Liebe Venus82,
Du machst Dir schwere Vorwürfe, das ist ganz verständlich. Aber aus dieser Phase MUSST Du herauskommen, wenn Du Deinem Baby helfen willst, wieder richtig stillen zu können. Dein schlechtes Gewissen nützt niemandem. Im Gegenteil, es zieht Konzentration und Sensibilität ab von den eigentlichen Aufgaben, die Du bewältigen möchtest. Lass Dein schlechtes Gewissen hinter Dir; schließ mit den Entscheidungen, die Du damals getroffen hast, ab. Trauer, Scham oder Wut über die eigenen Fehler sind kein geeigneter Antrieb, die (Still-)Beziehung zum Kind zu verändern; das überschattet einfach alles und beeinflusst Deine Interaktionen mit Deinem Kind negativ.
Deshalb: lass all dies hinter Dir und wende Dich nach VORNE. Freue Dich aufrichtig darüber, dass Du Dein Baby schon ganz viel und problemlos hast stillen können. Das ist eine wunderbare Basis dafür, den Weg, der jetzt vor Euch liegt, gemeinsam gut zu schaffen - wie auch immer der aussehen mag.
Konkret:
Es kann gut sein, dass Deine Tochter den Weg zurück an die Brust nicht findet. Das ist leider möglich. Mit 12 Monaten ist sie schon so alt, dass sie sich an viele Abläufe gewöhnt hat und Umgewöhnungen schwieriger akzeptiert, ganz anders als junge Babys in den ersten Lebenswochen. Auch kleine Kinder haben schon liebgewonnen Routinen, von denen ein Abrücken schwerfällt. Die Tatsache, dass diese Möglichkeit existiert, musst Du einfach akzeptieren, da führt nichts dran vorbei.
Du kennst Dein Kind am besten. Du kannst am allerbesten abschätzen, was Du ihr zumuten kannst, und was nicht. Grundsätzlich: Es ist keineswegs egoistisch, sie wieder stillen zu wollen. Dein Kind ist noch eindeutig im von der Natur vorgesehenen Stillalter, die gesundheitlichen Vorteile des Stillens sind groß. Du hast also die allerbesten Gründe dafür, es nochmal mit dem Stillen zu probieren, und das ist aller Ehren wert, ohne Wenn und Aber.
Jetzt musst Du schauen, wie Du Deinem Kind den Weg dorthin erleichtern kannst, denn es wird dabei auf jeden Fall Deine Hilfe brauchen. Möglichkeiten wären z.B.:
* Falls sie insb. nachts sehr irritiert und aufgebracht ist, wenn sie ihre Flaschen nicht bekommt, dann übe mit ihr das Stillen nur, wenn sie wach, munter und fröhlich ist. Lass dann untertags alle Schnuller und Flaschen konsequent weg.
* Versuche, mittels Pumpe Deine Milchbildung wieder anzuregen. Selbst wenn das Stillen auf Dauer nicht wieder gelingen sollte, kannst Du ihr dann Muttermilch in Becher oder Flasche anbieten, als gesundheitlichen Benefit.
* Probiere, ob sie mit Hütchen saugen mag. Die Chance ist zwar gering, aber nicht gleich null.
* Das gleiche gilt für das BES. Grundsätzlich ist das ein sehr leistungsfähiges Stillhilfsmittel, welches für viele Mutter-Kind-Paare überhaupt erst die Aufrechterhaltung der Stillbeziehung möglich macht. Aber ältere Babys so wie Deines reagieren meist sehr irritiert auf solche Veränderungen. Das Problem ist wahrscheinlich weniger, dass nicht gleich Milch kommt (dafür ist das BES in der Tat super geeignet, weil von Anfang an Milchfluss da ist), sondern das massiv veränderte Mundgefühl. Ältere entwöhnte Babys saugen oft einfach nicht richtig an der Brust, egal ob mit Hütchen oder ohne, egal ob mit BES oder ohne, einfach weil sich das im Mund völlig anders ANFÜHLT als der gewohnte Flaschensauger.
Diese Situationen werden oft als ausgesprochen schwierig von der Mutter erlebt - sie bietet (sich) an, und das Kind "will nicht". Gefühlt: eine schlimme Zurückweisung. Diese Gefühle musst Du in den Griff kriegen. Sprich: mach Dir bewusst, dass es natürlich NICHT so ist, dass Dein Kind Dich/Deine Brust/Deine Milch "nicht will", sondern: es KANN (noch) NICHT. Das ist keine Zurückweisung, sondern schlicht fehlende Gewöhnung, Übung, Routine.
Dein Job dabei ist: Finde einen gut gangbaren Mittelweg zwischen "Immer wieder üben" und "Stress fürs Kind dabei so gering wie möglich halten". Das ist absolut nicht einfach, ganz klar! Und dabei musst Du im Hinterkopf behalten, dass am Ende Eurer Bemühungen möglicherweise die Erkenntnis steht, dass es zu spät war und Dein Baby sich nicht mehr umgewöhnen lässt. Das ist traurig, aber Du wirst es ganz sicher schaffen, dies irgendwann zu akzeptieren. Ihr hattet wunderbare Stillmonate, und Du bist eine tolle Mama, die sich sehr viel Mühe gibt, gute Entscheidungen im Sinne ihres Kindes zu treffen. Das reicht

- und mehr kannst Du auch nicht tun. Nimm Dir in diesem Fall Zeit für die Trauer über das vorzeitige Ende Eurer Stillbeziehung, aber - ganz wichtig! - bleib nicht bei Dieser Trauer stehen.
LG und alles Gute!
Julia