immer wieder mal kommen Fragen auf, warum so viele Falschinfos über das Stillen kursieren (wie hier) oder warum so viele Frauen überzeugt sind, nicht stillen zu können (wie hier). Ich denke, es ist Zeit für einen Sammelthread zu diesem Thema.
Ich möchte in diesem Thread eine kleine Geschichte des Stillens entstehen lassen. Lasst uns sammeln und diskutieren. Fragen, Anekdoten, Zitate, Statistiken etc pp rund um das Stillen in früheren Zeiten.
Zum Einstieg erst mal ein paar Fakten.
Stillquoten
"1890 wurden in Berlin an der Brust ernährt 50,7%, 1895 = 43,1%, 1900 nur 32,5%." (1)
Es scheint nicht viele Aufzeichnungen über Stillquoten zu geben. Die Forscher behelfen sich, indem sie Geschwisterfolgen betrachten. Grob gesagt je kürzer der Abstand, desto weniger wurde gestillt.
Aus meiner eigenen Ahnenforschung kann ich sagen, dass in Niederbayern das Nichtstillen in den 1730ern begonnen haben muss. Die erste mit großer Wahrscheinlichkeit nicht-stillende Mutter in meiner Ahnenlinie bekam ihre 9 Kinder in den Jahren 1737-1752 (nach meinem derzeitigen Forschungsstand). Die letzten wahrscheinlich gestillen Geschwister wurden 1832-1850 geboren, 7 Kinder. Meine Urururgroßmütter (selber zwischen 1825 und 1860 geboren) haben anscheinend alle nicht gestillt. Bei ein paar Familien habe ich den Eindruck, dass die ersten Kinder noch gestillt wurden, die späteren nicht mehr. Mütter, die selber nicht gestillt wurden, haben auch ihre Kinder nicht gestillt.
Eng mit den Stillquoten verbunden sind die Sterberaten. Wo wenig gestillt wurde, starben mehr Babys. Nichtgestillte starben 5-12 mal so häufig wie gestillte Säuglinge.
An folgender Statistik sehen wir eine deutliche Zunahme der Sterbequoten, die mit der Abnahme der Stillquoten einher gehen muss.
Sterblichkeit der Kinder im ersten Jahr, bezogen auf die Lebendgeborenen. (1)
1816 = 16,9 %
1830 = 18,1%
1860 = 19,9%
1865 = 20,8%
1875 = 22,3%
1880 = 20,4%
1900 = 20,1%
1901 = 20,0%
1902 = 17,2%
1903 = 19,4%
1904 = 18,5%
Das Sinken der Todesfälle ab 1900 geht einher mit besserer Säuglingsfürsorge und sinkenden Geburtenzahlen.
Die Still- und Sterbequoten waren nicht landesweit gleich, sondern regional unterschiedlich. Im Süden wurde wenig gestillt, im Norden viel. Das schlug sich in den Sterbequoten deutlich nieder.
Statistik zur Säuglingssterblichkeit (Kinder unter 1 Jahr) 1883 (2)
in der Stadt Genf 12,50 %
im Herzogth. Meiningen 16,15 %
in der Stadt London 17,00 %
in der Stadt Paris 17,50 %
in ganz Preußen 18,00 %
in ganz Sachsen 18,10 %
im Großherzogth. Sachsen-Weimar-Eisenach 18,51 %
im Herzogth. Coburg-Gotha 21,39 %
in der Stadt Leipzig 23.02 %
in der Stadt Berlin 24.00 %
in der Stadt Frankfurt a.M. 24,00 %
im Bezirk Oberfranken (Bayern) 25,00 %
in der Stadt Würzburg 25,4-26,30 %
im Großherzogthume Baden 26,13 % (hier bei den jüdischen Familien nur 15 %)
in ganz Bayern 31,54-33,48 %
in ganz Württemberg 31,20-40,80 %
in den nördlichen Gegenden Württembergs 32,00 %
in den Donaugegenden Württembergs 49,90 %
in Niederbayern, in der Oberpfalz (Bayern) 50,00 %
Stillregeln und Stillprobleme
Wir haben alle schon mal davon gehört, dass man Abstände einhalten oder eine bestimmte Zeit an einer Brust anlegen soll. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wo diese Empfehlungen her kommen. Es lässt sich aber gut nachvollziehen, was für eine Entwicklung sie durchgemacht haben seit dem Erscheinen der ersten Erziehungsratgeber im 18.Jhdt.
Die Stillregeln haben sich nicht isoliert entwickelt. Vielmehr galt für alle Menschen, dass es gesund sei, in allen "animalischen" Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen gewissen Regelmäßigkeiten anzustreben. Die ersten Kinderpflegeratgeber waren da noch recht lax. Bei Neugeborenen sei an feste Regeln nicht zu denken, man solle aber versuchen, so bald wie möglich feste Zeiten einzuführen. Graduell wurde es dann immer strenger. Vor allem kam zu dem gesundheitlichen Aspekt der erzieherische dazu. Es gipfelte in den 1930er Jahren, wo schon Neugeborene zu lernen hatten, ihren eigenen einem "größeren Willen" unterzuordnen. Jetzt durfte um keine Minute mehr vom Zeitplan abgewichen werden.
Nun wissen wir ja alle, dass nur ein Stillen nach Bedarf sicher stellt, dass die Mutter auch genug Milch bildet. Wie konnten die Ärzte dann meinen, dass sie mit ihren Regeln auf dem richtigen Weg seien? Sie waren sich durchaus bewusst, dass eine höhere Nachfrage das Angebot erhöht. Vereinzelt findet man Hinweise, dass in den ersten Wochen zur Steigerung auch häufiger angelegt werden durfte. Meist jedoch wird gefordert, die Brust nach dem Stillen noch weiter zu entleeren, also abzupumpen. In Kinderkrankenhäusern unter ärztlicher Aufsicht scheint das funktioniert zu haben, denn es gibt entsprechende Berichte. Gleichzeitig aber waren die Ärzte der Meinung, dass es abhängig von der Stillfähigkeit der Frau sei, wie lange sie stillen konnte. Mit anderen Worten, das Abnehmen der Milchbildung wurde als gegeben hingenommen.
Die Empfehlungen zur Stilldauer haben sich interessanterweise im Laufe der Zeit kaum geändert. Neun Monate sollten die Frauen stillen. Das war das Ziel. Die Mindestanforderung sowie die Art und der Zeitpunkt der Beikosteinführung unterschieden sich jedoch erheblich. Und da kann ich zumindest bis zum 20.Jhdt keine zeitliche Entwicklung ausmachen. Da schien jeder Arzt sein eigenes Süppchen zu kochen. Vermutlich war es einfach regional sehr unterschiedlich, wie die Beikost gehandhabt wurde. Was man immer wieder liest, ist, dass das Abstillen nicht in den heißen Sommermonaten stattfinden soll, da die Kinder dann häufiger an Verdauungskrankheiten leiden.
So, das sollte erst mal eine gute Grundlage sein. Jetzt seid ihr dran.
Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr das lest? Worüber möchtet ihr reden? Was sind eure Erfahrungen? Worüber möchtet ihr mehr wissen?
Liebe Grüße
Karin
Quellen:
(1) Gustav Temme, "Die sozialen Ursachen der Säuglingssterblichkeit", 1908
(2) Dr. med. Ernst Kormann, "Das Buch von der gesunden und kranken Frau", 1883

