Hallo,
auch wenn es wohl nicht viel weiter hilft... Mir kam direkt dieses Zitat in den Kopf:
"Das Wiederauftreten von Schwangerschaft spricht nicht gegen die Weiterdarreichung der Brust. Das Kind gedeiht trotzdem gut und man sieht oft, daß die Säugungsperiode des zurzeit trinkenden Kindes übergeht in die des neuen Erdenbürgers, ja daß die Mutter unter Umständen beide Kinder gleichzeitig nährt. Bei den Kühen ist es ja ähnlich."
Kaupe, 1907
LG
Karin
Tandemstillen und die Evolution
Moderatoren: Anjamaria01, klecksauge, SchneFiMa, Mondenkind
-
inmediasres
- möchten wir nicht mehr missen
- Beiträge: 291
- Registriert: 29.04.2007, 19:23
- Wohnort: UK
- Kontaktdaten:
- blueberry
- Mod a.D.
- Beiträge: 11076
- Registriert: 03.09.2007, 14:18
- Wohnort: Deutschland
Re: Tandemstillen und die Evolution
Meine Vermutung ist immer gewesen, dass es eine Frage des Ernährungszustandes/der Versorgungslage der Mutter ist und Tandemstillen ja oder nein darum eine sehr moderne Frage ist, die früher einfach keine Rolle spielte, weil es nicht vorkam.
Mein Wissen über "ursprüngliches" Verhalten (soweit man das noch rekonstruieren bzw. im Vergleich auf unsere biologisch nächsten Verwandten ableiten kann) ist, dass es normalerweise "in der Natur" nicht zu Tandemstillen bei Primaten kommt.
Das erste Kind wird geboren, gestillt bis es deutlich weniger stillt (also meist im Laufe des zweiten oder dritten Lebensjahres) und dadurch die Hormonlage der Mutter wieder auf "empfängnisbereit" geht. Dann wird sie schwanger und stillt spätestens in der Zeit komplett ab, das Kind geht aus der engen Zweierbindung zur Mutter über in die Kindergruppe, wo es unter relativ Gleichaltrigen zurecht kommen muss. Die Mutter wendet sich nach der Geburt dann überwiegend dem Neugeborenen zu und stillt auch ausschließlich dieses (oder eben die beiden Neugeborenen, wenn es Zwillinge sind). Das ältere Kind ist zu diesem Zeitpunkt mindestens drei bis vier Jahre alt.
Da die Brutpflege beim Menschen (und anderen Primaten) sehr aufwendig ist und die Resourcen der Mutter nicht gerade schont, könnte sich der Mensch ein anderes Verhalten gar nicht leisten. Auch eine kürzere Geschwisterfolge wäre ausgesprochen problematisch und würde wahrscheinlich das Überleben des älteren Kindes in den meisten Jahrhunderten/-tausenden der Menschheitsgeschichte arg gefährdet haben, weil es in einem viel zu unreifen Alter aus dem Nahbereich der Mutter hätte weichen müssen. Dies hätte meist eine unzureichende Ernährung in einer kritischen Entwicklungsphase bedeutet: früher gab es viel ausgedehntere Phasen unzureichender Ernährung - Kleinkinder brauchen aber aufgrund ihres schnellen Wachstums und der Gehirnentwicklung einfach sehr konstant ausreichende Nahrung. Muttermilch ist die Lösung der Evolution für dieses Problem. Fehlt sie, sah es für das Kleinkind meist düster aus. Schon die frühe erneute Schwangerschaft der Mutter hätte dann eine Bedrohung bedeutet, weil die Milch weniger wird/versiegt.
Nun leben wir aber nicht mehr unter Mangelzuständen sondern sind im Allgemeinen sehr gut mit Nahrung (und vor allem seeehr regelmäßig) versorgt. Zudem ist unsere Nahrung sehr ausgewogen und reichhaltig. Unter diesen Umständen (solange es nicht ins andere Extrem des Übergewichtes übergeht) sind Frauen anscheinend einfach schneller wieder fruchtbar und zudem können wir das Überleben des älteren Geschwisterkindes heute auch ohne Stillen sichern. Erst so kommt es überhaupt zum Phänomen des Tandemstillens, nehme ich an.
Achso, nicht nur der bessere Ernährungszustand, auch die heute durchaus moderate körperliche Betätigung spielt da mit rein. Früher dürfte die Durchschnittsfrau (z.B. eines nomadischen Volkes) so viel körperlicher Betätigung nachgegangen sein, dass auch dies die Fruchtbarkeit minderte. Bei Leistungssportlerinnen ist das ja oft heute noch so, dass der Zyklus unregelmäßig wird bzw. ganz ausbleibt. Das zusammen mit einem normal vielleicht dreieinhalb Jahre lang stillenden Kind und mangelnder Versorgung der Mutter mit Nahrung, hat wohl einfach den Zyklus recht erfolgreich solange unterdrückt, bis sich die Mutter nach zweieinhalb bis drei Jahren von großen Kind "abwenden" und der neuen Fruchtbarkeit widmen konnte.
Mein Wissen über "ursprüngliches" Verhalten (soweit man das noch rekonstruieren bzw. im Vergleich auf unsere biologisch nächsten Verwandten ableiten kann) ist, dass es normalerweise "in der Natur" nicht zu Tandemstillen bei Primaten kommt.
Das erste Kind wird geboren, gestillt bis es deutlich weniger stillt (also meist im Laufe des zweiten oder dritten Lebensjahres) und dadurch die Hormonlage der Mutter wieder auf "empfängnisbereit" geht. Dann wird sie schwanger und stillt spätestens in der Zeit komplett ab, das Kind geht aus der engen Zweierbindung zur Mutter über in die Kindergruppe, wo es unter relativ Gleichaltrigen zurecht kommen muss. Die Mutter wendet sich nach der Geburt dann überwiegend dem Neugeborenen zu und stillt auch ausschließlich dieses (oder eben die beiden Neugeborenen, wenn es Zwillinge sind). Das ältere Kind ist zu diesem Zeitpunkt mindestens drei bis vier Jahre alt.
Da die Brutpflege beim Menschen (und anderen Primaten) sehr aufwendig ist und die Resourcen der Mutter nicht gerade schont, könnte sich der Mensch ein anderes Verhalten gar nicht leisten. Auch eine kürzere Geschwisterfolge wäre ausgesprochen problematisch und würde wahrscheinlich das Überleben des älteren Kindes in den meisten Jahrhunderten/-tausenden der Menschheitsgeschichte arg gefährdet haben, weil es in einem viel zu unreifen Alter aus dem Nahbereich der Mutter hätte weichen müssen. Dies hätte meist eine unzureichende Ernährung in einer kritischen Entwicklungsphase bedeutet: früher gab es viel ausgedehntere Phasen unzureichender Ernährung - Kleinkinder brauchen aber aufgrund ihres schnellen Wachstums und der Gehirnentwicklung einfach sehr konstant ausreichende Nahrung. Muttermilch ist die Lösung der Evolution für dieses Problem. Fehlt sie, sah es für das Kleinkind meist düster aus. Schon die frühe erneute Schwangerschaft der Mutter hätte dann eine Bedrohung bedeutet, weil die Milch weniger wird/versiegt.
Nun leben wir aber nicht mehr unter Mangelzuständen sondern sind im Allgemeinen sehr gut mit Nahrung (und vor allem seeehr regelmäßig) versorgt. Zudem ist unsere Nahrung sehr ausgewogen und reichhaltig. Unter diesen Umständen (solange es nicht ins andere Extrem des Übergewichtes übergeht) sind Frauen anscheinend einfach schneller wieder fruchtbar und zudem können wir das Überleben des älteren Geschwisterkindes heute auch ohne Stillen sichern. Erst so kommt es überhaupt zum Phänomen des Tandemstillens, nehme ich an.
Achso, nicht nur der bessere Ernährungszustand, auch die heute durchaus moderate körperliche Betätigung spielt da mit rein. Früher dürfte die Durchschnittsfrau (z.B. eines nomadischen Volkes) so viel körperlicher Betätigung nachgegangen sein, dass auch dies die Fruchtbarkeit minderte. Bei Leistungssportlerinnen ist das ja oft heute noch so, dass der Zyklus unregelmäßig wird bzw. ganz ausbleibt. Das zusammen mit einem normal vielleicht dreieinhalb Jahre lang stillenden Kind und mangelnder Versorgung der Mutter mit Nahrung, hat wohl einfach den Zyklus recht erfolgreich solange unterdrückt, bis sich die Mutter nach zweieinhalb bis drei Jahren von großen Kind "abwenden" und der neuen Fruchtbarkeit widmen konnte.
blueberry mit großem und kleinem Frühlingskind (2010 und 2013)
-
honigtopf2010
- Profi-SuTler
- Beiträge: 3921
- Registriert: 22.11.2010, 21:29
AW: Tandemstillen und die Evolution
Aha, dann hat meine Faulheit in Verbindung mit Schokolade dazu geführt, dass ich schon nach sechs Monaten wieder meine Periode hatte. 

Ironie off
Danke für die Erläuterung.
Ironie off
Danke für die Erläuterung.
die Große 03/10 und der Lütte 03/13 - Breast in Peace!
-
asujakin
- Power-SuTler
- Beiträge: 6376
- Registriert: 25.03.2009, 13:43
Re: Tandemstillen und die Evolution
Klasse! Danke für den Beitragblueberry hat geschrieben:Meine Vermutung ist immer gewesen, dass es eine Frage des Ernährungszustandes/der Versorgungslage der Mutter ist und Tandemstillen ja oder nein darum eine sehr moderne Frage ist, die früher einfach keine Rolle spielte, weil es nicht vorkam.
Mein Wissen über "ursprüngliches" Verhalten (soweit man das noch rekonstruieren bzw. im Vergleich auf unsere biologisch nächsten Verwandten ableiten kann) ist, dass es normalerweise "in der Natur" nicht zu Tandemstillen bei Primaten kommt.
Das erste Kind wird geboren, gestillt bis es deutlich weniger stillt (also meist im Laufe des zweiten oder dritten Lebensjahres) und dadurch die Hormonlage der Mutter wieder auf "empfängnisbereit" geht. Dann wird sie schwanger und stillt spätestens in der Zeit komplett ab, das Kind geht aus der engen Zweierbindung zur Mutter über in die Kindergruppe, wo es unter relativ Gleichaltrigen zurecht kommen muss. Die Mutter wendet sich nach der Geburt dann überwiegend dem Neugeborenen zu und stillt auch ausschließlich dieses (oder eben die beiden Neugeborenen, wenn es Zwillinge sind). Das ältere Kind ist zu diesem Zeitpunkt mindestens drei bis vier Jahre alt.
Da die Brutpflege beim Menschen (und anderen Primaten) sehr aufwendig ist und die Resourcen der Mutter nicht gerade schont, könnte sich der Mensch ein anderes Verhalten gar nicht leisten. Auch eine kürzere Geschwisterfolge wäre ausgesprochen problematisch und würde wahrscheinlich das Überleben des älteren Kindes in den meisten Jahrhunderten/-tausenden der Menschheitsgeschichte arg gefährdet haben, weil es in einem viel zu unreifen Alter aus dem Nahbereich der Mutter hätte weichen müssen. Dies hätte meist eine unzureichende Ernährung in einer kritischen Entwicklungsphase bedeutet: früher gab es viel ausgedehntere Phasen unzureichender Ernährung - Kleinkinder brauchen aber aufgrund ihres schnellen Wachstums und der Gehirnentwicklung einfach sehr konstant ausreichende Nahrung. Muttermilch ist die Lösung der Evolution für dieses Problem. Fehlt sie, sah es für das Kleinkind meist düster aus. Schon die frühe erneute Schwangerschaft der Mutter hätte dann eine Bedrohung bedeutet, weil die Milch weniger wird/versiegt.
Nun leben wir aber nicht mehr unter Mangelzuständen sondern sind im Allgemeinen sehr gut mit Nahrung (und vor allem seeehr regelmäßig) versorgt. Zudem ist unsere Nahrung sehr ausgewogen und reichhaltig. Unter diesen Umständen (solange es nicht ins andere Extrem des Übergewichtes übergeht) sind Frauen anscheinend einfach schneller wieder fruchtbar und zudem können wir das Überleben des älteren Geschwisterkindes heute auch ohne Stillen sichern. Erst so kommt es überhaupt zum Phänomen des Tandemstillens, nehme ich an.
Achso, nicht nur der bessere Ernährungszustand, auch die heute durchaus moderate körperliche Betätigung spielt da mit rein. Früher dürfte die Durchschnittsfrau (z.B. eines nomadischen Volkes) so viel körperlicher Betätigung nachgegangen sein, dass auch dies die Fruchtbarkeit minderte. Bei Leistungssportlerinnen ist das ja oft heute noch so, dass der Zyklus unregelmäßig wird bzw. ganz ausbleibt. Das zusammen mit einem normal vielleicht dreieinhalb Jahre lang stillenden Kind und mangelnder Versorgung der Mutter mit Nahrung, hat wohl einfach den Zyklus recht erfolgreich solange unterdrückt, bis sich die Mutter nach zweieinhalb bis drei Jahren von großen Kind "abwenden" und der neuen Fruchtbarkeit widmen konnte.