So, wir hatten Besuch, daher hatte ich nicht die Ruhe, Dir nochmal ausführlich zu schreiben...
Ich kann Dich ja wirklich genau deswegen so gut verstehen, weil es mir damals mit meinem Großen ebenso erging wie Dir. Es ist sehr hart, wenn man gleich zuerst ein so forderndes und vermeintlich "anstrengendes" Kind bekommt. Die Umstellung auf ein Kind ist so oder so schon eine sehr große, aber mit einem bedürfnisstarken Kind ist es es doppelt und dreifach anstrengend.
Meine Kleinste ist die entspannteste meiner drei Kinder und ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, wie toll das erste Babyjahr gewesen wäre, wäre SIE die erste gewesen.

Mit ihr hätte ich entspannt frühstücken gehen können, Freunde treffen, mein Büro besuchen. Mit meinem Sohn war das alles wahnsinns-unentspannt. Ich war immer innerlich angespannt, denn wenn er schrie, dann richtig und von jetzt auf gleich. Es gab keine Ankündigungen durch Jammern oä, er brüllte sehr schnell (nd ausdauernd...) los. Länger irgendwo an einem Ort verweilen war kaum möglich. Was ich an Kilometern in seinem ersten Lebensjahr zurückgelegt habe, nur damit er schlafen konnte, kann ich gar nicht zählen.

Dann war ich fix und alle von 4 Stunden ununterbrochen laufen und er war natürlich topfit.

Autofahren - da hab ich oft schon vorher Schweißausbrüche bekommen, weil ich wusste, ab ner bestimmten Strecke brüllt er. Oder zu bestimmten Uhrzeiten. Wahnsinn.
Und dann dazu diese unglaublichen Nächte...
ABER - und das ist dabei das wichtige: hätte ich nicht dieses Kind als erstes gehabt, ich weiß nicht, ob ich heute die Mutter wäre, die ich jetzt bin. Dieses Kind hat mir so ÜBERdeutlich seine (und die eines jeden Kindes) Bedürfnisse klargemacht, dass ich gar nicht anders KONNTE, als zu stillen, ihn zu tragen und ihn bei mir schlafen zu lassen. Nach drei Wochen blieb mir dank eines Milchstaus und schlechter Hilfe die Milch weg. 2 Tage lang. Es war schrecklich. Er nahm partout die Flasche nicht, keine Chance. Trank NICHTS außer meiner Milch. Ja, ich WOLLTE auch stillen, aber ich hätte bei ihm auch keine andere Wahl gehabt. Kinderwagen: wir hatten einen. Das endete damit, dass ich teilweise 2 Stunden lang das Ind auf dem Arm trug, während ich den Wagen mit der anderen Hand schob.

Auch da war mein Gefühl zwar von Anfang an so, dass ich ihn immer gern eng bei mir haben wollte, aber auch da hätte er mir KEINE Wahl gelassen. Mit 8 Monaten wollten wir ihn in sein tolles eigenes Bett umbetten - mein Mann vertrat damals die Meinung, wir bekämen ihn sonst nie wieder aus unserem heraus, zudem hatte der Kleine einen extrem leichten Schlaf und wachte bei jedem Umdrehen auf. Ich wollte ihn dann wenigstens während der ersten Schlafphase umbetten - aber: UNMÖGLICH. So landete ich hier, ich bin damals nämlich abends fast irre geworden, weil er nicht mehr einschlafen wollte. Erst als er AUF meinem Kissen schlafen durfte, ging es wieder.
Bis heute ist er derjenige, der mir den Weg zeigt. Klar, ich bin dafür offen, aber bei vielen Dingen muss man aufgrund eigener Erlebnisse und dem, was sich so eingeschliffen hat, schon hart an sich arbeiten. Aber wie gesagt, bei ihm bräuchte ich "klassische Methoden" in jeder Hinsicht nicht anwenden. Jetzt mit vier betrifft das zB Strafen oder schimpfen. Finde ich eh doof, aber ich würde damit auch bei ihm keinen Millimeter weiterkommen. Er braucht - wie jedes Kind - Anerkennung und Respekt, ein Miteinanderleben auf Augenhöhe. Und ich bin ihm ohne Ende dankbar dafür, dass ER MICH erzieht (auch wenn ich manchmal an die Decke gehe).
Das ist nun weit ausgeholt und weit vorgegriffen, aber ich möchte Dir damit nur zeigen, dass all das auch etwas Gutes hat. Dass Du die Veränderung in Deinem Leben zulassen darfst und solltest, denn sie führt zu etwas Gutem. Du hast das große Glück, genau das richtige Kind für Deine Situation bekommen zu haben. Geh den Weg mit ihm, lass Dich leiten, überraschen, lass Dich verändern.
Ich weiß, wie schwer es ist, das zuzulassen, ehrlich. Aber es wird Euch beide am Ende zu glücklichen Menschen machen.
Zu der aktuellen Situation, vor allem wegen der Arbeit: MUSST Du arbeiten gehen? Und wie wird der Kleine dann betreut? Bei uns war ja der Kindergarten auch nochmal eine Wende beim Schlafen - allerdings hat sich bei mir durch viele sehr glückliche Zufälle ergeben, dass ich zwischen den ersten beiden Kindern nicht arbeiten musste, sondern bis zum nächsten daheim war. So war ich insgesamt sehr entspannt. Und aus heutiger Sicht würde ich sagen, ich hätte nichtmal PLANEN sollen, so schnell wieder arbeiten zu gehen. Auch ohne Schwangerschaft hätte ich das damals kaum auf die Reihe bekommen, ich hätte mich sicherlich nur schwer konzentrieren können und wäre wohl sehr gestresst gewesen.
Achja, uns nochwas: in dem Alter Deines Kleinen waren viele Eindrücke ein echter Schlafkiller. Heute (ich meine, das ging so ab etwa 2 los) führt das eher dazu, dass er schläft wie ein Stein.

Und da ich gerade Besuch einer lieben Freundin hatte, die ihr 19 Monate altes Kind nicht mehr stillt: auch er wacht nachts DAUERND auf (ich war Ohrenzeugin) und brüllt - teilweise stündlich und ausdauernd. Auch in vielen Threads hier kannst Du nachlesen, dass das - vor allem in dem Alter - meistens nichts bringt. Mach Dich also nicht auch damit noch verrückt.
Wie immer wünsche ich Euch alles Liebe - und bin gespannt auf Eure Entwicklung.
