Wir hören es jetzt immer öfter – Babys wollen getragen werden. Babys wären Traglinge – keine Lieglinge. Aber was bedeutet dies für mich und mein Baby?
Eine Antwort kann dieses Video liefern:
Wo würde es Dir besser gefallen?
Im Kinderwagen liegend oder am Körper Deiner Mutter?
Was ist ein Tragling?
1970 führte der Biologe Bernhard Hassenstein den Begriff des Jungentypus „Tragling“ ein. Der Mensch gehört zu diesem Jungentypus.
Der Tragling ist bei seiner Geburt eine Miniaturausgabe seiner Eltern. Die körperliche Reifung ist – im Vergleich zum Nestflüchter, dessen körperliche Reifung vollständig abgeschlossen ist – noch nicht beendet. Augen und Gehörgänge des Neugeborenen sind offen und bereit zum Sehen und Hören. Jedoch entwickelt sich das Seh- und Hörvermögen eines menschlichen Neugeborenen erst im Verlauf der ersten Monate vollständig.
Der Nesthocker wiederum wird nackt geboren und besitzt nur geringe Ähnlichkeit mit seinen Eltern, die Augen und Gehörgänge sind noch geschlossen. Die Nesthocker können sich – gleich dem Tragling – noch nicht allein fortbewegen, und bleiben auch stundenlang allein ruhig im Nest hocken. Dies unterscheidet ihn vom Tragling, der, genau wie der Nestflüchter, laut nach seinen Eltern schreit, wenn er sich alleingelassen fühlt. Jedoch kann der Nestflüchter bereits noch wenigen Minuten/Stunden seinen Eltern folgen, was dem Tragling aufgrund der nicht abgeschlossenen körperlichen Reifung noch nicht möglich ist, auch wenn er auf die Nähe zu seinen Eltern unbedingt angewiesen ist.
Alle drei Jungentypen werden mit Muttermilch ernährt, die sich jedoch in ihrer Zusammensetzung enorm unterscheidet.
Die Muttermilch der Nesthocker ist lange sättigend, die Mutter kommt meist nur 1 oder 2x pro Tag zum Nest, um ihre Jungen zu stillen.
Die Muttermilch von Nestflüchter und Tragling ist sehr schnell verdaulich, so dass die konstante Nähe der Mutter lebensnotwendig ist. Der Nestflüchter folgt seiner Mama selbständig und ist deswegen in der Lage, jederzeit bei seiner Mutter zu säugen.
Der Tragling – transportiert am Körper seiner Mutter – kann aufgrund der Nähe zu seiner Mutter, sofort signalisieren, wenn er gestillt werden möchte, ist aber nicht in der Lage, ihr zu folgen, wenn sie ihn ablegt.
Warum ist das Menschenbaby noch immer ein Tragling, obwohl die meisten Menschen seit ca. 10.000 Jahren sesshaft geworden sind?
Unsere Spezies Mensch hat sein Fell vor ca. 4 bis 5 Millionen Jahren verloren, trotzdem kommt ein menschliches Baby auch heute noch mit geschlossenen Händen (Fäustchenballen) und Füßen (Eindrehen der Füßchen nach innen und Zusammenkrallen der Zehen) zur Welt.
Rein theoretisch könnte es sich am „Fell“ der Mutter „festhalten“, was es allerdings praktisch aufgrund seiner schwachen Muskeln nicht vermag. Betrachtet man jedoch das Verhalten unserer nächsten Verwandten, den Affen und Halbaffen, so kann man sehen, dass diese ihre Babys ständig bei sich tragen und dies für die normale Entwicklung der Jungtiere von grundlegender Bedeutung ist.
Der Mensch ist sogar nicht nur ein Tragling, sondern er gilt physiologisch gesehen als Frühgeburt. Eigentlich müsste er weitere neun Monate im Mutterleib verbleiben, um ein Entwicklungsstadium zu erreichen, das in etwa dem von anderen Säugetieren bei der Geburt gleichzusetzen wäre.
Besonders prägnant:
Wirbelsäule und Muskelsystem, was dem Neugeborenen nicht ermöglicht, sich selbständig fortzubewegen
Unreifes, noch knorpeliges Beckenskelett (unreife Hüfte)
Bandscheiben, die noch keine „Pufferfunktion“ ausüben
In der menschlichen Stammesgeschichte war es aufgrund der nomadischen Lebensweise nötig, Säuglinge stets mitzunehmen. Den Nachwuchs zu tragen ist also ein viele Millionen Jahre gültiges Erbe. Babys mussten mit dabei sein, weil die Mütter aufgrund der Suche nach Nahrung oft lange nicht zum Lager zurückkamen.
Wenn wir bedenken, dass die menschliche Muttermilch bereits nach ca. 90 Minuten verdaut ist, liegt es auf der Hand, dass der Säugling niemals für einen längeren Zeitraum allein gelassen werden konnte.
Auch der feste Schlaf- und Lagerplatz konnte zu Beginn der Menschheitsgeschichte nie garantiert sein, oft wechselte das nächtliche Lager von Tag zu Tag seinen Standort. Für die Erhaltung der Art war es einfach notwendig, dass die Sippe beisammen blieb. Gemeinsam nur war der Schutz der schwächsten und kleinsten Sippenmitglieder gewährleistet, also mussten die Babys immer mitgenommen werden. Zuerst noch ins Fell der Mutter geklammert, später dann in Tragehilfen.
Erst vor ca. 10.000 Jahren wurden die ersten Menschengruppen sesshaft, siedelten sich in Dörfern und später in Städten an. Nun gab es zwar die Möglichkeit, seine Kinder an einem sicheren Ort zurückzulassen, jedoch ist dies entwicklungsgeschichtlich gesehen, ein viel zu kurzer Zeitraum, um genetisch/biologisch verankerte Grundbedürfnisse abzulegen.
Besonders prägnant:
ein Säugling bereitet sich durch seine Bewegungsreaktionen - der Spreiz-Anhock-Reaktion - aktiv auf den Sitz auf der Hüfte vor, er kann sich durch Anklammern mit dem gesamten Bein ebenfalls am Sitz selbst beteiligen.
Greifreflex
Alleinsein ist für den Säugling beunruhigend. Wird seine Aufforderung nach Anwesenheitssignalen seitens der Eltern nicht beantwortet, beginnt er zu weinen.
Getragen wurden Kinder nicht nur in den so genannten „Urvölkern“, sondern auch in Europa und Deutschland bis ins 19. Jh. hinein, ehe der Kinderwagen (1850) modern wurde. Dies belegen viele historische Gemälde und Wandbilder.