Mahlzeit ersetzen...

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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jusl
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von jusl »

Bei der Frage "Mahlzeiten ersetzen oder nicht?" geht es letztlich darum, was man MÖCHTE. Also wie man sich den Verlauf der weiteren Stillzeit und das Essverhalten des Kindes vorstellt (ob es dann in echt auch so kommt, steht noch mal auf einem anderen Blatt ;-)), hier gibt es bekanntlich verschiedene Varianten:

* Wenn eine Mutter gerne LANGE stillen möchte, z.B. natürliches Abstillen praktizieren will (d.h. so lange stillen, bis das Kind von allein dem Stillalter entwächst), dann ist es unbedingt sinnvoll, GAR KEINE Mahlzeiten bewusst zu ersetzen. Vor dem gemeinsamen Essen am Familientisch sollte grundsätzlich ERST GESTILLT werden. Den restlichen Kalorien- oder Nährstoffbedarf kann das Kind dann über Festes decken. Auf diese Weise ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass das Kind auch nach dem Beikoststart in unveränderter Menge stillt (also weiterhin auf Vollstill-Niveau), und lediglich den ZUSÄTZLICHEN Bedarf über die feste Nahrung deckt. Kinder, die auf diese Weise gestillt werden, haben im ersten LJ Muttermilch in der Tat als Hauptnahrungsmittel zur Verfügung, häufig ist am 1. Geburtstag das Verhältnis Muttermilch/Festes ungefähr 50/50. Mit Tendenz zur mehr Muttermilch als Festes. Kinder, die auch nach dem Beikoststart unbeschränkten Zugang zu Muttermilch haben, lassen erfahrungsgemäß eine klassische Breiphase oft aus und starten direkt zunehmend mit normalem Familienessen.

* Wenn eine Mutter gerne zu einem mehr oder weniger bestimmten Zeitpunkt ABGESTILLT haben möchte ("Ich möchte 1 Jahr stillen!"), ohne noch auf künstliche Säuglingsmilch umsteigen zu wollen, dann ist das schrittweise Ersetzen von Stillmahlzeiten sinnvoll um dieses Ziel zu erreichen. Die Kinder werden dann ab Beikoststart bewusst daran gewöhnt, zunehmend auf Brei plus Schnuller umzusteigen anstatt gestillt zu werden. Nach und nach fallen Stillmahlzeiten weg, häufig bleiben zum 1. Geburtstag dann noch 1-3 Stillmahlzeiten in 24 Stunden übrig, z.B. nachts, wenn das Kind noch nicht durchschläft. Mit einem Durchschlafprogramm oder zufälligem Durchschlafen fallen diese letzten Stillgelegenheiten dann sozusagen automatisch weg. Erfahrungsgemäß essen diese Kinder dann relativ lange die gewohnten Breie.

* Wenn eine Mutter so früh abgestillt haben möchte, dass noch die Einführung künstlicher Säuglingsmilch erforderlich ist (Abstillen deutlich vor dem 1. Geburtstag), wird (häufig schon in den ersten 6 Lebensmonaten) nach einem relativ strikten Mahlzeitenkonzept gestillt und gefüttert. Das "Mittagssstillen" wird dann oft so früh wie möglich durch Gemüsebrei ersetzt, eine Woche später das "Nachmittagsstillen" durch Getreideobstbrei, das "Abendstillen" durch eine Flasche künstliche Säuglingsmilch usw.

Die allermeisten Mütter in Deutschland planen von vorneherein die zweite oder die dritte Variante. Die bewusste Entscheidung für Natürliches Abstillen fällt nur sehr sehr selten, zumal oft schlichtweg unbekannt ist, bei Fachleuten wie bei Müttern, dass es diese Varainte überhaupt gibt.
Was durchaus vorkommt ist, dass Mütter von ihrem ursprünglichen Plan abweichen und z.B. ihre vorzeitigen Abstillpläne aufgeben zugunsten einer längeren Stillzeit, einfach weil sie - mehr oder weniger überraschend - entsprechende Signale ihrer Kinder wahrnehmen ("Eigentlich wollte ich zum 1. Geburtstag abgestillt haben, aber das ging mit meinem Kind überhaupt nicht! Also stillen wir weiter." oder "Ich wollte ganz normal mit Möhrenbrei anfangen, aber mein Kind hat bis zum 9 Monat strikt alle Beikost verweigert").

Da die allermeisten Mütter in Deutschland vorzeitig abstillen möchten und einen entsprechenden traditionellen Zufütterplan im Kopf haben ("mittags Gemüse, nachmittags Obst, abends Getreide" usw.), bedienen auch zahlreiche Broschüren diese Vorstellung. Hier "macht man das eben so".

Im konrekten Alltag läuft es aber oft VÖLLIG ANDERS als geplant. Das Abstillen geht z.B. viiiiel langsamer oder viiiiiel schneller als in der Broschüre steht, oder die Kinder essen viel weniger oder viel mehr als sie laut Broschüre sollen. Dieser Tatsache werden solche Broschüren oft nicht gerecht.
"Stillfreundlichkeit" bedeutet dabei für mich nicht, ob drin steht dass noch bis zum 1. Geburtstag oder sonst ein willkürliches Datum weitergestillt werden soll oder darf, sondern ob das vorgestillte Konzept die Stillzeit SCHÜTZT, natürliches Abstillen fördert und das individuelle Tempo des Kindes berücksichtigt.
Nach dieser Definition müssen alle "Mahlzeitenkonzept-Stillmahlzeiten-ersetz"-Methoden als stillUNfreundlich gelten, da sie praktisch IMMER vorzeitiges Abstillen forcieren. In den Beikostempfehlungen der Stillverbände sind entsprechend keine solchen Methoden zu finden.

LG
Julia
Carlotta
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von Carlotta »

danke Jusl für deine Ausführungen, jetzt verstehe ich eher wie das gemeint ist, mit dem GAR nicht ersetzten. Nämlich erst stillen, dann Brei, nicht andersrum. Hatte mich immer gewundert, weil Mäusel nach dem Brei gar nicht mehr stillen will, da sie satt ist. Denke aber ich gehöre sowieso in die 2. Kategorie, denn ich möchte zwar noch lange stillen, aber für mich ist lange auch eher so die Jahresgrenze :-)
Allerdings halte ich nach wie vor den Schnuller nicht für nötig, wollte sie nie und werde es jetzt auch nicht mehr probieren. Denke sie würde ja dann doch Still(nuckel)bedarf anmelden wenn sie Defizite hätte, und das tut sie nicht. Aber sie war eh noch nie ein Nuckelbaby.
Carlotta mit Räubertochter 2/12 und kleinem Schatz 12/14

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jusl
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von jusl »

Denke aber ich gehöre sowieso in die 2. Kategorie, denn ich möchte zwar noch lange stillen, aber für mich ist lange auch eher so die Jahresgrenze :-)
Dann seid Ihr da auf dem besten Wege - Dein Kind bekommt bereits viel Beikost und wird für sein Alter nur noch relativ wenig gestillt. Die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst weitere Stillmahlzeiten wegfallen ist recht hoch (z.B. wegen Frühstück oder Abendbrei oder verändertem Schlafverhalten, das das nächtliche Stillen reduziert). Und viele Kinder verlieren das Interesse, wenn durch das seltene Stillen vorher eh nur noch wenig Milch da ist - insb. diejenigen mit sowieso eher geringem Saugbedürfnis. Ein klassischer "Gruppe 2-Verlauf" sozusagen. ;-)

LG
Julia
Häsin
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von Häsin »

jusl hat geschrieben:Bei der Frage "Mahlzeiten ersetzen oder nicht?" geht es letztlich darum, was man MÖCHTE. Also wie man sich den Verlauf der weiteren Stillzeit und das Essverhalten des Kindes vorstellt (ob es dann in echt auch so kommt, steht noch mal auf einem anderen Blatt ;-)), hier gibt es bekanntlich verschiedene Varianten:
mir fehlt noch die Variante: Mutter muss nach x Monaten (in meinem Fall: 9 Monaten) arbeiten gehen, möcht aber ansonsten möglichst noch eine Weile weiterstillen. Gibt es dazu Empfehlungen? Mahlzeiten schon vorher ersetzen oder einfach dann schauen?
Häsin mit Häschen (*2/2012)
jusl
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von jusl »

Klar, es gibt sicher unzählige Ausgestaltungen meiner aufgezählten Varianten. Dein Beispiel würde ich in der zweiten oder dritten Gruppe einsortieren ("eine Weile weiterstillen" klingt für mich nach "bis ca zum 1. Geburtstag" oder so ähnlich). Das Baby muss ja irgendwie ernährt werden, wenn die Mutter abwesend ist. Hier gibt es viele Möglichkeiten: abgepumpte Muttermilch, künstliche Säuglingsmilch, feste Nahrung, und sämtliche Mischformen davon. Ob es dazu irgendwo konkrete nachzulesene Empfehlungen gibt, weiß ich nicht. In die Entscheidung, wie genau man das dann macht mit der Erwerbstätigkeit, spielen viele Faktoren hinein. Zum Beispiel:

* Welchen Stellenwert hat die Stillbeziehung für die Mutter? Ist vorzeitig abstillen zu müssen für sie der größte Horror, oder wäre Abstillen mit X Monaten OK für sie?
* Wie steht die Mutter der Verwendung künstlicher Säuglingsmilch gegenüber? Größter Horror und damit ausgeschlossen, oder ist ab und zu ein Fläschchen für sie OK?
* Welches Beikostverhalten zeigt das Kind bislang? Freudig aufgeschlossen oder größter Horror mit eindeutiger Verweigerungshaltung?
* Welche Bereitschaft zeigt die Mutter fürs Muttermilchgewinnen (Hand oder Pumpe)? Riesenstress oder kein Problem? Organisatorisch machbar?
* Welche Erwartungen hat die Betreuungsperson an das Kind während der Abwesenheit der Mutter? Muss es brav essen? Muss es Flasche trinken? Sind stillfreundliche Zufüttermethoden eine Alternative?
...
u.v.m.

All das muss man sich halt irgendwie überlegen bzw. rausfinden, und dann schauen, was am besten passt.

LG
Julia
Carlotta
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von Carlotta »

jusl hat geschrieben:- Dein Kind bekommt bereits viel Beikost und wird für sein Alter nur noch relativ wenig gestillt. Die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst weitere Stillmahlzeiten wegfallen ist recht hoch
Da merke ich doch immer den Unterschied zwischen RL und dem Forum. Obwohl hier im Umfeld auch noch viele Stillen, finden die meisten eher dass sie WENIG Brei bekommt, da z.B. noch nicht nachmittags Brei isst und auch der Abendbrei ja nicht den kompletten Abend abdeckt, sondern ich noch vor dem Schlafen stille...
Aber ich glaube für usn ist es gut so, werde erstmal so dabei bleiben, also mittags + abends Brei. Bin eigentlich sehr zufrieden wie Mäusel das macht. Aber ich finde es super, mal einen anderen Blickwinkel zu bekommen (also du z.B. findest, dass sie für ihr Alter nur noch wenig stillt), das animiert ja immer zum Nachdenken, außerdem schätze ich deine Meinung und Kompetenz sehr.
Carlotta mit Räubertochter 2/12 und kleinem Schatz 12/14

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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von jusl »

Da merke ich doch immer den Unterschied zwischen RL und dem Forum.
:lol: :lol: :lol: - Ja, ein Phänomen, von dem hier im SuT recht oft die Rede ist. :lol: :lol: :lol:
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klimaforscherin
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von klimaforscherin »

Sehr interessant. Ich habe zur 2. Kategorie gezählt, 14 Monate Stillen war das Ziel.
Nur: Ersetzen von Mahlzeiten gestaltet sich unmöglich, wenn man: keinen Schnuller möchte, keine Flasche möchte, das Kind keinen Brei mag, das Kind Stillen sehr deutlich einfordert (und zwar aus Hunger) und man es nicht fertig bringt, dies zu ignorieren.
Also ich hatte wohl gehofft, Variante 1 mit 14 Monaten hinzubekommen. :roll:
Grüße
klimaforscherin
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Häsin
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von Häsin »

ich weiß nicht, ob ich mich da jetzt dranhängen darf, ist ja nicht mein Strang, falls ja
jusl hat geschrieben:* Welchen Stellenwert hat die Stillbeziehung für die Mutter? Ist vorzeitig abstillen zu müssen für sie der größte Horror, oder wäre Abstillen mit X Monaten OK für sie?
* Wie steht die Mutter der Verwendung künstlicher Säuglingsmilch gegenüber? Größter Horror und damit ausgeschlossen, oder ist ab und zu ein Fläschchen für sie OK?
* Welches Beikostverhalten zeigt das Kind bislang? Freudig aufgeschlossen oder größter Horror mit eindeutiger Verweigerungshaltung?
* Welche Bereitschaft zeigt die Mutter fürs Muttermilchgewinnen (Hand oder Pumpe)? Riesenstress oder kein Problem? Organisatorisch machbar?
* Welche Erwartungen hat die Betreuungsperson an das Kind während der Abwesenheit der Mutter? Muss es brav essen? Muss es Flasche trinken? Sind stillfreundliche Zufüttermethoden eine Alternative?
ich würde glaub gerne über den 1. Geburtstag hinaus stillen (weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, aber abstillen nach 9 Monaten wäre tatsächlich ein Horror), mein Kind ist beikostaufgeschlossen (kleine Mengen), Muttermilchgewinnung würde ich versuchen, lieber wäre es mir aber, wenn mir das Kind noch einen Monat oder so einmal am Tag gebracht werden könnte (wäre möglich), die Betreuungsperson ist stillfreundlichen Alternativen gegenüber aufgeschlossen (würde sogar mit dem BES füttern!) und künstliche Sauger sind mir ein Graus. Die Frage wäre: ist es sinnvoll, jetzt schon langsam Mahlzeiten zu ersetzen, weil ich mir das Kind ja auch nicht dreimal am Tag bringen lassen kann?
Häsin mit Häschen (*2/2012)
Elena
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Re: Mahlzeit ersetzen...

Beitrag von Elena »

MarinaG hat geschrieben:
Ich finde es am sinnvollsten (wenn Mutter nicht unbedingt abstillen will/muss) Babys selbst entscheiden zu lassen, wieviel sie an der Brust und am Familientisch essen wollen.
Eben. Es entscheidet eh das Baby. Ich habe bei meinen beiden versucht, ab Ende des 5. Monat Beikost zu geben, weil ich nach 7 Monaten wieder halbtags arbeiten gegangen bin. Sie haben beide nix genommen, die Kleine hat erst mit 9 Monaten angefangen zu essen. Und die Mengen waren im ganzen ersten Jahr vernachlässigbar.

Wenn ich jetzt ein Baby gehabt hätte, das problemlos die Vormittagsmahlzeiten "ersetzt" hätte, wäre das praktisch für uns gewesen. Aber so haben wir halt mit Abpumpen, ins Büro bringen zum Stillen, arbeiten von zuhause aus usw. leben müssen, ging auch prima.

Mach dir nicht zu sehr einen Kopf. Biete halt immer mal was an und schau, was dein Baby dazu sagt.
Hier gehts zu meinen Bewertungen:
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