Ich fürchte, hier liegt einfach ein Ansatz-Problem vor.
Selbstverständlich gibt es keine vernünftigen randomisierten Studien dazu. Man kann nicht einfach 1000 zufällig ausgewählten Neugeborenen im Blindversuch Flaschegeben, und 1000 andere ausschließlich stillen, und dann gucken, ob die Untersuchungsgruppe mehr Stillprobleme aufweist. Das verbietet die Ethik und wäre auch praktisch gar nicht durchführbar.
Die Geschichte zeigt jedoch, was passiert, wenn man Säuglingen routinemäßig (durchaus mit den besten Absichten!..) künstlichen Saugern aussetzt: Die Stillraten gehen gegen null. Dies war in den 60er und 70er Jahren in Deutschland der Fall.
Auf der anderen Seite stehen die reichlichen Erfahrungen der viiiielen Stillberaterinnen, die Mütter dabei unterstützen, ihre Stillprobleme zu überwinden. Dabei gelten zwei Dinge als sicher: 1. An den meisten Stillstörungen ohne med. Background sind künstliche Sauger beteiligt. 2. Das Weglassen von künstlichen Saugern ist bei den meisten erfolgreich überwundenen Stillproblemen dieser Art wesentlicher Bestandteil der Lösung gewesen.
Außerdem ist es sinnvoll, Kommunikation über diese Themen genauer zu analysieren:
Wer schildert wem welches Problem?
Wenn eine Mutter vom KiA empfohlen bekommt, ihrem 3 Monate alten Baby ab jetzt abends zusätzlich ein Fläschchen zu füttern, weil "die Milch nicht mehr reicht", und sie das auch tut, und ihr Baby daraufhin zunehmend mit Stillschwierigkeiten reagiert, und sie sich deshalb nach einigen Wochen - Baby inzwischen 4-5 Monate alt - an ihren KiA wendet und ihr Problem schildert, dann sagt der möglicherweise: "Aber das ist doch kein Problem, sondern ganz natürlich - ihr Baby möchte sich jetzt eben abnabeln und ist jetzt sowieso alt genug für Brei. Zeit zum Abstillen!" Dieser Arzt wird den Bericht der Mutter selbstverständlich NICHT unter der Überschrift "durch künstliche Sauger verursachte Stillprobleme" verbuchen, sondern unter "Ganz normales Baby mit ganz normaler Entwicklung" abhaken.
Anderes Beispiel: Die Schwestern auf irgendeiner Neugeborenenstation füttern routinemäßig mit Flasche zu, verteilen Schnuller und Hütchen. Auch das Stillen wird probiert - das Baby versucht tapfer, mit allem irgendwie klarzukommen (logo, was soll es auch sonst machen). Nach drei Tagen, spästestens einer Woche gehen die Mütter nach Hause. Die Stillprobleme nehmen zu, nach 3-4 Wochen haben die ersten so schwere Stillstörungen, dass abgestillt wird (gut belegt durch die SuSe-Studie!), in den nächsten Wochen und Monaten folgt der Rest. Die Schwestern auf der Neugeborenenstation können weiterhin überzeugt behaupten, dass Flasche, Schnuller und Hütchen das Stillen nicht stören - sie bekommen es zeitlich ja gar nicht mit!.. Und in den 3 Tagen Anwesenheit hat es doch ganz gut geklappt... Welche Mutter latscht zwei Monate später wieder ins Krankenhaus auf die besagte Neugeborenenstation, sucht die Schwester, die damals bei ihrem Wochenbett Dienst hatte (als ob dies nur EINE wäre...), und zeigt dort ihr saugverwirrtes Kind vor?? Selbstverständlich keine.
Stillberaterinnen bekommen natürlicherweise hauptsächlich die Probleme mit - auch das ist klar, denn es wenden sich ja nun überwiegend nur Mütter mit PROBLEMEN an Stillberaterinnen. Die "problemlos Brust und Flasche wechselnden" Babys kriegen wir in dieser Funktion nicht mit (aber doch, ich weiß dass es sie gibt

- freut mich aufrichtig für diese Familien!..).
Saugverwirrung kann in einem breiten Spektrum ausgeprägt sein, von leichten Andockproblemen "und dann geht's doch" bis hin zu "Stillen derzeit völlig unmöglich". Die Behandlung von Saugverwirrung ist unser täglich Brot. Oft gelingen deutliche Verbesserungen, in nicht wenigen Fällen sogar ein komplett glücklicher Ausgang, aber leider bleibt manchmal der Erfolg auch vollständig aus. Wenn ich mit dem Ausspruch "Saugverwirrung gibt es nicht!" konfrontiert werde (was zum GLück nur selten vorkommt), dann denke ich nur "Aha, und warum sitzen dann ständig diese ganzen Frauen mit ihren brüllenden Babys und den Tonnen an sterilisiertem Kunststoff in ihren riesigen Wickeltaschen auf meinem Sofa??... Und warum sind meine Beratungen dann so oft so erfolgreich, wenn die Familie es schafft, die künstlichen Sauger wegzulassen und stattdessen das Stillen zu üben?"
Ich persönlich fühle entsprechend NULL Drang, mich an dieser Diskussion zu beteiligen - ich diskutiere ja auch nicht drüber, ob die Welt wirklich rund ist oder doch eine Scheibe.
Aber ich hoffe sehr, dass die Versorgung und Beratung junger Mütter in Deutschland hinsichtlich des Stillens weiter verbessert wird. "Saugverwirrung gibt es nicht" hilft da in meinen Augen kein einziges bisschen weiter.
LG
Julia