zwei tollen Mädels 04/11 und 05/13
Ich werde sie lehren, den eigenen Weg zu gehen,
vor keinem Popanz, keinem Weltgericht,
vor keinem als sich selber gerade zu stehen. (Reinhard Mey)