Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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Seerose
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von Seerose »

Seerose hat geschrieben: und bilde mir ein, daß dies kam mit der Zeit, einfach so.
:oops: Kommt davon wenn man gleichzeitig telefoniert. (Und ja, ich hab mal was von Grammatik gehört :oops: :lol: )


Vielleicht ist's auch ein (noch) unbekannter Effekt im Gehirn, ausgelöst durch LZS. :lol: Und mit einmal stillt das Kind und nicht mehr die Mutter. :wink:
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Liebe Grüße,
Seerose
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emm
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von emm »

Sakura hat geschrieben: Zu stillen sagen hier alle, die älter sind als ich nur "Brust geben". Da konnte ich mich nie dran gewöhnen :roll:
ich auch, das klingt irgendwie immer so, als wuerde man sie abmontieren und dem Zwerg in die Hand druecken...

zum essen/trinken/stillen:

die aktive Formulierung kenne ich auch nur aus dem Forum, fuer mich ergibt es Sinn (immerhin stillt das Baby seinen Hunger und/oder Durst (; ), klingt aber eben wegen dieser Situation in meinen Ohren ein bisschen "unfertig". So wie "Tanja darf keine Milch" - ja, was darf sie sie denn nicht? ausleeren? trinken?

ueber "essen" in dem Kontext kann ich mich ueberhaupt nicht aufregen, bezeichnet es doch Nahrungsaufnahme und das ist Stillen ja unter anderem auch.

auszerdem sag ich "stillen" nur zuhause, drauszen heiszt das breastfeeding ("when did he feed last?") und ist damit vom Wort her nochmal naeher am Essen dran.

in diesem Sinne: Prost Mahlzeit allen Stillkindern (;
das emm mit Löwenkind (08/2012), Fräulein Igel (09/2013) und kleinem Geheimniskrämer (11/2017)
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Schnuckiputz
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von Schnuckiputz »

Also ich darf da aus etymologischer Sicht mal ein bisschen aufklären:

Das kann seit etwa dem 8. Jahrhundert nachgewiesen werden, schon alt- und mittelhochdeutsch hieß es "stillen" und es hat auch altsächsische und altenglische Wurzeln. Es ist verwandt mit dem Adjektiv "still" und die Bedeutung lässt sich auch aus dieser Richtung rekonstruieren: Von der Lautstruktur her ist es mit anderen nichtgermanischen Wörtern verwandt, die so viel wie "schlafen", "verstummen", "überreden" und "besänftigen" bedeuten. Und die heutige Bedeutung hat sich aus einer Verschiebung von etwas (in diesem Fall das Baby) "zum Schweigen bringen" hin zu "dem Kind die Brust geben" entwickelt.

Deshalb ist sprachlich, vor allem grammatisch, eigentlich nur "die Mutter stillt das Kind" korrekt. Vergleichen kann man das auch mit Formulierungen wie "Hunger stillen", "eine Blutung stillen" etc. Das Baby ist auch immer das Objekt.
Aber das natürlich nur im sprachwissenschaftlichen Sinn. Ich habe das baby-aktive "Sie/er stillt" bisher aber auch nur hier im Forum gehört und für meine in der Hinsicht eher wissenschaftlich geprägten Ohren klingt das wirklich komisch und falsch. Aber zum Glück ist Sprache ja wandelbar und ständiger Entwicklung unterworfen. Wenn also mehr Leute auch im Alltag davon sprechen, dass das Baby stillt, wird es sich vielleicht standardsprachlich durchsetzen und irgendwann sogar mal im Duden stehen.

Bei uns zum Beispiel wird auch alles verwendet, ich frag meinen kleinen abwechselnd, ob er Hunger oder Durst hat, je nachdem, was mir gerade so rausrutscht. Und genauso handhaben wir das auch mit dem Essen bzw. Trinken. Er hat dann eben gegessen oder getrunken. Aber das machen wir so auch nur zu Hause. In Gegenwart von anderen oder unterwegs sag ich meistens er bekommt Hunger und/oder muss gestillt werden. Wie gesagt, in der Wortbedeutung ist für das Kind keine aktive Rolle vorgesehen, deshalb ist es mir wahrscheinlich noch nicht eingefallen zu sagen, "er stillt", obwohl er natürlich das meiste dabei macht.

Viele Grüße
Schnuckiputz mit Schnuppi (06/2012) und Schnute (01/2015)
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Pupu
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von Pupu »

Stichwort Hunger... Das wird sicher auch seinen Teil beitragen. Man sagt ja eher nicht "das Baby hat Durst" sondern "das Baby hat Hunger". Und was tut man gegen Hunger? Essen! Auch wenns Flüssignahrung ist...
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jusl
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von jusl »

Vielen Dank für die sprachwissenschaftlichen Ausführungen! :D

In der Tat hört sich "das Baby stillt" erstmal - zu Recht - völlig falsch an, wenn man das zum ersten Mal hört. Aus stillberaterischer Sicht mag ich folgendes beitragen:

Dass das Baby einen aktiven Part am Geschehen hat, wird ja im Grunde schon auch durch "das Baby isst" oder "das Baby trinkt" oder "das Baby saugt" deutlich. Als Stillberaterin geht es aber dabei häufig um das WIE bzw. das WIE GENAU. Ein Baby kann vielleicht korrekt trinken (=schlucken), aber falsch saugen. Ein Baby kann vielleicht korrekt saugen und schlucken, aber seine Kommunikationsmuster funktionieren nicht gut (z.B. meldet sich zu selten). Ein Baby wird vielleicht satt und nimmt gut zu (also "isst" gut), aber hat ständig Bauchweh, weil es falsch schluckt. Und so weiter und so fort... Für das komplexe Zusammenspiel(!) aus Kommunikation mit der Mutter, dem Saugvorgang, dem Melkvorgang und dem Schluckvorgang seitens des Kindes gibt es bedauerlicherweise gar keine Vokabel - außer eben den "falschen" Ausdruck "das Baby stillt".

Das ist der Grund, warum ich (ansonsten durchaus auch ein Freund korrekten Deutschs) ihn verwende: mangels Alternative.

LG
Julia
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Pupu
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von Pupu »

Also doch "Stillslang" :D
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von jusl »

Ja. Oder gerade im Gegenteil: kein Slang, sondern ein terminus technicus, der eben leicht anders als dessen Entsprechung in der Alltagssprache verwendet wird.
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Sakura
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Re: Sprache: warum "gegessen" und nicht "gestillt"??

Beitrag von Sakura »

jusl, dagegen gibt es auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht nichts einzuwenden.
Jedenfalls nicht aus deskriptiver Sicht, höchstens aus normativer Sicht :wink: . Was heute "falsch" klingt, kann in wenigen Jahren Vorschrift sein, vorausgesetzt, es sagen genügend viele Sprecher genau so. Was zu Luthers Zeiten korrekt war, hört sich heute ja auch oft "falsch" an. Sprache ist lebendig und wandelt sich. Wenn sie das nicht mehr tut, dann stirbt sie, unweigerlich. Von daher: Prost Muttermilch! :wink: .
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Ich werde sie lehren, den eigenen Weg zu gehen,
vor keinem Popanz, keinem Weltgericht,
vor keinem als sich selber gerade zu stehen. (Reinhard Mey)

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