Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang
Verfasst: 07.01.2013, 21:16
Ich muss noch gerade sagen, dass ich mich total freue, dass dieser Thread so gut ankommt und so tolle Beiträge geschrieben werden. Danke! 
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Hier mal meine momentane Handarbeitsdose, von meiner oben erwähnten Großtante geerbt (die übrigens so Gott will nächsten Monat 100 werden wird!):mayra hat geschrieben:Letztens gabs hier mal einen Beitrag zu alten Still"infos" (find ihn nicht mehr)... Ich dachte, wir könnten hier mal ein wenig was zusammentragen, was wir so an Infos haben...![]()
Mir ist das erste Hebammenlehrbuch meiner Großtante (sie war Hebamme und ist letzte Woche 98 geworden) eingefallen. Es ist von 1943 und ich habe ein wenig drin geschmökert... es ist natürlich sehr umfangreich, viele Seiten und durch die Schrift nicht soo schnell zu lesen, aber hier mal ein paar Sachen, die bei mir hängengeblieben sind:
- Muttermilch ist quasi unersätzlich, die Hebamme muss daher "Stillpropaganda" machen, dass alle Mütter stillen. Erwähnt wird auch, wieviele Frauen prozentual gesehen wie lange stillen usw.
- Stillgeld erhöht die Bereitschaft der Frauen, ihre Kinder (länger) zu stillen
- Stillen ist die natürliche Ernährung eines Kindes
- nach der Geburt sind die Säuglinge satt, das erste Anlegen soll nach mind. 24h erfolgen, damit sie Hunger haben. Es kann auch 36h gewartet werden, dann sollte etwas Tee mit Süßstoff vom Löffel (betont!) gegeben werden
- 5 Mahlzeiten am Tag sind ausreichend (in 24h), und max. 15min. Jeweils rechts und links abwechseln. Bei gut fließender Milch können auch 5 bis 10min ausreichen
- vor und nach dem Stillen muss die Brust mit abgekochtem Wasser abgewaschen werden, danach dann mit Brustsalbe (Lanolin) eingerieben und mit einem Brusttuch abgedeckt werden. Es darf nicht drücken.
- Beikost fängt ab dem 6. Monat an, mit dem 9. Monat wird abgestillt.
- erste Beikost aufgeweichter Zwieback mit geriebenem Apfel
- ab der ersten Beikost reduzieren sich die Brustmahlzeiten analog der Breimahlzeiten
Es ist wie gesagt sehr umfangreich, ich habe nicht alles gelesen und auch nicht alles behalten. Wenn ihr spezielles wissen wollt, kann ich gerne nochmal reinschauen.
Die nächsten Tage werde ich mir mal ihr zweites Lehrbuch (aus den 60ern) anschauen, was da dann drin steht. Außerdem habe ich noch ein franz. Buch über Säuglingspflege, von meiner Oma. Da schau ich auch mal rein. Werde euch dann berichten, ok? Und wie gesagt, ich dachte, ihr könnt euch hier "anhängen"



Ich weiß nicht, wie hoch die Quote da schon war. Ich nehme an, da lag der Anfang des Nichtstillens in Süddeutschland (speziell Niederbayern).4tiere hat geschrieben:Was mich nämlich am meisten erschreckt, ist dass der geringe Anteil Stillender Mütter um 1730 schon so hoch war.
Ich denke, das war der Hauptpunkt. Wenn man es vergleicht mit bspw. Niedersachsen, wo die Frauen nicht aufgehört haben zu stillen, war das Leben dort ein ganz anderes. In Niedersachsen heirateten die Frauen im Schnitt später und übernahmen mit der Heirat den Hof der Schwiegereltern, manchmal auch der Eltern. In Niederbayern standen die Frauen nach der Heirat meist erst mal unter der Fuchtel der Schwiegermutter. Wenn man dann die Forschung von Voland hinzunimmt, dass die Anwesenheit der Schwiegermutter das Sterberisiko für Kinder erhöht, glaub ich gerne, dass hier auch die Ursache des Nichtstillens liegt.4tiere hat geschrieben:Da würde ich gerne ansetzen: Warum stillten schon damals so wenige Frauen, obwohl es keine geeigneten Ersatznahrungen vorhanden waren?
Waren es wirklich nur die Umstände? Frau schnell aufs Feld und so? Oder was könnte noch dahinter stecken?
Es war nicht entgegen jeder Vernunft. Die hatten damals eine ganz andere Logik, die heute nur schwer nach zu vollziehen ist. Die festen Zeiten hatten sich ja schon weitgehend eingebürgert, wenn wir jetzt von den 1930ern reden. Dazu kamen dann noch hygienische und erzieherische Aspekte. Die Mutter im Wochenbett galt als "Keimträgerin ersten Ranges" (Birk & Mayer 1930), darum wurden Mutter und Kind getrennt.4tiere hat geschrieben:Und das was inmediasres später schrieb, dass die Ärzte entgegen jeder Vernunft gegen Stillen nach Bedarf redeten, das sollte auch mal genauer angeguckt werden.
Das glaube ich nicht. Die Ansprüche an Regelmäßigkeit, Hygiene und Selbstbeherrschung wurde ja gleichermaßen an alle Menschen -Männer, Frauen und Kinder- gestellt.4tiere hat geschrieben:Denn mir ging sofort durch den Kopf, dass da eine grosse Unsicherheit und Angst gegenüber der Stärke und der Macht der Frauen, ihrem Körper und deren Leistungsfähigkeit mitgespielt haben wird. So frei nach dem Motto, aber wir sagen ihr wo es langgeht.
Man muss das Thema auch unter Berücksichtigung der damaligen Herrschafts- und Gesellschaftssysteme und des Menschenbildes betrachten:inmediasres hat geschrieben:Das glaube ich nicht. Die Ansprüche an Regelmäßigkeit, Hygiene und Selbstbeherrschung wurde ja gleichermaßen an alle Menschen -Männer, Frauen und Kinder- gestellt.4tiere hat geschrieben:Denn mir ging sofort durch den Kopf, dass da eine grosse Unsicherheit und Angst gegenüber der Stärke und der Macht der Frauen, ihrem Körper und deren Leistungsfähigkeit mitgespielt haben wird. So frei nach dem Motto, aber wir sagen ihr wo es langgeht.
Viele Grüße
Karin