Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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inmediasres
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von inmediasres »

Ich muss noch gerade sagen, dass ich mich total freue, dass dieser Thread so gut ankommt und so tolle Beiträge geschrieben werden. Danke! :-D
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mayra
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von mayra »

Hier ist mein Beitrag:
mayra hat geschrieben:Letztens gabs hier mal einen Beitrag zu alten Still"infos" (find ihn nicht mehr)... Ich dachte, wir könnten hier mal ein wenig was zusammentragen, was wir so an Infos haben... :D

Mir ist das erste Hebammenlehrbuch meiner Großtante (sie war Hebamme und ist letzte Woche 98 geworden) eingefallen. Es ist von 1943 und ich habe ein wenig drin geschmökert... es ist natürlich sehr umfangreich, viele Seiten und durch die Schrift nicht soo schnell zu lesen, aber hier mal ein paar Sachen, die bei mir hängengeblieben sind:

- Muttermilch ist quasi unersätzlich, die Hebamme muss daher "Stillpropaganda" machen, dass alle Mütter stillen. Erwähnt wird auch, wieviele Frauen prozentual gesehen wie lange stillen usw.
- Stillgeld erhöht die Bereitschaft der Frauen, ihre Kinder (länger) zu stillen
- Stillen ist die natürliche Ernährung eines Kindes

- nach der Geburt sind die Säuglinge satt, das erste Anlegen soll nach mind. 24h erfolgen, damit sie Hunger haben. Es kann auch 36h gewartet werden, dann sollte etwas Tee mit Süßstoff vom Löffel (betont!) gegeben werden
- 5 Mahlzeiten am Tag sind ausreichend (in 24h), und max. 15min. Jeweils rechts und links abwechseln. Bei gut fließender Milch können auch 5 bis 10min ausreichen
- vor und nach dem Stillen muss die Brust mit abgekochtem Wasser abgewaschen werden, danach dann mit Brustsalbe (Lanolin) eingerieben und mit einem Brusttuch abgedeckt werden. Es darf nicht drücken.
- Beikost fängt ab dem 6. Monat an, mit dem 9. Monat wird abgestillt.
- erste Beikost aufgeweichter Zwieback mit geriebenem Apfel
- ab der ersten Beikost reduzieren sich die Brustmahlzeiten analog der Breimahlzeiten

Es ist wie gesagt sehr umfangreich, ich habe nicht alles gelesen und auch nicht alles behalten. Wenn ihr spezielles wissen wollt, kann ich gerne nochmal reinschauen.

Die nächsten Tage werde ich mir mal ihr zweites Lehrbuch (aus den 60ern) anschauen, was da dann drin steht. Außerdem habe ich noch ein franz. Buch über Säuglingspflege, von meiner Oma. Da schau ich auch mal rein. Werde euch dann berichten, ok? Und wie gesagt, ich dachte, ihr könnt euch hier "anhängen" :D
Hier mal meine momentane Handarbeitsdose, von meiner oben erwähnten Großtante geerbt (die übrigens so Gott will nächsten Monat 100 werden wird!):

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mayra
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von mayra »

Ein Zitat aus dem Hebammenlehrbuch 1943, zuvor gibt es eine ausführliche Erklärung über die Überlegenheit der Frauenmilch gegenüber der Tiermilch/Zwiemilchernährung.

Stillpropaganda und Hebamme

Aus vorstehenden Ausführrungen geht schon hervor, dass das Stillen zu den bedingungslosen und uneingeschränkten Forderungen des Gesundheitsschutzes des Kindes gehört. Die Mitwirkung der Hebamme bei der Stillpropaganda ist unentbehrlich, ihre Verantwortung bei jedem einzelnen Kinde außerordentlich groß. Deshalb soll im folgenden auf die bevölkerungspolitische Bedeutung der Stillfrage ausführlich eingegangen werden.

Es ist gelungen, das vor dreißig und mehr Jahren recht darniederliegende Stillen in unermüdlicher belehrender Tätigkeit durch Hebammen, Pflege- und Fürsorgepersonen auf eine beachtliche Höhe zu bringen. Nach den für die Stadt Münchengemachten Angaben wurden um die Jahrhundertwende 60 v.H. (=von Hundert) der Säuglinge überhaupt nicht gestillt. Im Weltkriege betrugen die Ungestillten noch 30 v.H., nach dem Kriege 20 v.H., 1930 nur noch 10 v.H. Nach der jetzt vorliegenden Reichsstillstatistik für 1937 beträgt der Anteil der Ungestillten 4 bis 6 v.H.; die Stillziffer nähert sich jetzt stärkstens natürlichen Verhältnissen, d.h. ein vorsätzliches Nichtstillen gehört zu den Seltenheiten. Der ERfolg des Säuglingsschutzes und der Säuglingsfürsorge bestand zunächst darin, "das Kind an die Brust zu bringen". Mit der Stillhäufigkeit könnte man jetzt zufrieden sein, nicht aber mit der Stilldauer: 9v.H. der Frauen stillen nach den Angaben aus München nicht über das Wochenbett hinaus, ein Drittel der Stillenden 6 bis 8 Wochen, die Hälfte über das erste Lebensvierteljahr hinaus und nur 8 bis 10 v.H. bsi zum 6. Monat und länger (im vorgehenden Abschnitt wird erklärt, die Überlegenheit der Frauenmilch gelte für das erste Lebensvierteljahr). Nach der Reichsstillstatistik erhält der Säugling -die Zwiemilchkinder eingerechnet- im Durchschnitt 4 Monate Brustmilch. Jetzt geht der Kampf in der Richtung der Verlängerung der Stilldauer, und das mit Recht. Nach neueren Ermittlungen beträgt die Sterblichkeit des nichtgestillten Kindes gegenüber dem gestillten 3:1. Die Sterbewahrscheinlichkeit verringert sich, wenn die Stillunge bis zum 4. Monat durchgeführt wird, um ein Drittel, auf 2:1 und auf etwa die Hälfte, 1,5:1, wenn bis zum halben Jahr gestillt wird. Es mag hierbei noch besonders darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der hier näher bezifferten Lebensgefährdung nicht allein um Sterbefälle an Darmkatarrh handelt, sondern um alle Krankheiten, die den Säugling im ersten Lebensjahr treffen können. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Säuglingskrankheit (einschließlich Darmkatarrh) zugrunde zu gehen, ist für ein nichtgestilltes oder nur einen Monat gestilltes Kind 2- bis 3mal größer als bei einer Stilldauer bis zum 7. Monat oder länger. [...]

Was man als Ersatznahrung geben kann, erstreckt sich über mehrere Seiten inkl. Rezepten. Einen Überblick gibt es auch:

Ernährungsschema für das gesunde Flaschenkind mit einfachen Milchmischungen
In den ersten 14 Tagen: 5mal 10g (süße oder künstlich angesäuerte) Halbmilch, steigend bis auf 5mal 110g
Bis Ende des 1. Monats: 5mal 120g Halbmilch
Im 2. Monat: 5mal 120 bis 140g Halbmilch (In den ersten beiden Monaten kann die gleiche Gesamtmenge auch in 6 Mahlzeiten gegeben werden)
Im 3. Monat: 5mal 160g Halbmilch, dazu 1 bis 2 TL frischen Saft (Apfelsinen, Zitronen, Tomaten, Mohrrübensaft). Man verwendet am besten eine gesüßte Mischung der verschiedenen Säfte, immer unter Mitbeteiligung der Zitrone. Im Sommer und Herbst gibt man gern Karottensaft.
Im 4. Monat: 4mal 180g Halbmilch, 1mal Zwieback-Obstbrei (s.S.645); statt Fruchtsaft kann als Verdünnungsflüssigkeit Gemüsebrühe verwendet werden
[...]

Übergang zu Zweidrittelmilch [...]
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mayra
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von mayra »

Zitate aus "Hebammenlehrbuch" 1. Auflage 1943, herausgegeben im Auftrag des Reichsministeriums des Innern durch das Reichsgesundheitsamt, bearbeitet von Prof. Dr. F. Burgdörfer, München (Bevölkerungspolitik); Prof. Dr. L. Loeffler, Wien (Grundlagen der Erb- und Rassenpflege); Prof Dr. B. Ottow, Berlin ( Bau und Verrichtungen des menschl. Körpers, Allgemeine Krankheitslehre); Prof. Dr. S. Stephan, Stettin (Regelrechte und regelwidrige Schwangerschaft, Regelrechtes und regelwidriges Wochenbett); Obermedizinalrat Dr. M. Fezer (Regelrechte und Regelwidrige Geburt); Prof. Dr. F. Rott, Berlin (Pfelge und Ernährung des Säuglings, Schutz und Fürsorge für Mutter und Kind)

Sorry, evtl. könnten die abgekürzten Vornamen falsch sein, das das Buch nicht in Druckschrift sondern in Süterlin (?) gedruckt ist.
mayra mit Schlawiner 07/08 und Lockenkopf 07/10
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mayra
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von mayra »

Dann habe ich noch ein Buch von meiner französischen Oma...

La Puériculture par l'image
Copyright 1938 by Jean Wall
La Natalité Francaise
Fondation Jean Wall
Président de lan Chambre syndicale de la Puériculture

(mehr steht nicht drin)

Es ist ein einfaches Büchlein, hauptsächlich mit Bildern, ich denke mal, um auch Analphabeten alles wichtige zu vermitteln. Über das Stillen steht sinngemäß drin, dass es sehr wichtig ist, da das Kind davon robust und gesund wird. Mama erholt sich besser von den Geburten. Am ersten Tag soll nicht gestillt werden, man kann aber abgekochtes, leicht warmes und gesüßtes Wasser mit einem Löffel geben (ca. alle 3 Stunden). Gelbe Milch in den ersten Tagen ist normal, durch häufiges Anlegen wird die Milch kommen. Aber nie außerhalb der "Zeiten" stillen, das macht das Baby "capricieux", sowas wie verwöhnt... Ab dem zweiten Tag 6x anlegen, oder bei niedrigem Gewicht 7x. Ab dem 5. Monat kann man eine Mahlzeit durch Gemüsesuppe (Brühe) ersetzen.

Stillproben werden erwähnt, und die drei "Regeln" für das Stillen lauten:
- den Mahlzeitenrhythmus einhalten
- dem Schreien des Baby nicht nachgeben
- aufwecken, sollte es schlafen

Ersatz für das Stillen wird ausführlich abgehandelt, auch auf die Gefahren der Frischmilch wird ausführlich eingegangen. Frischmilch soll im Einkochtopf abgekocht werden, und wird dann mit Zucker und Wasser zu Babynahrung "gekocht".
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4tiere
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von 4tiere »

Superspannend!!!!!!!!!!
Ich möchte abe noch mal auf das Eingangsposting eingehen.
Was mich nämlich am meisten erschreckt, ist dass der geringe Anteil Stillender Mütter um 1730 schon so hoch war. Da würde ich gerne ansetzen: Warum stillten schon damals so wenige Frauen, obwohl es keine geeigneten Ersatznahrungen vorhanden waren?
Waren es wirklich nur die Umstände? Frau schnell aufs Feld und so? Oder was könnte noch dahinter stecken?
Und das was inmediasres später schrieb, dass die Ärzte entgegen jeder Vernunft gegen Stillen nach Bedarf redeten, das sollte auch mal genauer angeguckt werden.
Denn mir ging sofort durch den Kopf, dass da eine grosse Unsicherheit und Angst gegenüber der Stärke und der Macht der Frauen, ihrem Körper und deren Leistungsfähigkeit mitgespielt haben wird. So frei nach dem Motto, aber wir sagen ihr wo es langgeht. (Und wenn frau konsequent weiter denkt, dann kommt sie zu der Frage, warum wir nicht im Matriachat leben - was meiner Meinung nach viell offensichtlicher wäre - das nur am Rande und etwas OT.)
Bild-liche Grüße

Natalie
mit drei wundervollen Kindern!
Den beiden Großen (19m und 21w Jahre) und die kleine Maus (01.10.2011), die ich immer noch total genieße! Bild
Und das mit der Rechtschreibung lerne ich noch ... ;-)
(Manche andere Fähigkeiten erwerbe ich bestimmt auch noch, über Anregungen bin ich immer dankbar!)
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von inmediasres »

Zur Stillquote in der DDR:
"In der DDR ist ein prinzipiell sehr ähnlicher Verlauf zu beobachten, der allerdings zeitlich um ca. fünf Jahre nach hinten verschoben ist. Das relative Maximum für die künstliche Flaschennahrung lag in der DDR etwa im Jahr 1980 (vgl. Kruspe 1997, 76)"
Brust oder Flasche? Säuglingsernährung und die Rolle von Beratungsmedien - Timo Heimerdinger
inmediasres
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von inmediasres »

Hallo!
4tiere hat geschrieben:Was mich nämlich am meisten erschreckt, ist dass der geringe Anteil Stillender Mütter um 1730 schon so hoch war.
Ich weiß nicht, wie hoch die Quote da schon war. Ich nehme an, da lag der Anfang des Nichtstillens in Süddeutschland (speziell Niederbayern).
4tiere hat geschrieben:Da würde ich gerne ansetzen: Warum stillten schon damals so wenige Frauen, obwohl es keine geeigneten Ersatznahrungen vorhanden waren?
Waren es wirklich nur die Umstände? Frau schnell aufs Feld und so? Oder was könnte noch dahinter stecken?
Ich denke, das war der Hauptpunkt. Wenn man es vergleicht mit bspw. Niedersachsen, wo die Frauen nicht aufgehört haben zu stillen, war das Leben dort ein ganz anderes. In Niedersachsen heirateten die Frauen im Schnitt später und übernahmen mit der Heirat den Hof der Schwiegereltern, manchmal auch der Eltern. In Niederbayern standen die Frauen nach der Heirat meist erst mal unter der Fuchtel der Schwiegermutter. Wenn man dann die Forschung von Voland hinzunimmt, dass die Anwesenheit der Schwiegermutter das Sterberisiko für Kinder erhöht, glaub ich gerne, dass hier auch die Ursache des Nichtstillens liegt.
4tiere hat geschrieben:Und das was inmediasres später schrieb, dass die Ärzte entgegen jeder Vernunft gegen Stillen nach Bedarf redeten, das sollte auch mal genauer angeguckt werden.
Es war nicht entgegen jeder Vernunft. Die hatten damals eine ganz andere Logik, die heute nur schwer nach zu vollziehen ist. Die festen Zeiten hatten sich ja schon weitgehend eingebürgert, wenn wir jetzt von den 1930ern reden. Dazu kamen dann noch hygienische und erzieherische Aspekte. Die Mutter im Wochenbett galt als "Keimträgerin ersten Ranges" (Birk & Mayer 1930), darum wurden Mutter und Kind getrennt.
"Wann soll die Erziehung des Säuglinge einsetzen?
A: Sofort mit dem ersten Lebenstage
Womit beginnt die Erziehung?
Mit der Gewöhnung an die Zeitordnung. Innehalten der Nähr- und Pflegeordnung erzieht zur Beherrschung des Willens. Innehalten der Nahrungsmengen erzieht zur Mäßigkeit. "
Aus: Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Kinderarzt Philipp Niemes, Verlag Alwin Fröhlich, Leipzig, 1933

(Birk & Mayer 1930) Lehrbuch der Wöchnerinnen- Säuglings- und Kleinkinderpflege für Pflegerinnen, Schwestern und Mütter, Prof. Dr. W. Birk und Prof. Dr. A. Mayer, Verlag Ferdinand Enke, Stuttgart, 1930

4tiere hat geschrieben:Denn mir ging sofort durch den Kopf, dass da eine grosse Unsicherheit und Angst gegenüber der Stärke und der Macht der Frauen, ihrem Körper und deren Leistungsfähigkeit mitgespielt haben wird. So frei nach dem Motto, aber wir sagen ihr wo es langgeht.
Das glaube ich nicht. Die Ansprüche an Regelmäßigkeit, Hygiene und Selbstbeherrschung wurde ja gleichermaßen an alle Menschen -Männer, Frauen und Kinder- gestellt.

Viele Grüße
Karin
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cosima83
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von cosima83 »

inmediasres hat geschrieben:
4tiere hat geschrieben:Denn mir ging sofort durch den Kopf, dass da eine grosse Unsicherheit und Angst gegenüber der Stärke und der Macht der Frauen, ihrem Körper und deren Leistungsfähigkeit mitgespielt haben wird. So frei nach dem Motto, aber wir sagen ihr wo es langgeht.
Das glaube ich nicht. Die Ansprüche an Regelmäßigkeit, Hygiene und Selbstbeherrschung wurde ja gleichermaßen an alle Menschen -Männer, Frauen und Kinder- gestellt.

Viele Grüße
Karin
Man muss das Thema auch unter Berücksichtigung der damaligen Herrschafts- und Gesellschaftssysteme und des Menschenbildes betrachten:
Dem einzelnen Bürger wurde kaum eigene Kompetenz überlassen. Ziel war es, hartarbeitende herrschaftstreue Bürger heranzuziehen. Die Kinder, die heute der Mittelpunkt der Familie sind, standen in der Rangfolge an letzer Stelle. Die wenigsten Kinder waren gewünscht und geplant, die Kindersterblichkeit war extrem hoch, im Vergleich zu heute auch in den Gegenden und Zeiten im guter Stillquote. Die Bindung ans einzelne Kind umso geringer. Der frühe Tod eines Kindes wurde als gottgewollt hingenommen und war nicht selten sogar gewünscht, quasi als nachträgliche Familienplanung. Frauen, die als Amme für besser betuchte Damen arbeiteten, überliesen ihre Kinder der Fremdpflege und Kunstnahrung, was nicht selten ein Todesurteil war. :cry:
Regelmäßigkeit, peinlichste, übertrieben, Hygiene und das Anstellen des eigenen Willens an letzter Stelle waren an der Tagesordnung und wurden schon von den Jüngsten verlangt. Man war ja bis zur Mitte des 20 Jhds. noch der Meinung, dass Neugeborene zu keinem Schmerzempfinden, weder körperlich noch seelisch, in der Lage sind und das Schreien nur ein Reflexverhalten darstellt. Es wurden Operationen an unnarkotisierten Babies durchgeführt.
Das Neugeboren und kleine Kinder (und sogar Ungeborene) komplette, kompetente menschliche Wesen sind, diese Ansicht hat sich erst in den letzten 50 Jahren flächendeckend durchgesetzt.
Wer als Frau unter diesen Umständen heranwuchs, der benötigte kein männliches Machtwort um die Bedürfnisse seines Kindes zu überhören.
Von allen Tieren ist der Mensch das Wesen mit den wenigsten Reflexen und Instinktiven Verhaltensweisen. Die hat einerseits dazu geführt, dass er sich an neue Umstände (Klimaverhältnisse, Nahrungsquellen, etc.) schnell anpassen konnte und in relativ kurzer Zeit fast alle Lebenseräume dieser Erde besiedeln konnte. Aber es führt andererseits auch dazu, dass viele Verhaltensweisen erlernt werden müssen und daher stark kulturell geprägt sind. Dazu zählt auch der Umgang mit dem Nachwuchs. Dies ist auch bei den Menscheaffen zu beobachten: Weibchen, die in Gefangenschaft ohne natürliche Vorbilder Mutter werden, sind nicht selten auch überfordert von den Bedürfnissen ihrer Neugeborenen, da sie nie die Möglichkeit hatten, als große Schwester, Tante etc. den Umgang mit Jungtieren zu erlernen. Es wird gar berichtet, dass man Affenweibchen bei der Versorgung ihres Nachwuchses half, indem man (nachdem bereits Junge abgelehnt oder gar getötet wurden), stillende Frauen wären der Trächtigkeit vor dem Gehege platzierte. Die Weibchen übernahmen die Verhaltensweise und konnten infolge dessen weitere Junge erfolgreich aufziehen. Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass bereits junge Frauen und Mädchen (und natürlich auch die Jungs und Männer) das Stillen als etwas Selbstverständliches erleben. Nur so kann das Stillen wieder etabliert werden.
Entschuldigt, dass ich keine genauen Quellenangaben geben kann, das Wissen ist aus mehreren Büchern zusammengetragen. Bei Interesse kann ich nochmal genauer schauen.
Interessant zu diesem Thema fand ich folgende Bücher:
Merdeith Small: Our Babies Ourselves- How biology and culture shape the way we parent
Renz-Polster: Born to be wild- Kinder verstehen
Ashlay Montagu: Zum Kinde reifen

Gelesen habe ich auch Harrer ("Die Mutter und ihr erstes Kind" und das Folgeband "Unsere kleinen Kinder") sowie weitere ältere Bücher zu "Familienhygiene, die ein erschreckendes Bild von kleinen Kindern liefen und abstruse Anweisung zur Säuglingsernährung gaben.

Meine Oma ist relativ spät, nach langer Beruftstätigkeit (+Nebenerwerbswinzerbetrieb) das erste Mal Mutter geworden (Ende der 50er Jahre) und ist rasch wieder in den Beruf zurück gekehrt. Sie hat einige Wochen gestillt und dann das Stillen bewusst aufgegeben und ist zu der damals üblichen Sitte übergegangen die Babies mit präparierter Kuhmilch zu ernähren. Zu diesem Anlass gab es im Dorf wohl eine spezielle Kuh, die von der Herde getrennt besonders hochwertig mit viel Grünfutter ernährt wurde (was sich, wie man heute weiß ja positiv auf den Gehalt an wertvollen, ungesättigten Fettsäuren auswirkt).
Es war in dieser Zeit auch üblich, Babies, nachdem sie versorgt waren (gefüttert und trockengelegt....) stundenlang im Haus alleine zu lassen und in den Weiberg zu gehen. Das arbeiten in den Steilhängen an der Mosel erlaubte es nicht, die Kinder im Wagen oder Korb mitzunehmen. Meine Oma (uns auch andere ältere Damen aus dem Dorf) haben mir gesagt, wie praktisch doch damals ein Tragetuch gewesen wäre. Mit Kind auf dem Rücken hätte sich auch im Weinberg gut arbeiten lassen. Doch das Tragen war damals nur von "Zigeunern" bekannt und wurde daher eher abfällig angesehen, ebenso das längere Stillen.
Die Oma meines Freundes (wird in diesem Jahr 99), hat 1942 ihren ersten un d einzigen Sohn bekommen und war, da ihr Mann im Krieg gefallen ist, auf die Versorgung durch ihre Eltern angewiesen. Sie hat relativ lange gestillt (9 Monate), was damals im Münsterland wohl üblicher war als weiter südlich. Erleichtert wurde dies auch durch die Tatsache, dass ihre Eltern einen Laden hatten, wo sie mitarbeitet und er Kleine im Nebenraum ersorgt wurde, es also nur selten räuliche Trennungen gab. Doch berichtete sie von Situationen, wo der Kleine schrie und sie ihn gerne getröstet und gestillt hätte, es aber ihre Mutter nicht erlaubte. Sie war wiegesagt auf ihre Eltern angewiesen und konnte sich viele Widerworte nicht erlauben.... :( Sie sagt, wie sehr es sie freut zu sehen, dass auf ihre Urenkel so intensiv eingegangen wird. Alle wurden gestillt, die meisten auch getragen. Sie hat dazu noch kein kritisches Wort verloren.
Ihre eigene Mutter hatte 9 Kinder, davon ein männliches Zwillingspaar. Einer der Jungs wurde direkt nach der Geburt in die Nachbarsfamilie gegeben, wo er auch gestillt wurde. Dieser Junge wurde Zeit seines Lebens kein vollwertiges Mitglied seiner Herkunftsfamilie, nahm eine ganz andere Rolle ein, als sein Zwillingsbruder. Doch dies war wohl gängige Praxis. Man glaubte nicht, dass eine Mutter Zwillinge ernähren könnte.
Ich sauge solche Berichte von Zeitzeugen auf wie ein Schwamm. Sie zeigen mir, wie glücklich wir uns schätzen dürfen als Frauen in der heutigen Zeit die Möglichkeit zu haben, uns umfassend zu informieren und auf dieser Basis eigene Entscheidungen zu treffen.
So grausam es klingt: Auch die Fehltritte der Gesellschaft bezüglich der Säuglingsernährung und ganz allgemein, haben auch ihren Teil zu dieser Entwicklung und zu dem heute reichen Wissenschatz beigetragen.
Heute haben wir die Wahlfreiheit, quasi zum ersten Mal in der Geschichte.
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Athene79
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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Beitrag von Athene79 »

Hallo,
hier wie versprochen kurz das, was ich geschrieben habe:
Stillen im antiken Athen (4. Jahrhundert v. Chr.)
Ich stelle das Thema „Stillen im antiken Athen“ hier kurz und basierend auf zwei Ebenen dar: Zunächst die Realität, andererseits werden auch die Positionen von Platon und Aristoteles dargestellt, die weit verbreitet waren (aber nicht umgesetzt wurden).

Es stillten Mütter und Ammen. Mütter der Oberschicht stillten weniger, weil das Stillen die Fruchtbarkeit einschränkt. Ammen gab es in der Regel nur in wohlhabenden städtischen Haushalten und weniger auf dem Land. Sie sollten zwischen 25 und 35 Jahren alt sein und zur gleichen Zeit wie die Mutter ein Kind desselben Geschlechts geboren haben. Da sie nur das ihnen anvertraute Kind stillen sollten, kann man davon ausgehen, dass ihr eigenes Kind gestorben war oder mit der Flasche aufgezogen wurde. Man wusste, dass Flaschennahrung – Tiermilch – Kinder krankheitsanfälliger machte. Da man davon überzeugt war, dass die Amme das Kind auch psychisch beeinflusst, wurde ein maßvoller Charakter und moralische Untadeligkeit gefordert.
Kinder wurden gestillt, bis sie zwei Jahre alt waren.
(Marileluise Deißmann-Merten, Zur Sozialgeschichte des Kindes im antiken Griechenland, in Jochen Martin, August Nitschke (Hrsg.), Zur Sozialgeschichte der Kindheit, Freiburg und München 1986, 267-316).
Die Theorie laut Platon (Der Philosoph entwarf in seinen Schriften die Idee eines idealen Staates) waren folgende: In den Gesetzen (nom. 789e) schreibt Platon, dass die Mutter oder die Amme sich um die Babys kümmern und TRAGEN (Zum Tragen stellt er übrigens sehr viele interessante Forderungen auf.) solle. Im Staat (rep. 460b) fordert er, dass alle Eltern sich um alle Kinder kümmern sollten und dass es keiner Mutter gestattet werden sollte, ihr eigenes Kind zu stillen. Jede Mutter solle jedes Kind stillen und jedem die gleiche Liebe entgegen bringen (rep. 460d).
Aristoteles forderte „reichliche Milchnahrung“ (Pol. 1336a1) für Babys.
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