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Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 18:24
von inmediasres
Hallo.
Athene79 hat geschrieben:Eine sehr interessante Idee. Ich dachte schon länger, dass so ein Buch fehlt.
Mir fielen beim Lesen gleich einige FRagen ein:
1890 wurden in Berlin an der Brust ernährt 50,7%, 1895 = 43,1%, 1900 nur 32,5%."
Also, da ich das Buch nicht da habe und auch keine Uni-Bib in der Nähe: Auf Kinder welchen Alters bezieht sich die Aussage? Wenn es Dir um die Kindersterblichkeit im 1.Lj geht, dann sollten es zur besseren Vergleichbarkeit 1-jährige sein.
Diese Zahlen zeigen erst mal nur, dass die Stillquoten in dieser Zeit abgenommen haben. Hier ist noch kein Zusammenhang mit den Sterbequoten. Den gibt es aber, das ist vielfach untersucht worden. Je nach Zeit und Quelle gibt es dann eben den von mir genannten Faktor 5-12, um den nicht-gestillte Kinder häufiger sterben.

Dann gibt es noch ganz eindringliche Berichte wie diese:

"Während der Belagerung von Paris im Jahre 1870/71 waren die Frauen wegen Mangels an Kuhmilch gezwungen, ihre Kinder selbst zu ernähren. Die Folge war, daß trotz der sehr ungünstigen sonstigen Verhältnisse die Säuglingssterblichkeit von 33% auf 17% sank."

"In der Geschichte der modernen Industrieentwickelung bleibt es eine unvergeßliche Tatsache, daß während der schweren Baumwollenkrisis in England (1860), als die Fabriken geschlossen wurden und eine Hungersnot ausbrach, die Sterblichkeit der Säuglinge um die Hälfte abnahm, weil die arbeitslosen Mütter imstande waren, ihnen statt der sonstigen Opiummixtur die Brust zu reichen."
beide Zitate aus (1)

Viele Grüße
Karin

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 18:48
von tupisa
Sehr interessant, danke für das Zusammentragen der Informationen. Mein Mann ist gerade auch ganz überrascht über die Zahlen des letzten Postings.
Gruß
Christiane

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 19:01
von feuerdrache
Ich kann leider die ganzen links nicht öffnen. Könnte aber am Computer liegen....

Vor einigen Jahren habe ich einen Beitrag im österreichischen Lokalradio gehört. Da ging es um wissenschaftliche Arbeit, die Geburtsmatriken und Sterbematriken ausgewertet hat. Genau gesagt um die Überlebenschancen der Kinder im Jahr nach der Geburt. Ganz exakt bringe ich es nicht mehr hin, aber die Überlebenschancen der Kinder waren am höchsten, wenn die junge Mutter und ihre eigene Mutter im selben Haus wohnten, und am geringsten wenn die Schwiegermutter unter demselben Dach wohnte. Und sie waren auch geringer wenn es sich um nachgeborene Bauernkinder handelte.

Dabei handelte es sich um einen Bericht in der Zeit von- ich glaube ab 1750- 1870 oder so. Es gab dann auch noch ein paar Erklärungen dazu. Die habe ich aber nciht mehr in ERinnerung. Aber vielleicht kann ja immediasres damit was anfangen und sich die Originalarbeit dazu organisieren.

Die Zuzelgefäße aus der Steinzeit habe ich auch schon in Museumskatalogen gesehen.
Und die Geschichte mit dem Haferschleim in der Nachkriegszeit haben meine Mutter und ihre GEschwister selbst durchmachen müssen. Meine Oma musste innerhalb weniger Tage nach der GEburt wieder voll arbeiten am Feld und am Hof. Sie bekam keinerlei SChonung oder Hilfe. Natürlich auch keine Unterstützung beim Stillen oder Zeit dazu (eher Spott vom Mann und Druck warum sie schon wieder ZEit vertue und nciht arbeite). Das da kaum Milch da war ist nicht verwunderlich. Zum Glück haben alle 8 Kinder überlebt. Zur Geburt ist sie mit Freude ins Krankenhaus gegangen. Die haben sie erst nach 10 Tagen heimgelassen. Das war die einzige Erholung die sie hatte. Bei der Hausgeburt daheim musste sie am 3 Tag wieder voll arbeiten. Ohne Waschmaschine ect.

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 19:33
von Athene79
Feuerdrache, diesen Bericht habe ich - glaube ich - im SPIEGEL gelesen. Es stand darin, dass die Überlebenschance größer sei, wenn die Mutter der Mutter mit im Haus lebt, ein Erklärungsansatz war, dass sich diese mehr Mühe mit der Pflege der Enkelkinder geben würde, da sie ja wüsste, dass diese Enkelkinder definitiv ihre wären.

inmediasres: Ja, das kann ich gut nachvollziehen, was Deine Quellen schreiben. Bist Du Historikerin?

Mein Mann meinte, dass 1950 in der DDR mangels anderer Nahrung alle Babys gestillt worden wären. Aber das kann ich nicht glauben, weiß da jemand etwas drüber?

Liebe Grüße

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 20:33
von samsara
Athene79 hat geschrieben:Feuerdrache, diesen Bericht habe ich - glaube ich - im SPIEGEL gelesen. Es stand darin, dass die Überlebenschance größer sei, wenn die Mutter der Mutter mit im Haus lebt, ein Erklärungsansatz war, dass sich diese mehr Mühe mit der Pflege der Enkelkinder geben würde, da sie ja wüsste, dass diese Enkelkinder definitiv ihre wären.
Ich hab hier einen Zeit-Artikel dazu, der das bestätigt, an was du dich dabei erinnert hast. Da besteht wohl kein direkter Zusammenhang zum Stillen, soweit ich sehe...:

http://www.zeit.de/2010/52/Genetik-Evolution-Familie

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 20:38
von klimaforscherin
Zumindest haben sich aus DDR-Zeiten noch ein paar Muttermilchbanken erhalten können!

Ich habe nur diese Informationen aus meiner Familie:
Meine Oma "konnte" nicht stillen, da sie Flachwarzen hatte. Womit ihre Kinder ernährt wurden, weiss ich nicht. Allerdings haben alle 6 Kinder die Baby-und Kleinkindzeit überlebt. Die Kinder sind vor Jg. 40 geboren. (Ich glaube, 1928 ist der Älteste.)

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 20:58
von samsara
In dieser Veröffentlichung des Robert Koch Instituts ist zu Beginn die Historie des Stillens in Deutschland gestreift:

http://edoc.rki.de/oa/articles/rezuk96D ... nfJSSA.pdf

Insb. der Aufsatz in Fußnote 2 ("Zur Geschichte der ärztlichen Stillempfehlungen in Deutschland") scheint mir für dich, Karin, evtl. interessant zu sein.

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 21:06
von inmediasres
Hallo,

die Studie von Prof Eckart Voland kannte ich durch einen Bericht im Fernsehen, war aber bisher gar nicht auf die Idee gekommen, danach zu googlen. In diesem Artikel hier http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ ... 23544.html steht auch der Name der Studie.

Ich kenne die Stillquoten aus den 50ern in der DDR nicht, aber die Begründung "es gab nichts anderes" zieht nicht, wie wir an den Ernährungsbeispielen weiter oben sehen. ;-)

Ich bin keine Historikerin, beschäftige mich aber seit gut fünf Jahren intensiv mit dem Thema. *dezent auf meine Signatur zeig*

LG
Karin

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 21:10
von mayra
Sehr interessant, ich muss die Links zwar noch lesen, aber allein das andere, was ihr geschrieben habt. Ein bisschen kann ich evtl. dazutun. Habe ein Hebammenlehrbuch aus der Nazizeit hier, außerdem ein altes Kinderpflegebuch auf französisch meiner Oma. Irgendwo hatte ich auch schonmal daraus zitiert.... mal sehen, wo ich es wiederfinde.

Re: Eine kurze Geschichte des Stillens - Sammelstrang

Verfasst: 07.01.2013, 21:13
von inmediasres
Danke für den Link, samsara. Das ist die KiGGS-Studie. Die dürfte den Stillberaterinnen hier bekannt sein. Ist die Neueste zu dem Thema.

Mir war gar nicht bewusst, dass die sich auch auf Manz berufen. Hatte die Literaturliste nicht beachtet. Friedrich Manz hat ein Buch geschrieben "Wenn Baby reden könnten! Was wir aus 300 Jahren Säuglingspflege lernen können"
http://www.fke-do.de/index.php?module=s ... s_id%5D=25

LG
Karin