jusl hat geschrieben:
Ich habe früher im Physikalischen Praktium für Medizinstudierende gearbeitet; ein nennenswerter Teil der Studierenden hatte erhebliche Probleme mit elementarer Mathematik (Bruchrechnung, Umrechnen von Einheiten, Anfertigen und Ablesen von Tabellen und Diagrammen, funktionale Zusammenhänge verschiedener Größen usw.). Bei höherer Mathematik, wie Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie, ist bei vielen komplett Ende. Ist leider so. *achselzuck*
Ich auch (naja, es war das Chemische Praktikum, aber auch da brauchte man ein bisschen Mathe)

und habe die selbe Erfahrung gemacht. Was mich immer geaergert hat ist, dass viele Medizinstudenten Mathematik als ueberfluessigen Schnickschnack sehen, der nur dazu gemacht ist, ihnen die Noten zu versauen und ihnen Steine in den Weg zu einer glorreichen Karriere a Dr. House zu legen. Auch das waere nicht so dramatisch, wuerden sie sich dann spaeter nicht erdreisten, mit groesster Selbstverstaendlichkeit Daten wie die Perzentilkurven zu (fehl)interpraetieren.
Eigentlich sind die Perzentilkurven ja hauptsaechlich dazu gedacht, dass die Aerzte einen Anhaltspunkt haben, wie sich das Kind im Vergleich zu anderen gesunden Kindern entwickelt. Faellt dabei irgendetwas auf, so ist das ein Signal fuer den Arzt, mal genauer hinzuschauen. Und natuerlich sollte er dabei dann auch Faktoren wie das Verhaeltnis Gewicht/Laenge, die Statur der Eltern, allgemeines Befinden des Kindes etc. beachten.
Die Expertinnen haben ja schon alles sehr gut erklaert, aber ich versuche mich auch nochmal an ein paar Beispielen.
Beispiel 1: Ich kenne ein Kind, das beim Gewicht immer oberhalb des 97er Perzentils liegt. Aber bei der Groesse ebenso, und beide Eltern sind sehr gross. Also ein ganz normales, gesundes, prima entwickeltes Kind, das einfach nach seinen Eltern schlaegt, obwohl nur 3% der Kinder seines Alters groesser und/oder schwerer sind. Wuerde dieses Kind nun aber ploetzlich ueber einen laengeren Zeitraum im Gewicht nach unten rutschen, z.B. zunaechst auf das 75er Perzentil und kurz darauf auf das 50er, und dabei fleissig weiterwachsen, dann sollte der Arzt schonmal nachschauen, was sich da veraendert hat.
Beispiel 2: Stellt Euch ein anderes Kind vor, dass genauso viel wiegt wie Kind 1. Dabei ist es aber deutlich kleiner und liegt bei der Groesse nur auf dem 25er Perzentil. Noch dazu ist sein Gewicht in den letzten Monaten stetig auf den Perzentilen nach oben geklettert. Wenn es sich nicht um ein vollgestilltes Kind handelt, sollte man hier z.B. vielleicht mal auf die Ernaehrung schauen.
Beispiel 3: Mein eigenes Kind. Von Geburt an recht gross und ziemlich leicht. Bei der Groesse liegt er von Anfang an immer um das 75er Perzentil herum. Beim Gewicht hat er sich vom 3er auf das 25er hochgearbeitet, und da bleibt er nun. Es sind also nur 25% der gesunden gleichaltrigen Kinder groesser als er, aber 75% sind schwerer. Das koennte natuerlich prinzipiell auf ein Problem mit der Ernaehrung oder dem Stoffwechsel hindeuten. Ich selber bin 173 cm gross, esse Unmengen und wiege 55 kg. Die Daten, dass Mama ein schlechter Futterverwerter ist und das Kind ein unroblematisches Essverhalten und ein gutes Allgemeinbefinden aufweist und ausserdem keine seltsamen Spruenge zwischen den Perzentilen zeigt, haben der Kinderaerztin gereicht, um die koerperliche Entwicklung als vollkommen in Ordnung einzustufen.
Nochmal zu Spruengen zwischen den Perzentilen, auch das muss erstmal gar nichts bedeuten sondern sollte nur im Auge behalten werden. Kinder wachsen ja ziemlich sprunghaft, weshalb es ganz normal ist, dass sie sich z.B. mal auf dem 50er Perzentil und dann, einen Wachstumsschub spaeter, auf dem 75er befinden. Oder ein Kind hat einfach mal eine Phase, in der es, aus welchen Gruenden auch immer, etwas weniger isst und befindet sich dann kurzzeitig auf einem niedrigeren Gewichtsperzentil.
So, das ist jetzt ziemlich lang geworden, aber die korrekte Interprätation von statischen Daten ist ein Thema, was mich ziemlich interessiert.