GRUNDINFO Gedeihen, Gewichtskontrolle, korrektes Wiegen

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deidamaus
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GRUNDINFO Gedeihen, Gewichtskontrolle, korrektes Wiegen

Beitrag von deidamaus » 04.01.2019, 10:20

Hallo liebe Stillforums-Leser*innen,

Foreneinträge, die sich um Fragen rund ums Wiegen, Gewichtszunahme und Gedeihen des Stillbabys drehen, tauchen hier im Stillforum relativ häufig auf. Deshalb haben wir an dieser Stelle einige grundlegende, allgemeine Informationen zum Thema zusammengestellt.
Sie ersetzen keine individuelle Stillberatung oder medizinischen Rat, denn individuelle, persönliche Rahmenbedingungen jeder einzelnen Familie fließen hier verständlichlicherweise nicht ein, diese sind aber im konkreten Fall immer maßgeblich.


Allgemeine Informationen zum Thema Gedeihen

Normalerweise stillen gesunde Babys durchschnittlich 8-12 Mal in 24 Stunden. Manche trinken seltener, manche auch öfter - beides ist normal. Viele Babys entwickeln irgendwann eine mehrstündige Schlafphase (also mal 3 oder 4 Stunden zusammenhängender Schlaf), so dass da schon rein rechnerisch klar ist: Wenn ein solches Baby durchschnittlich 12 mal in 24 Stunden stillt UND irgendwann mal 3 oder 4 Stunden am Stück schläft, dann MUSS es ja auch Phasen geben, in denen es deutlich öfter als nur alle 2 Stunden trinken mag. Das ist ganz normal.
Besonders verbreitet ist sogenanntes "Clusterfeeding", also viele Stillmahlzeiten innerhalb relativ kurzer Zeit, häufig in den Nachmittag- und Abendstunden. Das mögen viele Babys sehr gerne und hilft, nach einem anstrengenden Tag zur Ruhe zu kommen.

Ob Dein Baby genug Milch erhält, kannst Du anhand folgender Kriterien einschätzen:

Dein Baby...
* trinkt durchschnittlich mindestens 8-12 Mal in 24 Stunden (Muttermilch oder Formulanahrung, aber keinerlei sonstige Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee),
* hat mindestens 4 gut nasse Wegwerfwindeln oder 6 Stoffwindeln in 24 Stunden,
* hat in den ersten Lebenswochen mehrmals täglich Stuhlgang. Nach ca 6 Wochen ist von mehrmals täglich bis einmal in 10 Tagen (dann reichlich) alles normal.
* zeigt eine zufriedenstellende Gewichtszunahme.

Generell reicht bei gesunden Kindern das Wiegen bei den U-Untersuchungen, wenn

* die Ernährung des Babys gut klappt,
* keine gesundheitlichen Besonderheiten bei Mutter und Kind vorliegen,
* die Mutter alle U-Termine wahrnimmt,
* die Mutter sich sicher fühlt.

Es gibt besondere Situationen, bei denen eine engmaschigere Gewichtskontrolle sinnvoll, vielleicht sogar notwendig ist. Klassische Beispiele dafür sind:

* bestimmte chronische Erkrankungen bei Mutter und Kind,
* ausgeprägte Neugeborenen-Gelbsucht, die mit Schläfrigkeit beim Baby einhergeht,
* sehr geringe Gewichtszunahme in den ersten Lebenswochen,
* Stillprobleme, die zur Folge haben, dass das Baby seltener als 8 Mal in 24 Stunden erfolgreich gestillt wird
* Behandlung von Saugstörungen, insb. Saugverwirrung und Saugschwäche,
* Relaktation,
* Um- oder Rückgewöhnung von der Flasche zur Brust,
* gewünschte Verringerung der bisherigen Zufüttermenge künstlicher Milch bei zwiemilch-ernährten bzw. teilgestillten Babys.

In welchen zeitlichen Abständen das Gewicht kontrolliert werden sollte, hängt vom Einzelfall ab und sollte unbedingt von Fachpersonal begleitet werden. Bei den meisten dieser Situationen ist im häuslichen Rahmen die wöchentliche Kontrolle ausreichend. Diese sollte auch nach Überwinden/Lösen des ursächlichen Gesundheits- oder Stillproblems zur Sicherheit noch für etwa 3-4 weitere Wochen durchgeführt werden. Wird einmal wöchentlich gewogen, ist normalerweise ein Messzeitraum von mindestens 3-5 Wochen notwendig, um die Gewichtsentwicklung mit ausreichend hoher Sicherheit beurteilen zu können.
Um schneller abgesicherte Aussagen über die Gewichtsentwicklung machen zu können, kann auch häufiger gewogen werden, z.B. alle 2-3 Tage, täglich oder sogar mehrfach am Tag (Stillproben).
Häufiges Wiegen stellt einen massiven Eingriff in mütterliches Verhalten und Intuition sowie in die Beziehung zwischen Mutter und Kind und in den Tagesablauf dar. Dementsprechend sollte häufiges Wiegen niemals leichtfertig empfohlen werden und bedarf einer strengen Indikationsstellung und stillberaterischer Begleitung.


Methodisch korrektes Wiegen

Ist zusätzliches Wiegen angebracht, kann die Gewichtsentwicklung des Babys wie folgt ermittelt werden:

* je nach Indikation einmal wöchentlich bis mehrmals täglich wiegen. Häufiges Wiegen hat den Vorteil der geringen Messunsicherheit.
* Wiege stets zur gleichen Tageszeit unter gleichen Bedingungen (z.B. "immer Sonntag morgens nach dem ersten Aufsteh-Stillen mit Body und frischer Windel" oder "immer Montag abends nach dem Baden, nackig")
* Nutze dazu ausschließlich moderne, elektronische, möglichst geeichte Babywaagen (z.B. aus der Apotheke zu leihen), die Messgenauigkeit sollte mind. 10 g, besser 5 g betragen (die Messgenauigkeit steht in den technischen Daten in der Gebrauchsanweisung). Teste die Waage (z.B. mit einem kg Zucker, mehrmals wiegen. Kommt immer der gleiche Wert heraus?). Personenwaagen für Erwachsene ("sich selbst einmal mit, einmal ohne Baby wiegen, und dann die Differenz nehmen") sind in jedem Falle zu ungenau und damit prinzipiell ungeeignet.
* Die Waage muss auf einem festen, ebenen Untergrund stehen (kein Stoff, Teppich, Handtuch, Wickelunterlage, Mosaik-Böden, Badfliesen-Fugen, alte Holzbalken, Bücher o.ä.). Achtung beim Zusammenbauen (manchmal verhakt sich die Wägeschale irgendwo...) und beim Ablesen. Batterien ggf. überprüfen.
* Notiere alle gemessenen Werte incl Datum sofort, aber zunächst ohne jeweils den genauen Zahlenwerten im Geiste allzu große Beachtung zu schenken.

Analyse der gemessenen Gewichtsdaten

Methodisch korrektes Wiegen ist die eine Sache, die Interpretation der Daten aber eine andere.

Hierzu folgende allgemeine Hinweise:

* Babygewichtsdaten sind mit einem hohen systematischen Fehler belegt - das kann man gar nicht vermeiden. Ausscheidungen über Verdauung, Schweiß, Atemfeuchtigkeit usw. verursachen i.A. sehr große Mess-Ungenauigkeit. Wenn Du am Montag 4000g misst und am Dienstag 4020g, ist es schlicht falsch daraus zu schließen: "Mein Baby hat seit gestern 20g zugenommen". Denn: eine Windelportion kann gut und gerne 200 g ausmachen! (Du weißt ja nicht, wie voll der Darm Deines Babys gerade ist). Genau das gleiche gilt auch anderes herum: Misst Du am Montag 4000g und am Dienstag 3950g, heißt dies selbstverständlich nicht automatisch, dass das Baby innerhalb eines Tages 50 g abgenommen hat. Es kann genauso gut sein, dass es unterm Strich sogar zugenommen hat - aber messen kannst Du das eben nicht so genau. Gewichtsunterschiede, die kleiner sind als etwa 100-200g, können im häuslichen Bereich meist nicht bestimmt werden.
* Du kannst den statistischen Fehler der Daten verringern, indem Du häufiger wiegst. Tägliches Wiegen z.B. ist geeignet, den statistischen Fehler wöchentlicher(!) Gewichtsdaten zu senken. Die Frage ist allerdings, ob dies notwendig oder sinnvoll ist.
* Gewichtszunahme findet – genau wie Längenwachstum – meist in Schüben statt. In einer Woche nichts, in der nächsten 200 g – das ist eher Regelfall als Ausnahme. Nach einigen Wochen hoher Gewichtszunahme folgt häufig – auch ohne erkennbaren äußeren Grund wie Krankheit o.ä. – eine Phase geringerer oder stagnierender Gewichtszunahme.
* Es geht hier um reifgeborene gesunde Neugeborene mit den gängigen Still- oder Fütterproblemen. Für 900g-Frühchen im Brutkasten oder chronisch kranke Babys gelten selbstverständlich völlig andere Toleranzen und Vorgehensweisen.
* Die normale durchschnittliche wöchentliche Gewichtszunahme liegt für gesunde Stillkinder
in den Lebensmonaten 1-2 im Bereich 170-330 g,
in den Lebensmonaten 3-4 im Bereich 110-330 g,
in den Lebensmonaten 5-6 im Bereich 70-140 g,
in den Lebensmonaten 7-12 im Bereich 40-110 g.
Diese Angaben basieren auf den WHO-Daten.


Konkrete Empfehlungen nach der Analyse

Zusätzliches Wiegen sollte nicht ohne die Unterstützung von (im Idealfall stillberaterisch ausgebildetem) Fachpersonal geschehen. Mach Dir selbst und den Fachleuten, die Dich während dieser Zeit begleiten, deutlich, welchen Stellenwert das Stillen für Dich hat. Auch bei der anschließenden Analyse sehen vier Augen mehr als zwei. Ist die Ursache etwaiger Gedeihprobleme nach wie vor ungeklärt oder aber geklärt und medizinisch behandlungsbedürftig, sollten Mutter, Stillberaterin und Kinderarzt/Hebamme vertrauensvoll zusammenarbeiten - die Erfahrung zeigt, dass dies die besten Ergebnisse bringt.

* Liegt die Gewichtszunahme im Durchschnitt, und sind dazu alle anderen Kriterien guten Gedeihens erfüllt, ist offenbar alles in bester Ordnung. Mit dem häufigen Messen kann dann normalerweise aufgehört werden.
* Liegt die Gewichtszunahme deutlich unter dem Durchschnitt, muss gehandelt werden. "Feed the Baby" ist Grundsatz Nr.1 - sofortiges Zufüttern ist dann in all denjenigen Fällen angezeigt, in denen nicht ausgeschlossen ist, dass das Baby deswegen so wenig zunimmt, weil es zu wenig Milch bekommt.
* Liegt die Gewichtszunahme, bei ansonsten gutem Stillmanagement, knapp unter dem Durchschnitt, dann sollte geforscht werden wieso. Drei Fälle sind denkbar:

1. Fall: Es ist alles in Ordnung. Das Baby ist gesund und bekommt genug Milch. Es ist einfach zufällig zart, aus genetischer Anlage heraus. Hier besteht keinerlei Handlungsbedarf.

2. Fall: Die Mutter hat mit der Milchmenge keine Probleme, aber das Kind hat ein medizinisches Problem, das das Stillen beeinträchtigt. Vielleicht kann es technisch nicht richtig saugen, vielleicht ist es krank. Es würde mehr wiegen, wenn es besser stillen könnte. Hier besteht Handlungsbedarf - Zufüttern mit einer individuell geeigneten Methode und - wenn möglich - Therapie des ursächlichen Problems.

3. Fall: Das Kind ist gesund, aber die Mutter hat ein medizinisches Problem. Das Kind würde mehr wiegen, wenn es mehr Milch angeboten bekommen würde. Auch hier besteht Handlungbedarf - Zufüttern mit einer individuell geeigneten Methode und - wenn möglich - Therapie des ursächlichen Problems.

Wie findet man heraus, welcher dieser drei Fälle vorliegt? Stillberaterisch eingrenzen, was in Frage kommen könnte (mit uns hier oder mit der Stillberaterin zuhause), Fachleute konsultieren, dort die häufigsten mütterlichen und kindlichen Ursachen ausschließen lassen. Ganz wichtig: Eine notwendige Zufütterung bedeutet, wenn sie stillfreundlich durchgeführt wird, nicht das Ende der Stillbeziehung, im Gegenteil, korrekt durchgeführte Zufütterung sichert die Stillbeziehung im Zweifelsfall!

ModTeam-Stillberatung
Liebe Grüße von deidamaus, ModTeam-Stillberatung
mit den drei Mäusen (Grosse 12/06, Mittlerer 5/10 und Kleiner 4/13)

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