Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

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coccolone
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Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von coccolone »

Sandküste hat geschrieben:ein Kaiserschnitt ist ein unnatürlicher Eingriff - ich hatt nie einen, nur drei GEburten ohne jegliche Schmerzmittel
hinterher war alles vorbei- Kind da, glücklich, alle Schmerzen vergessen - ich kann mir nicht vorstellen, dass das nach einem Schnitt durch Bauchdecke und Gebärmutter auch so ist - und allein die ganze Hormonausschüttung unter der GEburt fällt weg, da ist vorher Angst, Unsicherheit, das Gefühl des Ausgliefertseins (so stelle ich mir das vor - ich habe eine Riesenangst vor einem Kaiserschnitt). Eine Freundin von mir hat ihre Kinder per Kaiserschnitt bekommen, das erste Kind haben wir beide am gleichen Tag bekommen. Während ich fit war, herumlief und mir nichts fehlte (außer der Dammnaht) war sie echt nicht mobil und hatte ziemliche Schmerzen.
Für mich ist Kaiserschnitte eine Methode, Mutter und Kind im Notfall zu retten bzw. einige Geburten überhaupt zu ermöglichen - aber sicher keine Wahlmöglichkeit.
Ich hatte einen Kaiserschnitt und hatte weder Angst, noch fuehlte ich mich unsicher oder ausgeliefert. Es mag sein, dass du dich so fuehlen wuerdest, weil du - wie du schreibst - eine Riesenangst vor einem Kaiserschnitt hast. Aber das bedeutet doch nicht, dass es allen Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, so geht. Da ich bisher nur ein Kind habe, habe ich keine persoenlichen Vergleichsmoeglichkeiten. Klar habe ich die ersten Tage Schmerzmittel genommen, aber ich finde, dass ich verhaeltnismaessig schnell wieder fit war. Und um mein Kind konnte ich mich auch kuemmern. Dienstags wurde J geboren, Samstags kam ich nach Hause (ich haette uebrigens auch eher gehen koennen) und Sonntags war ich schon 'ne gute Stunde mit Kind und frischgebackener Oma spazieren. Klar ist frau idR nach einer vaginalen Geburt schneller wieder fit als nach einem Kaiserschnitt. Aber dennoch muss ein Kaiserschnitt nicht immer so schlimm sein, wie er oft dargestellt wird. Ich verstehe eh nicht wieso er immer so verteufelt wird. Kein Wunder, dass so viele Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten (haben mussten) regelrechte Schuld-, Verlust- und Versagensgefuehle haben.

Sorry, aber das musste einfach mal raus.
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Talgaro
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Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von Talgaro »

Kommt drauf an, wo man fragt Knäcke. Ich glaub in der großen weiten Welt wird das gar nicht mal so glorifiziert, eher wie kann man so dumm sein Schmerzen ahben zu wollen, wenns auch anders geht. Für mich waren übrigens die Nebenwirkungen von Schmerzmitteln (fürs Kind), sowie die Eingriffskaskade der Grund mich für eine Nicht-Kankenhausgeburt zu entscheiden. Heroisch bin ich nämlich gar nicht, mein Freund fand es schon fast lächerlich, was ich mir an Schmerzmitteln nach meiner Weißheitszahn OP reingepfiffen habe :oops: .
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xknäckebrotx

Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von xknäckebrotx »

Ich verstehe eh nicht wieso er immer so verteufelt wird. Kein Wunder, dass so viele Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten (haben mussten) regelrechte Schuld-, Verlust- und Versagensgefuehle haben.
Wenn ich jetzt mal mein ganz oberflächliches Wissen über die These von Azoulay hernehmen würde: Schmerz - Stoizismus - Sublimation (Unterdrücken von sexuellen Gewalt- bzw. Überwältigungsphantasien). Und umgekehrt die Methode, anders Denkende als "Widernatürlich" unter Druck zu setzen, um die eigene Submlimation zu rechtfertigen.



Aber ich weiß es nicht, wie gesagt.
xknäckebrotx

Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von xknäckebrotx »

Talgaro hat geschrieben:Kommt drauf an, wo man fragt Knäcke. Ich glaub in der großen weiten Welt wird das gar nicht mal so glorifiziert, eher wie kann man so dumm sein Schmerzen ahben zu wollen, wenns auch anders geht.
Die Autorin richtet sich aber anscheinend ganz speziell an die Propagierenden einer "natürlichen Geburt".

Na und die Frage, wie kann man Schmerzen haben wollen, wenns auch anders geht, ist doch keine ganz unberechtigte und vollkommen absurde Frage, oder?

Nebenwirkungen, Risiken etc. gibt es bei jeder Entscheidung, das bringt eine Entscheidung ja so mit sich, dass man bewusst die Risiken mit in Kauf nimmt, für die man sich entscheidet. Und da haben die Vertreter jeder Seite ihre Prioritäten - Absolutheitsansprüche für "das Richtige" finde ich persönlich immer etwas befremdlich.
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Talgaro
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Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von Talgaro »

Ja klar, für mich war z.B. eine PDA eher ein Risiko als eine ernstzunehmende Hilfe gegen Schmerzen, da bei einer PDA die Wahrscheinlichkeit einer invasiven Geburts sehr viel höher ist (dadurch das man nichts merkt) und z.B. Saugglockengeburten wesentlich häufiger vorkommen. Da mein Bruder nach einer Saugglockengeburt eine geistige Behinderung davon getragen hat (davon geht meine Mutter aus, ob es wirklcih der Grund ist, weiß ich nicht 100%), wäre eine Geburt unter PDA für mich sogar schlimmer, als ein Kaiserschnitt. Jedenfalls jetzt so vorher, ohne beides kennengelernt zu haben (und hoffentlich muss ich es auch nicht kennenlernen).
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coccolone
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Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von coccolone »

xknäckebrotx hat geschrieben:
Talgaro hat geschrieben:Kommt drauf an, wo man fragt Knäcke. Ich glaub in der großen weiten Welt wird das gar nicht mal so glorifiziert, eher wie kann man so dumm sein Schmerzen ahben zu wollen, wenns auch anders geht.
Die Autorin richtet sich aber anscheinend ganz speziell an die Propagierenden einer "natürlichen Geburt".

Na und die Frage, wie kann man Schmerzen haben wollen, wenns auch anders geht, ist doch keine ganz unberechtigte und vollkommen absurde Frage, oder?

Nebenwirkungen, Risiken etc. gibt es bei jeder Entscheidung, das bringt eine Entscheidung ja so mit sich, dass man bewusst die Risiken mit in Kauf nimmt, für die man sich entscheidet. Und da haben die Vertreter jeder Seite ihre Prioritäten - Absolutheitsansprüche für "das Richtige" finde ich persönlich immer etwas befremdlich.
Danke! So sehe ich das auch. Und mE ist das Richtige fuer jede etwas anderes.
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Lösche Benutzer 1828

Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von Lösche Benutzer 1828 »

für mich ist die GEburt ein natürlicher Vorgang - JEDER EIngriff von außen kann Schaden hervorrufen (muss nicht, kann aber). Und es ist eine sensible Wechselwirkung von Gefühlen, Hormonen - greife ich dort ein, und nehme z.B: ein Schmerzmittel, das ja auch Auswirkungen auf die Körperchemie hat, kann ich damit unglücklich in den Geburtsverlauf eingreifen.
Ganz viele meinen, sie wären unbeeinflußt während der Geburt - aber das nimmt Frau ja oft gar nicht wahr. Hausgeburt war trotzdem nicht meine Entscheidung - aber ich finde diese Entscheidung dafür gut und richtig. Und ich bin auch überzeugt, je weniger "Ein-/Übergriffe" Frau unter der Geburt erlebt, desto einfacher wird diese verlaufen. Ganz viel Komplikationen entstehen doch durch Eingriffe in den natürlichen Verlauf.
Daher habe ich mich gegen Medikamente zur Schmerzlinderung unter der Geburt entschieden - nicht um als "Held" dazustehen. Ich bin die erste, die beim Zahnarzt nach einer Spritze ruft. Aber ich treffe die Entscheidung in diesem MOment für mich UND mein Kind und sie hat eben weitreichendere Folgen als nur meine Schmerzen in diesem Moment zu lindern. Die ich übrigens nicht so beängstigend empfand wie z.B. bei Krankheit oder ärztlicher Behandlung. Sie waren heftiger, aber anders. Ich hatte keine Angst dabei.

Ausgeliefertsein beim Kaiserschnitt - hmm, ja, doch ich sehe das so. Ich liege dort, bewegungsunfähig,
bin auf das KÖnnen der Ärzte angewiesen, auf Medikamente. Davor hätte ich eine Riesenangst, ja. Ich kann dann absolut nichts beeinflussen.

Absolutheitsansprüche - nein, darum geht es doch nicht.
Aber ein Kaiserschnitt ist eben nicht der natürliche Vorgang. Es ist gut, dass es im NOtfall diese Möglichkeit gibt, aber es ist eben nicht der normale Weg. Und eine bewußte, ohne Not, getroffene Entscheidung dafür, ist für mich auch eine weitere Abkehr von den normalen Geburtsvorgängen, der menschlichen Körperlichkeit.
xknäckebrotx

Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von xknäckebrotx »

Ja aber dann hat das doch zu einem gut Teil mit Ängsten aus persönlichen Erfahrungen ohne "nachweisbare" Hintergründe zu tun (ohne dir jetzt damit zu nahetreten zu wollen), als mit einer rational reflektierten Entscheidung, oder?

Ich finde das super, dass dein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, aber die Wahrscheinlichkeit von Eingriff am Schluss der Geburt (und auch die Art und Weise) ist doch auch noch von so viel anderen Faktoren abhängig, als der Art der Betäubung?!?

Also ich glaube schon, dass beim Thema Geburt einfach so viele (unbewusste) Ängste vor diesem oder jenem eine Rolle spielen und unsere Entscheidung von ganz anderen Faktoren abhängt, als dem, was wir für das beste halten, weil es in dem oder dem Buch steht, es rational, statistisch oder sonst wie nachvollziehbar wäre...und deswegen finde ich die These mal ganz interessant, das noch tiefer verankerte Empfinden und Bewerten von Schmerz zu beleuchten und auch die Frage, ob das kulturell bzw. mentalitätstechnisch gesehen unterschiedlich ist.

@ Sandküste: Der "natürliche" Vorgang ist aber auch eine weitaus höhere Kinder- und Frauensterblichkeit während bzw. unmittelbar nach der Geburt, als mit invasiver Medizin. Das so vereinfacht zu sehen, fände ich schon etwas naiv.

Die Frage ist trotzdem nicht beantwortet: Wenn eine Frau sich nicht imstande sieht, die "natürliche" Geburt anzugehen, warum auch immer das so ist: Was soll sie denn dann machen? Sich ihren Ängsten stellen, auch auf die Gefahr hin, verkrampft und unentspannt zu sein? Ich finde schon, dass Entscheidungsfreiheit auch da gilt, wie wir unsere Kinder bekommen wollen, wenn wir es können. Konsequenzen hat das bestimmt, aber das gilt ja auch später: Die wenigsten erziehen ihre Kinder so, wie ICH denke, es sei natürlich, richtig, ohne Konsequenzen, die ich für bedenklich oder gefährlich halte. Ist aber trotzdem ihre wohl verdiente Freiheit der Entscheidung.

Wenn man sagt, diese Entscheidung ist eine Abkehr von der menschlichen Körperlichkeit, die falsch ist und potentiell viel gefährlicher, dann hat das schon einen Absolutheitsanspruch.
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Daria
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Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von Daria »

xknäckebrotx hat geschrieben: Ist ein Kaiserschnitt eigentlich - summa summarum und ganz ehrlich ohne Glorifizierung - weniger schmerzhaft, als eine Geburt? Wobei das wahrscheinlich kaum objektiv einschätzbar ist...
Vom ersten hab ich keine Ahnung.

Aber zu der Frage kann ich zunächst aus eigener Erfahrung sagen, dass ich es mir für mich kaum vorstellen kann.
Meine "normale" Geburt ging ja zu Hause so weit, dass ich Theo's Kopf schon spüren konnte mit der Hand, zwei Fingerglieder war der entfernt. Und bis dahin kann ich zwar nicht sagen, dass ich keine Schmerzen hatte, ich fand es aber durchaus gut aushaltbar, ich musste nie schreien vor Schmerz oder sowas. Ich fand vielmehr, dass es alles gedrückt hat und eben unangenehm war, weil sich intern alles irgendwie verschoben hat. Ich wusst allerdings auch in etwa, was auf mich zukam - in der gelesenen Theorie und in der erlebten Krankenhausprasis. Will sagen, je vorbereiteter man ist und je mehr man auch um den Ablauf weiss und nicht nur überwältigt ist von dem, was da mit dem eigenen Körper passiert, desto besser kann man mit dem Ereignis umgehen und die Gefühle einordnen und ihnen begegnen

Nach dem dann Kaiserschnitt im Krankenhaus allerdings, hatte ich lange lange starke Schmerzen, die nur mit Medikamenten aushaltbar waren. Ganz sicher hat das der seelische Schmerz auch mit ausgelöst, aber selbst ohne diesen dazu zu rechnen, objektiv war das einfach wirklich schmerzhaft.
Nun weiss ich also im Vergleich nur nicht, ob ich den Durchtritt des Kopfes und des Kindes durch den Damm als so sehr schmerzhaft erlebt hätte, dass ich o.g. so nicht geschrieben hätte. Aber wie gesagt, ich halte es kaum für möglich. In ein paar Tagen kann ich es hoffentlich auch aus eigener Erfahrung berichten.

Aus meiner Erfahrung im Krankenhaus als Kinderkrankenschwester kenne ich beides. Manche sagen, ein KS ist nicht schmerzhafter, viele die keine vaginale Geburt erlebt haben, behaupten das sowieso erstmal. Da kommt wieder zum Tragen, dass wenn man sich bewusst dafür entscheidet, weil man "weiss" dass ein KS die "sanfte Geburt" ist, dann nimmt man natürlich auch selektiv wahr.
Der überwiegende Anteil der Mütter aber, die beides erlebt haben, sagen von sich auch, dass sie die natürliche Geburt als weniger schmerzhaft erlebt haben.
Viele Grüße von Daria mit Theo (02/08), Lotti (12/09) und Flora (07/12)
Bild
xknäckebrotx

Re: Isabelle Azoulay "Die Gewalt des Gebärens"

Beitrag von xknäckebrotx »

sorry, ich habe vergessen, zu zitieren: das hier war als Antwort auf Talgaro gemeint:
Ja aber dann hat das doch zu einem gut Teil mit Ängsten aus persönlichen Erfahrungen ohne "nachweisbare" Hintergründe zu tun (ohne dir jetzt damit zu nahetreten zu wollen), als mit einer rational reflektierten Entscheidung, oder?

Ich finde das super, dass dein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, aber die Wahrscheinlichkeit von Eingriff am Schluss der Geburt (und auch die Art und Weise) ist doch auch noch von so viel anderen Faktoren abhängig, als der Art der Betäubung?!?
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